Überwachung am Arbeitsplatz bedroht Gesundheit

Ashley Benigno 06.04.1999

Ein Bericht des Instituts für die Rechte der Angestellten in Großbritannien verbindet Streß und Krankheit mit dem vermehrten Einsatz von Überwachungstechnologien am Arbeitsplatz.

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Ein neuer Bericht zum Thema Überwachung und Privatsphäre am Arbeitsplatz, herausgegeben vom britischen Institut für die Rechte der Arbeitnehmer, behauptet, daß der zunehmend weitverbreitete Gebrauch von Technologien zur Beobachtung von Arbeitnehmern deren psychische und physische Gesundheit beeinträchtigt. Intensive Telephon- und Videoüberwachung, das Abfangen von E-mails und die Kontrolle von Internetzugängen, sowie ständige Updates der Leistungsberichte können von simpler Unzufriedenheit zu Streß und Depressionen führen, ebenso wie zu zahlreichen physischen Problemen wie RSI (repetitive strain injuries) und chronischen Kopfschmerzen.

"Die Angestellten waren jeder Zeit zu sehen und wurden ständig aus einer Kombination von höhergestelltem Aufseher, moderner Computer-Technologie und Büro-Innenraumgestaltung beobachtet, all das unterstützt durch Leistungszulagen, einem gewisser Grad an Selbstmotivation und einer Rhetorik der Bevormundung um ein anhaltend hohes Leistungsniveau zu garantieren. Im Vergleich dazu wirkt ein viktorianischer Aufseher geradezu lasch."

Die Angestellten, die Michael Ford, der Autor des Berichts beschreibt, gehören zu einem der Datenverarbeitungs-Arbeitplätze der British Telecom. Die Typistinnen, (engl. Data Processing Officers, kurz DPOs), sitzen in einer langen Reihe, an deren Ende Aufseher (sogenannte SDPOs) sitzen, die ihre Arbeit kontrollieren, die wiederum durch einen sogenannten HCO beobachtet werden, der wiederum dem HEO einen Bericht erstattet........was sich wie ein unverhohlener "Tribut an Kafka" anhört.

Innerhalb dieses dichten hierarchischen Systems wird von den DPOs erwartet, daß sie innerhalb des ersten Jahres ihrer Anstellung eine Anschlaggeschwindigkeit von durchschnittlich mindestens 10.000 Anschlägen pro Stunde schaffen, wobei sie zu höheren Geschwindigkeiten ermutigt und mit höheren Gehaltsgruppen belohnt werden. Zum Beispiel wird eine DPO mit einer gleichbleibenden Rate von 11.500 Anschlägen pro Stunde in die Gehaltsklasse II eingestuft, während diejenigen, die über die 13.000er Marke kommen, zur Gehaltsklasse I gehören.

Die Leistung der DPOs wird ständig aufgezeichnet und sie selbst oder ihre Vorgesetzten können jederzeit auf die Daten zugreifen. Wöchentliche Kontrollen werden durchgeführt und wenn die aufgezeichnete Leistung unter dem Bezahlungslevel liegt, folgt eine Besprechung und ein Protokoll zur Untersuchung der Gründe. Des weiteren wird jeder DPO, zusätzlich zu den obligatorischen Pausen, eine "verlorene Zeit" von 2,5 Stunden pro Woche zugestanden. Während dieser Zeit dürfen die DPOs die Toilette aufsuchen, Rauchen oder sich mit jemandem unterhalten. Darüber hinaus zählt jede weitere "verlorene Zeit" als "verlorene Anschläge", die auf den stündlichen Durchschnitt einen negativen Effekt haben. Wenn man sich diese Arbeitsbedingungen vor Augen hält, verwundert es einen kaum, daß viele DPOs unter RSI (chronische Leiden von Muskeln, Sehnen und Nervensystem in Folge von Schreibtischarbeit) leiden, ebenso wie unter Vertrauensverlust und einem chronischen Gefühl von Unsicherheit.

Geschichte der Überwachung

Überwachung am Arbeitsplatz ist nichts Neues. Seit der Zeit der Sklavenhaltung, als Aufseher noch Peitschen trugen, wurden immer schon Kontrollmechanismen über die Arbeiterschaft verhängt, egal zu welcher Form sich die Arbeitsteilung entwickelt hat. Während dieses Jahrhunderts haben wir miterlebt, wie durch die Einführung des Taylorismus und wegen des Kults der Rationalisierung viele Jobs auf einfache Aufgaben reduziert wurden, um sicherzugehen, daß die Arbeiter den Bedürfnissen des Unternehmens gerecht werden. Heute spricht man davon, daß wir im Zeitalter des Post-Taylorismus leben würden und daß zeitgemäße Management Praktiken die Motivation und Partizipation der Arbeiter unterstützen würden. Fraglich ist, ob das wirklich stattfindet oder ob das Gegenteil der eigentliche Trend ist, mit Arbeitern, die das, was sie an individueller und gemeinsamer Autonomie gewonnen haben, wieder verlieren?

Gemäß dem Autor des Berichtes ist die Überwachung von Angestellten mittlerweile "stärker verbreitet, konstanter und intensiver und" - und hier ist die Position weniger klar - "geheimer" als jemals zuvor.

"Die niedrigeren Kosten für die relevanten Techniken, insbesondere der Gebrauch von Computern, haben die vielen wirtschaftlichen Hindernisse einer Dauerüberwachung beiseite geräumt."

Bei den weniger hochqualifizierten Jobs können und werden Computer dazu genutzt, um die individuelle Anzahl der Anschläge, die Zeit die, jemand fern seiner Tastatur verbringt, die Qualität der verrichteten Arbeit und die Geschwindigkeit in der sie ausgeführt wird, zu beobachten. Unter den höher qualifizierten Arbeitern, wo Netzwerksysteme in Benutzung sind, können sich Arbeitgeber unbemerkt Zugang zu den E-mails ihrer Angestellten verschaffen und es gibt Fälle, bei denen Leute entlassen wurden, weil sie unpassendes Material aus dem Internet herunter geladen haben.

Überwachung ist jedoch nicht nur auf Call Center oder andere IT-gesteuerte Sektoren begrenzt, sondern hat sich in verschiedener Gestalt auf alle Bereiche ausgeweitet. Nachforschungen zu bestimmten physischen, psychischen oder kulturellen Eigenschaften werden mehr und mehr zur Regel, während bereits Alkohol- und Drogentests vom Militär auf viele Bereiche der Industrie ausgeweitet wurden. Psychometrische Tests, oft von dubioser Qualität, werden wie der Gebrauch von Videoüberwachung zur Norm.

Es stimmt, daß es Fälle gibt, in denen die oben genannten Maßnahmen notwendig und tatsächlich wünschenswert sind, zum Beispiel dann, wenn es um Gesundheit und Sicherheit geht. Diejenigen, die bei ihrer Arbeit sehr nah mit der Bevölkerung in Berührung kommen (z.B. Angestellte im Transportwesen) werden eine Überwachung per Video höchstwahrscheinlich begrüssen, wenn dadurch die Möglichkeiten für tätliche Übergriffe reduziert werden. Das gleiche würden jene Krankenschwestern wohl kaum sagen, die vom Videoüberwachungspersonal beobachtet wurden, während sie in der Umkleidekabine des Krankenhauses täglich ihre Kleidung wechselten.

Der gegenwärtige Schutz und zukünftige Aussichten

Was hier, über das einzelne Beispiel hinaus auf dem Spiel steht, ist das Recht auf Privatsphäre und das Recht auf Unabhängigkeit. Denkt man an das Abhören von Telephonaten, geheime Dossiers, das Erstellen von Bewegungsprofilen und Verhaltensmustern, so stellen wir innerlich schnell Verbindungen zu den Schlapphüten im Stile von CIA und KGB her. Entfesseltes Überwachen mit allen technologischen Mitteln wird aber heute viel öfter von Unternehmen gegen ihre eigenen Arbeitnehmer in Anwendung gebracht, und hierbei ist der gesetzliche Schutz im Vereinigten Königreich minimal.

Anstatt von einem "code of conduct" (Verhaltensregeln nach freiwilliger Selbstverpflichtung der Industrie) könnte man eher von einem "code of misconduct" sprechen. Derzeit bietet das britische Recht nur wenig Schutz gegen die am häufigsten auftretenden Formen des Angriffs auf die Privatsphäre am Arbeitsplatz. Viele Formen der Überwachung sind nicht an wirkungsvolle rechtliche Bestimmungen gebunden. Nach der Meinung von Michael Ford könnte der "Data Protection Act" von 1998 und, noch wichtiger, die Europäische Konvention für Menschenrechte - und insbesondere das Recht auf Privatsphäre, das in Artikel acht enthalten ist und im britischen "Human Rights Act 1998" übernommen wurde - helfen, neue, legale Hilfsmittel aufzubauen, die dieser Eskalation der Überwachung entgegenwirken. Ford ist jedoch der Meinung, daß die Gesetzgebung alleine den Trend nicht aufhalten kann und fordert kollektives Handeln und gemeinsame Formen der Regulierung als zusätzliche Maßnahmen.

Überlegt man sich, daß man nach der Einführung von Stechuhren und Zeitkonten in Fabriken nun zum Gebrauch von "aktiven Dienstmarken" mit Infrarot-Sendern übergegangen ist, die eine ständige Überwachung der Angestellten ermöglichen, berücksichtigt man die erst kürzlich begonnene Nutzung der Hand- und Retinamuster, um den Zugang der Angestellten zu bestimmten Bereichen zu kontrollieren, bezieht man die drohende Einführung von genetischen Tests mit ein (die dazu führen könnten, daß bestimmte Individuen von einer Anstellung ausgeschlossen werden, weil zukünftige gesundheitliche oder anderweitige Probleme erkannt wurden), und stellt man die gesundheitlichen Probleme, die durch solche Überwachungstechniken verursacht werden in Rechnung, dann ist es wohl an der Zeit, das Thema Privatsphäre und Überwachung am Arbeitsplatz auf Platz eins der sozialen und politischen Tagesordnung zu bringen, damit verhindert wird, daß totalitäre Trends in der Welt der Arbeit weiter Fuß fassen.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3359/1.html
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