Hacks

Tilman Baumgärtel 04.06.1998

Vom erweiterten Hackbegriff

Christine Baders Film "Hacks" ist ein lebendiges Bild der europäischen Hackerszene

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Wie sieht das Internet aus? Wenn das Netz der Netze im Kino auftaucht, dann normalerweise in metaphorischen Bildern: die neongrün glänzende "Matrix", abstrakte Computer-Psychedelia und die Cyborg-Simulationen, die aussehen, als seien sie mit Airbrush-Spraydosenfarbe auf einen Motorrad-Tank gesprüht worden. Da, wo die Kamera nicht mehr hinkommt, müssen seltsame, glatte, aseptische Bilder zur Illustration der unsichtbaren Welt "im Netz" herhalten.

"Hacks", ein Film von Christine Bader, erspart dem Zuschauer die bei diesem Sujet normalerweise üblichen Cyber-Comicbildchen. Die Hamburger Künstlerin hat einen Film über die europäische Hackerkultur gedreht, der ohne visuelle Klischees auskommt. In den letzten Monaten war "Hacks" auf zahlreichen Medienkunstfestivals und Hackertreffen zu sehen.

Anders als bei dem Film "Synthetic Pleasures", der 1996 eine filmische Adaption der amerikanischen Netzszene versuchte, verzichtet Bader weitgehend auf Bilder aus dem Computer. Ab und zu hüpft zwar ein kleines Tamagochi-artiges Digitalwesen über die Leinwand, aber im wesentlichen konzentriert sich "Hacks" auf die Leute, die an den Computern sitzten, nicht auf die Computer selbst. Um das Netz zu veranschaulichen, setzt Bader sie in Züge (Eisenbahnnetz!), oder besucht sie in ihrem natürlichen Lebensraum: in unaufgeräumten Büros, vor ihren Rechnern, bei Hackertreffen in ganz Europa oder auch bei der CeBit.

Mit dem Material, das Bader in vier Jahren gesammelt hat, wird ein lebendiges Bild der europäischen Hackerszene gezeichnet. Da ein normales Jahr sieben Internet-Jahren entspricht, wirken einige der Aufnahmen heute schon wie historische Dokumente einer untergegangen Epoche. An die utopischen Schwärmereien von Mitarbeitern der Amsterdamer Digitalen Staad über die technisch vermittelte "Basisdemokratie" bei ihrem Netzprojekt werden einige von ihnen wohl heute nicht mehr gerne erinnert werden. Gerade weil viele der "Cybervisionen" der frühen Jahren heute schon so heillos wirken, ist es gut, daß jemand die inzwischen verflogene Netzeuphorie der frühen 90er festgehalten hat.

Doch Bader geht es in ihrem Film nicht nur um die Traditions-Hackerszene, um den deutschen ChaosComputerClub (CCC), den Bielefelder FoeBuD oder das niederländische XS4ALL-Projekt. Zwar kommen die Protagonisten dieser Szene sämtlich vor: Hackerpäpste wie Rob Gongrjip aus Amsterdam, Wau Holland und diverse andere Mitglieder des CCC oder verschiedene Sprecher von der Digitalen Stadt Amsterdam. Aber thematisch geleitet wird Baders Film von etwas, das man einen "erweiterten Hackbegriff" nennen könnte.

"Ein Hack ist erstmal eine elegante Löstung eines kniffligen Problems", heißt es zu Beginn des Films, und so sucht Bader, statt sich auf die Computerszene zu konzentrieren, auch nach "Hacks", die ohne Rechner auskommen. So erscheint in ihrem Film zum Beispiel der Kanadier Paul Watson, ein ehemaliger Greenpeace- Aktivist, der heute als Ein-Mann-Unternehmen mit seinem Schiff "Sea Shephard" Walfänger rammt, um sie vom Fischen abzuhalten. Watson rühmt sich, daß er mehr Schiffe versenkt hat als die kanadische Navy. Ob das die "elegante Lösung eines kniffeligen Problems" ist, darf bezweifelt werden. Und auch, warum der bramarbasierende Watson ein "kultureller Hacker" sein soll, wird nicht einsichtig. Mit seiner Crew aus männlichen Kids, die Watson Gefolgschaft bis zum Tod versprechen, wirkt das ganze Unternehmen sektenhaft und obskur.

Über solche Widersprüche geht "Hacks" etwas schnell hinweg: der Film ist in einem atemberaubenden Tempo montiert. Nach 73 Minuten Bilder-Bombardement läßt "Hacks" den Zuschauer mit brummendem Schädel zurück. Ein paar Ruhepausen und ein etwas entspannteres Pacing hätten dem Film nicht geschadet. Doch trotzdem: Christine Bader ist mit "Hacks" ein sehenswerter Überblick über ein halbes Jahrzehnt europäischer Hackerkultur gelungen.

"Hacks" ist am 24. Juni im CyberSalon in London und bei dem Festival "Verschaltungskunst" in Kassel, das vom 5. bis zum 28. Juli stattfindet, zu sehen.

"Hacks" (1998) von Christine Bader
Kamera: Ulla Barthold, Bella Halben, Gabi Schwark, Christine Bader
Schnitt: Michael Thaler
Musik und Grafikanimation: Andreas Kunzmann, Jin Choi
Produktion: Choi Film, 73 min, Beta SP

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3242/1.html
Kommentare lesen (2 Beiträge)
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS