Lang lebe der Web-Stalker!

Armin Medosch 25.11.1997

Der Browser ist tot.

I/O/D präsentiert einen neuen Zugang zum Internet-Browsing

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Sind sie auch davon angeödet, daß im Web nun die Metapher der "Seite" so dominant geworden ist und Eigenschaften des Print-Mediums auf dieses neue Medium übertragen werden? Nervt es Sie, daß die ganze Weiterentwicklung von HTML und der gängigen Industrie-Browser bloß darauf abzielt, die Darstellung von Seiten zu verschönern und dem Erscheinungsbild von Print-Magazinen mit festen Buchstabengrößen, vorgegebenen Fonts und haargenau gesetzten Bildern ähnlicher zu machen? Haben Sie es satt, von animierten GIFs beim Lesen gestört zu werden und ihre Zeit mit unnötig vielen Mausklicks zu vergeuden? Dann sind sie reif für den Web-Stalker!

Der Web-Stalker ist ein neuer Browser, der ab dem 1.Dezember vertrieben wird. Er beruht auf einem völlig neuen Konzept, wie man mit den Eigenschaften von HTML umgehen kann. Der Web-Stalker interpretiert HTML zunächst als puren Datenstrom und weigert sich, die ankommenden Daten so am Bildschirm darzustellen, wie es sich der Web-Designer vorgestellt hat. Stattdessen kann der User Anweisungen geben, welche Arten von Informationen aus dem Datenstrom extrahiert werden. Er zeichnet wahlweise eine Art Karte, welche die geöffnete Site abstrakt grafisch darstellt, mit all ihren internen und externen Links. Gleichzeitig können, in einem anderen Fenster, z.B. alle URLs oder alle Email-Adressen aufgelistet werden, die sich in einem Dokument befinden, sowie den zu lesenden Text eines Dokuments und die enthaltenen Namen und Adressen von Bildern. Und all das geschieht gleichzeitig, während eine Art Crawler als Kernstück des Web-Stalkers durch das Netz geistert und von der zuerst angegebenen URL aus alle weiteren Unterverbindungen als HTTP-Request aufruft.

Der Web-Stalker macht Web-Designer arbeitslos.

Dieser Zugang zur Herumstöberei im Netz, der Web-Grafiker arbeitslos machen und Web-Werbung ad absurdum führen könnte, wurde von einer Gruppe englischer Programmierer und Künstler entwickelt. Sie nennen sich I/O/D, ein Projekt, das ursprünglich als eine Art Technokulturmagazin auf Diskette begonnen hatte. Die Entwicklung von I/O/D steuerte direkt auf den Web-Stalker zu. Ausgabe 1 enthielt hauptsächlich Texte und Bilder, Macromedia Director wurde zur Formatierung verwendet. Bei Ausgabe 2 versuchte man das Maximum dessen herauszuholen, was an Text, Bild, Animation, komprimiertem Video und Interaktionsmöglichkeiten mittels Director auf eine Diskette gepackt werden kann. Mit Ausgabe 3 ließ man sich auf das Wagnis ein, ein interaktives Magazin zu programmieren, bei dem die Navigation ausschließlich über Stimme erfolgt. Und Ausgabe 4 von I/O/D ist ident mit dem Web-Stalker.

Für die Macher des Web-Stalkers, Matthew Fuller, Simon Pope und Colin Green ist das Projekt an der Grenze von Kunst und technologischer Entwicklungsarbeit angesiedelt. Der Stalker ist das Ergebnis ihrer Beschäftigung mit dem Web, die, man höre und staune, erst vor einem Jahr begonnen hat. Sie wollen damit die Art, wie wir über das Web denken, radikal in Frage stellen. Gleichzeitig ist der Web-Stalker aber auch eine Software, die funktioniert, und die sie hoffen so weit wie möglich verbreiten zu können.

Ein Test der Software in einer Beta Version erwies sich als eindringliches Erlebnis. Wenn man das Programm startet, so erhält man zunächst einen leeren, kakhigrünen Bildschirm. Obwohl auch andere Farben vom User eingestellt werden können, erscheint diese militärische Farbwahl sehr angemessen, denn der Web-Stalker ist einem militärischen Intelligence-Tool ähnlicher als den farbenfroh verspielten angeblichen Alleskönnern, mit denen die Mehrheit der User im Web umherstochert. Ein Klick mit der rechten Maustaste (in der Pc-Version) auf den leeren Bildschirm zeigt ein kleines Pop-up Menü an. Man wähle "URL öffnen" und erhält eine Dialogbox mit Eingabefeld. Nach der Eingabe einer Adresse baut das Programm eine Internetverbindung auf und der Crawler, ein relativ simpler Suchalgorithmus, beginnt loszumarschieren. In einem rechteckigen Fenster erhält man eine Statusanzeige, als Grafik in Form von drei kleinen Balken, sowie in Textform. Dieses "Fenster" (Vorsicht: Metapher!) besteht, wie alle folgenden Fenster, die sich öffnen werden, aus einem dünnen rechteckigen Rahmen ohne Scrollbar oder weitere erkennbare Funktionselemente. Trotzdem kann man scrollen, einfach indem man innerhalb des Fensters mit gedrückter Maustaste nach unten oder oben fährt.
Die grafische Gestaltung ist, wie alles am Web-Stalker, auf Minimalisierung abgestimmt. Das spart nicht nur Resourcen, sondern ergibt auch einen coolen, modernistischen Gesamteindruck.

Ist die erste URL erfolgreich aufgerufen worden, so empfiehlt es sich, ein weiteres Rechteck am Bildschirm zu zeichnen, und dieses mit der Funktion "Karte" zu belegen. Hier werden nun, vom ersten aufgerufenen HTTP-Dokument an, alle internen und externen Links gemappt, welche der fleißige Crawler aufzurufen beginnt. Die Darstellung eines Dokuments erfolgt als Kreis, die Verbindungen werden als Linien dargestellt. Auf eine dreidimensionale Darstellung oder eine Darstellung, die geografische Beziehungen suggerieren würde, hat man bewußt verzichtet. Auch das ist ein Stück angewandte Web-Kritik: I/O/D wendet sich gegen die von Firmen wie Microsoft oder Netscape geschürte Illusion, man würde sich tatsächlich bewegen, wenn man im Web herumklickt (Where do you want to go today? Nirgends, ich arbeite mit Informationen!).

Diese Kartenfunktion hatte für mich den Reiz eines Nachtflugs ohne Sicht, allein auf Basis von Radarinformationen. Während diese Karte wächst, kann der User nun weitere Rechtecke am Bildschirm zeichen, sie in Größe und Anordnung konfigurieren und ihnen Funktionen zuordnen. Mit Click, Drag and Drop lassen sich Kreise aus der Karte (=Dokumente) in eines der neugeöffneten Fenster ziehen und je nach gewählter Funktion werden Inhalte angezeigt: URLs, Email-Adressen, Fließtext. Der Crawler verliert sich irgendwann in der exponentiellen Tiefe aller Links, denen er nachgehen könnte. Doch in seiner minimalistischen und effizienten Form hat er sein gutes Werk bereits getan. Alle aufgerufenen Adressen und Links sind im Cache und diese Netzinformationen, sowie die extrahierten Inhalte können selbstverständlich abgespeichert werden. Keine Zeit wurde mit dem Aufrufen von Bildern verschwendet und der Seitenaufbau des puren ASCII-Texts verlief außerordentlich schnell. Jetzt oder in einer späteren Session können die User in Ruhe entscheiden, welche Informationen sie weiter verfolgen wollen, welche GIFs sie eventuell laden wollen, wo eine neue Suche ansetzen könnte.

Die in Macromedia programmierte Software erlaubt es auch, eigene HTML-Erweiterungen zu definieren, die in speziell auf den Stalker zugeschnittenen Web-Dokumenten eingebaut werden können. In dieser Hinsicht ist das Projekt erst am Beginn und noch ausbaufähig. Auch zusätzliche Fensterfunktionen sind denkbar. Es wird sich zeigen, ob der Web-Stalker viele Freunde finden wird. Der Ansatz, einen abgespeckten, aufs Nötigste reduzierten Browser zu programmieren, ist auf jeden Fall begrüßenswert und für eine kleine unabhängige Gruppe programmierender Künstler ein mutiges und ambitioniertes Projekt, wie es leider allzu selten in Angriff genommen wird.

Das Programm ist in Pc- und Macintosh-Versionen ab 1.Dezember über die Web-Site www.backspace.org/iod frei erhältlich.

Wer weitere Informationen möchte, kann sich an Matthew Fuller wenden.

I/O/D und Web-Stalker sind eingetragene Warenzeichen. Die Entwicklung des Web-Stalker wurde vom Arts Council of England unterstützt.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3137/1.html
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