Alt-X und Grammatron: Mark Amerikas On-line Dienste

Tilman Baumgärtel 25.03.1998

Wo die Digeraten die Literaten treffen

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Es ist einer dieser merkwürdigen Zufälle der Geistesgeschichte, die im Nachhinein so wirken, als hätte da "etwas in der Luft" gelegen, das nur darauf gewartet hat, realisiert zu werden: 1965 erfand der Amerikaner Ted Nelson den Begriff "Hypertext". Damit meinte er Texte, die nicht mehr linear aufgebaut waren, sondern durch "Links" intern vernetzt waren. 1967 erscheint in Frankreich die Erstausgabe der "Grammatologie", in der Derrida vom "Text als Gewebe" spricht, durch den sich der Leser-als-Mit- Autor manövriert. Und 1969 wurde in Kalifornien die erste Computer-Verbindung zwischen zwei Universitäten hergestellt, aus der sich in den folgenden Jahren das Internet entwickeln sollte.

Das WorldWideWeb, die heute geläufige Bemutzeroberfläche des Internets, erscheint als Realisierung sowohl von Derridas "Text als Gewebe" als auch von Ted Nelsons "Hypertext". Gerade mit Hypertext verbanden sich vor einigen Jahren hochfliegende Hoffnungen: Wenn man einigen der Theoretiker der neuen Textart Glauben schenken wollte, dann war Hypertext in Software umgesetzte postmoderne Theorie: der Leser wird zum User und Mit-Autor eines Textgewebes, durch das er sich selbständig manövriert, statt von der linearen Ordnung einer traditionellen Erzählung gegängelt zu werden. Literarische Experimente wie Michael Joyce' "Afternoon" oder die MOO "Hypertext Hotel" von Robert Coover (das leider aus dem Internet verschwunden zu sein scheint) sind zwei der bekannteren, frühen Beispiele für Computer-vermitteltes Schreiben.

Diese literarischen Experimente sind Geschichte, aber inzwischen ist das ganze Internet zu einem gigantischen Hypertext zusammengewachsen, und wird nicht umsonst immer wieder mit Borges berühmter "Bibliothek von Babel" verglichen. Ein unermüdlicher Praktiker des Internet-basierten Hypertextes von heute ist der amerikanische Schriftsteller Mark Amerika, der Telepolis-Lesern durch seine Kolumne "Amerika Online" bekannt sein dürfte (siehe Inhalt/Kolumnen). Seit 1993 betreibt er die Internet-Literatur-Site Alt-X (zunächst als Gopher-Site, inzwischen als WWW-Angebot), auf der "die Digeraten die Literaten treffen", wie auf der Eröffnungsseite steht.

Unter deutschsprachigen Literaten ist Mark Amerika bisher kaum bekannt. Das dürfte daran liegen, daß seine Romane "Sexual Blood" und "The Kafka Chronicles" so von der Sprache und der Kultur der amerikanischen Mediengesellschaft vollgesogen sind, daß sie praktisch nicht ins Deutsche zu übersetzten sind. Mark Amerika selbst hat seine Romane als "Avant Pop" bezeichnet.

Durch "Alt X" hat er dafür in deutschspachigen Netzkultur- Zirkeln auf sich aufmerksam gemacht. Mehrfach ist er zu Festivals wie der Berliner "Softmoderne" und der "Transmediale" sowie der "ars electronica" nach Linz und zu film+arc nach Graz eingeladen worden. Zur Zeit befindet er sich auf einer Lesereise durch Australien, wo er sein neues Projekt "Grammatron" vorstellt, einen speziell für das WorldWideWeb konzipierten Hypertext, der nicht nur aus Text besteht, sondern auch (bewegte) Bilder und Sound integriert.

Es ist so gut wie unmöglich, eine Hypertext-Erzählung wie "Grammatron" zusammenzufassen ist. Die Ausgangsidee könnte man vielleicht so beschreiben: Seit es Menschen gibt, verbergen sich illegale Daten (das sogenannte "Nanoscript") in der Elektrosphäre. Das Grammatron, eine Art Golem-Figur, ist mit dem Nanoscript "codiert" worden, so wie der Golem vom Prager Rabbi Loew durch einen Schnipsel aus der Thora zum Leben erweckt wurde.

Das Grammatron, die Kreatur wie die "Erzählumgebung", versteht sich als eine Art elektronische Schöpfungsgeschichte. Das Navigieren durch das hypermediale Labyrinth aus Text, Bildern und Musik ist eine interessante, intellektuelle Übung, aber ob der Leser/User auf dieselbe Art und Weise in den Text gezogen wird wie bei traditioneller, linearer Literatur bleibt fraglich.

Amerika selbst sieht seine Netztexte als logische Konsequenz seiner Romane:

"Meine Bücher sind von Anfang an als Anti-Romane oder Hyperfictions bezeichnet worden, also als Erzählungen, die konventionelle literarische Formen aufbrechen und das Geschichtenerzählen jenseits des Buchs ausdehnen. In gewisser Weise ist mein Netzschreiben also eine Fortsetzung meiner Bücher. Der entscheidende Unterschied ist freilich, daß ich früher von Medien beeinflußt gewesen bin und die Aufgabe zu lösen hatte, wie ich diese Medien in meinen Texten darstellen sollte. Jetzt kann ich die Medien selbst in die Geschichte mit einbeziehen."

Während "Gammatron" ein gewöhnungsbedürftiges Leseabenteuer ist, ist die "Alt X"-Site eine beeindruckende Sammlung von Texten, Interviews, Essays und Fiction, eine Art Bibliothek ohne Gebäude. Bis heute wird die Site zum größten Teil von Amerika selbst zusammengestellt und gestaltet. Finanziert wird sie - abgesehen von einigen kleinen Stipendien und Spenden - durch die Eigenleistung aller Beteiligten.

Unsere verteilte Präsenz als ein Netzwerk, unser sogenannter "Netzwerk-Wert", ist mehr wert als Geld. Man könnte das als eine Art von Währung betrachten, durch deren Austausch man besser in der immer gefährlicher werden Welt von "meat politics" und Digicash überleben kann.

Außer elektronischen "Reprints" von vergriffenen Romanen wie Raymond Federmans "The Voice in the Closet" oder Ronald Sukenicks "OUT" finden sich auf "Alt X" auch Interviews mit so ungefähr jeder/m Autorin, die in der amerikanischen Untergrund- und Avantgarde-Literatur etwas darstellt: Kathy Acker, Bret Easton Ellis, Paul Krassner, Douglas Coupland; wer auf der Site gräbt, findet Beiträge von Matt Fuller, Michael Joyce, David Blair, Steward Home, R.U. Sirius, Terry Southern, dem Critical Art Ensemble, Pat Cadigan, Lev Manovich, Roy Ascott, Alex Galloway und John Perry Barlow. Zum Glück für Traditionsleser können die meisten dieser Texte auch ausgedruckt werden.

Alt-X

Grammatron

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3212/1.html
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