Kunstpreis an Linux
Ist das die endgültige Bankrotterklärung der Kunst gegenüber der Technik?
Vergangenen Freitag kündigte das österreichische Festival Ars Electronica die Gewinner des diesjährigen Prix Ars Electronica an. Für manche überraschend kam, daß der Gewinner in der Kategorie .net das Betriebssystem Linux war (noch dazu personifiziert durch Linus Torvald allein und nicht etwa die Linux-Programmierergemeinde). Konsequent setzt die Ars Electronica ihren Weg fort, den Teil des Namens, für den "Ars" stehen soll, aus Programm und Preisvergabe zu eliminieren.Die sogenannte Medienkunst, vor allem im kontinentaleuropäischen Raum, hat eigentlich immer schon einen sehr strukturalistischen Diskurs geführt. Damit gemeint ist, daß Eigenschaften wie "Interaktivität" und Fragestellungen wie die nach dem "idealen Interface" höher bewertet wurden als das, was man konventionellerweise als "Inhalt" bezeichnen würde. Damit schuf sich die Medienkunst ihr Gegenstück zu bestimmten Formen von Konzeptkunst. Anders gesagt: Um an Festivals wie der Ars Electronica teilzunehmen oder gar einen Prix Ars Electronica zu gewinnen, ist es günstiger, sich auf möglichst abstrakter Ebene an Diskurse über Interaktivität anzuschliessen, als tatsächliche Aussagen über die Welt zu treffen, denn letzteren haftet ein Stigma der Minderwertigkeit an. "Aussagen" oder "Botschaften" können ja beliebig oder willkürlich sein, sie sind nicht wissenschaftlich genug und schon gar nicht technologisch. Zeitgemässer sei es, so eine weit verbreitete Annahme, sich mit den zugrundeliegenden Systemen zu beschäftigen, den "magischen Kanälen" McLuhans oder den Kittlerschen Aufschreibesystemen, denn diese seien es ja, welche die "radikalen gesellschaftlichen Umbrüche" verursachen, denen Festivals wie die Ars Electronica ihre Existenz verdanken.
Inwiefern der Prix Ars Electronica in seiner Kategorie .net diese Hypothesen inkorporiert hatte, zeigte sich in den vergangenen Jahren durch die zweimalige Verleihung des begehrten Preises an die Gruppe Knowbotic Research. Ihre "Kunst" ist zwar bereits so aussagelos wie ein abstrahierter und computeranimierter Stadtplan ohne Beschriftungen, aber dafür mit allen trendgerechten Diskurselementen vollgepackt und grafisch hübsch aufgemacht. Mit der Verleihung des Prix geht man aber noch ein Stück weiter und betrachtet sich dafür sicherlich als ausgesprochen "modern". Während Knowbotic zumindest noch von einem "Kunstwollen" getragen ist, auch wenn man den künstlerischen Wert solcher "Installationen" ernsthaft in Frage stellen sollte, haben die Programmierer von Linux sicherlich nichts derartiges im Sinn gehabt.
Nun ist es allerdings nicht schwer, diesen Schritt als "progressiv" darzustellen. Die Juroren erklären ihre Enscheidung damit, daß die Kategorie .net nicht dafür da sei, die schönste oder interessanteste Homepage zu ehren...es gehe auch darum, eine Diskussion darüber auszulösen, daß der Programm-Quelltext selbst Kunst sein könne. Das heißt, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn sicherlich sollen "schöne" oder "interessante" WWW-Seiten nicht das ultimative Ziel netzgestützter Kunst sein. Und sicherlich kann eine Diskussion darüber, ob Quelltext "auch" Kunst sein kann, interessante Aspekte aufwerfen. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es wird der Eindruck erweckt, als gäbe es nichts zwischen "schönen" Homepages und der rein technischen Programmierleistung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich die Jury einen elementaren Versager geleistet und der sicherlich Aufmerksamkeit erzeugenden, "sensationellen" Entscheidung den Vorzug darüber gegeben hat, nach diesem Zwischenraum zu suchen, in dem sich die eigentlich interessante Netzkunst ereignet. Und das ist schlicht denkfaul und sensationsheischend zugleich.
Sicherlich ist damit nicht das Ende der Computerkunst gekommen, aber es zeigt die Sackgasse auf, in die sich der Technologie-und-Kunst-Sektor in den letzen Jahren zunehmend manövriert hat. Mit der Fixiertheit auf die strukturellen und technisch-systemischen Elemente von Interaktion hat man sich erfolgreich aus der analogen Kunstwelt herausgelöst. Sah es vor einigen Jahren noch so aus, als könne dieses Schisma zwischen Kunst-Kunst und Medienkunst noch überwunden werden, so hat sich der Hang zum Technikdeterminismus in den Ghettos der Medienkunst neuerdings wieder verstärkt, wie mit der Preisverleihung an Linux eindrucksvoll bewiesen wurde.
Das doppelte Unglück daran ist, daß damit das Kunstfeld einer technikignoranten Galeriekunstszene überlassen wird, die gerade erstmal beginnt, Monitore und Projektionen schick zu finden, ohne von den subtileren Seiten der Medienkunst, die es auch gegeben hat und gibt, jemals etwas mitbekommen zu haben. Was sich gesellschaftlich als "Kunst" definiert, was in Galerien verkauft und in Museen gespeichert wird, wird weiterhin von dieser Szene definiert werden. Die Jury der Ars Electronica hat mit dem Kniefall vor dem Nerdtum in künstlerischer Hinsicht das Handtuch geworfen und eine Mauer um ihr Technikkunst-Ghetto gezogen, indem sie fortan im eigenen Saft schmoren darf und den Sponsoren aus der Industrie ihre sozialen Legitimationen abliefern muss.
Für weitere Informationen zu Preisträgern und Juroren verweisen wir auf die Prixars Web-site.
http://www.heise.de/tp/artikel/3/3380/1.html- Linux für ALDI! (9.6.1999 16:31)
- ALDI-Distribution? (9.6.1999 14:43)
- ars bauingenieur (8.6.1999 10:21)
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