Signature-Kriege

29.04.1998

Die Bedeutung des -- Zeichens oder: Was soll die ganze Aufregung um die vier Zeilen am Ende eines Usenet-Postings?

In der Geschichte vieler Subkulturen gibt es die Phase, in der Diskussionen so geführt werden, als ginge es um Leben und Tod, wobei die objektive Bedeutung kaum noch jemandem zu vermitteln ist, der ausserhalb dieser Gruppe steht. Dieser Phase ist typischerweise Bedeutungsverlust vorhergegangen, sie kommt, wenn der Zerfall droht. Das Usenet macht da keine Ausnahme.

Wenn das Thema im Usenet, dem weltweiten System der Diskussionsgruppen im Internet, zur Sprache kommt, werden die ganz schweren Geschütze aufgefahren.

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Plötzlich halten erregte Newsgroup-Poster ihre Mitdiskutanten für "Ordnungshüter" und "Blockwarte"; sogar "Usenetfaschismus" wird konstatiert. Die Gegenseite wiederum rotzt mit der killfile-Pumpgun in die Menge, ein Drive-by-Plonk jagt das nächste. Es muß wohl um eine existentielle Gefahr gehen, urteilt man nach der Heftigkeit der Diskussion. Tatsächlich geht es um ein paar Byte mehr oder weniger und um die Zeichenkette "-- ".

Mit anderen Worten: Es geht ums Prinzip.

Signaturen: Fluch aus alten Zeiten.

Formaler Anlaß der Haß-Threads (die im deutschsprachigen Teil des Usenet gerne in de.newusers.questions und de.org.ccc stattfinden) ist die "signature", ein Relikt aus den Frühzeiten des Netzes. Als das Usenet entstand, reichten die in den Headern gegebenen Informationen oft nicht aus, um daraus die E-Mail-Adresse des Autors abzulesen. Fünf Header waren im ersten Usenet-Format "A News" vorgesehen, und aus einem, dem kryptischen Pfad in der Form "cbosgd!mhuxj!mhuxt!eagle!jerry" konnte man mit Glück Namen und Adresse des Senders erraten -- oder auch nicht.

Um sich trotzdem zu behelfen (erst 1983 wurde in RFC850 auch für News-Artikel der bekannte "From:"-Header eingeführt, der die E-Mail-Adresse enthält), kamen die signatures auf, "Unterschriften" unter den Usenet-Artikeln, in denen sich der Autor identifizierte und seine korrekte E-Mail-Adresse nannte. Zum vereinbarten Trennzeichen von eigentlichem Inhalt und signature wurde aus Gründen, zu denen wenig zu erfahren ist, eine separate Zeile mit einer Zeichenfolge aus zwei Bindestrichen und einem Leerzeichen (gefolgt natürlich, die Zeichen sollen in einer eigenen Zeile stehen, von der Markierung für das Zeilenende).

So viel, und nicht mehr, ist unbestritten. Für wen die Abgrenzungsfunktion des "-- " heute noch von welcher Bedeutung ist, ist bereits eine ganz andere Frage (zu der wir noch kommen werden). Doch auch das zweite große Thema ist weitaus weniger eindeutig geklärt oder vereinbart als oft behauptet wird: Es betrifft die Länge der Signaturen.

"Wieso, vier Zeilen", sagen die einen mit dem Brustton der Überzeugung, und wessen signature dieses Limit auch nur um eine Zeile überschreitet, der kann sich auf was gefaßt machen. Doch das kanonische Schrifttum und die Apokryphen sprechen hier tatsächlich mit vielen Zungen.

Married with Children: RFCs und Sohn, Netiquetten, FAQs.

Um in die Diskussion etwas Boden einzuziehen, müssen wir einen kleinen Ausflug zu den Quellen machen, entlang derer sich das Usenet selbst organisiert.

Der verbindliche Standard für das Format von Newsartikeln ist nach wie vor RFC 1036: "Standard for Interchange of USENET Messages", der 1987 den ersten RFC 850 zum selben Thema ablöste. Diese beiden RFCs sind rein technische Spezifikationen, in denen keine Aussagen über Signaturen gemacht werden.

Ein weitergehender Entwurf für einen Nachfolger des RFC 1036 wurde von Henry Spencer 1994 vorgelegt, hat die Standardprozedur aber (noch?) nicht durchlaufen und kursiert deshalb bis heute unter der schnuckeligen Bezeichnung "Son of RFC1036". In dem informellen Gespinst aus Vorschlägen, die das Internet zusammenhalten, ist dieser Text formal auf der am wenigsten verbindlichen Stufe; nichtsdestotrotz hält man sich an viele seiner Bestimmungen.

Im Unterschied zu seinen Eltern-RFCs gibt es hier tatsächlich Aussagen zu signatures. Zu deren Länge konstatiert Son-of-RFC1036:

"Posting agents SHOULD limit the length of signatures, since verbose excess bordering on abuse is common if no restraint is imposed; 4 lines is a common limit."

Einige Übersetzungshilfen: Mit "Posting agent" ist die Newsreader-Software gemeint; das "should" bedeutet nicht etwa "vielleicht -- vielleicht auch nicht", sondern es bezeichnet eine verbindliche Konvention, die nur in sehr genau zu erwägenden Ausnahmesituationen verletzt werden soll.

Freilich ist interessant, daß Son-of-RFC1036 dieses Kriterium an die _Software_, nicht etwa die Benutzer richtet. Ebenso auffällig ist, daß kein wirklicher Grund für diese Beschränkung genannt wird. Und schließlich wird nur gefordert, _daß_ es eine Längenbeschränkung gibt, "vier Zeilen" sei nur ein Richtwert.

Eine weitere Referenz ist natürlich die Netiquette, deren gängigste Version in RFC 1855 niedergelegt ist. Sie empfiehlt ausdrücklich, eine Signatur zu verwenden (obwohl heute eigentlich keine Situation mehr vorstellbar ist, in der sie wirklich unverzichtbar wäre) und bemerkt zu ihrer Länge:

"If you include a signature keep it short. Rule of thumb is no longer than 4 lines. Remember that many people pay for connectivity by the minute, and the longer your message is, the more they pay."

Eine "Faustregel" seien die vier Zeilen also, aus Gründen der Bandbreitenschonung (auch das ein Argument, auf das wir noch zurückkommen werden).

Als apokryphe Quellen existieren die einschlägigen FAQs und Dokumente wie Chuq Von Rospachs berühmter "Primer on How to Work With the Usenet Community", der warnt: "Don't Overdo Signatures", und dann fortfährt:

"A signature that is longer than the message itself is considered to be in bad taste... Some news posters attempt to enforce a 4 line limit on signature files -- an amount that should be more than sufficient to provide a return address and attribution."

Nicht länger als die eigentliche Nachricht, die ja schon manchmal länger als vier Zeilen gerät, und das auch noch als Geschmacksfrage -- auch nicht gerade das, was man eine unumstößliche Konvention nennen würde. Jerry Schwarz' "Answers to Frequently Asked Questions about Usenet", vielleicht die wichtigsten Usenet-FAQ, bemerken:

"Many article-posting programs will restrict the length of the signature... This is not something you should be trying to find a way to defeat; it is there for a reason. If your signature is too long, according to the software, then shorten it. Even if the software does not complain, keep your .signature under four lines as a courtesy to others."

Vier Zeilen als Sachzwang: die Software begrenzt die Länge, und dafür soll es einen Grund geben, der allerdings nicht verraten wird -- aber halten soll man sich dran. Da erzähle nochmal einer was von antiautoritären Netzsitten. Schließlich wären noch Christof Awaters "Häufig gestellte und beantwortete Fragen der Gruppe de.newusers.questions" zu nennen, in denen es heißt:

"Viele Nutzer setzen unter jeden Artikel einen kurzen Spruch, Adressen, einen Link auf die Homepage oder anderes. Diese sogenannten Signaturen sind eigentlich überflüssig. Wenn Du trotzdem eine verwenden willst, dann sollte sie a) nicht länger als 4 Zeilen sein, damit sie den Lesefluß nicht stört."

Zwischenbilanz: Vielleicht die einzige Position, für die man wirklich überzeugend argumentieren kann, ist die, daß signatures ganz überflüssig sind. Die Funktion, die sie einmal hatten, ist obsolet. Während sie unter E-Mails, in den Worten des RFC 1855, als "Visitenkarte" fungieren können (mit Telefonnummer, Adresse oder Firma), ist das im Usenet sinnlos bis unangebracht.

Der Konsens, daß die Länge eine Rolle spielt, ist nicht zu übersehen. Auch hierfür kann man argumentieren, wobei Awaters "Lesefluß" noch am meisten überzeugt. Eine Bandbreitenschonung im Bereich der wenigen Prozente, die die Differenz von vier zu sagen wir sechs Zeilen signature pro Artikel ausmacht, als Argument anzuführen ist dagegen in Zeiten, in denen geschätzte 50 bis 80 Prozent des Usenet-Traffics von Spam und Anti-Spam herrühren, ein bißchen lächerlich.

Den Lesefluß stören oder die Höflichkeit verletzen freilich können auch signatures mit den typischen nervtötenden "lustigen" Zitaten oder mit geschmackloser Ascii-Art, selbst wenn sie unter vier Zeilen bleiben. Die willkürliche formale Schranke kann man allenfalls taktisch begründen, wie der Son-of-RFC1036: Wenn es gar keine gebe, dann würde das zu Exzessen führen.

Obwohl also die Vier-Zeilen-Regel die am wenigsten klar vereinbarte signature-Konvention ist und gleichzeitig die schwächsten Argumente auf ihrer Seite hat, ist sie der Anlaß für die bizarrsten Diskussionsexzesse. Dabei ist es gar nicht untypisch, daß sich die Streithähne selbst an die Regel halten, was dann zu Unter-vier-Zeilen-signatures wie die eines Posters in de.org.ccc führt, der sich über das pingelige Bestehen auf Vier-Zeilen-Signatures mokierte:

--
immer weniger bereit, sich netiquetten-kompatibel gegenüber hausmeistern zu verhalten

Bottom line: Es geht um etwas anderes

Es erscheint lächerlich, daß Leute ernsthaft Adrenalin über diese Frage vergießen. Doch sowenig der Grund für die signature-Kriege der vorgebliche ist, sowenig lassen sie sich einfach mit Hormon- oder Freizeitüberschuß erklären. Eher schon ähneln sie den Saalschlachten linksradikaler Subkulturen über den richtigen Demonstrationsaufruf oder Sezessionen der Kunstavantgarde über die richtige Antwort auf diese Galerie oder jenen Kritiker: Sie sind ein Zeichen dafür, daß ein äußerer Druck herrscht, der so übermächtig erscheint, daß sich die Frustration nur nach innen entladen kann.

Und der Druck auf das Usenet ist allerdings enorm. Die Spam-Fluten, die News-Server technisch beeinträchtigen und die inhaltliche Brauchbarkeit des Usenet bedrohen, ebben nicht ab, was dazu führt, daß immer mehr Arbeit auf den Schutz des Feeds verwendet werden muß. Das bedeutet mehr Kosten für Provider oder mehr Freiwilligenarbeit. Die rechtliche Verantwortung für Usenet-Inhalte ist der große weiße Fleck im deutschen Multimediagesetz, was das Usenet für Provider zur juristischen Zeitbombe macht.

Gleichzeitig führt die Kombination aus dreisten Newbies, die sich mit provozierender Gleichgültigkeit einen Dreck um die Höflichkeitsregeln scheren, und dreisten Softwareautoren, die die gleiche Haltung zu den technischen Standards haben ("MIME? What the fuck is MIME?"), zu unleserlichen Postings und unterbrochenen Diskussionsfäden, die die einst charmante Anarchie des Usenet tendenziell in ein unangenehmes Chaos zu verwandeln drohen.

Diese Abwärtsspirale aus erforderlicher Mehrarbeit für unaufhaltsam erscheinendem Qualitätsverlust (für den es natürlich immer auch Ausnahmen gibt) macht den Druck auf die Usenetcommunity aus, der sich dann in flame wars über so abseitige Themen wie die signature-Länge kurzzeitig entlädt.

Was tun? Keine Ahnung. Vielleicht ein globales killfile einrichten für alle postings, die den Begriff "signature" enthalten. Oder sie hochscoren, denn jedenfalls der Autor kann nicht leugnen, solche Threads gelegentlich unterhaltsam zu finden.

Boris Gröndahl ist freier Autor und erstellt Konzepte in Berlin, sofern er nicht als "Roter Baron von und zu Usenet" sein Unwesen treibt.

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