Schreiben mit Multimedia

20.01.1998

Wie wir von Godard und Computerprogrammierung lernen können

Wie kann sich kritische, theoretische und historische Textproduktion die multimedialen Möglichkeiten zunutze machen, die das WorldWideWeb bietet? Wie kann man über Ideen schreiben und dabei Bilder, Animationen, Töne, Video und 3D-Welten benutzen? Wie kann man mit Multimedia komplexe Konzepte vermitteln und dabei traditionelle rhetorische Funktionen benutzen (verführen, überzeugen, einschüchtern, inspirieren)? Wie kann man es ermöglichen, daß die Nutzer nicht einfach nur "Co-Autoren" sind (worauf viele Ideologen der Interaktivität einfach bloß abzielen), sondern daß sie/er wirklich "in" den mentalen Raum eines Textes aufgenommen wird, in den Denkprozeß eines anderen Subjekts? Wie kann man mittels Multimedia denken? Was sind die historischen Vorläufer des "Schreibens mit Multimedia" im Film, in der Buchgestaltung, im Theater, bei der konkreten Poesie?

Bei meinen Versuchen , mich diesen Fragen zu widmen, wurde ich von bestimmten Filmemachern inspiriert, die davon besessen zu sein scheinen, das Kino nicht nur als ein Medium zur Vermittlung von Ideen und Argumenten zu benutzen (was als die Aufgabe konventioneller Dokumentationen angesehen wird), sondern als eines, das fähig ist, den Denkprozeß selbst zu präsentieren. Unter diesen Filmemachern möchte ich Eisenstein, Marker und Godard hervorheben.

Ersterer versuchte das Konzept der "intellektuellen Montage" zu formulieren und plante, "Das Kapital" von Marx zu verfilmen. Bereits am Ende der zwanziger Jahre sah er voraus, daß in der Zukunft Philosophie und Geschichte als Film präsentiert werden würden.

Die Ankündigung, daß ich einen Film auf der Grundlage von "Das Kapital" von Marx machen werde, ist nicht einfach bloß eine Publicity-Aktion. Ich bin fest überzeugt, daß die Filme der Zukunft in diese Richtung gehen werden (oder sie werden z.B. die Geschichte des Christentums aus einer bürgerlichen Sichtweise verfilmen). Jedenfalls werden diese Filme mit Philosophie zu tun haben. Dieses Feld ist absolut unberührt. Tabula Rasa.

Marker zeigte, daß der Film benutzt werden kann, um intellektuelle Essays zu konstruieren, Essays, die sich assoziativ von der Idee zum Bild bewegen und von einem Bild wieder zu einer anderen Idee (z.B. in seinem letzten Film "Level 5"). Godard hat die neue Sprache des computergestützten Multimedia eigentlich schon seit seinen Filmen in den sechziger Jahren erforscht, indem er systematisch bewegte Bilder, nicht-realistische Vertonungen und grafisch präsentierte Texte miteinander in Beziehung setzte. In der jüngeren Vergangenheit hat er ein wahres Multimedia Meisterwerk geschaffen, einen Essay, der uns seinen Denkprozeß verfolgen läßt, während er dabei jeden verfügbaren Multimedia Code verwendet: Seiten mit Text, Standbilder, bewegte Bilder, Stimme und Klänge ("JLG by JLG. Self-Portrait in November").

Nicht nur komplexe Ideen durch Multimedia zu vermitteln, sondern den Leser in den Denkprozeß einzubeziehen - das ist die Herausforderung des Schreibens mit Multimedia. Die Nutzung des Computers als Autorenwerkzeug kann nur gerechtfertigt werden, wenn wir eine nuanciertere, komplexere und präzisere Art entwickeln, um die Bedeutung von Gedanken zu vermitteln und die Bedeutung dessen, wie es sich anfühlt, von einer Assoziation zur nächsten zu gehen, von einer Erinnerung zur anderen, von einer Einsicht zur nächsten. Das wird nur möglich sein, wenn wir jener verbreiteten Sichtweise auf den Computer gerecht werden, die seine Geschichte seit seiner Entstehung vor 50 Jahren begleitet und die ihn als ein Modell des menschlichen Gehirns betrachtet. Eine Maschine, die über Erinnerungsvermögen verfügt, die Worte und Bilder speichern, suchen und vergleichen kann und die, was am wichtigsten ist, "Links" herstellen, das heißt assoziieren kann. Das bedeutet also, daß, auch wenn es sich um eine Maschine und nicht das menschliche Gehirn handelt, diese Maschine die meisten Funktionen ausführen kann, die auch wir ausführen, wenn wir denken. Deshalb sollten wir in der Lage sein, Computer so zu benutzen, daß sie menschliches Denken auf eine präzisere Art abbilden, als es die Literatur und das Kino bereits vermochten. Das ist, um es zu wiederholen, die Herausforderung des Schreibens mit Multimedia.

Am Beginn dieses Jahrhunderts haben Proust, Nabokov, Joyce und andere Giganten der Moderne neue Techniken entwickelt, um unser geistiges Leben zu repräsentieren: Denken und Erinnern, Vergessen und Verdrängen, das Formulieren von Konzepten, das sich zwischen der sinnlichen Wahrnehmungswelt außen und der geistigen Welt innen Hin- und Herbewegen. Literatur wurde zum besten Spiegel der modernen Psyche, sie erreichte die höchste Feinheitsstufe im Verhältnis zu unserer inneren Welt. Andere Kunstrichtungen konnten mit diesen Errungenschaften nicht Schritt halten. Das Kino, wichtigster Vorläufer von Multimedia, war besonders enttäuschend in dieser Hinsicht. Im Großen und Ganzen folgte seine Sprache dem Roman des 19.Jahrhunderts, anstatt zu versuchen, die mikroskopische Sicht auf das menschliche Innenleben, wie sie von Joyce, Nabokov und anderen aufgezeichnet worden war, zu erreichen oder gar zu übertreffen zu versuchen. Das ist besonders überraschend, wenn man in Betracht zieht, daß der erste theoretische Text über Kino, Hugo Munsterbergs "Der Film, eine psychologische Studie", die Ansicht vertrat, daß die Essenz des neuen Mediums darin läge, die verschiedenen geistigen Funktionen auf der Leinwand repräsentieren oder "objektivieren" zu können. Nach Munsterberg , "gehorcht das Lichtspiel mehr den Gesetzen des Geistes als denen der äußeren Welt".
In einer provokativen Analyse setzte Munsterberg die wichtigsten cineastischen Techniken Eins-zu-Eins mit geistigen Funktionen wie Aufmerksamkeit oder Erinnerung in Verbindung. In der Nahaufnahme z.B. hat, "unser Gehirn alles, was es nicht in Betracht ziehen möchte, auch aus dem Gesichtskreis verbannt", analog dazu wie unsere Aufmerksamkeit ein bestimmtes Objekt aus der Umwelt auswählt. In ähnlicher Art objektiviert die Technik der Rückblende die geistige Funktion der Erinnerung.

Allerdings hat das Kino, trotz dieser frühen vielversprechenden Analyse Munsterbergs, die Herausforderung, ein Spiegel der menschlichen Geistesaktivitäten zu sein, kaum angenommen. Aus meiner Sicht ist der einzige systematische Versuch bisher in Godards jüngeren Arbeiten zu finden, wie z.B. im bereits erwähnten "JLG by JLG" und auch im majestätischen und monumentalen "Geschichten des Kinos" (das bei der documenta X in Kassel gesehen werden konnte). Bei letzterem benutzt Godard von ihm selbst erfundene filmische Techniken um Denkprozesse besser darstellen zu können.

So legt er z.B. desöfteren zwei, drei oder mehr Bilder übereinander, die kontinuierlich ein- und ausgeblendet werden, jedoch nie völlig verschwinden und so für einige Minuten am Bildschirm bleiben. Damit veranschaulicht er, wie Ideen oder innere Bilder in unserem Bewußtsein umherfließen und dabei mehr oder weniger in den Brennpunkt der geistigen Aufmerksamkeit gelangen. Bei einer anderen Technik wird ein Bild vom anderen nicht durch einen Schnitt oder eine Blende abgelöst, sondern durch ein wiederholtes Oszillieren, wobei zwei Bilder hin- und herflackern, bis das zweite Bild schließlich das erste ersetzt. Diese Techniken können als ein Versuch interpretiert werden, die Bewegungen des Geistes von einem Konzept, einer Erinnerung oder einem geistigen Bild zum nächsten zu veranschaulichen. Ein Versuch, mit anderen Worten, das zu repräsentieren, was nach Locke und anderen Assoziations-Philosophen die Grundlage unseres geistigen Lebens ist - Assoziationen zu bilden.

Neben diesen innovativen Techniken, die Munsterberg zweifellos gefallen würden (der übrigens Professor der Psychologie an der Harvard Universität war), da sie visuelle Äquivalente von geistigen Vorgängen sind (oder sollen wir sagen "video-zeitliche" Äquivalente, da die Zeit offensichtlich eine entscheidende Rolle bei Godards Techniken spielt) "kapituliert" Godard immer wieder vor den konventionelleren Erzählweisen des Kinos: Er zeigt "Realität" (hier eine Person in nachdenklicher Haltung) aus dem Gesichtspunkt einer dritten Person, d.h. von außen. In "Geschichten des Kinos" sehen wir wiederholtermaßen Nahaufnahmen eines Bücherregals, oder Godard selbst, wie er neben einem Bücherregal steht, ein Buch herausnimmt, ein oder zwei Sätze liest; oder, schließlich, Godard an einem Tisch sitzend, tippend oder mit der Hand schreibend. Vielleicht können wir uns diese Aufnahmen als gleichbedeutend mit den einführenden Einstellungen einer konventionellen cineastischen Narration denken: Godard zeigt uns seinen "Drehort" (d.h. sein Gehirn) sozusagen von außen, bevor er uns nach innen mit nimmt. Vielleicht können diese Bilder auch als eine Herausforderung an das konventionelle Kino und seine Erweiterung, computergestütztes Multimedia, gesehen werden: Laßt uns auf das intellektuelle Leben konzentrieren, auf den menschlichen Geist anstatt auf äußere Handlungen und Geschichten.

Bislang haben Computer, trotz der beständigen Assoziation mit dem menschlichen Geist, als künstlerischer Spiegel unserer Denktätigkeit noch viel schlechtere Dienste geleistet als das Kino. Das ist ausgesprochen seltsam, wenn man die Tatsache in Betracht zieht, daß, während nur Munsterberg und einige wenige andere eine Verbindung zwischen dem menschlichen Geist und dem Film herstellten, im Falle des Computers eine ähnliche Verbindung der Forschungsschwerpunkt einer Reihe neuer Gebiete wurde, und zwar auf sehr efolgreiche Weise von Gebieten, die sich immer mehr ausdehnen: Künstliche Intelligenz, Kognitive Psychologie, Neurowissenschaften - kurz gesagt eine ganze Anzahl von Disziplinen, die unter dem Dach der kognitiven Wissenschaften zusammengefaßt werden können, deren ultimativer Zweck es ist, die Sprache des Geistes und die Sprache des Computers in ihren gegenseitigen Beziehungen zu erfassen. Während die Versuche der KI den menschlichen Geist zu simulieren einigen beschränkten Erfolg aufweisen können, auf Gebieten wie z.B. der Syntaxanalyse menschlicher Sprache, dem Verständnis von Geschichten, dem Planen von Handlungen und der Interpretation von Bildern, wurde das umgekehrte Problem, das kulturelle Problem nämlich, Computer zur Repräsentation des menschlichen Geistes in all seiner Komplexität und Eigenart zu nutzen (z.B. nicht nur den rational-rechnerischen Teil des Gehirns zu modellieren, sondern das phänomenologische Ganze), und dabei über das, was die Kunst bisher erreicht hat, hinauszugehen, bisher kaum überhaupt als Fragestellung aufgeworfen. Offensichtlich ist die heutige Sprache von Multimedia - dem User eine Seite zu präsentieren, die eine kleine Anzahl von Links enthalten, die auf weitere Seiten führen - kaum ein angemessener Spiegel unserer Denktätigkeit, also davon, wie wir denken, planen, erinnern, Verbindungen herstellen.

Heutzutage sind die Programmwerkzeuge zur Herstellung von Multimediaanwendungen meist wesentlich ausgefeilter als die Anwendungen selbst. Sie sind bessere künstlerische Visionen unseres Innenlebens: Relationale Datenbanken, Pointer, Kontrollstrukturen ("if... than," "case," etc.), objektorientiertes Programmieren usw., diese und andere Konzepte des Programmierens verweisen auf potentiell komplexe, dynamische und vielfältige kulturelle Repräsentationen des menschlichen Geistes. Sogar ein relativ triviales Konzept wie das eines hierarchischen Dateisystems ist bereits wesentlich suggestiver als das der typischen "Seiten" mit Hyperlinks, die uns in den Neunzigern unter dem Slogan "Neue Medien" vorgesetzt werden. Was auch immer es umfaßt, das menschliche Denken ist auf jeden Fall einem laufenden Computerprogramm ähnlicher (das z.B. die Übersetzung zwischen verschiedenen Hierarchien von Computersprachen umfaßt, das Schreiben und Lesen von Daten, das Wissen über einen bestimmten Ort innerhalb eines Programms zu behalten, Speicherraum für neue Daten freizuhalten, usw.) als einer Anzahl von Seiten, die mittels Hyperlinks verbunden sind.

Diese neue Ebene von Komplexität, die in der Computerprogrammierung bereits geläufig ist, in die Realität der kulturellen Repräsentation zu überführen, ist die Herausforderung des Schreibens mit Multimedia. Um das zu erreichen, müßen wir uns sowohl die besten Beispiele der Kultur in der "Modellierung des Geistes" ansehen (Proust und Joyce, Marker und Gogard usw.), als auch die Konzepte der Computerwissenschaften, an der Struktur von Hardware und Software. Erst wenn unsere Multimediatexte beidem Gerechtigkeit wiederfahren lassen, der Komplexität der Maschinen, die benutzt werden, um diese Texte zu verfassen und zu verteilen - sprich, den Computern -, ebenso wie der Komplexität die das Menschsein ausmacht: zu denken, zu reflektieren, die Last der menschlichen Geschichte zu tragen und zugleich einer nie dagewesenen verfügbaren Menge von Informationen und Neuigkeiten aus aller Welt, mit den künstlichen Gehirnen von Computern zu interagieren und mit den Gehirnen anderer Menschen - und natürlich wie eh und je immer noch auf das Sonnenlicht zu reagieren, das durch einen Fenstervorhang scheint, auf das Grün von Gras, die Bewegung von Wind in Bäumen. Kurz also einfach menschlich zu sein, zu reflektieren und zu existieren, innen und außen zugleich zu sein. Dieses einzigartige menschliche Denken, das verkörperte Denken, zu reflektieren, ist die Aufgabe von Schreiben mit Multimedia.

Meine eigenen Experimente auf dem Gebiet des Schreibens mit Multimedia begannen 1992. Seither versuche ich zu jedem fertigen Text auch eine Multimedia Präsentation zu machen, wobei ich Bilder und QuickTime Movies verwende. Bei anderen Gelegenheiten habe ich einfach einige Bilder zu einander in Bezug gesetzt, von denen ich dachte, daß sie meine Argumentation gut zusammenfassen würden, und habe dann begonnen, um sie herum einen Text zu entwickeln. (Siehe auch

Dann, 1995, begann ich ein Projekt, genannt "Little Movies": Eine Anzahl kleiner (unter einer Minute) QuickTime Filme, wobei jeder Film als Eintrag in einem Tagebuch dienen sollte, eine Aufzeichnung einer Idee präsentierend, den Anflug eines wichtigen Gedankens, eine Beobachtung. Nachdem sich herausstellte, wieviel Zeit ich für jeden einzelnen Film aufwenden mußte, wurde mir klar, daß diese Filme mehr wie Buchkapitel waren als Tagebucheinträge. 1997 gab ich Kapitel I dieses Multimedia Buches im Web heraus, Kapitel II soll nun diesen Winter erscheinen. Diese Filme sind von dem Ideal, daß ich hier herbeizureden versuche natürlich sehr weit entfernt, doch ich werde weiter mein bestes geben.

Adressen zum Thema:
"little movies"
homepage

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