Willkommen in der Wirklichkeit
Ein neuer Typ von Veranstaltung greift um sich
Art Servers Unlimited, Mikro_Lounge, Cybersalon, Face2Face
Bis vor kurzem wurde das Internet als die Domäne der Ortlosigkeit - der Immaterialität - betrachtet und dafür gepriesen. Seit einiger Zeit jedoch ist verstärkt ein umgekehrter Trend zu beobachten. Leute, die intensiv in und mit dem Netz arbeiten, verspüren die Notwendigkeit, sich wieder an realen Orten zusammenzusetzen, sich gegenseitig die Atemluft wegzuatmen und die Räume mit ihrem Stimmengewirr und Zigarettenqualm anzufüllen. Dieser Trend ist kein Anti-Trend im Sinne einer Abkehr vom Internet, trägt aber der alten Wahrheit Rechnung, daß der Mensch ein soziales Wesen ist und mit Seinesgleichen besonders gut kann, wenn die volle Bandbreite an Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung steht.Doch bei all dem sozialen Aktionsdrang geht es auch um etwas, das über die reine Zwischenmenschlichkeit hinausgeht, und dieses hat wiederum mit dem Netz der Netze zu tun. Die Rede ist hier nicht von den weltbewegenden Konferenzen und Meilensteine setzenden Festivals, und auch nicht von den diversen Multimediastammtischen, sondern von den etwas seltsamen Zwischenformen, die sich neuerdings etabliert haben.
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Unter bewußter Auslassung von Vorformen und Urzeitpionieren sei hier ein kurzer Abriß davon gegeben, was sich gegenwärtig so anbahnt.
Mikro in Berlin
Berlin, jene Stadt, die lange Zeit geteilt war, und die nun, mit all den Problemen, die damit verbunden sind, plötzlich zur Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands werden soll, tat sich, obwohl es doch unbedingt Dienstleistungsmetropole werden will, bislang ausgesprochen schwer mit den Neuen Medien. Eine gewachsene Eigeninitiative wie die Internationale Stadt ist eingegangen, während andere, wie die Idee, im Prater eine Art Labor für Medienkunst einzurichten, erst gar nie auf die Beine gestellt wurden. Schluß damit, dachte sich eine Gruppe von ca. 12 Leuten (von denen einige den regelmäßigen Lesern dieses Magazins keine Unbekannten sein dürften, wie z.B. Tilman Baumgärtel, Volker Grassmuck, Ulrich Gutmair, Andreas Broeckmann u.a.) und gründete den Verein Mikro e.V.. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, die verstreuten Keime einer Berliner Cyberszene zusammenzuführen. Als Medium dazu dient die "Mikro.Lounge", eine regelmäßig einmal im Monat stattfindende Veranstaltung, die jedesmal ein klar umrissenes Thema, eingeladene Gäste, moderierte Diskussion und Rahmenprogramm (Musik und Video) aufzuwarten hat. Bisheriger Höhepunkt waren die "Netzradiotage" (Telepolis berichtete).
Die nächste Mikro.Lounge (kaum zu glauben, es ist schon die fünfte), trägt den Titel "Geschlecht im Netz" und findet wie immer im WMF, Johannisstr. 20, Berlin-Mitte, statt und zwar genau am Mittwoch dem 1. Juli um 20:00 Uhr. Zum Gespräch eingeladen sind Evelyn Teutsch, Leipzig, Sabeth Buchmann und Katja Diefenbach, Berlin, Cornelia Sollfrank, Hamburg, Heidi Schelhowe, HU Berlin, Instititut für Informatik, Diana McCarty, Budapest/Berlin. Die Moderation besorgen Ellen Nonnenmacher und Vali Djordjevic. Christine Kriegerowski (Video) und Claudia Reinhardt (Foto, Video) sorgen für die visuellen Aspekte, während DJ T-ina Platten auflegen wird. Weitere Informationen www.mikro.org.
Cybersalon in London
London, einst die Hauptstadt eines imposanten Weltreichs, inzwischen aber mehr wie Byzanz in der Schlußphase der Dekadenz (eine Art Stadtstaat ohne adäquates Hinterland oder industrielle Produktionsbasis), verfügt wahrscheinlich über die größte Konzentration an Webdesignern, Spieleprogrammierern, Lingo-Artisten und sonstigen Digital-Kreativ-Spezialisten jenseits von Silicon Alley in New York. Was kommt dabei raus, abgesehen von geschniegelten Web-Sites im Technoparty-Flugzettel-Look, dachten sich Repräsentanten der Zeitschriften Mute und Telepolis, sowie des Hypermedia Research Centre der Westminster University und riefen den Cyber.Salon ins Leben. Bei dieser Veranstaltung, die einmal im Monat an wechselnden Orten stattfindet, geht es vor allem darum, die Diskussion zu fördern. Eingeladene Vortragende (bisher u.a. Richard Barbrook, Armin Medosch, Caroline Basset, Peter Lunenfeld, Korinna Patselis) geben ein Thema vor, über das dann unter reger Beteiligung des Publikums - allesamt Werktätige der digitalen Zunft - diskutiert wird. Die ersten Meetings in Hinterzimmern von Pubs in Soho sollen von einer geradezu vorrevolutionären Intensität (inklusive der zum Schneiden dicken Luft) geprägt gewesen sein, während die Cybersalons im Untergeschoß des Internetcafes "Cyberia" bereits öffentlicheren, d.h. gesetzteren Charakters waren. Im kommenden Cybersalon Nr.8 am Mittwoch dem 29. Juli werden intellektuelle Urherberrechte das Thema sein, sprechen werden Vincent Porter und Mike Holderness. Interessierte können sich hier für die Cybersalon-Announce Mailingliste subskribieren, über die die genauen Veranstaltungsdaten verschickt werden (die Liste dient nur der Ankündigung und nicht der Diskussion).
Art Servers Unlimited (ASU)
Hat die Kunst eine Heimat im Netz? Wer sind die wirklich kreativen Kräfte in den digitalen Umwelten? Solchen Fragen geht die Konferenz "Art Servers Unlimited" nach, die am Freitag dem 4.Juli im "Institute for Contemporary Arts" (ICA) stattfindet. Schon zuvor werden die über 40 Konferenzteilnehmer aus 8 europäischen Ländern in der Internetgalerie Backspace tagen, um dem Tagungsziel näherzukommen, eine kulturpolitische Erklärung zu verfassen. Wieder ein Manifest mehr, unter vielen, die ohnehin niemand liest, oder die zumindest niemanden zum Handeln bewegen? Wer weiß, denn "Unlimited" bringt eine recht explosive Mischung von Leuten zusammen, ob nun die net.art Aktivisten von Ljudmila, die Betreiber von t0, Wien, das Riga E-Lab, das C3-Center, Budapest, oder das Redundant Technology Institute.
Ebenfalls teilnehmen werden eine Reihe englischer Institutionen, die Auftragsarbeiten für Netzkunst vergeben. Die starke Präsenz von Teilnehmern aus einem als Mitteleuropa beschreibbaren Raum ist dem "Festival of Central European Culture" zu verdanken, das anläßlich der Übergabe der EU-Präsidentschaft von Großbritannien an Österreich zustande kam. ASU ist das erste derartige Event, das den kreativen Mißbrauch von Server-Soft- und -Hartware in den Mittelpunkt stellt, und natürlich auch den menschlichen Faktor. "Art" ist dabei weniger alleiniger Gesprächsstoff als vielmehr eine Art Zustandsbeschreibung des inneren Chaos der Beteiligten. Ansonsten geht es um geordnete Dinge wie High-Speed-Netzwerke mit billigen Leitungen, Funkmodems, Radio-Internetgateways, selbstprogrammierte Browser und dergleichen mehr. Weitere Informationen www.yourserver.co.uk/asu.
Face2Face im Forum Stadtpark
"Es mag verwunderlich erscheinen, dass wir an den Anfang der Diskussion über virtuelle Gemeinschaften ein Real Life Event stellen", schreiben Pop~Tarts in ihrem letzten Artikel. Neben ihrer Tätigkeit als Kolumnistin für Telepolis in Pop~Tarts, und neben den vielen anderen Dingen, die Networkerin Kathy Rae Huffman macht, hat sie vor ca. 2 Jahren zusammen mit der Künstlerin Eva Wohlgemut das Projekt "Faces" ins Leben gerufen. Zunächst ging es darum, für an Cyberthemen interessierte Frauen reale Treffen, z.B. bei einem Abendessen zu veranstalten. Als Koordinationsmittel für die internationalen Treffen stellte sich zunehmend die Mailinglist "Faces" als ausgesprochen praktisch heraus. Nun besteht das Anliegen, all die "Faces" wieder einmal "Face2Face" zusammenzubringen. Die Möglichkeit dazu bietet das "Forum Stadtpark" in Graz, Österreich, das vom 6.-11.Juli Gastgeber für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Faces-Teilnehmerinnenliste sein wird. Ebenfalls Pop~Tart Margarete Jahrmann steht Kathy Huffman zur Seite, so daß eigentlich nichts schiefgehen kann. Weitere Informationen thing.at/face/.
"Und es kann die berechtigte Frage gestellt werden, warum die Vermischung von dem, was so schön RealLife heißt, und dem virtuellen Leben notwendig erscheint, um ein Gefühl von funktionierender Gemeinschaft auszubilden", schrieben die Faces Gastgeberinnen weiter in ihrer Einladungsnotiz. Diese Frage gilt für alle anderen hier genannten Veranstaltungen auch. Beantwortet aber kann sie an dieser Stelle nicht werden. Dazu müssen Sie schon selbst vorbeikommen.
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