Mark Amerika

Amerika Online #6

Mark Amerika 22.12.1997

Countdown zur Ekstase: Das Verschwinden des Interface

  • mobil
  • drucken
  • versenden
  • english version

9.

Das ist kein Interface. Es handelt sich vielmehr um einen fortschreitenden Akt des Verschwindens. Dieses Verschwinden ist nicht Teil einer großartigen Zaubershow, obwohl die verzauberten Cookies, mit denen wir möglicherweise soeben Ihre Festplatte gefüttert haben, uns sehr genau sagen werden können, welche Art von Dingen Sie sich gerne ansehen. Betrachten Sie diese als ein Geschenk von uns, Teil der viel diskutierten "Geschenksökonomie" im Netz. Und wenn es Ihnen nach mehr gelüstet, keine Sorge. Eine Menge anderer Cookie-Pusher ziehen gerade in Ihrer neuen Cyber-Nachbarschaft ein, während Sie das lesen. Sie bereiten sich alle auf das endgültige Verschwinden vor, dasjenige, bei dem Ihre digitalen Apparaturen die gesamte Arbeit für Sie übernehmen, so daß Sie, liebe Leserinnen und Leser, noch viel mehr Zeit zum Konsumieren haben werden! Vergessen Sie das ganze ideologische Rahmenwerk, das als "Urlaub" bekannt ist. Im Cyberspace ist jeder Tag Urlaub. Hier, nehmen Sie noch ein Cookie, während ich den Tee aufbrühe.

8.

Ich nehme alles zurück: Warum zynisch sein? Es ist Zeit, daß wir uns der Simulation von Effekten, die über die globalen Netzwerke übertragen werden, annehmen. Laßt uns endlich wieder nur Gedanken mit einer "sinnlichen" Note denken, so daß unsere Versuche, Bedeutung in diesen werdenden Online-Raum zu bringen, mit abhängig von einem kreativen Prozess sind, der sich selbst abschafft, indem er fortschreitet. Es gibt multiple Formen konstruierter Selbsts, die nur darauf warten, geboren zu werden, was hält sie also noch auf? Was braucht es, um sich selbst aus dem Gefängnis der offiziellen Sprache und Sitten zu entlassen? Warum nicht endlich am potentiell befreienden Strom des Sex-Blut-Bewußtseins teilnehmen, das Sie schon immer in sich aktivieren wollten? Was immer Ihre Entschuldigung ist, sei es Web-Neid, in IRC-Chats keine Rolle zu spielen, disfunktionale Email-Etikette, HTML-Schizophrenie, warum nicht die Tatsache akzeptieren, daß keine endgültigen Wahrheiten im gedruckten Wort zu finden sind und daß das Verschwinden des Druck-Interface mit einem höchst geheimen Programm in Verbindung steht, dessen Verbreitungsgrad am Markt (können Sie es bereits fühlen?) von einer extraterrestrischen Rasse unsichtbarer Mittelsmänner manipuliert wird, Code-Knacker, Kompilierer auf der Höhe der Zeit, Mikro-Manager, Kopf-Jäger, Wirtschafts-Unis, computerwissenschaftliche Graphik-Labors und Sex-Unternehmer. Und wenn wir schon dabei sind: Ist es möglich, einen Orgasmus zu haben, auch wenn man den Labor-Assistenten nicht sehen kann, der all die richtigen Knöpfe drückt?

7.

Ist es wirklich notwendig den Ideen-Apparat auseinanderzunehmen, um zu sehen, welche Art von innerem Zusammenhang die Zeitmaschine zum Ticken bringt? Was wird passieren, wenn man erst einmal den Code zur digitalen Existenz erfolgreich geknackt hat? Werden Sie dann beginnen, Ihr eigenes einzigartiges Interface zu entwickeln, so daß die anderen schließlich gezwungen sind, sich noch mehr Software zu kaufen, um an Ihrer elitären Konstruktion von Realität teilhaben zu können? Das sind wichtige Fragen, denn es ist bereits eine Art Schlacht zwischen Künstlern im Gange, die mit Netztechnologien arbeiten, und bei dieser Schlacht geht es um das Interface. Obwohl es sich nicht so einfach verhält, wie ich es im folgenden darstellen werde, möchte ich die beteiligten Kräfte in zwei Lager aufteilen: Ein Lager ist eher elitär gestimmt und möchte ein eigenes Interface bauen, das andere Lager ist glücklich damit seine Projekte auf Basis der weitverbreiteten Interfaces zu basteln, die von groóen Unternehmen hergestellt werden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Lagern wurde bei der Internationalen Biennale für Film und Architektur offensichtlich (auch bekannt als film+arc), die kürzlich in Graz stattfand. Die hitzige Debatte trug sich während einer Podiumsdiskussion über "Netzkunst und der Ausstellungskontext" zu. Was ich als das elitäre Lager ansehe, wurde recht kämpferisch von einem Mitglied der Gruppe Knowbotic Research vertreten, während der "das Netscape oder Internet Explorer Interface ist gut genug für mich" Zugang von Alexei Shulgin vertreten wurde.

Die beiden Seiten begannen mit der Frage, ob das Netz als Kommunikationstechnologie betrachtet werden könne. Knowbotic Research sprachen sich entschieden dagegen aus, während Shulgin und der Künstlerische Leiter von Blast, Jordan Crandall, meinten, daß es tatsächlich ein Ort sei, an dem Leute miteinander kommunizieren können. Doch war es ihnen unmöglich, das dem Mitglied von Knwobotic Research zu kommunizieren (und die anwesenden Kuratoren waren während dieses Teils der Diskussion vergleichsweise schweigsam). Die Diskussion verlagerte sich dann auf das Thema der Interfaces, und ob es in der Verantwortung der Künstler läge, ihre eigenen, einzigartigen Interfaces zu programmieren oder sich auf die unternehmerischen Launen von jemandem wie Bill Gates zu verlassen. Die Ironie bestand hier darin, daß die von Unternehmen gesponserten Knowbotiker sich gegen von Unternehmen entwickelte Interfaces aussprachen, während der nicht-gesponserte Netzkünstler Shulgin meinte, er wäre ganz glücklich damit, mit den verschiedenen Versionen von Netscape herumzuspielen. Was hat das zu bedeuten?

6.

Wie wollen wir unsere künstlichen Realitäten konstruiert haben? Wollen wir die totale Kontrolle über das Interface haben, dadurch aber das Verbreitungspotential unserer Arbeit einschränkend? Oder täten wir besser daran, dem hitzigen Krieg der Browser die beschleunigte Entwicklung neuer Internet-Interface-Standards zu überlassen, Standards, die dann genutzt werden können, um künstliche Realitäten zu konstruieren, die, indem sie für ein viel grösseres Publikum zugänglich sind, Möglichkeiten für noch wesentlich interessantere interventionistische Strategien im Umgang mit den neuen Medien schaffen. Einige brilliante Programmierkünstler werden vielleicht die totale Kontrolle über die Funktionalität ihrer technologisch gestützten Projekte anstreben, wenn es aber darum geht, mit ihnen zu interagieren, stehen die meisten von uns wohl immer noch im Dunkeln (wo ist die magische Glühbirne immer wenn wir sie am nötigsten brauchen?). Und nebenbei, was bedeutet eigentlich der Wunsch, die detaillierte Codierung des Mechanismus "begreifen" zu wollen, der die Arbeit von unsereins an Auge und Ohr weiterleitet? Um den "Traum-Apparat" in einer rationaleren Weise zu rekonstruieren? Das erscheint in sich selbst zum Scheitern verurteilt zu sein. Und wozu sollte es überhaupt dienen?

Die Schaffung einer noch tiefer immersiven Illusion davon, wie die Maschinen wirklich funktionieren? Das ist kein Weg, um künstliche Realitäten zu konstruieren. Abgesehen davon haben das die Modernisten schon versucht und entschieden, daß es, so interessant es als Experiment doch gewesen sein mag, eigentlich nicht der Mühe wert ist. WARUM? Weil zu viele Leute vom kreativen Prozess ausgeschlossen waren. Und auóerdem, wie mein Freund Ron sagt, "existiert die Realität nicht, existiert die Zeit nicht, Persönlichkeit existiert nicht, wir müssen ganz bei Null anfangen". Ganz bei Null wieder anzufangen, dazu ist ein langer Weg nötig, es heißt, sich vom Interface zu befreien, und eine neue Art von Wissen zu erfinden, die modernistischen Fehler der Vergangenheit vermeidend. Warum wollte jemand seine kreative Energie darauf verwenden, elitäre Interfaces zu entwickeln? Um die Aufmerksamkeit von Unternehmen auf ihre aggressiven technologischen Kinkerlitzchen zu wenden, so daß es dann als "Kunst" bezeichnet werden kann? Doch wie Jordan Crandall bei der Podiumsdiskussion von film+arc fragte, "Warum Kunst"? Ich hatte gerade einen neue Idee für einen Stoßstangenaufkleber: KEINE KUNST HIER, NUR AVANT_POP_NETZ_KÖPFE.

5.

In seinem soeben erschienen Buch "The Plague of Fantasies" nähert sich Slavoj Zizek in einem Essay genannt "Cyberspace oder die unerträgliche Stillegung des Seins" (auf Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" anspielend) dem Thema auf folgende Art und Weise:

Die Dinge auf der Ebene des Interface zu betrachten heißt, eine phänomenologische Haltung einzunehmen, eine Haltung des Vertrauens in Phänomene: Der modernistische Programmierer nimmt Zuflucht im Cyberspace als einem transparentem und klar strukturiertem Universum, das es ihm ermöglicht (zumindest zeitweise), sich der Undurchsichtigkeit seiner Alltagsumgebung zu entziehen, in der er Teil eines appriori unergründlichen Hintergrunds ist, voll von Institutionen, deren Funktionieren ihm unbekannten Regeln folgt und die Dominanz auf seine Lebensumstände ausüben. Für den postmodernistischen Programmierer, im Kontrast dazu, gehen die fundamentalen Eigenschaften des Cyberspace mit jenen zusammen, die Heidegger als die konstituierenden Eigenschaften unserer alltäglichen Lebenswelt bezeichnet hat (Das endliche Individuum ist in eine Situation geworfen, deren Koordinaten von keinen klaren universellen Regeln definiert werden, so daß sich das Individuum Schritt für Schritt darin zurechtfinden muß).

Slavoj Zizek in "Cyberspace, oder die unerträgliche Stillegung des Seins".

4.

Lassen Sie uns eine Sache klären: Die Realität ist eine Fiktion. Eine spekulative Fiktion. Oder, wir könnten auch sagen, die Realität ist ein Markt. Ein spekulativer Markt. Es schafft sich selbst ab, indem es voranschreitet, und dadurch fördert es auch das Verschwinden des Interface, und das ist der Punkt, an dem wir, die Menschen ins Spiel kommen. Wenn ich über Menschen/Leute spreche, dann spreche ich über mehr als Fleisch und Blut, mehr als unsere abgetrennten "Organe ohne Körper", maschinenhafte Gelüste, die in einer verseuchten Umwelt völlig losgelöst durchknallen. Ich spreche über unsere Avatar-Gegenüber, unsere digitalen Erscheinungsbilder, unsere pointillistische Präsenz, die sich in die Morph-Welten der elektrosphärischen Ambiente hineinpixelt. Wir, die Menschen, bevölkern soziale Räume, wie auch immer diese sozialen Räume Verbreitung finden mögen. Es kann der Chat-Raum für Mamas Liebsten sein, oder ein S&M Kerker, ein Echtzeit Tanzklub, oder ein geheimer Ort mit einem anonymen Freak. Die sozialen Räume, die wir bevölkern, sind auch davon abhängig, daß sich unsere digitalen Erscheinungsbilder mit einer solchen Dichte verbreiten können, daß die Leute, mit denen wir interagieren, diese Erfahrung als real begreifen können. Das war nicht immer so. Aber dennoch, noch nie zuvor waren wir so versessen darauf, uns vom Interface zu befreien.

3.

Anstatt als Spiegel für unsere kreativen Praktiken zu dienen, versorgt das Modell des Marktes als Fiktion den Netzpraktiker auch mit einem endlosen Resourcenstrom, aus dem neue Arbeiten geschaffen werden können. Im selben Maóe wie der Markt total davon abhängig wird, daó verkaufsfördernde Metafiktionen Vapourware-Konstruktionen benutzen, um die Geschichte der Interface-Kultur noch weiter in die Hyperzukunft zu treiben, können Avant-Pop-Köpfe sowohl die Tools als auch die banalen "Inhalte" benutzen, die rund um diese "Neue Medien Mythologien" geschaffen werden und sie in eine innovative Arbeits-/Spielumgebung transferieren. Solche Arbeits-/Spielumgebungen können wir überall im Netz entstehen sehen, von den virusartigen Interfaces von Jodi.org bis zu den geisterhaften Interfaces eines anderen Jody, der Jody Zellen. Oder auch die spielerischen und, ich wage es auszusprechen, emotionalen Interfaces von Richard Allalouf und Claire Cann's Keywords oder Knut Mork's Untitled, ein Java Applet, das unaufhörlich Sprachpoesie in schnellen Morph-Übergängen produziert? Wenn wir die Dinge auf der Ebene des Interface betrachten, dann sind das wahrscheinlich einige der besten Orte um damit zu beginnen.

2.

Ich habe eine Idee für all die schweigsamen Kuratoren, die herauszufinden versuchen, was sie mit diesen herumstreunenden Avant-Popstars und Netzköpfen anfangen sollen, die so viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken scheinen, aber so schwierig in ihre institutionellen Umgebungen zu integrieren sind. Man nehme die Eindrücke, die man über die Jahre hinweg angesammelt hat, indem man den vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Wert von Kunst präserviert und schaffe ein neues, zugegebenermaßen kurzlebiges Interface. Ja, es wird ein gewisses Maß an missionarischem Eifer brauchen, um es so schnell geschehen zu lassen, wie es die Kultur nötig hat, daß es geschieht, doch dieses kurzlebige Interface ist absolut notwendig und sollte den voranschreitenden Akt des Verschwindens beschleunigen helfen. Und in der Zwischenzeit, vor der endgültigen Ausblendung, können wir uns auf einige der essentiellen Zutaten konzentrieren, die dieses Interface benötigt:

man zeige sich jenen zukünftigen Generationen gegenüber verantwortlich, die sich für die frühen Hypermedia-Arbeiten im Web interessieren werden, indem man die nötige Zeit, Energie und das Geld investiert, um diese Arbeiten zu archivieren, formale Diskussionen über die Arbeiten zu führen, neue Web-Sites zu entwickeln, die beitragen, die Leute bzgl. der wachsenden Bedeutung dieses Phänomens zu erziehen und neue Projekte exklusiv für dieses Medium in Auftrag zu geben.

man arbeite dabei mit den Netzpraktikern selbst zusammen, beim Aufbau der Archive und bei der Schaffung innovativer Programme, die dem Zeigen der Entwicklungen in diesem Gebiet dienen; die meisten Netzpraktiker haben sehr viel über die Implikationen dieses neuen Netzmediums nachgedacht und sind in einer Position, um Expertenrat darüber abgeben zu können, wie man seinen Einfluß auf einen "Kunst-Markt" vergrößert (einen Markt, der dabei ist, sich abzuschaffen, indem er sich verbreitet)

man akzeptiere die Tatsache, daó die Praktiker, mit denen man zusammenarbeitet absolut keine formalen Verbidungen mit der sogenannten elitären Kunstwelt haben, von der Sie selbst ein Teil sind und die ganz still und leise auseinandergenommen wird, durch das Auftauchen genau der selben Netzwerkenden, die, daneben daó sie aktiv mit dem Medium komponieren, zugleich ihre eigenen Herausgeber, Kuratoren, Publizisten, Kritiker und Wertschöpfenden sind.

Einigen mag es lustig erscheinen, aber in dem Moment als die Website der documenta X vom Netz genommen wurde, war sie für die Geschichte nicht verloren gegangen. Glücklicherweise für uns hatte Vuk Cosic bereits die gesammte Site heruntergeladen und virtuell neu aufgelegt unter seinem selbststilisierendem Doman Namen www.vuk.org. Als wir einen "kuratorischen Link" auf diese Site von Alt-X Digital Studies: Being in Cyberspace legten, überschlugen sich die Ready-Made-Ironien.

1.

Was gibt es noch zu sagen? Das Verschwinden des Interface ist gleichbedeutend mit dem Verschwinden der Sprache.

Aus dem Englischen übersetzt von Armin Medosch.

Mark Amerika ist Autor und Herausgeber des Netzmagazins Alt-X. Neben verschiedenen gedruckten Büchern erlangte Mark Amerika Bekanntheit als Autor der Netzerzählung Grammatron. Ein Auszug aus Grammatron befindet sich im Telepolis Netzraum.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3144/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS