Farmers Manual

04.06.1998

Die digitale Boyz Band

Jung sehen sie aus, die Boyz von Farmers Manual. Und reden tun sie auch nicht viel. Doch das ist eigentlich ideal, um eine digitale Boyz Group zu sein. Denn so können sie ihr höchst merkwürdiges "Zeug" machen, ohne viel darüber sagen zu müssen, und Kritiker wie ich haben umsomehr Platz für eigene Interpretationen. Leute wie ich denken sich dann irgendwelche Sachen aus, wie z.B. das mit der digitalen Boyz Group. Was natürlich völlig unzutreffend ist. Denn bei Farmers Manual geht es nicht um Pop und nicht darum, kreischende Teenies zu beeindrucken. Viel eher schon sind sie sowas wie Schönbergs Urenkel: Innovatoren (was für ein scheussliches Wort), die einen Paradigmenwechsel in der Musik vorbereiten helfen.

Aber so prätentiös wollen wir auch wieder nicht sein. Dagegen hätten die Jungs sicher was, ins E-Musik-Lager abgeschoben zu werden. Dazu sind sie dann doch wieder viel zu sehr Pop - wenn wir das flott mit "jung, zeitgenössisch, unprätentiös" gleichsetzen - und innerhalb der Pop-Kultur irgendwo am linken Avantgarde Flügel.

"Digital", nicht "elektronisch" bitte...

Was Farmers Manual interessant macht, ist nicht nur die Unanwendbarkeit der gängigen Labels. Als ich bei einem Treffen in Londons "Electricity Showroom" von "elektronischer Musik" spreche, wachen sie kurz auf und verwehren sich dagegen: Ihre Musik sei "digital", nicht elektronisch. Diesen Unterschied wollen wir von jetzt an immer ganz deutlich als solchen wahrnehmen. War es vor einigen Jahren noch radikal, bei einem Live-Konzert mit einem Flightcase angereist zu kommen, wo sich auf einem Kubikmeter zusammengedrängt Sampler, Sequencer und Effektgeräte befinden, so verzichten sie auf diesen Firlefanz völlig und brauchen nur noch ihre Notebooks aufzuklappen.

Abschied vom Sequencing

Farmers Manual sind die erste (zumindest mir bekannte) Gruppe, die sich vom Sequencing-Paradigma verabschieden. Die gesamte Midi- und Sequencing-Geschichte, die in den letzten 15 Jahren für Takt und Synchronisation bei digitalen Produktionen sorgte, ob House oder Chill-Out Produkte, ist für sie auch bloß Material, Ausgangspunkt vielleicht, aber nicht Methodik und Ende. Sie arbeiten mit einer Software, die ein Programmier-Interface anbietet, das es ihnen ermöglichte, Soundbots zu programmieren, also Programme, die in nicht vorher festgelegter Form (wie autonome intelligente Agenten) Samples verändern und abspielen.

Der Komponist ist dann also so eine Art Trainer seines Soundbots, der diesem beibringt, ungefähr das zu machen, was der Komponist hören will, wobei von vorneherein klar ist, dass der Soundbot auch immer wieder Sachen machen wird, die nicht genau definierbar sind. Damit ist der entscheidende Unterschied zum Sampling-Sequencing-Paradigma zu hören. Viele heutige Produktionen riechen geradezu nach dieser 100-prozentigen Kontrolle, die Musiker über Klänger durch Harddisk-Editing und Sequencing haben. Farmer Manual haben sich davon freigemacht und sind einen Schritt weiter gegangen. Sie hängen es nicht an die große Glocke (also eben nicht "Schönbergs Enkel"), aber sie wissen doch selbstbewußt, daß sie da etwas tun, was nicht so ganz alltäglich ist, auch nicht im Freiraum, den die Chill-Out Lounge bietet.

Sinsuwellen-Massaker

Ihre dritte CD, vor kurzem erschienen unter dem Namen "Explorers_We", spiegelt diese Post-Sequencing Methode im eigenen Aufbau wieder. Sie besteht aus einem einzigen langen Stück von 60 Minuten und 4 Sekunden. Auf diesem Stück sind jedoch 60 Indexpunkte gesetzt, so dass alle, die einen CD-Player mit programmierbarer Abspiel-Reihenfolge besitzen, ihre eigenen Playlists erstellen können. Und das empfiehlt sich auch, um so etwas wie "Konsumierbarkeit" herzustellen. Die ersten Minuten ist fast gar nichts zu hören. Hat man dann, auf der Suche nach dem Klang, die Anlage schön weit aufgedreht, wird man dann plötzlich vom digitalen Störgeräusch überfallen.

"Sinuswellen-Massaker" nannte das einer der Boyz. Und Russell, umtriebiger englischer Vertriebs-Manager der Gruppe, spricht (noch wie in alten "Industrial"-Zeiten) davon, die "Lautsprecher der Leute zu Hause zum Explodieren zu bringen". Das ist natürlich mehr symbolisch gemeint. Aber dennoch gelingt es Farmers Manual auch hier, im Klangbild, so manche Grenze zu überschreiten, und das in Zeiten, wo die Grenzüberschreitung schon längst passé geworden ist, weil alle Störgeräusche, Extreme und Härten schon in den Chill-Out Ambience Raum abgesickert sind, zur Wohnzimmertapete geworden. Wobei "Härte" sicher nicht das richtige Wort ist. Farmers Manual sind sanfte Killer. Sie manipulieren das digitale Störgeräusch, das an der falschen Stelle hängengebliebene Sample, das falsch verpolte Lautsprecherkabel, die invertierten Explosionen, die sich nicht expressionistisch neo-romantisch äussern, sondern introvertiert mit der Fast-Stille vor dem Harddisk-Absturz arbeiten.

Irgendwann in der Mitte der sechzig Minuten wird das Ganze dann doch noch beinahe konsumierbar. Kurze Ansätze von gekonntem (gesampletem?) Sequencing blitzen auf, nur um dann sofort wieder, vom nächsten vom Menschenhand getriggerten Parameterwechsel, ins Chaos gestürzt zu werden, ein Spiel mit Un/ordnungen der Musik. Dieser Freiraum tut gut, ist man doch heute von allzuvielen wohnzimmertauglichen drum & bass und trip hop Kulissen umgeben, die das zeitgenössische "Cool" zum Web-Designer-Chic verbreiten.

Ach ja. Letzteres. Farmers Manual sind, natürlich, schwer verkabelt. Sie gehören zu jenen Glücklichen, die über "Vienna Backbone Service" (siehe dazu TP-Artikel über Vienna Backbone Service) mit Standleitung mit ADSL Modem und 2Mbit gesegnet sind. Diese Top-Anbindung ermöglicht es ihnen, in der Live-Streaming Community aktiv zu sein. Und damit haben sie, zumindest in Wien, einiges losgetreten. Auch das Flex, wichtigster Klub vor Ort, "streamt" heute täglich seine DJ-Sessions.

Ihren eigenen Grafik-Designer haben sie auch. Der lebt zwar nicht in Wien, arbeitet aber "im Sinne der Gruppe". Das CD Innencover bietet, was wohl im Sinne der Gruppe sein dürfte, kaum ein lesbares Wort, sondern digitales Typodesign-Rauschen im Post-Rave-Design.

Das wären also die Ingredienzien einer digitalen Boys-Group: Design und dessen Dekonstruktion, am Netz hängen, Sachen saugen, Sachen streamen, mit Shuffle-Tasten rumspielen, Soundbots züchten, dazu kaum was sagen und die Kritiker ihren Stiefel schreiben lassen. Was hiermit getan sei.

Farmers Manual
Explorers_We
# squish 4
Bar Code 5027803330429
Erhältlich über:
or@touch.demon.co.uk
+44 181 355 9672

Oder über den gut sortierten Musik-Shop in Ihrer Nachbarschaft.

Farmers Manual Homepage

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