Computer- und Videospiele in der DDR

16.06.1998

Aus Pacman wurde Hase und Wolf

Es gab sie tatsächlich, auch wenn nicht einmal alle Bürger der DDR davon wußten: Computer- und Videospiele aus volkseigener Produktion. Versucht man heute etwas darüber zu erfahren, fühlt man sich fast wie ein Archäologe, der mühsam kleine Fundstücke einer untergegangenen Welt zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Zumal es sich bei den DDR-Computerspielen schon zu ihren Lebzeiten um Dinosaurier handelte, die - zumindest unter den Bedingungen des Ökosystems der sog. westlichen Welt - schon längst dem Prozeß der natürlichen Auslese zum Opfer gefallen wären. Und diese raffte auch tatsächlich binnen kürzester Zeit nach Öffnung der Grenzen zwischen den beiden Biotopen fast die gesamte Population dahin. Die letzten Exemplare dieser seltenen Spezies ereilte das selbe Schicksal wie alle ausgestorbenen Arten: Wohlbehütet und konserviert fristen sie ein trauriges Dasein in den Archiven und Glasvitrinen einiger Museen. Ihr genetischer Programmcode wurde mittlerweile auf Disketten archiviert, so daß eine Rekonstruktion zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist.

Vorbei ist die Zeit, als sie sich noch stolz auf Messen, Freizeitheimen, Universitäten und auch Rummelplätzen präsentierten. Mal verursachten sie größere Menschenaufläufe, dann wieder waren sie Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Die Menschen drängten sich danach, sie mit kleinen Alumünzen zu füttern oder ihre Knöpfe zu streicheln. Ja, man gewährte ihnen sogar Eintritt in das Allerheiligste: Selbst im Palast der Republik bereitete man ihnen ein warmes Nest.

Bildschirmspielgerät 01

Nun, wir wissen, wie es nicht nur dieser einst real existierenden Spezies in den letzten Jahren erging. Macht man sich auf die Suche nach Menschen, die uns Auskunft über die Zeit davor geben können, stellt man fest, daß auch diese nur noch schwer aufzutreiben sind. Einiges aber konnte ich finden und davon möchte ich hier erzählen. Die Geschichte der DDR-Videospiele spricht auch Bände über die Unterschiedlichkeit der beiden Systeme bezüglich der Art wie sich Gedanken gemacht wurden, wie heranwachsende Menschen wohl am besten zu guten Bürgern erzogen werden könnten. Das BRD-System war technisch dem DDR-System überlegen. Computer- und Videospiele gab es hier schon seit den frühen 70'er Jahren. In der DDR wurde das erste Videospiel erst 1980 produziert. Es handelte sich dabei um das "BSS 01" (Bildschirmspielgerät 01).

Das legendäre BSS 01

Im Westen war bereits die Zeit von wilden Weltraumschlachten aŽla "Space Invaders" oder "Missile Command" - das Spiel zum Kalten Krieg, in dem die Spieler Städte vor dem atomaren Erstschlag bewahren mußten - angebrochen, als in der DDR mit dem "BSS 01" zum ersten Mal ein weißer Balken auf dem Fernsehbildschirm hoch und runter bewegt werden konnte. Es handelte sich um ein "Pong"- ähnliches Gerät, ein Nachbau jenes Spiels, mit dem 1972 in Kalifornien der Startschuß für eine ganze Industrie gegeben wurde.

Obwohl das Spiel eigentlich für den privaten Gebrauch im Halbleiterwerk in Frankfurt gebaut wurde, kam es wie so manch anderes Produkt kaum in die Läden. Der Preis von 500 DM entsprach fast einem durchschnittlichen Monatsverdienst. Bevorzugt wurde das Gerät an Jugendfreizeit- und Bildungseinrichtungen verkauft und dort für die jugendlichen Besucher offen aufgestellt. Während sich das Medium im Westen über eine Subkultur verbreitete, waren Videospiele im Osten von Anfang an Bestandteil der offiziellen Kultur- und Bildungspolitik. Nebenbei erbrachten sie unausgesprochen auch noch den Beweis, daß die DDR wissenschaftlich, technisch auf der Höhe des Weltniveaus war - ein weiterer Grund, warum man damals eher stolz auf Computer- und Videospiele war.

Im Westen beschritt man genau den entgegengesetzten Weg. 1984 wurde das Jugendschutzgesetz novelliert, u.a. mit der Folge, daß Videospielautomaten nicht mehr an öffentlichen Plätzen aufgestellt werden durften. Die Verbannung in verrauchte Kneipenhinterzimmer verschlecherte das Image der digitalen Freizeitbeschäftigung weiter.

Dem "BSS 01" war kein langes Leben beschieden. Obwohl der Name auf eine mindestens zweistellige Serie hinzuweisen scheint, gab es nach Aussage des damaligen Projektleiters nur noch ein BSS 02 (fast baugleich, technisch verbessert, wahrscheinlich mit Farbe), bevor es der Produktion von Radioweckern weichen mußte.

Freeware am DDR Heimcomputer

Der nächste Entwicklungsschritt vollzog sich 1985. Die DDR stellte ihren ersten selbstproduzierten Heimcomputer KC85-4 vor. Das war gar nicht so einfach - fiel doch selbst ein VC 20 von Comodore bis '89 unter das Exportverbot für Hochtechnologieprodukte (COCOM-Embargo). Es begann eine paradiesische Zeit für alle Computerspieler in der DDR. Fast alle Programme waren Freeware. Meist handelte es sich um Adaptionen berühmter West-Klassiker wie "Ladder" oder "Pac-Man" ("Hase und Wolf"). Doch gab es auch offizielle Spielprogramme. Diese wurden als Spielesammlungen (ca. 4 Spiele) auf Kassetten zum EVP von 38 Mark verkauft.

Bomben, ballern, metzeln...

Auch der KC und seine Nachfolger standen hauptsächlich in Bildungseinrichtungen. Im Rahmen von wissenschaftlichen Konferenzen wie z.B. am 20.10.'88 in Halle ("Computernutzung in der außerunterrichtlichen Tätigkeit") wurden ausführlich die Möglichkeiten auch des Einsatzes von Computerspielen diskutiert. Auf dieser Konferenz kam der Forschungskollektivleiter StR Dozent Dr. sc. paed. G. Hutterer zu dem Ergebnis, daß "Computerspiele objektiv Tendenzen besitzen, die Ideen und Werte des Sozialismus durch die Kinder über Spiel und Romantik aneignen zu lassen." Auch aus dieser Bemerkung kann man entnehmen, daß die Spielereien mit dem Computer in der DDR nicht in der selben Schmuddelecke stattfanden wie im anderen Deutschland - zumindest die Spielereien im eigenen Land.

Daß die kapitalistischen Programme geignet sind, die Heranwachsenden zu schädigen - darüber war man sich mit den Kollegen Pädagogen aus dem anderen Deutschland einig. So erschien noch im Nov. '89 in der Zeitschrift Funkamateur (diese war maßgeblich an der Verbreitung der Computer in der DDR beteiligt) in der regelmäßigen Rubrik Imperialismus ein Artikel mit der Überschrift "Bomben, ballern, metzeln...". In diesem wird die kapitalistische Gewinnsucht gewissenloser Spielefirmen wie Sublogic gegeißelt. Mit gewalttätigen Spielen wie Jet oder Falcon würden auf Kosten der Entwicklung von Jugendlichen "...zig Millionen Dollar" verdient. Allerdings gelangte man zu dieser Ansicht nicht, indem man sich die Spiele anschaute - weder die Soft- noch die Hardware war in der DDR zu haben - sondern man bediente sich aus Ankündigungen in Fachzeitschriften wie Happy Computer. Der Artikel endet - in Anspielung auf eben jene Zeitschrift - mit der skeptischen Frage: "Happy Computer - Glücklicher Computer?"

Der Videospieleautomat Polyplay

Doch die Verantwortlichen der DDR beließen es - wie schon gesehen - nicht nur bei der Kritik, sondern zeigten auch, wie man es besser machen konnte. Die Krönung dieser Bemühungen wurde 1986 vorgestellt: Der Videospieleautomat Polyplay - die einzige Arcademaschine der DDR. Seinen Namen verdankte er seinem Hersteller VEB Polytechnik in Karl Marx Stadt, sowie der Tatsache, daß man aus bis zu acht Spielen auswählen konnte. Darunter waren Klassiker wie Hase und Wolf, Schießbude, Autorennen, Schmetterlingfangen (mit Pitiplatsch) oder ein Spiel, bei dem man sich vom Computer vorgegebene Tonfolgen merken mußte. Die Bemühung war spürbar, nicht ganz so martialisch daherzukommen wie die westlichen Pendants. Auch der Preis eines Spiels lag mit 50 Pfg. deutlich unter dem der kapitalistischen Brüder. Vergeben wurde Polyplay eher an priviligierte Einrichtungen wie z.B. FDGB Freizeitheime. Die größte Spielhalle der DDR dürfte das SEZ (Sport und Erholungszentrum) in Berlin mit 42 Geräten gewesen sein. An guten Tagen wurden dort 5000 Mark umgesetzt. Insgesamt wurden nur ca. 1000 Exemplare produziert. Das Stück kostete um die 35.000 M. Als die Wende kam, wurde die Produktion der einst bestaunten Technikwunder gestoppt. Neben der martialischen Konkurrenz aus dem Westen wirkten sie nunmehr eher wie das kleine häßliche Entchen. Sie wurden verschrottet.

Polyplay, die fröhliche Arcadegamemaschine aus DDR- Produktion

Lediglich eine Handvoll dieser Exemplare überstand die Wiedervereinigung. Dank einer kühnen Rettungsaktion (vielen Dank an Carsten Stein) hat einer dieser Überlebenden bei uns im Computer- und Videospiele-Museum seine vorerst letzte Ruhestätte gefunden. Und siehe da: 10 Jahre nachdem ihn keiner haben wollte, fangen die Menschen wieder an, mit großen Augen davorzustehen. Dankbar und ehrfürchtig ergreifen sie den Joystick - gespannt auf das, was gleich auf dem Bildschirm erscheinen wird. War es einstmals der Reiz des Neuen, der die Spieler fesselte, so ist es heute das Entdecken des Vergangenen, das die Herzen höher schlagen läßt. Blieb den kommunistischen Videospielen aufgrund der politischen Situation zu ihren Lebzeiten auch der große Erfolg verwehrt, so ist ihnen heute ein Ehrenplatz in der Geschichte des weltweiten Siegeszuges der digitalen Unterhaltungsmedien sicher. Denn sie dokumentieren eindringlich, daß der Mensch - egal in welchem System er lebt - wohl nicht anders kann, als mit der ihm zur Verfügung stehenden Technik spielerisch umzugehen. Zum Glück.

Andreas Lange ist Leiter des Computer- und Videospiele Museums in Berlin.

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