VRML98 - Die langsame Evolution des dreidimensionalen Netzes

Treffen der 3D-Web-Community in Monterey

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VRML (Virtual Reality Modeling Language), die plattformunabhängige 3D-Szenenbeschreibungssprache für das Internet existiert seit 1994. Zwei Jahre später kamen mit VRML 2.0 entscheidende Verbesserungen: Interaktivität und dynamisches Verhalten wurden, unter anderem, ermöglicht. Doch der große Durchbruch ist der Sprache noch nicht beschieden. Große Dateien, langsame Netzverbindungen und Hardware verdorben bislang vielen potentiellen Usern den Spaß mit den virtuellen Web-Welten. Doch das könnte sich bald ändern.

Auf dem dritten jährlichen Treffen der VRML-Gemeinde, Ende Februar in Monterey, Kalifornien, war man trotz allem optimistisch. Die Veranstaltung wurde wieder vom VRML-Komitee, einer losen Gruppe bestehend aus Mitgliedern der weltweiten VRML-Gemeinschaft, organisiert und von ACM (Association for Computing Machinery), den Veranstaltern der bekannten Siggraph, finanziert.

Es sieht aus wie eine Ente, es riecht wie eine Ente, es schmeckt wie eine Ente

Grund zu Optimismus verspricht die Anfang des Jahres erfolgte Ratifizierung von VRML 2.0 als ISO-Standard ("VRML97"). Damit wurde ein entscheidender Schritt für eine größere und kommerzielle Verbreitung der 3D-Sprache vollzogen. Nun gilt die Sorge der VRML-Unternehmer vor allem der Schaffung von Märkten.

Geschwindigkeit und Komprimierung

Ein wichtiger Impuls für die Verbreiterung der VRML-Nutzerbasis, so sehen es die VRML-Protagonisten, sind die wachsende Basis an leistungsfähigen PCs, sowie die diversen 3D-Grafikbeschleuniger-Karten. (Anhang 1, Die neuen preiswerten 3D-Grafikbeschleuniger )

Hinzu kommen verbesserte Bandbreiten des Internets, schnellere Modems und die Entwicklung neuer Streaming-Formate für VRML. Angekündigt wurde ‘MouthMusic‘, ein Streaming-Audio-Format für VRML. Entwickelt wurde die Soundsoftware von Blitcom, einer kalifornischen Firma für VRML-Entertainment. Ein prominenter Mitbegründer der Firma: VRML-Co-Erfinder Mark Pesce.www.blitcom.net

MPEG-4

Eine weitere Standardisierungsdebatte wird noch geführt. Mit MPEG-4, dem neuen, gegenwärtig spezifizierten Kompressions- und Codierungsstandard sollen künftig neben Audio- und Video- auch 3D-Graphik-Daten übertragen werden. Beim Standardisierungsprozess des MPEG-4-Komitees der International Organisation for Standardisation (ISO) möchte die VRML-Gemeinde dafür sorgen, daß VRML größeres Gewicht als bisher erhält.

VRML in der Settop-Box

In welche Richtung eine Gesamtintegration von Multimediadaten gehen kann, demonstrierte das Philips-Forschungslabor aus England mit der Integration eines Live-Videobildes (alternativ ein MPEG-2-Stream) in eine VRML-Welt – mittels Settop-Box am Fernsehgerät! Die Box ist mit dem neuen Philips-Trimedia-Prozessor, der auf die Verarbeitung von Multimedia-Daten spezialisiert ist, ausgestattet. Die kleine Wunderbox kann HTML-Dateien darstellen, verarbeitet (im Gegensatz zu WebTV) Java und schließlich auch VRML. Die Hardwaredekomprimierung von MPEG-1 und -2 gibt es als Draufgabe. Der Philips-Entwicklungsleiter meinte, daß technisch die meisten Hürden genommen seien, nun brauche er nur noch einen Manager, der ein Consumer-Produkt aus der Box machen wolle.

Cosmo Player jetzt auch für Apple

Begeistert aufgenommen wurde von der VRML-Gemeinde die Nachricht vom bevorstehenden Release des VRML-Browser-Plug-In Cosmo Player für Apple-Rechner (nachdem Cosmo Player für Win95/NT, laut Silicon Graphics (SGI), bereits 20 Millionen mal downgeloadet wurde). Die neue Version 2.1 für Win95/NT wurde ebenfalls angekündigt. Beide VRML-Browser können ab Mitte März von der Cosmo-Webbsite heruntergeladen werden. cosmo.sgi.com

Viele neue Autorenwerkzeuge

Außerdem gab es in Monterey erste, inzwischen bestätigte Gerüchte, wonach Cosmo Software, die VRML-Tochter von SGI, im April ein neues Autorenwerkzeug für 2- und 3D-Grafik, Cosmo PageFX, auf den Markt bringt (Win95/NT). Die Betaversion wird kostenlos herunterzuladen sein, die Endversion ist für später im Jahr mit 349 $ angekündigt.

PageFX richtet sich vor allem an Web-Designer, die mit kleinen 3D-Grafiken, wie Logos, Banner, etc. ihre 2D-Webseite aufpolieren wollen. Das Tool soll besonders kompakte VRML-Dateien erzeugen. Nicht unbedeutend für die Weiterentwicklung der VRML-Szene ist Cosmo Softwares Bekanntgabe des neuen Release des VRML-Autorenwerkzeugs Cosmo Worlds in der Version 2.0. Das Bemerkenswerte: bisher nur für SGI Grafikworkstations unter IRIX erhältlich, gibt es Worlds jetzt auch für WinNT und 95.

Zuguterletzt wurde bereits Wochen vor der VRML-Konferenz ein weiteres Autorenwerkzeug für eher semiprofessionelle VRML-Häuslebauer bekanntgegeben: Cosmo HomeSpace Designer 2.5. Das Tool war bisher unter dem Namen Internet 3D Space Builder bekannt und ging mit der Übernahme des Herstellers ParaGraph Int. durch Silicon Graphics zu Cosmo über. Der HomeSpace Designer ist per Drag-und-Drop besonders einfach zu bedienen.

vrml.sgi.com

Einfache Autorenwerkzeuge sind sicherlich ein Schlüssel zum erhofften, breiteren Erfolg von VRML. VRCreator, ein weiteres einfaches Autorenwerkzeug wurde in Version 2.0 vorgestellt, allerdings ist es, außer für Windows NT, bislang nur für US-Versionen von Win95 erhältlich (Preis: 129 $). www.platinum.com

In neuer Version (2.1.), jetzt auch unter Windows NT (+ Win95), und mit neuem Vertrieb www.ligos.com und gesenktem Preis (495 $), wurde das Authoring-Tool VRealm Builder (ex-IDS) vorgestellt. Und auch Sony stellte als Preview den Community Place Conductor 2.0 vor, ein einfach zu bedienendes VRML97/Java Autorenwerkzeug (Win95/NT). vs.spiw.com/vs

VRML-Landschaften in permanenter Evolution

Einfachheit ist der Schlüssel zum Erfolg, wie viele Experten (und wohl auch Nichtexperten) vermuten. Ein gutes Beispiel ist Active Worlds (früher Alpha Worlds von Worlds Inc.), bei dem die Welten ähnlich wie mit Lego-Steinen gebaut werden können. Active Worlds wurde so von seinen Nutzern zum größten Teil selbst erstellt und beherbergt bereits 250 Teilwelten, bestehend aus über 200 Mio Polygonen (!) mit hunderttausenden eingetragenen Bewohnern (!) und tausenden von Kilometern an virtuellem Territorium.

www.activeworlds.com

Active Worlds mit seinen 250 Teilwelten aus der Vogelperspektive. Man betrachte die besondere Komplexität des Terrains.

Aber nicht nur komplexe Welten werden entwickelt, Welten entwickeln auch organisches Eigenleben. In einem der interessantesten Workshops der VRML98, präsentierte der Leiter der Biota-Arbeitsgruppe, Bruce Damer, eine Bilanz der Aktivitäten und Erfolge von Biota. Als besonderes Highlight wurde das Projekt "Nerve Garden" hervorgehoben. Nerve Garden ist eine Multiuser-Umgebung, in welcher der Anwender Pflanzen setzen und deren Wachstum, bestimmt durch generische und fraktale Algorithmen (L-Systeme), beobachten kann. Das synthetische Ökosystem basiert auf VRML 2.0 und ist komplett in Java programmiert, damit auf allen Plattformen lauffähig und wurde erstmalig auf der Siggraph 97 vorgestellt. www.biota.org

Wenn die Biene zum Gärtner wird

Einschwenken auf VRML

Superscape

Eine für Insider nicht überraschende Ankündigung kam vom britischen Virtual Worlds-Spezialisten Superscape. Die Firma, die bisher über ein proprietäres, schnelles Format (.svr) die dritte Dimension ins Web brachte, sieht die Zukunft in VRML und stellte eine Betaversion eines universellen Browser-Plug-Ins vor (für IE 4.0 und Netscape 4.0).

Viscape Universal unterstützt daher sowohl SVR-Dateien, als auch, komplett kompatibel, das VRML-Format (.wrl) unter Windows 95/NT. Da bisher bereits, so Superscape, 10 Millionen Viscape Plug-Ins heruntergeladen wurden, will man die User der SVR-Welten (etwa im Virtual World Wide Web), trotz der Kursänderung nicht im Regen stehen lassen.

Erhältlich Ende März unter www.superscape.com.

Van Gogh TV

Umgestellt haben sich auch Van Gogh TV, Deutschland. Die Hamburger Techie-Künstler-Community läßt ebenfalls ihr proprietäres Format fallen und setzt für ihre Multi-User-3D-Welten künftig auf VRML. www.vgtv.com

Neues von Blaxxun

Ein Reihe weiterer Browser-Plug-Ins im VRML-Multiuser-Bereich wurde von Blaxxun Interactive vorgestellt, dem Münchner Unternehmen mit San Francisco-Ausleger, das sich bisher am konsequentesten der Dreidimensionalität bei den Multi-Userwelten verschrieben hat (vieles, was sonst als 3D verkauft wird ist in der Tat 2 1/2 D). Genauer gesagt sind es drei verschiedene 'Community Clients' von Blaxxun: CClite, CCstandard und CCpro. Sie unterscheiden sich durch ihre Implementierung (in HTML, Java oder als OCX-Control) und bieten, vom rein text-basierten Chat bis zur beliebig ausbaubaren 3D-Welt-Unterstützung, eine Reihe verschiedener Möglichkeiten für den User (verschiedene Betriebssysteme, IE 3x + sowie Netscape 3.0+ und höher). Zu den neuen Clients gehört natürlich auch ein neuer Server-Release. www.blaxxun.com

Living Worlds

Lebende Welten soll es im Cyberspace geben, und so ist auch der Name für eine VRML-Arbeitsgruppe nicht zufällig ‘Living Worlds (LW)‘. Mit der noch zu beschließenden Spezifikation dieser Arbeitsgruppe sollen verschiedene VRML-Browser Multi-User-Welten interoperabel nutzen können (Shared Worlds). So etwa bei Sonys Community Place. Ein LW-Prototyp wurde in Monterey erstmals vorgestellt. Unterstützt wird Living Worlds von Sonys VRML-Browser und von Intervistas neuem Browser WorldView 2.1. www.intervista.com

Um die lebenden Welten auch mit möglichst lebensechten Avataren bevölkern zu können, wurde in Monterey beschlossen, die Aktivitäten der LW-Arbeitsgruppe Human Animation durch die Bildung diverser Untergruppen zu verstärken. Diese werden sich den verschiedenen Aspekten der Bewegungen eines menschlichen Körpers widmen, wobei der Schwerpunkt auf sogenannter Facial Animation liegt.

Avatare in allen Formen und Farben. (Quelle

Applikationen

Nicht nur die Ideen für Weiterentwicklungen von VRML sprühen, sondern es entstehen auch immer mehr VRML-Applikationen für alltäglichen Gebrauch. Intervista präsentierte Plug-ins für Microsoft Excel und Powerpoint, die Daten aus den Microsoft Applikationen direkt übernehmen und in sehr ansprechender Weise - innerhalb der Applikation - darstellen und als VRML-Datei abspeichern können. Managern, die bisher in Powerpoint präsentierten, wird ein neues ultimatives Spielzeug geboten: Darstellung von dynamischen Wirtschaftsdaten in Echtzeit.

Marktexperten berichten, daß bereits cirka zehn Prozent der Fortune-500-Unternehmen interaktive 3D-Welten für verschiedenste geschäftliche Belange entwickeln oder nutzen, sei es für Kundenberatung, im Support, für Ausbildung und Training oder Präsentationen.

Beispiele dafür gab es in Monterey zuhauf. Blaxxun zeigte die virtuelle 3D-Schalterhalle der BMW-Bank inklusive eines interaktiven Auto-Showrooms und entwickelte außerdem mit den Mannen der Berliner Lunatic Interactive das ‚Virtual Raleigh‘. Dies ist eine weitläufige VRML-Welt für IBM Canada, in der ihre Besucher alles über IBM PCs sowie Forschung und Entwicklung erfahren. www.lunatic.de

Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) stellte seine Virtual Design Exhibition vor. Der umfangreiche virtuelle Ort präsentiert in sieben Cyber-Showrooms die Produkte deutscher Unternehmen, wie Bäder,- Sauna- oder Lampenhersteller. Die Erzeugnisse lassen sich interaktiv konfigurieren und in Echtzeit betrachten. virtual.design-exhibition.com

Am Ende der Veranstaltung überraschte Neil Trevett, Direktor des VRML-Konsortiums, mit der Ankündigung, daß Sun Microsystems dem VRML-Konsortium als Vollmitglied beitrat. Man wolle nicht nur ko-existieren, hieß es, sondern sich gemeinsam entwickeln und Schritte zu Kompatibilität und Interoperabilität unternehmen. Dies mache Sinn, da VRML und Java 3D unterschiedliche Stärken hätten und man noch viel voneinander lernen könne, sagte Trevett.

VRML99 - In Deutschland!

Im kommenden Jahr findet das Treffen der weltweiten VRML-Gemeinde zum ersten Mal außerhalb der USA statt. Den Zuschlag für die Abhaltung der Konferenz erhielt überraschend eine Gruppe aus Paderborn, Deutschland, bestehend aus den Einrichtungen C-LAB, Siemens Nixdorf Informationssysteme, Universität Paderborn und dem Heinz Nixdorf Museumsforum. Im Vorfeld der Veranstaltung sind Aktionen geplant, die die deutschsprachige VRML-Gemeinde fördern sollen.

VRML99

Tom Sperlich ist Journalist und Consultant für Neue Medien und arbeitet gerne in virtuellen Firmen. Er schreibt u.a. für c't, Global Online, NZZ und Sonntagszeitung.

Christian Bauer ist seit 1991 als Berater im VR und VRML Bereich tätig, mag Kalifornien, Hausboote, die VRML-Webisodes von Floops und Mod-Mania von Shout Interactive.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3188/1.html
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