Kunst und Unternehmenswelt - ein gemischtes Doppel
Ein Gespräch über die Funktion von Servern, die Kunst Platz geben
Für einen Teil der Netzgemeinschaft war es ein Schock, daß Ädaweb aus der Umlaufbahn der keine Gewinne erzielenden Projekte von AOL abgeschossen wurde. Die Debatten, die sich darüber auf Mailinglisten entzündeten, sprachen von Autonomie, der Gier von Unternehmen, schwarzmalerischen Erwartungen oder pathetischen Kompromissen. Beinahe keine der Wortmeldungen thematisierte den erweiterten Kontext, nämlich daß die institutionelle Kunstwelt allgemein dabei versagt, mit Netzkunst zu Rande zu kommen. Der Rückzug von Sponsoring durch Wirtschaftsunternehmen ist schließlich etwas, das trivialerweise nicht anders zu erwarten ist. Daß die offizielle Kunstwelt, die zunehmend vom Cyber-Hype ausgeschlossen ist, sich in verdächtiger Weise aus dieser Diskussion raushielt, legt nahe, daß der Wert der produzierten Arbeiten wenig Bezug zu den institutionellen Ansprüchen und Erfahrungen hat.Das Problem dreht sich rund um verschiedene wichtige Löcher in der Unterstützung experimenteller Medienpraxis in den USA.
Erstens gibt es praktisch keine Tradition jener Art von Festivals und Symposien, die in Europa regelmäßig stattfinden und die die Medienkunst am Leben erhalten haben (Die Liste wäre lang und umfaßt, um nur einige zu nennen, Ars Electronica, DEAF, Transmediale, usw.).
Zweitens, eines lange bestehende Unwilligkeit, neu entstehende Medienkunst im schrumpfenden (aber immer noch existierenden) Kontext der alternativen Ausstellungsräume zu situieren (oder zu akzeptieren).
Drittens, die meist unbedachten und naiven Versuche, Medienkunst in die großen Museumshäuser zu integrieren.
Viertens schließlich, die schlecht informierten und meist an der Oberfläche steckenbleibenden Versuche in Formen von Kunstkritik und Künstler-werden-Kurator.
(Anm.: Timothy Druckreys Pandämonium und Absurdität führt einige dieser Punkte weiter aus.)
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Es sollte nicht zu leicht genommen werden, daß die fortlaufenden Missverständnisse über Medienkunst im allgemeinen und das Web im besonderen immer noch diese Art von aufgeheizten, enttäuschenden Debatten provoziert, die derzeit, zum Beispiel, die Eyebeam-Liste füllen. Am Ende schließlich lagern sich all diese Unterscheidungen rund um ein Feld, in dem legitimierte institutionelle Unterstützung unangebracht erscheint und in dem wenig evaluierende oder historische Arbeit gemacht wurde - ebensowenig wie ein durchdachtes Herantreten an das Establishment über den Wert von "net.art" versucht worden ist.
Ädaweb entstand an der Grenze zwischen Kunst und Kommerz. Es verbreitete keine Illusionen über Autonomie (schließlich hatte es eine .com Domain, und nicht .net oder .org). Die kuratorische Position, wie sie durch die Auswahl von Künstlern und Projekten artikuliert wurde, diente dazu den Willen zu unterstreichen, eine vernünftige Plattform anzubieten, auf der das Web als differenziertes Terrain angesprochen werden konnte, in dem Anpassung, Rekonzeptualisierung und Experimente stattfinden konnten, außerhalb jener Frei-für-alle-Atmosphäre, die normalerweise mit Netzkunst gleichgesetzt wird. Auf einem Gebiet, das von Unmittelbarkeit und Veränderung angetrieben wird, erschien Ädaweb eher abgegrenzt als offen. Sicherlich beruhte ein Teil der Reputation darauf, daß es Stabilität repräsentierte. Doch Stablität in der flüchtigen Ästhetik des Webs zu erhalten, oder in der Hit-and-Run Ökonomie des E-Commerce, scheint keine angebrachte Erwartungshaltung zu sein. Netzkunst mag Ströme von Traffic generieren, jedoch keine Einnahmensströme.
Vor einigen Tagen sprach ich mit Benjamin Weil, Kurator von Ädaweb. Anstatt dieses Gespräch als Interview zu präsentieren, fragte ich ihn, ob er nicht einige Gedanken zu dem Thema beitragen wolle.
Benjamin Weil:
Verschiedene Themen müssen hier zur Sprache gebracht werden, doch eines steht ganz oben, wenn es um das Gebiet der "Funktion" geht. Die Netzkunstszene hat sich auf sehr launenhafte Art entwickelt, nicht unähnlich einem Goldrausch - den amerikanischen Mythos des Grenzlandes fortsetzend.
Billige Grundstückspreise (Die Preise für Web-Präsenz sind niedrig und werden auch immer billiger) und die relative Einfachheit, normale Web-Seiten zu programmieren, hat es einer Anzahl von Künstlern ermöglicht, einfach aktiv zu werden und ihre eigenen Arbeiten zu produzieren, ohne daß eine Vermittlung vonnöten war. Ich finde das sehr ermutigend, denn das bedeutet, daß Kunst aktiv an der Entwicklung der neuen Medien und der Online-Kultur teilnimmt, und damit diese Art von Reflexion in einer zentraleren kulturellen Stellung positioniert.
Doch es entsteht die Frage nach dem Kontext. Eine einzelne Künstler-Web-Page hat heute wenig Chance, Aufmerksamkeit zu erlangen. Vor einigen Jahren, als ich mit Ädaweb begonnen habe, lagen die Dinge noch anders. Die Zusammensetzung der Web-Surfer war vielleicht noch anspruchsvoller und verfügte über mehr Wissen als heute. Das Problem der Information und des Managments einer immer mehr ansteigenden Zahl und Spannweite von möglichen Bestimmungsorten hat es für den heutigen Web-ler schwieriger gemacht herauszufinden, wohin man gehen soll. Ich persönlich finde es ziemlich schwierig über neue Projekte auf dem Laufenden zu sein. An dieser Stelle denke ich, kann die Bildung von Syndikaten und die Schaffung von Kooperativen interessante Modelle liefern, um für Kunstwerke einen Kontext zu bilden. Ein Beispiel, das mir hier in den Sinn kommt, ist The Thing von Wolfgang Staehle. Der Umstand, daß Staehle und sein Team Webplatz und technische Unterstützung anbieten, macht The Thing zum Ort der Wahl für viele Künstler, um dort ihre Seiten abzulegen. Das heißt, daß jeder, der diesen Server aufsucht, die Möglichkeit hat, eine große Zahl von Künstlerprojekten auszuchecken. Nach diesem Wirtschaftsmodell allerdings müssen die Künstler über das technische Wissen verfügen, um alles selbst zu machen, oder sie müssen für technische Unterstützung bezahlen.
Das bringt mich zum zweiten Punkt, den ich hier anbringen möchte. Ädaweb wurde als "digitale Gießerei" gegründet. Die Idee war, solchen Künstlern Zugang zu dem neuen Medium zu geben, deren Vorarbeit gezeigt hat, daß ihre Präsenz in dieser Umgebung Sinn macht, die aber mit Computern und Programmierung nicht vertraut waren. Deshalb erschien es sinnvoll, ein Produktionsstudio aufzubauen, das gewisserweise wie eine Druckerei funktionieren würde, wo das Wissen des Künsters in einen Dialog mit den Web-Gestaltern treten würde, welche diese Ideen wiederum weitervermitteln und ins Web tragen würden. Die Idee des Kontext war natürlich sehr wichtig. Nichtsdestotrotz war diese Idee der "digitalen Gießerei" von größter Bedeutung. Da das Web, technisch gesprochen, ein relativ einfaches Medium ist, so ging es darum, den Dialog auszudehnen zwischen jenen Künstlern, die bereits auf eigene Faust begonnen hatten, das Medium zu erforschen und es zum wichtigsten Medium ihres künstlerischen Schaffens zu machen, und jenen, die es als ein weiteres Medium sahen, in Zusammenarbeit mit einem Produktionsteam. Als ich zunächst von Michael Samyn (GroupZ), dann von Jodi.org angesprochen wurde, da wurde mir klar, daß Ädaweb auch zu einer Schnittstelle für diesen Dialog werden könne.
Von Anfang an war Ädaweb auch erdacht worden als ein Ort, der einen neuen Zugang zur Ökonomie der Kunst fördern könne. Da wir ungreifbare und unfertige Kunstwerke produzierten, erschien es auch notwendig, die Beziehung zwischen Kunst und Finanzierung erneut zu überdenken. Während seiner dreieinhalbjährigen Existenz erforschte Ädaweb zahlreiche Wege, auf denen Einnahmen gemacht werden könnten, einschließlich einer Online-Shopping-Erweiterung, die Bücher, Zeitschriften, Videos und kleine Kunstwerke verkaufen würde. Es stellte sich heraus, daß dieser Versuch zu früh kam, da der E-Commerce immer noch in den Kinderschuhen steckte und die Leute nicht gerne online Zahlungsvorgänge abwickelten. Wir dachten auch über Mitgliedschaft nach. Unsere Gefolgschaft sollte gefragt werden, einen minimalen jährlichen Beitrag zu bezahlen, um Projekte zu unterstützen. Das war ebenso problematisch. Es hätte uns entweder dazu gewzungen, die Site zu schließen, was sich, bei meinem Verständnis des Mediums, antithetisch gegenüber der hypermedialen Struktur des Webs verhalten hätte; oder es hätte bedeutet, daß einige freien Zugang erhalten, während andere bezahlen, was impliziterweise bedeutet hätte, zu akzeptieren daß es zwei Klassen von Netizens gibt.
Letzten Sommer schlugen wir den nichtkommerziellen Weg ein, obwohl das bereits auf traditionellere Förderstrategien abzielte, ungeachtet der Tatsache, daß zu der Zeit sehr geringe Fördermöglichkeiten existierten.
So trafen wir schließlich die Wahl, nach einem Weg zu suchen, mit Firmen zusammenzuarbeiten und die Idee der "Inhaltsforschung" aufzubringen. Anstatt Firmen nach dem selben alten "Prestige und guter Bürger" Modell anzubetteln, dachten wir, daß es ihnen begreifbar zu machen wäre, daß für sie mehr herausschauen könne, wenn sie Kunstexperimente mit diesem neuen Medium unterstützen. Einige Softwarefirmen hatten sich bereits an einem solchen Modell interessiert gezeigt. Geht man aber vom gegenwärtigen Zustand der Konfusion aus, der im Bereich der Produktion von Inhalten herrscht, wobei niemand zu wissen scheint, was als nächstes zu tun ist, so zeigte es sich erneut, daß es zu früh für dieses Modell war. Die gegenwärtige Lage der Industrie ist tatsächlich sehr instabil. Unternehmen ändern ihre Strategien schnell und ohne Ankündigung, Einnahmequellen sind immer noch undefiniert, und, als Konsequenz dessen, wird kein Geld investiert, wenn es nicht so aussieht, als würde es einen unmittelbaren Rückfluß an Einnahmen geben. Das ist natürlich grotesk. Kein altes Medium hat jemals neue Produkte mit dieser Erwartungshaltung eingeführt.
Heute zeigt sich das Web als ein sehr amorphes Medium, das den verschiedensten Interessen dient, welche von Dienstleistungen, zu Produktinformation, zu Markennamenstrategien bis hin zu redaktionellen Inhalten reichen. Wie es sich entwickelt zeichnet sich ab, das es als kleinster gemeinsamer Nenner die Form der Transaktion annimmt. Magazine zum Beispiel, scheinen mehr und mehr versucht zu sein, Abonnement-Modelle anzubieten. Das Modell "Gratis-für-alle" könnte sich konsequenterweise als kurzlebig erweisen, was keine echte Überraschung ist. Der Gedanke der hypermedialen Link-Struktur könnte unter diesem Modell allerdings sehr leiden.
Während ich immer noch überzeugt bin, daß es möglich ist, seine eigene Web-Site (und Domain) zu erhalten, so ist es auch klar, daß, wenn sich die Künste online nicht organisieren, sie einmal mehr auf die Seite der Kultur fallen werden und marginalisiert bleiben, und die Möglichkeit, wirklich ein Forum für die Künste zu schaffen, durch das sie wieder eine zentrale Position in der zeitgenössischen Kultur einnehmen, wird unglücklicherweise verlorengegangen sein. Indem das Web immer mehr durchorganisiert wird, läuft die Zeit aus, und solche Initiativen könnten sich bald als ausgesprochen schwierig, wenn nicht unmöglich herausstellen.
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