Starship Troopers

20.01.1998

Pulp SciFi im Look der dreißiger Jahre

Der Film zum Web und Pc-Game

1998 hat noch kaum begonnen, da schickt Hollywood einen neuen programmierten Kassenschlager (der allerdings bisher eher Anzeichen eines Flops zeigte) an die Front im Krieg um die Aufmerksamkeit. "Starship Troopers" von Regisseur Paul Verhoeven ist der jüngste (aber sicher nicht letzte) Anti-Climax in einer Serie neuerer, stromlinienförmiger SciFi-Thriller nach "Independence Day" und "Men In Black". Die neue SciFi-Welle wirft eine Reihe von Fragen zum Themenkomplex Technologie-und-Gesellschaft auf.

Poster zu Starshiptroopers

Der Titel (aber nicht die Story) ist eine Anleihe an einen der berühmtesten, inzwischen aber fast vergessenen Romane der klassischen Science Fiction, "Sternenkrieger", von Robert Heinlein, erschienen Ende der fünfziger Jahre. Obwohl der Film mit dem Roman außer dem Titel nichts gemein hat, lohnt ein kurzer Blick auf die Geschichte der geschriebenen SF. Heinlein stammt aus einer Generation von SF-Schreibern, die in der "Goldenen Phase" der Science Fiction groß wurden. Diese begann in den späten dreißiger Jahren und wurde von Magazinen wie Amazing SF und Astounding getragen. Der Großteil der Geschichten war schnell und ohne große literarische Finessen.

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"Die niedere SF wühlt zufrieden in den Wundern der Technologie und den purpurnen Dingen, die jenseits des Jenseits aufragen...", schrieb Brian W.Aldiss in "Der Milliarden Jahre Traum" über die Pulp SF dieser Zeit. Diese spiegelte den Kern des amerikanischen Fortschrittsmythos wieder, wonach Wissenschaft und Technik gleichbedeutend mit sozialem Fortschritt sind und die USA Hüter der demokratischen Freiheit und des freien Unternehmertums im gesamten Universum.

Die Autoren, die wie in Schreibfabriken oft mehrere Romane pro Monat herstellen mußten, um überleben zu können, verstanden ihre Geschichten als "hardboiled"-SF, insofern sie versuchten, auf den aktuellsten technischen Neuerungen aufzusetzen und sie in die Zukunft zu extrapolieren. Relativitäts- und Quantentheorie, die erste gelungene Atomspaltung und später, während des Zweiten Weltkriegs die ersten unbemannten Raketenstarts bildeten den "wissenschaftlichen" Hintergrund zu dieser Form von SF. Berühmte Autoren dieser Zeit und sich vom eben beschriebenen Durchschnitt (was fairerweise gesagt sein sollte) abhebend war neben Heinlein z.B. Isaac Asimov, Erfinder der drei Robotergesetze, aber auch ein Ron. L. Hubbard, der die SF-Schreibschule wohl nutzte, um seinen Stil für die Gründung der Scientology-Sekte (und das Schreiben der dazu nötigen Dianetik-Bücher) zu schleifen.

Der soziale Hintergrund war die heraufdämmernde Bedrohung durch Nazi-Deutschland, sowie die Bedrohung durch die stalinistisch gewordene Sowietunion. Da konnte sich Amerika leicht als Hüter der demokratischen Freiheit präsentieren und soziales Fingerspitzengefühl war in diesen technokratischen Erzählungen wenig gefragt. Viel eher bildeten sie eine direkte Fortsetzung der "Railroad Novels", also ebenfalls billiger Heftchenromane, welche den Urgrund der Wildwestromane bildeten. Statt feindseliger Indianer wurden hier jedoch wahlweise eher stalinistische oder faschistoide Aliens abgeschossen, um der Ausbreitung einer nur unschwer mit den USA zu verwechselnden "Federation" im Weltraum die Bahn zu ebnen. Der Preis für den Sieg von Demokratie und Fortschritt war jedoch, daß die HeinleinŽschen Sternenkrieger nur unmerklich weniger faschistoid, bzw. militaristisch als ihre Gegner waren: Motivierte, sportliche und militärisch gedrillte Draufgänger ohne psychologische Komplikationen, ehrgeizig und zutiefst überzeugt von der moralischen Richtigkeit ihrer kriegerischen Mission.

Heute läßt sich eine solche Geschichte natürlich nicht mehr ohne eine gewisse innere Brechung oder Verfremdung erzählen. "Starship Troopers" bedient sich als Rahmenhandlung der Form eines ausgedehnten Fernsehwerbespots, der Rekruten für die Weltraum-Armee der "Föderation" anwirbt. "Join the Army", denn das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Eine Spezies feindseliger Insektenwesen, ca. 3 Meter große Käfer aus der Familie der Kakerlaken oder kurz einfach "Bugs" bedrohen die Erde und besitzen sogar die Frechheit (ein übrigens ziemlich amerikanisch wirkendes) Buenos Aires - Heimatstadt der Hauptfiguren des Films - auszulöschen.

Die Protagonisten sind College-Absolventen, die, um der Erlangung der Citizenship willen, in ebendiese Weltraumarmee kurz vor dem Ausbruch des Sternenkrieges eintreten. Die synthetischen Charaktere von "Starship Troopers" stehen der frühen SF punkto Sterilität in nichts nach. Sie sind sauber und glänzend wie Kochtöpfe im Werbespot, Männer wie Frauen sehen wie wandelnde Ken-und-Barbie-Puppen aus und das Heldentum, das sie demnächst erlangen werden, ist ihnen von Anfang an schon ins Gesicht geschrieben.

Der Rest ist eigentlich nur noch Knallerei und Spezialeffekte, die in Größe und Intensität wieder einmal alles bisher Dagewesene zu übetrumpfen suchen, etwa wenn ein riesiges Raumschiff auseinanderbricht und die Verwüstungen auf allen Decks bis ins Detail zu erkennen sind. Die vielen Kampfhandlungen sind nur durchbrochen von etwas gutgelaunter Kasernenkumpelei, unnötiger Brutalität im Ausbildungscamp und einer radebrechend erzählten und in ihrem Verlauf völlig vorhersehbaren Liebesgeschichte.

All das wäre eigentlich kaum der Erwähnung wert und in seiner dumpfen Militanz höchstens ein wenig ärgerlich, wenn sich der Film nicht einiger Elemente bedienen würde, welche die Identifikation des Zuschauers durchbrechen und somit, fast schon im Sinne des brechtschen V-Effekts, jene Art von Distanz erzeugen, die günstigstenfalls zum Nachdenken einlädt. So erscheint der weltweite Superstaat, der da um Rekruten wirbt, in seiner Rhetorik und seinen Symbolen reichlich faschistoid, eine Art technokratisches, postdemokratisches Weltreich, das, mit den Worten eines Lehrers im Film, die Demokratie zugunsten eines besseren weil stabileren "Efficient Regime" aufgegeben hat. Derselbe Lehrer erweist sich später, in der Schlacht, als Truppführer als ausgesprochen brutaler Betonkopf. Diese Figur, des "harten aber gerechten" Obersoldaten, wie sie aus vielen Kampffilmen bekannt ist, ist hier so überzeichnet, daß so gar keine Sympathie aufkommen will. Und auch die Barbiepuppenhelden sind so unwirklich perfekt, daß auch ein noch so naives Publikum sich kaum wirklich mit ihnen identifizieren wird wollen.

Dazu paßt, daß Regisseur Verhoeven, der zuvor mit Robocop und Total Recall bekannt wurde, ein ausgesprochenes Talent hat, kalte und seelenlose Filme zu machen. Die Maschinerie des Filmemachens in der hochgepulverten Special Effects Fabrik Hollywood steht im Vordergrund, und was den Grad an verbliebener Menschlichkeit angeht, könnte ich mir ebenso vorstellen, zu den Bugs überzulaufen, denn abgesehen davon, daß sie häßlicher sind, ist nicht zu erkennen, inwiefern die menschliche Zivilisation ihnen moralisch oder bezüglich anderer humaner Qualitäten überlegen wäre. (Seltsam nur, daß die Verleihfirma, Buena Vista, dieselbe ist, die eben Wenders "Ende der Gewalt" herausgebracht hat.) Absichtlich oder nicht, die Kälte, die der Film verstrahlt, in all seinen Kulissen und Settings und der Rasterförmigkeit seiner zwischenmenschlichen Beziehungen, liest sich wie eine weitere Warnung vor dem technokratischen Superstaat.

Unterstellend, daß diese Leseweise von den Produzenten beabsichtigt ist, könnte der Film also als eine Warnung vor technokratischen, angeblich effizienteren Regimes gelesen werden. Doch leider ist diese Brechung der Handlung und der Identifikationsmuster zu inkonsequent ausgeführt, als daß wir dies nun wirklich als intellektuellen Kunstgriff des Regisseurs bejubeln könnten. Den Männerkampfspielen wird breitester Raum eingeräumt (wobei übrigens ein Teil der Zeit dazu dient, zu zeigen daß Frauen genauso brutal wie Männer kämpfen können) und der Besucher könnte am Ende achselzuckend mit dem Gefühl von dannen schreiten, irgendwie, ja irgendwie schon, unterhalten worden zu sein.

So bleiben jene schon am Anfang angesprochenen Fragen übrig, die nicht direkt in den Film eingeschrieben sind, wohl aber in ihn hineininterpretiert werden können. Wenn wir Science Fiction nicht einfach bloß als triviale Äußerung der Popkultur sehen, dann zeigen sich historisch immer wieder interessante Verbindungen zwischen technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung und dem gerade aktuellen Stand der Science Fiction als eine Art impliziter Reflexion dieser Entwicklungen. Aufgabe der SF war ja immer schon, die Menschen mit den Auswirkungen neuer Technologien vertraut zu machen.

Grob gesprochen können hier die folgenden Parallelentwicklungen von SF und realer Technik- und Sozialgeschichte verfolgt werden: Nach dem Höhepunkt der anfangs erwähnten klassischen oder Hardboiled SF, die durchwegs technokratisch und optimistisch war, veränderte sich die SF drastisch nach 1945, nach Hiroshima. Im Klima des Kalten Krieges wurden zwar weiterhin Extraterrestrier mit "Commies" gleichgesetzt und beliebig abgeknallt, zugleich nahm jedoch die Zahl der anti-utopischen Romane zu. Mit dem Atombombenschock gab es plötzlich eine ganze Reihe von Romanen, die vor den Gefahren der Mutation warnten.

Waren es in den vierziger und fünfziger Jahren die spektakulären Großtechnologien wie Atombomben und Raumschiffträgerraketen (parallel zum beginnenden Apollo-Programm), die das Interesse von Leserschaft und Kinopublikum fesselten, so wurden im Verlauf der sechziger Jahre die Medien und die neuen Kommunikationstechnologien (Life-Style Magazine, Transistorradios, Kassettenrekorder, Farbfernseher, Interkontinentalflüge etc.) zu den Schrittmachern des technologischen Fortschritts und der sozialen Entwicklung (wobei Entwicklung nicht notwendigerweise Verbesserung heißt). Im selben Maß, wie die Menschheit mit den ersten Schritten auf den Mond den realen Weltraum zu erobern begann, wurde der "Outer Space" als Medium der Literatur uninteressant und die SF wandte sich dem "Inner Space", dem menschlichen Bewußtsein zu. Die "New Wave" der Science Fiction, mit Leuten wie Roger Zelazny, Delanay, Michael Moorcock und Philip K.Dick (der allerdings nicht im engeren Sinn zur New Wave gehört, wohl aber zum selben zeitgeistsyndrom) experimentierte mit Bewußtseins- und Realitätsebenen und deren Vermengung (wie z.B. in Dicks furiosem "Ubik"). Selbst ein Hardliner wie Heinlein schrieb mit "Stranger in a Strange Land" einen Bewußtseinsroman über eine Figur, die irgendwo zwischen Jesus Christus und Charles Manson angesiedelt war (und danach meines Wissens nie mehr etwas Signifikantes).

Und dann, um jetzt nicht allzu chronologisch zu werden, Schnitt und Fast Forward in die späten neunziger Jahre. Worauf nun verweist ein Film wie "Starship Troopers", was die Zusammenhänge zwischen Technologie, Gesellschaft und populärer Massen-SF betrifft? Ist die Botschaft die, daß wir uns vor den entfremdenden Medien hüten sollen, um nicht alle zu "Starship Troopers" zu werden, die in unnötigen Sternenkriegen für zynische Oberbefehlshaber ihr Blut vergießen? Wenn das die Absicht war, dann hat Verhoeven diese Botschaft in Total Recall weit eloquenter und deutlicher vermittelt. Oder liegt die Botschaft, noch weit indirekter, darin, daß Starship Troopers als einer von vielen demnächst erscheinenden industriellen Fließbandfilmen ein bloßer Indikator dafür ist, daß soeben eine neue Technologie im Begriff ist, das Feld der sozialen Kommunikation neue aufzurollen? Wie eh und je dient die SF dazu, das Massenpublikum auf die Ankunft dieser Technologie vorzubereiten. Und welche Technologie könnte das sein, als - Sie habens erraten - das Web vielleicht, bzw. die Welt der digitalen, interaktiven und vernetzten Medien? So erscheint in den Fernsehwerbespotsequenzen in Starship Troopers ober- und unterhalb des bewegten Bildes ein Navigationsbalken, der überdeutlich an die heutige Webnavigation erinnert und fragt, "möchten Sie mehr wissen?".

Dieses "Thema" des Mehr-Wissen-Wollens setzt sich dann auch gleich auf der Web-Site fort und bildet wohl auch eine Ebene im gleichzeitig erscheinenden PC_Game. Die Web-Site ist durchwegs in Flash/Shockwave programmiert. Wer über ein VRML-Plug-In verfügt kann sich die Bugs sogar in 3D und animiert auf den Bildschirm holen. So ist die Site nicht bloß eine Ergänzung mit Bildern und Texten zum Film, sondern die Fans können schon beinahe CD-ROM-artig "Starship Troopers" im Web spielen. Das volle interaktive Spielerlebnis (Bugs killen) bietet aber sicher erst das CD-ROM Game. Jedenfalls scheint hier die bekannte Strategie, erst einen Film zu lancieren und dann mit dem Spiel noch etwas Geld dazuzuverdienen fast schon umgekippt. Web-Site und Game können eigentlich durchaus ohne den Film auskommen und selbst wenn der Film in den Kinos floppt, wird sich das ganze Unternehmen am Ende doch noch irgendwie rentiert haben.

Was aber, wenn wir der Einladung, "mehr wissen" zu wollen, folgen? Dann landen wir direkt beim Rekrutierungsbüro der Sternenkrieger. Das, als ein kleiner Hinweis, daß "mehr zu wissen" nicht gleichbedeutend ist mit "besser informiert zu sein". Starship Troopers, ein Film für Betonköpfe, Infojunkies, Barbiepuppenmenschen und alle anderen, die gerne ein wenig lachen möchten, wo es eigentlich kaum mehr was zu lachen gibt.

Der Film startet am 29. Januar in den deutschen Kinos.

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