Koan - Software für selbstgenerative Musik

20.08.1998

Ein Gespräch mit Koan-Erfinder Tim Cole

Während Netzradioprojekte boomen, und der Enthusiasmus über RealAudio, ein one-to-many Modell, seinen Klimax erreicht, wundern sich kritische Geister, worüber eigentlich so viel Lärm gemacht wird. Einer von ihnen ist Tim Cole, Musiker, Mitbegründer und Geschäftsführer von SSEYO Ltd., einer kleinen Firma außerhalb Londons, die für ihre Errungenschaften auf dem Gebiet selbstgenerativer Musiksoftware bekannt wurde.

Letzten Monat unterzeichnete SSEYO - als eine von nur zwei europäischen Firmen - ein Abkommen mit Netscape: das Interactive Koan Music Control Plugin (IKMC) wird nun auf der Netscape SmartUpdate Webseite zum gratis Herunterladen empfohlen. Der IKMC Plugin ermöglicht es, daß Musikstücke dynamisch und in Echtzeit selbst generiert werden, und dabei auch auf die Handlungen des Users reagieren. Während der User von einer Webseite zur anderen geht, morpht IKMC stufenlos die Soundfiles der beiden Webseiten.

Manu Luksch traf Tim Cole im Greyworld Studio in London, um sich mit ihm über die Perspektiven von Audiogebrauch im Internet, über Brian Eno, Cool Britannia, Microsoft und vieles anderes zu unterhalten...

Wann haben Sie begonnen, an der Idee selbstgenerierender Musik zu arbeiten?

Tim Cole: Ich hatte 1986 die Idee, eine Hardwareeinheit zum Spielen eines Hyperinstruments zu schaffen. Ich dachte drei, vier Jahre lang daran und beschloß schließlich das Wirtschaftsdiplom zu machen, um für die Gründung einer Firma zu diesem Zweck die richtigen Leute zu treffen. 1990 gründeten wir SSEYO und begannen, an solch einem Hard- und Softwaresystem zu arbeiten. Das erste Produkt, das SSEYO 1994 herausbrachte war Koan Plus, ein Player, der ‚Koan' Musik aus Koanfiles kreierte. Wir nannten dies damals noch nicht ‚selbstgenerative Musik', da wir noch nicht wußten, was wir da genau geschaffen hatten: Musik in ständiger Veränderung, ohne sich jemals zu wiederholen, dynamisch im Flug kreiert...

Was bedeutet der Name ‚Koan'?

Tim Cole: Koan ist ein Zen Wort, das als ‚Mysterium', oder ‚Rätsel ohne logische Lösung' übersetzt werden kann - denn du weißt nie, was als nächstes passiert, da nichts gleich bleibt, und du mußt teilnehmen und dich in eine Position bringen, die die vorhandenen Möglichkeiten mit dem, was du tun möchtest, in Einklang bringt. Aber wir suchten eigentlich nur nach einem Namen, der interessant klang, die Idee reflektierte und das Gefühl dafür vermittelte, woran wir arbeiteten.

Brian Eno benutzte 1996 Koan Software, um seine Arbeit ‚Generative Music 1' zu schaffen?

Tim Cole: Wir sandten Koan Plus unter anderem auch an Brian Eno, und ein Jahr später begannen wir, mit ihm zu arbeiten. Kurz nachdem wir begonnen hatten zusammenzuarbeiten, brachte SSEYO Koan Pro heraus, die Autorensoftware, deren Betaversion Eno benutzte, um ‚Generative Music 1' zu komponieren - das Werk, das auch den Namen prägte.

Brian Eno CD Cover

Profitierte SSEYO von Enos Bekanntheit, um sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu verschaffen?

Tim Cole: Niemand könnte behaupten, daß wir Eno ausgenützt hätten oder vice versa. Wir taten einfach beide, was uns interessierte. Er war recht froh, mit uns zusammengekommen zu sein und meinte, daß er seit 20 Jahren darauf gewartet hätte, das zu tun, was Koan ihm nun ermöglichte. Und wir waren glücklich darüber, mit ihm zusammen zu arbeiten, denn er war so begabt darin, Soundenvironments zu kreieren. Es war einfach ein glückliches Zusammenkommen.

Die letzte Version der SSEYO Autorensysteme ist Koan Pro 2. Es erlaubt dem Benutzer über 200 musikalische Parameter zu definieren, die die Rahmenbedingungen, innerhalb welcher der Computer die Improvisationen und Variationen generiert, festlegen. Wie kreativ ist der User, und wie kreativ ist die Software selbst?

Tim Cole: Die Frage, was Kreativität bedeutet, ist angesichts des zunehmenden Anteils von Computern am kreativen Prozeß interessant. Die Werkzeuge selbst werden zum intergralen Teil des kreativen Outputs. Jedes Mittel, das man benutzt, beschränkt und erweitert einen auf unterschiedliche Weise gleichzeitig. Wenn das Mittel aber Teil des Outputs wird, ist das eine nächste Stufe. Das ist eine völlig andere Situation, als wenn man Malfarbe oder ähnliches verwendet - hat man sie einmal verwendet, bleibt sie so wie sie ist Teil des Werkes, wird aber nicht zu einem aktiven Teil.

An dieser Stelle schaltet sich Andrew Shoben von Greyworld ein:

"Ich sehe drei Stufen der Kreativität. Stufe 1, wo SSEYO eine Software schreibt, die ein Mittel für selbstgenerative Musik ist, selbst zwar keinen künstlerischen Anspruch hat, aber ein kreativer Akt ist. Die 2. Stufe wäre zum Beispiel Brian Eno, der diese Engine verwendet um seine Musik zu kreieren - er ist Autor auf der zweiten Ebene, ich meine damit nicht, daß er weniger wichtig wäre, sondern bezeichne damit seine Position als unterschiedlicher Autor im Vergleich zu SSEYO. 3. Stufe könnte Herr Meier von nebenan sein, der durch das Einkaufszentrum spaziert, wo die Soundinstallation plaziert ist, und durch sein Dasein, seine Interaktion ein Musikstück produziert. Es war aber Eno, der die Umgebung geschaffen hat, den Garten, den dieser Typ Meier gedeihen läßt, und SSEYO, das das Universum geschaffen hat, in dem der Garten situiert ist.

Die erste Koan Software war ein Offline Werkzeug. Welche Rolle hat das Aufkommen des Internets für SSEYO gespielt?

Tim Cole: Seit 1996 konzentrieren wir uns auf das Internet - zuerst als Kommunikationsmedium, aber dann zunehmend, um ein neues Medum an sich zu erreichen: Man sieht sich einem anderen Empfänger gegenüber. Der Empfänger war früher ein Radio, ein Plattenspieler oder CD Player, im Internet ist es eine Soundkarte und ein Computer.

Es gibt viele Gründe, warum selbstgenerierende Systeme speziell für das Internet geeignet sind. Bandbreite ist da nur ein Thema. Selbstgenerative Dateien sind winzig, weil man sie über die Engine auf der lokalen Harddisk abspielt, die die Musik kreiert, genauso, wie man es mit Grafiken, zum Beispiel mit Bildschirmschonern, handhaben kann. Dateien, die stundenlang spielen können ohne sich zu loopen, sind oft kleiner als 10 kb.

Die Fixierung auf aufgenommenes, ‚vorabgefülltes', one-way Broadcasting ist ein altes Modell geworden. Es wird niemals völlig verschwinden, aber ich glaube, daß es insbesonders im Internet nicht um Broadcasting geht, sondern darum, was Individuen miteinander unternehmen, lernen und teilen können. Selbstgenerative Systeme brechen mit diesem alten Modell, die Sachen müssen nicht mehr wie bei RealAudio fixiert sein. Wenn du deine eigene Musik schreibst, benutzt du RealAudio, damit Leute sie sich anhören. Wenn sie sie aber einmal gehört haben, was sollen sie damit anfangen? Sie haben sie gehört.

Selbstgenerative Systeme erlauben es Leuten eine Erfahrung zu teilen, oder das Material zu verändern, weil sie auf einer Komponentenebene funktionieren, - so wie wir es etwa bei Koan^Oasis machten: Ca 10 oder 12 Künstler trugen unterschiedliche Komponenten zu einem Stück bei, das sich dann auf dem PC des Zuhörers formiert.

Könnten Sie das Koan^Oasis Projekt genauer beschreiben?

Tim Cole: Koan^Oasis ermöglicht es zusammenarbeitenden Komponisten Musik zu kreieren, die in ständiger Veränderung begriffen ist. Die Teilnehmer können immer etwas hinzufügen oder ihren Beitrag verändern. Man benötigt eine leere Webseite, eine Art ‚Container', und eine beliebige Zahl involvierter Künstler. Andrew zum Beispiel, als einer der Künstler, stellt eine Koan Stimme auf seine Webseite und die Container-Webseite linkt dorthin, genauso wie zu den Audiodateien der anderen Künstler. Wenn Sie nun die Containerseite ansehen, werden die Komponenten dieses Musikstücks dynamisch von allen Ecken der Welt auf Ihren Computer heruntergeladen. Während des Herunterladens wird das Kompositestück in Echtzeit bereits kreiert. Sind Sie einer der Beitragenden, könnten Sie Ihren Anteil jederzeit ändern - schließlich befindet er sich auf Ihrer Webseite, und das wiederum würde den Charakter des Stückes änderen, da innerhalb dessen alles zusammengelinkt ist.

Andrew Shoben:

"Man kann es sich wie ein organisches Umfeld vorstellen, wo jeder Künstler seine Saat zur Verfügung stellt und das Stück laßt sie auf unterschiedliche Weise heranwachsen ... es ist wirklich cool. Man muß nicht unbedingt online bleiben, sondern man kann die Containerseite herunterladen und die Musik dann 24 Stunden laufen lassen, ohne daß sie sich dabei wiederholt. Und wenn Sie Ihre Webseite hinlinken, habes Sie den Sound auf Ihrer eigenen Webseite."

(Der Source Code von Koan^Oasis ist als gratis Download auf der SSEYO Webseite verfügbar.)

Screenshot von Koan Pro 2.1

Inwieweit kann der User beeinflussen, was die Engine letztendlich ausführt?

Tim Cole: Dieses Potential haben wir noch lange nicht ausgeschöpft. Da gibt es nun die Engine, für die man weitere Kontrollfunktionen herstellen könnte, mit dem, was wir im Internet zur Verfügung stellen: der Interactive Music Controll. Das erlaubt Ihnen, alle 200 Parameter in Echtzeit zu verändern. Wir könnten sogar das Muster verändern, nachdem gemorpht wird, während eine Webseite herunterlädt, oder was auch immer, aber es benötigt eine Menge Programmierfähigkeit und Zeit, das umzusetzten.

Mit der Zeit wollen wir die Dinge offensichtlich einfacher gestalten. Das öffnet die Türen etwa für Seiten mit Applets, wo mein sein eigenes Zeugs mixen könnte, wenn man die lokale Engine hat, und das Output würde immer nur geringe Bandbreite benötigen.

Allerdings ändert sich auch ständig die Art und Weise, wie man Geld verdient. Verkauft man die Autorensoftware, oder ein Standardpaket, oder Applets, oder die Engine? Geld über das Internet zu verdienen, wird immer komplizierter.

Im Moment geben wir die Plugins gratis her. Wir machen immer wieder eine Übersicht, wie wir den Wert der Engine vergrößern können. Andererseits, würden wir die Engine nicht gratis anbieten, kann niemand hören, was sie kann, und niemand würde wissen, was sie tatsächlich kann. Und es gibt keinen Grund, warum jemand etwas kaufen sollte, das er nicht testen kann. Das ist die Besonderheit am Internet: Sie können etwas herunterladen, es ausprobieren, und wenn Sie es mögen, dann kaufen Sie es. Das ist ein Modell, bei dem Sie beinahe alles gratis hergeben müssen, also ist es sehr risikoreich - wenn es funktioniert, ok, klappt es, aber wenn nicht, dann eben nicht. Um auf diese Weise zu arbeiten, benötigt man eine Menge Ressourcen, um es ordentlich zu tun.

Koan Pro wurde als eines der ‚Millenium' Produkte ausgewählt. Was denken Sie über Cool Britannia und das Millenium Projekt?

Tim Cole: Irgendetwas muß getan werden, um die neuen Technologien zu fördern, bzw. neue Kollaborationen zwischen Künstlern und Technikern - ich glaube das geht Hand in Hand, es wird bloß immer schwieriger, das auszuführen. Kaum eine andere Firma, zumindest nicht in Europa, arbeitet an der Entwicklung einer vergleichbaren Sache, da es dermaßen teuer ist, solch ein Stück Technologie zu entwickeln.

Wenn also die Regierung nichts beitragen kann, woher soll die Unterstützung kommen? Selbst wenn das Millenium nur Marketing ist, ist es großartig, weil - sagen wir, Sie als Solokünstler schaffen etwas. Wie erfährt irgendjemand darüber? Das kostet eine Menge Geld. Das Millenium ist insofern nützlich, weil es uns mehr ins Licht rückt. Wenn kümmert denn schon dieses ganze Cool Britannia Getue? Wenn die Regierung die Neuen Technologien fördern will, indem sie es Cool Britannia nennt, ist das OK. Desto mehr sie beitragen können, umso besser, denn betrachtet man die Resourcen und Geldmengen, die in den Staaten zur Verfügung stehen - zumindest mit Sicherheit im Bereich der Künste und Neuen Technologien - diese umwerfenden Geldbeträge stehen hier nicht zur Verfügung.

Microsoft ist ziemlich mittelamerikanisch, und seine Technologien tragen ihre eigene Kultur. Und gewisse Einflüsse dieser Technologiekultur sickern mit durch, weil sie in allen Lebensbereichen zu finden sind. Die Herausforderung für europäische Kunsttechnologie in dieser unterbudgetierten und -geförderten Umgebung ist, ihre Arbeit zu kommerzialisieren, bevor es die Amerikaner tun.

Wie konkurriert man auf einem globalen Markt? Wir reden hier nicht nur von einem globalen Markt für Technologie, sondern auch für das Teilen einer Gesinnung. Will man erfolgreich sein, hängt das zu einem gewissen Grad davon ab, wieviele Menschen man beeinflussen kann, oder davon, wieviele Menschen davon hören, was man macht - aber wie will man sie erreichen?

Es muß eine strukturelle Unterstützung für die digitale Medien- Industrie geben - ihre Technologien und ihre Inhalte. Europa ist zur Zeit sehr stark auf dem kreativen Gebiet, aber wenn die Pionierleistungen erbringenden Künstler nicht irgendwie unterstützt werden, könnte das Ganze als traurige Geschichte enden.

Wenn Sie also über Cool Britannia sprechen, und ob es etwas bringt - letztendlich ist Überleben schwierig. Ich denke, man muß in jedem möglichen Bereich kreativ sein. Zur Zeit investiere ich meine gesamte Kreativität ins Geschäft, um einen Weg zu finden, zu überleben. Ich würde auch sagen, daß es einige Aspekte bezüglich Kreativität gibt, denen Künstler gegenüberstehen. Wenn wir zum Beispiel über Subversivität sprechen, was bedeutet das heutzutage? Vielleicht ist das subversivste, was ein Künstler heute tun kann, seine Arbeit in eine 20 Milliarden Pfund Firma zu verwandeln.

Wo liegen die Herausforderungen der Zukunft für SSEYO?

Tim Cole: In einigen Wochen wird SSEYO bereit sein, den SSEYO Koan INternet Music Mixer (SKIMM) auf den Markt zu bringen. SKIMM ermöglicht es, selbstgenerative Musik online zu mixen und anzupassen. Diese Entwicklung is wirklich ein aufregender Schritt, und stellt auch die nächste Stufe - nach Koan^Oasis - dar, eine neue Community wachsen zu lassen. Aber auch im Bereich der kollaborativen Prozesse, wie Koan Oasis, kann noch einiges getan werden.

Auch die Verknüpfung von Technologien finde ich besonders spannend, so wie es etwa Greyworld mit dem Mousepad oder dem Soundenvironment ‚The Layer' betreibt, indem sie Koan Technologie mit Sensorentechnologie kombinieren. Das ermöglicht einen sehr taktilen Zugang, Material zu kreieren und man benötigt keine besonderen Fähigkeiten, mit dem Computer zu interagieren, allerdings breichern Fähigkeiten das Output. Auf diese Weise braucht man selbstgenerative Musik nicht zu erklären - man klopft leicht darauf und denkt sich ‚Ach ja, klaro', man begreift auf sehr emotionale Weise, was passiert. Ich denke das ist es, was so interessant daran ist.

Lesen Sie auch den Artikel über Greyworld, eine Künstlergruppe, die Koan für Installationen im öffentlichen Raum einsetzt.

Die Autorensoftware SSEYO KOAN Pro 2.1 ist um DM 420,- via Internet, bzw. um DM 495,- als Versandtgut erhältlich. Die aktuellste Templates-CD ‚KOAN Essentials: Morphing Drum `n' Bass SoundFont Templates' kostet DM 60,-.

Kontakt: SSEYO +44 (0) 1628 629828, koaninfo@sseyo.com

www.sseyo.com

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