Kultur im Zeitalter ihrer 'elektronischen Herausforderung'

Frank Hartmann 06.10.1998

Die EU Konferenz über "Kulturelle Kompetenz" offenbart mehr Konfusion als kulturpolitische Strategien

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Die EU-Konferenz "Kultur als Kompetenz", die vom 1. bis 3. Oktober in Linz stattfand, widmete sich dem Zusammenhang von neuen Technologien und den Veränderungen von kultureller Produktion und Distribution. Eine zentrale Frage dabei ist, welche Aspekte einer Kulturpolitik mit europäischer Dimension sich hier entwickeln. Sie bildete den Versuch, den Policy-makers Kultur auf der Ebene von Beschäftigungspolitik schmackhaft zu machen, um überhaupt Thema zu sein. Vom angestrebten Dialog zwischen Kunst, Industrie und Politik war in Linz aber nichts zu spüren - die kommerziellen Schrittmacher großer Medienunternehmen fehlten gänzlich, Kulturpolitiker waren kaum dabei und die Kommissionsmitglieder ließen sich vertreten.

Für die Umsetzung der politischen Aufgabenstellung des Europarates, in der eine besondere Berücksichtigung der neuen Informationstechnologien verlangt wird, wird nach Konzepten gesucht, die neben dem technologiepolitischen das kulturelle Potential von Innovation hervortreten lassen. Kultur ist schließlich nicht nur etwas, das am Feierabend betrieben wird. Mit all der Emphase auf "Wettbewerbsfähigkeit" als der prominentesten Begriffhülse der Europapolitiker ist der Hinweis angebracht, daß der Kultursektor in der EU wirtschaftlich wie sozial eine bedeutende Rolle spielt und daß zahlreiche Wirtschaftsaktivitäten unmittelbar von Kunst und Kultur abhängen. ("Kultur, Kulturwirtschaft und Beschäftigung" - Arbeitsunterlage der Kommissionsdienststellen, EU Kommission, DG V und DG X, Brüssel, Mai 1998 URL)

Aber er ist eben auch nur billig, da Kultur keinen Wert an sich darstellt, wenn der 'Beschäftigungsfaktor' (Daten zum Beschäftigungspotential des Kultursektors in Deutschland ) bemüht werden muß. Der Verdacht liegt nahe, daß die Politik hier einen Begriff von Kultur forciert, welcher dem industriellen Verwertungsaspekt unterliegt und vielleicht noch die Angestellten von Opernhäusern und Theaterbetrieben umfaßt, dann aber lange nichts mehr.

Georg Franck, Universitätsprofessor (Wien)

Der klassischen Kulturbetrieb funktioniert nach wie vor als der hochleistende mittelständische Sektor in der immateriellen Ökonomie. Wer deren Gesetze nicht verstanden hat, wird den Kulturbetrieb und die Kulturpolitik zumindest dort nicht kompetent beraten, wo es um hohe Qualität geht.

Diesen Einstieg wählte Keynote-Speaker Georg Franck, indem er feststellte, daß Kultur als Thema einer EU-Konferenz gewissermaßen ein Novum darstelle, bei den diskursbeherrschenden Wirtschaftsthemen jedoch ihren Platz durchaus zu Recht beanspruche: Kultur ist eine ökonomischen Kategorie, die Produktion und Distribution von kulturellem "content" eins der führenden Wirtschaftsthemen. Es kommt nur auf den Blickwinkel an, dann wird sogar die kulturelle Binnenperspektive zur ökonomischen, gehört der Kampf um Aufmerksamkeit doch zum Kerngeschäft der Kultur. Aus Sicht der monetären Wertschöpfung wird die "hohe Kultur" gegenüber dem Kommerz freilich zum Problemfeld, da sie nicht mehr wirklich bezahlbar ist. Hier wechsle die Ökonomie, aufgrund einer fehlenden Basistheorie wird die immaterielle Ökonomie der kulturellen Produktion bislang aber nur unzureichend erkannt.

Der immaterielle Gewinn wie Beachtung und Aufmerksamkeit ist aber eine treibende Kraft der postmodernen Gesellschaft. Er ist auch meßbar, und nicht unähnlich dem durch die Steigerung der Wirkungskraft der eingebrachten Energie erzielten Gewinn einer industriellen Produktion. Bereitet es keine Schwierigkeit, dieser Diagnose einer differenten und seit der Antike bestens funktionierenden Ökonomie zu folgen, so irritiert im Ansatz von Franck doch die Bereitschaft, einzig die "Hochkultur" (als Beispiel muß der Komponist Arnold Schönberg dienen) als Problemfeld zu sehen und damit allein die Frage von deren Finanzierung als relevant zu erachten.

Damit ist eine Grundhaltung der Konferenz angesprochen, die sich in manch anderem Beitrag auch weit weniger elegant als dem von Franck gezeigt hat. Der Tenor: schließlich haben wir in Europa ja "Kultur", im Gegensatz zu den Amerikanern etwa, also muß etwas zu deren Erhalt getan werden. Dies kann sich nicht in der viel beschworenen Bewahrung der Traditionsbestände eines Kulturerbes erschöpfen, sondern müßte neu entstehende Kulturformen mit einbeziehen. Das funktioniert aber nicht nur über die Arbeitsplatz-Schiene.

Die Europäischen Kommission konzentriert sich zuerst auf Wirtschaftsinteressen, legt in ihrer längerfristigen Strategie ("Im Mittelpunkt des Wandels stehen der elektronische Handel und die Multimediainhalte" - Agenda 2000 ) aber Wert auf die Entwicklung des geistigen und wirtschaftlichen Kapitals. Sie vergibt dazu Gelder für ganz spezifische Zwecke, ohne Initiativen und Projekte im eigentlichen Sinn zu fördern - es sei denn, sie sind von transnationalem Interesse wie dem der politisch-wirtschaftlichen Kohäsion Europas. Aber hier bauen sich die Widersprüche auf - die neuen Technologien finden noch kaum Berücksichtigung in den Richtlinien, die das geeignete Umfeld für den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen im europäischen Raum gewährleisten sollen. Das betrifft unter anderem die schwierige Frage des Copyrights unter Bedingungen der neuen Medien, bzw. des Urheberrechtsschutzes für die Kreativen. Die Industrieinteressen werden sehr wohl wahrgenommen, und gerade im Bereich der sogenannten "Mehrwertdienste" (EU-Jargon) werden die politischen Weichen gestellt, um Investitionen zu sichern und Gewinne zu ermöglichen.

Die Identifizierung der "Hochkultur" als Problembereich einerseits, die Absicherung der Interessen einer europäischen "Kulturindustrie" andererseits entsprechen einer Ideologie der Wettbewerbsfähigkeit, die eines vergißt: daß es gerade die neuen Technologien sind, die diesen Dualismus hinter sich lassen.

Es war deshalb nur konsequent, mit Medientechnologien beschäftigte Kulturinitiativen und einzelne Künstler in diese Konferenz mit einzubeziehen. Um ein Besipiel herauszugreifen: der Wiener Komponist Karlheinz Essl demonstrierte anhand seiner eigenen Praxis, wie die Bedingungen der Möglichkeit zeitgenössischen kreativen Schaffens sich durch Einsatz der Kommunikationstechnologien grundlegend geändert haben. Womit der von manchen Experten prolongierte Dualismus von hoher und niederer Kultur ganz einfach durch eine andere Praxis ad absurdum geführt wurde. Die neuen Technologien ermöglichen auch kleinen Projekten, jenseits des Imperativs vom Markterfolg ihre eigene Kultur zu realisieren: kulturelle Praxis in elektronischen Netzwerken.

Verschiedene und nach ihren Maßstäben erfolgreich operierende subkulturelle Vernetzungsunternehmen durften sich vorstellen, die - ginge es nach den EU-Positionspapieren zu Kunst und Kultur am Internet - durch strukturpolitische Maßnahmen begünstigt werden sollen. Davon bekommen dieselben meist nicht besonders viel zu spüren, genausowenig wie sich der durchschnittliche Kulturmanager sich dann, wenn es um die Bezahlung von Miete und Lohnkosten darauf hinausreden kann, er wäre eigentlich doch einer Ökonomie der Aufmerksamkeit verpflichtet.

Pit Schultz, Künstler und Netzkritiker (Berlin)

Electronic Cultures sind die Grundlage zahlreicher ergiebiger sozialer oder technischer Innovationen, sie werden benötigt, um eine Sprache zu entwickeln, die über die Programmiersprache oder die im Internet verbreiteten Presseartikel hinausgeht.

Daß die Praktiker elektronischer Netzwerke eine andere Kultur repräsentieren als diejenige, die der Mentalität Brüsseler Bürokraten entspricht, muß kaum näher begründet werden. Der 'Clash of Cultures', den dieser Kulturkongreß wohl beabsichtigt haben mag, fand nicht statt, weil die politischen Entscheidungsträger spärlich vertreten waren und die professoralen Diskurse des Eröffnungspanels eigentlich keine Anschlußmöglichkeit boten. So war man mit den 'best practices'-Modellen einer Klientel alternativer 'digital culture'-Initiativen wieder einmal ziemlich unter sich. Auch beim begleitenden 'ambient lecture surfing' (am Browser: Pit Schultz) gab es wenig Neues zu erfahren: das Website-gestützte Ringen um Plausibilitäten im Kampf gegen 'das System', das Aufspüren neuer Medienstrukturen, die vage Kritik an der Bangemann-Propaganda - all dies wurde schon längst durchexerziert, strategische Vorstellungen fehlten und stattdessen wurde da und dort eine müde Anti-Microsoft-Keule hervorgeholt. Statt die transnationalen Projektpläne, die zum Ausbau der Infrastruktur und zur Erhöhung der Bandbreite angelegt sind, auf ihre Sozialverträglichkeit und tatsächlichen Bedarf jenseits kommerzieller Anwendungen zu analysieren, lacht man mit moralisierend-protestantischen Untertönen die von der Multimedia-Industrie ausgebeutete Sucht nach Bildern aus.

Dies löste denn doch eine kleine emotionale Explosion der selbst aus dem kreativen Bereich kommenden EU-Verwaltungsrätin Nathalie Labourdette aus: statt selbstgefällig an allem herumzukritisieren, möge man doch endlich lernen, seinen Bedarf besser zu artikulieren. Ohne Zynismus sei festzuhalten, daß die EU-Programme nicht zur Rettung vor einer bösen Welt angelegt sind, sondern zur Stärkung der Industrie.

Derrick De Kerckhove (McLuhan Programm für Kultur & Technologie, Toronto)

Gibt es Expert-Centers und Medienlabors, welche die Auswirkungen der neuen Technologien auf die europäische Kultur erforschen?

So weit, so gut. Es gibt einen politischen Auftrag des Europarats, für die Anwendung der neuen Informationstechnologien im europäischen Kontext im Sinne einer Kultur der Vielfalt zu sorgen. An einer entsprechenden Erklärung wird derzeit gearbeitet, die Instrumente der Kulturpolitik sollen darauf abgestimmt werden. Nun wäre eine Kulturpolitik jenseits der gewohnten Klischees zu erwarten, mit denen ewig von der "Herausforderung" der Informationsgesellschaft oder von den "Chancen und Risiken" einer digitalen Revolution die Rede ist. Sie wird sich auch nicht darin erschöpfen, die europäische Kultur anti-amerikanisch zu redefinieren.

Jenseits aller Proklamationen verändern nicht nur die Technologie, sondern die soziale Praxis der mittlerweile zu 'cultural workers' (sprich: Steuerzahler mit atypischen Arbeitsverhältnissen) mutierten Kreativen die Kulturlandschaft. Parallel dazu entsteht unübersehbar eine neue Funktionärsschicht der Kuratoren und Kulturmanager, der Politikexperten und Sonderberater. Die Impulse der Beschäftigungspolitik drohen sich auf deren Interessen zu konzentrieren. Daß die Realität sogenannter Kulturwirtschaftstreibender und die der 'informal knowledge workers' ziemlich auseinanderfallen, demonstrieren Veranstaltungen wie diese. Nicht nur herrschen verschiedene, letztlich unversöhnliche Vorstellungen vom Kulturbegriff, es scheint auch, daß man mit den Strukturdefiziten von Kulturarbeit allseits zu leben gelernt hat. Zu gern wird die romantische Rolle der kleinen Kreativen perpetuiert, die der großen, übermächtigen Organisation wie der EU-Kommission ohnmächtig gegenüberstehen.

Damit müßte eigentlich die Hoffnung begraben werden, daß Kultur anders als ein "Subventionsempfänger" begriffen wird, als ein Luxusgut, das man sich erst einmal leisten können muß. Und auch, daß bei Meta-Institutionen wie die EU ein Interesse an der Kultur jenseits ihrer repräsentativen Funktion für Eliten einerseits, und einer Förderung der Produktionsbedingungen von industrieller Massenkultur andererseits entwickeln. An der Kultur ändert sich dann aber trotz aller Veränderungsrhetorik nichts von dem, was sie jetzt schon ist: ein subventioniertes Residuum der Emanzipationssehnsüchte für die einen, ein als öffentliches Gut geförderter Umsatzfaktor für die anderen.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3287/1.html
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