Paris - la ville cybernétique: Retour vers le futur

Elektronische Kultur in Paris: ihre Orte, Pragmatik, Theorie und Kommunikation.

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Paris befindet sich in einer ernsten Phase von Cybermanie. Wer durch die Straßen des 11. Arrondissements spaziert, stößt früher oder später auf kleine Space Invaders, die ein anonymer Künstler aus kleinen bunten Mosaiksteinen zu einer augenzwinkernden Intervention des visuellen Stadtraums zusammengesetzt hat. Hat man die Pixeltierchen einmal bemerkt, scheinen diese freundlichen Invasoren des Aufmerksamkeitshorizonts überall zu sein - an Galeriefassaden, Plattenläden, Straßenecken, unscheinbaren Mauern und auf altehrwürdigen Denkmälern.

Die Intervention im öffentlichen Raum ist einer der in Paris seltenen Wege, Räume symbolisch zu besetzen oder konkret zu öffnen. Paris ist die Stadt, in der Mieten luxuriös sind und in der sich die Kultur zuallererst als offiziöser Raum versteht, der von oben organisiert wird. Das gilt für Kunst wie für Diskotheken gleichermaßen. Hi-Tech, Cyberspace und Professionalität sind die Stichworte, die junge PariserInnen mit auf den Weg bekommen. In den letzten Monaten und Jahren haben sich diverse Gruppen aber allen Widerständen zum Trotz auf den langen Weg zu eigenen Projekten in eigenen Räumen gemacht.

Die kybernetische Stadt und ihre Cyber-Organe

Cyberemploi, Arbeitsuche via Terminal

"Cyber" ist in Paris inzwischen zu einem Signifikanten für Modernität geworden, der auch das banalste Unternehmen mit dem gewissen Glamour versorgt, wie etwa im Fall der Filialen des Pariser Arbeitsamtes, die ihre grellen "Cyberemploi"-Logos in die Straßen senden. Die Cyberemplois halten Terminals bereit, auf denen man nach Jobangeboten suchen kann. Währenddessen versorgen die Kioske die Stadt regelmäßig mit Neuigkeiten aus der Cyberwelt.

Neben dem Klassiker Technikart gibt es in Paris mittlerweile eine weitere Publikation, die sich unterhalb des Mainstreams im Dreieck zwischen Pop, Kunst und neuer Technologie bewegt: Das spektakuläre Zentralorgan der Auseinandersetzung mit neuen Medien, digitaler Kunst, Design und elektronischer Musik ist das 1998 erstmals erschienene Printmagazin Crash, deren Herausgeber bereits seit längerem erfolgreich die Kunstzeitschrift Blocnotes publizieren. Während Blocnotes eng entlang der Themen der internationalen Kunstwelt operiert, führt Crash als Lifestylemagazin einer "génération numerique" den Slogan "cybermusicstylesocieté" im Untertitel.

Die Idee der kybernetischen Stadt hat in Paris eine lange Tradition. Nicolas Schöffers Schriften "La ville cybernétique" und "La nouvelle Charte de la ville" aus den frühen 70er Jahren entwarfen die Idee der programmierten Stadt, die die Trennung zwischen natürlicher und künstlicher Topologie überwinden sollte. Die erste Ausgabe von Crash widmete sich, wie die "Programmations"-Ausgabe der Blocnotes, der Frage, was die Ideen Schöffers unter den Bedingungen einer digital verfaßten Ökonomie bedeuten könnten. Für Frank Perrin, neben Armelle Leturcq Herausgeber von Crash, wird gleich der ganze Planet zur Festplatte, die Informationen sammelt und bis zum eventuellen Gebrauch aufbewahrt. Es ist vor allem der technologisch bedingte Abbau von Hierarchien, der den Beifall Perrins findet. Das wiederum ist kein Wunder in einem Land, in dem alle über starre Strukturen und undurchlässige Hierarchien klagen, wenn es um Kultur von unten geht. Die Rede vom Cyberspace, dem "le cyber", hat dabei in Paris mittlerweile überall sichtbare Gestalt angenommen.

"Wie verzaubert ist auf einmal alles 'cyber' geworden", schrieb Perrin programmatisch in der ersten Ausgabe von Crash:

"Cyberdrinks, Parfums, Cyberpizzas, sogar Cyber Boygroups deuten an, daß eine Gegenkultur zum Motiv einer vorherrschenden Ideologie geworden ist. Mehr noch als der Hippie oder der Punk zu einer von Marketing unvermeidbar recycelten Differenz wurden, scheint sich nun dieser Begriff dahin auszuweiten, bis er in die globalen Veränderungen von Technologie und Kultur einverleibt worden ist. Wir haben also nun Cyber-Kollegen, sogar meine Großmutter ist cyber, und die Zahlen und Buchstaben warten alle auf ihre kybernetische Verwandlung.'Cyber' ist kool, und mehr als eine bloße Tendenz ist es vom Globalisierungsmotor zum größten Marketingargument des Planeten geworden."

In der technophilen Tradition von WIRED begrüßt Crash also jedes neue Gadget freudig bis euphorisch, sei es der Computer zum Umschnallen oder Sonys Roboterhund, der kein anderes Bedürfnis kennt, als für dich dazusein. Unter der Oberfläche extrem schicken Endneunzigerdesigns dürfen neben dem Internet auch Techno und DJ-Culture natürlich nicht fehlen, etwa die Proklamation des DJs zum 'hyper artiste'. Crash erklärte daher in der ersten Ausgabe noch einmal prinzipiell, was es mit Techno so auf sich hat: Die hier formulierte Idee des 'clash digital' konnte sich tatsächlich erst vor zwei Jahren als ein auch im kulturellen Mainstream anerkanntes Modell endgültig durchsetzen - in dem Moment nämlich, als die Pariser Techno Parade in der Nachfolge des Gay Pride zwischen 100.000 und 200.000 Zuschauer zählte.

Dies geschah nicht zuletzt dank der unermüdlichen Lobbyarbeit des Ex-Kulturministers Jack Lang, der 1997 in der Libération der kulturell eher konservativ orientierten Intelligenzia erklärt hatte, daß französischer Techno international zwar etwas hinterherhinke, aber nicht weniger als das Erbe der drei Pierres angetreten habe, nämlich Pierre Henrys, Pierre Schaeffers und Pierre Boulez', den Pionieren der elektronischen und elektro-akustischen Musik. Lang ersetzte das Stichwort Drogenmißbrauch, das den Diskurs über Techno bis dahin dominiert hatte, durch Interdisziplinarität, Kreativität, Universalität. Das Desinteresse der Technogeneration an Konstruktionen wie Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung machten Techno für Lang zum Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts, während die internationalen Erfolge von Daft Punk und Laurent Garnier den Standortfaktor Frankreichs als Produzenten von Kultur auch in der Zukunft sicherten.

"Radio muß ganz einfach 24 Stunden täglich auch im Netz zu hören sein".

Jean-Yves Leloup, Chefredakteur von Radio FG

Aus der Sicht des Musikjournalisten Jean-Yves Leloup hat Jack Lang seine Arbeit gut gemacht, Ihm habe man es zu verdanken, daß das Organisieren von Parties heute etwas einfacher geworden sei. Leloup hatte einige Zeit als Chef des Technomagazins Coda gearbeitet, schrieb parallel als Musikredakteur für Crash und wurde vor wenigen Monaten zum Chefredakteur des Pariser Radio FG berufen, das ein junges, urbanes Publikum erreicht.

Die Station versucht, ihre Hörerschaft über den Großraum Paris hinaus zu erweitern und UKW mit anderen Formen des Sendens zu kombinieren. Inzwischen ist das Programm in 200 französischen Städten, sowie über Kabel und über Astra europaweit zu empfangen. Über das französisch-belgische Internetprojekt Nirvanet streamt Radio FG schließlich live an ein internationales Publikum.

Das Internet spielt in den Serviceprogrammen von Radio FG eine große Rolle, weil es sich spezifisch an eine Generation richtet, für die das Netz und die digitalen Werkzeuge gerade zu einer Selbstverständlichkeit werden, glaubt Leloup:

Es geht uns nicht um eine 'Cyberkultur'. Es geht vielmehr um die wichtigsten Werkzeuge unserer Generation - die Kids, die jetzt anfangen Musik zu machen, indem sie auf ganz einfache Weise ihren Computer benutzen, oder sich im Internet umsehen. Die meisten unserer Hörer nutzen das Netz oder lernen gerade, es zu nutzen. Deswegen richten wir den Fokus nicht auf den Hype um 'Cyberculture'. Das sind alles natürliche Werkzeuge für uns: Radio zum Beispiel muß ganz einfach 24 Stunden täglich auch im Netz zu hören sein.

Interview mit Jean-Yves Leloup

Radio FG hat eine erstaunliche Karriere vom schwulen Spartensender in den 80ern zur Technostation für die neue Generation hinter sich. FG pumpt täglich ein überraschend stringentes Programm durch den Äther und läßt sich noch nicht einmal vormittags davon abhalten, Clubmusik zu spielen. Man setzt auf ein eigenes Format und auf die Erkenntnis, daß House und Techno in Paris noch lange nicht ihre Potentiale ausgeschöpft haben, auch wenn elektronische Musik aus Frankreich inzwischen international wieder einen lange nicht gekannten Stellenwert genießt.

Le French Touch

Die neuen elektronischen Waren der Grande Nation verkaufen sich also unter dem Label Le French Touch international weitaus besser als zuhause. Ob dies ein Problem eines fehlenden staatlichen Protektionismus ist, oder vielmehr das Problem einer fehlenden Infrastruktur an Aktivisten und kleinen Clubs, ist eine andere Frage. Obwohl die Stadt mit F-Communications, Source Records, Disques Solid, Pro-Zac Tracks, Versatile und anderen über ein funktionierendes Netz an kleinen, innovativen Plattenfirmen verfügt, gibt es kaum Räume, in denen sich diese Kultur vor Ort repräsentieren kann.

Der schwimmende Club

Eine Ausnahme von der Regel macht seit neuestem [batofar]. Der Club wurde vor kurzem auf einem in die Seine geschleppten, schottischen Boot eröffnet, das früher als schwimmender Leuchtturm fungierte. Das Konzepts des Clubs ist es, der Pariser Popkultur Ideen von außen zu injizieren. Den Anfang machte im Februar ein Berlinprogramm, unter anderem kamen die Minimaltechno-Pioniere des ChainReaction-Labels in die Stadt, was selbst von den Feuilletons als guter Grund angesehen wurde, sich mit Techno einmal en detail zu beschäftigten. Auch Jocelyne Auzende, die das Booking der Musikprogramme besorgt, vertritt die Auffassung, daß Kultur in Frankreich vornehmlich von oben nach unten diffundiert. Auch wenn sich die Motivation der Macher aus einer Punk-Ethik zu speisen scheint, die jahrelang in der Pariser Hausbesetzer-Szene überwintert hat, profitieren auch sie von dieser Struktur: [batofar] erhält als wertvolles Kulturprojekt Subventionen.

Das nomadisierende Büro

büro.-Event #9, an den Plattenspielern "port radium".

Für die Welt elektronischer Musik abseits von House und Disco und neben Plattenläden wie Wave, Bimbo Tower oder Odd Size schreibt vor allem das 6-köpfige Kollektiv "büro." als nomadisierende Institution aktiv an der Geschichte experimenteller Elektronik in Paris mit. An immer neuen Veranstaltungsorten mietet sich die Gruppe ein, um in einer gezielten Mischung aus eingeladenen Elektronikacts und Videoinstallationen ein wachsendes und aufmerkames Publikum anzuziehen. Hervorgegangen ist büro. dabei aus dem Platten- und Veranstaltungsladen É.P.É.

büro. besteht aus Lionel Fernandez, Sylvie Astié, Isabelle Piechaczyk und mir. Zwei des 6-köpfigen büro-Personals sind heute nicht hier, Denis Chevalier und Olivier Morel. Bevor wir büro. machten, organisierten Lionel, Isabelle und ich das É.P.É.

Als das É.P.É schließen mußte, wollten wir aber weiterhin Events mit elektronischer Musik in Paris organisieren. Also veranstalteten wir einen Sub Rosa Abend. Kurz darauf starteten wir dann büro. mit einem Konzert mit Jim O'Rourke, Fennesz und Peter Rehberg, später dann mit Farmers Manual. Die Idee war von Beginn an, Musik, Video, Filme und Installationen miteinander zu verknüpfen. Weil dies niemand anderes in Paris machte, beschlossen wir, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das geschah wohl genau zur richtigen Zeit und alles ergänzte sich auf beste

Ich führe den Plattenladen "Wave", Sylvie gestaltet die Flyer, und wir annoncieren über das Netz.

Nicht zuletzt die Tatsache, daß büro. mit eigener Mailingliste und progressiver Flyerpolitik arbeitet, verschafft ihnen in Paris den Ruf, die verschiedenen Szenen zu bündeln und synergetische Effekte herzustellen. Produzenten aus visueller und akustischer Elektronik, aus der analogen und digitalen Welt, treffen bei den unregelmäßigen büro.-Events zusammen, um jenseits des French Touch weiter ins Experimentelle einzutauchen.

Es gibt da tatsächlich eine Verschmelzung des Publikums, von beiden Seiten her.

Das ist für uns in Paris ein recht neues Phänomen. Früher ging man getrennte Wege. Das Publikum, das zu unseren Events kommt, ist zum großen Teil an bildender Kunst interessiert und nähert sich darüber der Musik an.

Es kommen viele Leute aus dem künstlerischen Bereich hierher, die mit Computern bewußt arbeiten und zuvor nicht wussten, daß Musiker ähnlich mit Computern, CD Roms oder dem Internet umgehen wie sie.

Interview mit büro.

Auch die Leute von büro. wurden dabei ursprünglich von dem Bedürfnis getrieben, Musik vor die Haustür zu bringen, die im Paris der teuren Housediscos ansonsten keinen Ort findet.

Die lokalen Elektronikproduzenten versorgen umgekehrt vor allem den Restkontinent, Großbritannien und die USA mit einem speziellen Flavour, der sich vor allem durch seinen Hang zum Eklektizismus auszeichnet. Für Marc Teissier von Source Records ist die Vorherrschaft von Sampling als musikalische Technik weniger die Folge billiger Technologie als vielmehr das Ergebnis einer bourgeoisen Kultur, in der die Kids über genügend Geld verfügten, um kulturelles Kapital in Form von Kinofilmen und Schallplatten anzuhäufen:

Ich liebe Zitate. Es ist vermutlich offensichtlich und nicht der Rede wert - aber das ist symptomatisch für unsere Zeit. Seit zehn, fünfzehn Jahren passiert das in der Kunst - wenn es nicht schon immer so war. Für meine Generation jedenfalls habe ich dieses Phänomen vor vielleicht 15 Jahren festgestellt.

Interview mit Marc Teissier du Cros

Zurück in die Zukunft! - scheint die ironische Botschaft zu sein, die in Paris in einem endlosen Loop wiederholt wird und eine unersättliche Freude an B-Movies, Discokitsch und generell allen irgendwie abseitigen Kulturprodukten von 1968 - 78 zu haben scheint. Im Gegensatz zu den Retro-Pixeln auf den Mauern von Paris ist der Boom französischer Musik aber kaum zu überhören, auch wenn er dank MTV, dem netten Mentor, vor allem im Wohnzimmer stattfindet, und eben nicht auf der Straße. Das nächste große Ding dürfte Alex Gophers im August erscheinendes Album "You my baby & I" (Solid/V2) sein, das House, Techno, Ambient und P-Funk zu einer Melange fusioniert, die weder vor billigen Sprachgeneratoren, noch vor Schweinerockgitarren zurückschreckt und im Club wie auf der Couch gehört werden kann. Es versteht sich angesichts des neuerworbenen Ansehens französischer Musik fast von selbst, daß da unter anderem auch echte P-Funker bei Gopher mitspielen. Als einer der Gründer von Solid gehört Gopher zur Generation, die das French-Touch-Wunder möglich machte.

In der Zwischenzeit sitzt schon eine neue Generation in der zweiten Reihe, die sich nicht nur auf die ansonsten dominierende Disco und House Tradition, sondern auch auf die alte französische Affinität zu Rock stützt. "Source Rocks" (Source/Virgin), eine gerade erschienene Kompilation des Source-Labels, wartet mit einer Batterie von Projekten auf, die vor allem semi-elektronisch arbeiten und größtenteils auch live auftreten können. Nicht von ungefähr ziert also ein Miniaturschlagzeug aus Pappe das Cover. Neben Bosco und Cosmo Vitelli treten hier die brandneuen Phoenix auf, die mit traditionellem Equipment einen Discohit einspielten. Source hatte mit den drei 'Source Lab' Kompilationen den neuen Sound of Paris entscheidend mitbeeinflußt, und versucht so einen Neustart für die Zeit nach dem French Touch.

Während Source Rocks mit den "kleinen Brüdern von Air" (so Marc Teissier du Cros) die Idee der Band wiederentdeckt, arbeitet Stéphane Malca relativ unbemerkt mit Musikern zusammen, die als Malca Familiy zu den Pionieren französischen Funks zählten. Inzwischen hat Malca in den Pariser Clubs House entdeckt und kombiniert das Zusammenspiel von diversen Musikern und Vokalisten mit dem Einsatz elektronischen Equipments zu einer adäquaten zeitgenössischen Form von Soul. Wenn Malca auf seiner letzten CD "Next to you" (Pro-Zak/Polygram) über den Superhighway redet, dann meint er nicht die Cyberwelt des digitalen Paris, sondern den Weg in eine bessere Welt der Väter und Mütter von 1968.

Die programmierte Stadt

Wenn es um Kultur geht, ist Paris in manchen Teilen tatsächlich bereits die programmierte Stadt Schöffers. Gleichzeitig spiegeln sich in den futuristischen Entwürfen, etwa der neuen Metro "Meteor", Anleihen an die Zukunft von gestern: Augenscheinlich hervorstechend ist so der Topos der Utopie wie des Retro gleichermaßen. Stellt man sich etwa vor den sprichwörtlichen Eiffelturm, fällt sofort die riesige Leuchtanzeige ins Auge, die die verbleibenden Tage bis zum Jahr 2000 anzeigt. Jene war, in anderer Form, seit den 80er Jahren noch vor dem Centre Pompidou installiert. Heute scheint man sich darauf besonnen zu haben, daß der Eiffelturm ein größeres Fin-de-Siècle-Heilsversprechen einlösen wird.

Ebenso rückgreifend etwa stellte sich im letzten Jahr die Ausstellung "C'était l'an 2000. Paris des utopies" im Hôtel de Ville dar, die radikale und soziokybernetische Urbanismusmodelle aus den Jahren 1860-1960 nachskizzierte. Vorgreifend hingegen arbeitet der Künstler Jean-Marc Philippe. Sein Mikrosatellit "Kéo" soll, mit allen verfügbaren Informationen der heutigen Menschheit ausgestattet, im Jahr 2001 auf eine Umlaufbahn um die Erde geschossen werden, um genau 50.000 Jahre später als Flaschenpost wieder auf ihr zu landen - Retour vers le futur.

Kunst abseits großer Institutionen

Doch auch jenseits vom "cyber" und "retro" der großen Institutionen und jungen Medienunternehmer gibt es Raum für künstlerische Projekte und kulturelle Projektionen, die Analoges und Digitales mit einem "Sozialen" verbinden. Durch am elektronischen Kulturbegriff arbeitende Projekte und Künstler entstanden so in den letzten Monaten Orte und Räume, die eine techno-kulturelle Reflektion erlauben.

In der elektronischen Kunst führen so auch manche Wege vorbei an eher gut situierten Orten wie der Galerie Jousse Seguin, dem Internetcafe "Webbar" mit seinen Ausstellungen und Streamings, oder der "Virtual Gallery", einer kuratierten Website der Fondation Cartier. Stattdessen werden immer häufiger Räume eröffnet, die zwischen Produzentengalerie, Performanceraum und Workspace die Verknüpfung von Öffentlichkeit und Arbeit erproben - Produktionsgemeinschaften wie Access Local gehören hierzu, oder Kunsträume wie Glassbox und public.

Das Glashaus im dekonstruktivistischen Neubau

Glassbox

Ähnlich wie büro. als Kollektiv organisiert, aber als Produzentengalerie vor allem mit visueller Kunst befaßt, vertritt der Projektraum Glassbox in der lebhaften Rue Oberkampf einen gemischten Kunstbegriff zwischen Video, Technologie, Sound, Installation und Photographie:

Glassbox wird ausschließlich von Künstlern verwaltet. Es ist vielleicht der erste Raum seiner Art in Paris, und keine kommerzielle Galerie, sondern ein Ort, wo wir Kunst lediglich "zeigen".

Die erste Frage, die bei einem Raum wie Glassbox mit regelmäßigem Programm und in bester Lage im Untergeschoß eines dekonstruktivistisches Neubaus auftauchen muß, zielt auf die Ökonomie. Selbstausbeutung und minimalistischer Lebensentwurf nimmt man hier zugunsten der Arbeit im Kollektiv auf sich - und nutzt gleichzeitig die Gelegenheit, durch eigene Ausstellungen in den eigenen Räumen an der eigenen Karriere zu basteln.

Ab und zu arbeiten wir auch zusammen außerhalb der Glassbox, aber doch noch in einem Glassbox-Kontext. Dabei fällt manchmal Geld ab, das wir an Glassbox zurückleiten, hauptsächlich zugunsten der Auslagen. Irgendwie trägt sich das selbst. Manchmal verkauft auch jemand von uns eine Arbeit, andere arbeiten in einer Galerie oder als Art Consultant.

Ich finde es sowieso interessanter, verschiedene Tätigkeiten zu selben Zeit auszuüben.

...wovon am Ende des Tages oft aber nicht viel übrigbleibt...

Interview mit Glassbox

Public

Genau dies ist ein Problem, das in den meisten anderen Städten auch bekannt ist, in Paris jedoch besonders zu Buche schlägt. Auch der Verein "public" aus dem 3. Arrondissement kennt ökonomische Engpässe: Public ist eine noch recht junge Gruppe mit einem Raum in zentraler Lage, der neben kurzfristigen Ausstellungen, Performances oder Konzerten auch als Arbeitsbasis dient. public steht in seinem Ansatz, trotz größtenteils fehlender Finanzierung, programmatisch zwischen Galerie, Aktionsraum und Institution, und darf dank einer personellen Anbindung ans Centre Pompidou und Mietfreiheit auf eine halbwegs gesicherte Teilzeitzukunft hoffen:

Bei public sind wir zu siebt. 3 von uns sind Künstler, von den 4 anderen kommen 2 vom Graphikdesign und der elektronischen Musik. Lili Kim ist Kuratorin, Laetitia Rouiller kuratiert Videoprogramme. Wir haben unseren Raum Anfang Januar eröffnet, ganz in der Nähe des Centre Pompidou, im Zentrum von Paris. Unsere Idee war, den Raum als eine Art Labor zu öffnen, wo wir neue Ansätze entwickeln, um künstlerische Produktion zu zeigen. Ein anderer, sehr wichtiger Punkt, ist der Mix verschiedener künstlerischer Praktiken wie Videoinstallationen, Performances, Theater, Soundperformances, Bildender Kunst usw., entweder gleichzeitig oder in Reihe. Was auch sehr wichtig ist, ist, daß wir sehr kurze Programme laufen haben

Wir möchten damit Geschwindigkeit und eine hohe Dichte herstellen. So öffnen wir z.B. jedes Wochenende mit etwas anderem.

Interview mit public

Die temporäre Infozone

Jens Gebhard, Initiator der "Infozone"

Einen ähnlichen Arbeits- und Aktionscharakter wie bei public installierte der Stuttgarter Jens Gebhart für 3 Wintermonate mit der temporären "infozone". Die infozone, ein 15 Quadratmeter großer, weiß gekachelter Raum im Marais, verstand sich als temporäres Medien-, Kunst- und Netzlabor und wurde von Gebhart als täglicher explorativer Space für Ereignisse aller Art zwischen Performance, Bar, Diskurs, Lesung, Ausstellung, Soundevent usw. konzipiert. Durch Internetpräsenz und Mailinglistenpolitik wurde das Projekt in kürzester Zeit zum Anlaufpunkt verschiedenster Ideen, sowie französischer wie internationaler Gäste:

Ich arbeite seit 2 Jahren in Paris vor Ort, weil ich ein Aufbaustudium an der dortigen Kunstakademie mache - was sich vom Ort her nicht wesentlich von den anderen europäischen Akademien unterscheidet. In den letzten zwei Jahren habe ich im verstärkt im Netz gearbeitet - das waren Projekte, die sehr viel mit Dokumentation zu tun haben, die viel über Texte, Bilder, einzelne Orte dokumentiert haben. Ich war ein bißchen unzufrieden mit dieser Situation, weil ich gemerkt habe, daß dabei nicht viel an Feedback kommt, nicht viel an Prozessen, an Entwicklungen über netzspezifische Projekte. Paris ist eine Stadt, die komischerweise, obwohl sie riesig ist und viel zu bieten hat, doch in ein kulturelles Abseits gedrängt wurde. Es ist zwar wichtig und man fährt da hin, aber man fragt sich immer wieder

welche Orte gibt es da und was passiert und wer macht da was? Persönlich habe ich das fast als Vakuum erlebt; kulturell muß man dabei lange suchen, um sich da wohl zu fühlen oder das zu finden, was man sucht. Die Idee war dann sehr einfach

Wenn man sich von einem, etwa Berliner, Londoner oder Amsterdamer Standpunkt aus fragt, wo in Paris das Internet verblieben ist, wird man leichtfertig auf die These kommen, daß das Minitel als internationaler Kommunikationsstopper den Fluß der Daten in einer frankophonen Parallelwelt einbehält. Tatsächlich ist aber das zögerliche Zueinanderkommen im Virtuellen auch eine beiderseitige Frage dessen, wie und wo man sich mit Content und Struktur im Netz positioniert:

Das Minitel hat damit gar nichts zu tun, technisch kann man eindeutig sagen, daß Frankreich kein unterentwickeltes Land ist, im Gegenteil

Multimedia ist ein Wort, das man an jeder Ecke hört, und das sehr stark unterstützt wird. Aber alternative Formen, oder Formen, die sich nicht so schnell vereinnahmen lassen, oder nicht ganz klar faßbar sind, gibt es so gut wie gar nicht. Das kann man ganz klar so formulieren. Und wenn man etwas findet, dann ist es nicht in Paris. (...) Ich bin aber dennoch positiv gestimmt, weil ich sehe, daß in der Region etwas stattfindet, und das halte ich für wesentlich interessanter.

Interview mit Jens Gebhart

Von der Peripherie ins Zentrum

Frederic Madre, "Pleine-peau"

Diese Bewegung kann aber auch umgekehrt erfolgen - aus der Peripherie ins Zentrum: Frédéric Madre etwa hat lange genug in der Region um Paris gewohnt, um nun ein Appartement im 12. bezogen zu haben. Mit seinen Internetprojekten wendet er die etwas vorschnelle These, wonach Paris ein netzkulturelles Vakuum sei, ins Gegenteil. Dennoch: Als Madre, Pariser Ex-WIRED Kolumnist und Herausgeber der Internetsite Pleine-peau sowie Administrator der Mailingliste Oktober vor knapp zwei Jahren in einem Interview auf den Fehlstand französischer Schreiber auf den Mailinglisten dieser Welt angesprochen wurde, konnte er das nur mit einem unsicheren Gefühl französischer Internauten gegenüber der englischen Sprache begründen: "They feel ostracised to the point of threat"

Madre hat sich mit seinem Net-zine Pleine-Peau mittlerweile den selbstangemahnten Platz zwischen net.art und Contentproviding verdient. Die dort von ihm und anderen produzierten Grafiken und Texte scheinen eine eigene ästhetische Sprache zu sprechen. Gibt es also doch so etwas wie einen French Touch in der Netzkunst?

Ich kenne nicht viele Leute in Frankreich, die sich in net.art versuchen. Es gibt eine Site, die ich sehr mag, d2b, aber ich sehe nichts typisch Französisches, weder in dem, was dort gemacht wird, noch in dem, was wir mit Pleine-Peau machen. Nein, ich glaube, es gibt da keinen French Touch, was auch damit zusammenhängt, daß Frankreich in Sachen Internet etwas zurück ist. Es gab einige Sites, die vor ein paar Monaten entstanden sind, aber das war es dann auch. Und was gerade diskutiert wird, sind Themen, die in den USA schon vor 2 oder 4 Jahren aktuell waren. Kürzlich gab es beispielsweise den Fall einer französischen Site, die vom Netz genommen werden mußte. Der Provider war in Konflikt mit dem Gesetz geraten, weil irgendjemand auf einer Site Nacktbilder von Prominenten veröffentlicht hatte. Aber dies sind alles Themen, die in den USA schon längst diskutiert wurden. Die französische Debatte über die Verteidigung von Free Speech im Internet trägt mich zurück in die Vergangenheit, deswegen bin ich hier nicht sonderlich daran interessiert. Außerdem sehe ich Free Speech als ein amerikanisches Thema, nicht als ein französisches. Ich habe ein großes Unbehagen dabei, wenn Leute diese Diskussion in einer Weise adaptieren, als könnten sie nur bei McDonalds über Free Speech reden...

Daß die von Madre behauptete Abwesenheit von net.art in Frankreich übrignens nicht ganz den Tatsachen entspricht, beweist etwa ein Blick auf die Website von x-99, einem Event, das im März 99 organsiert wurde. Dennoch ist es, neben der, insbesondere frankreichintern genutzten Kunstmailingliste olala, vor allem die von Madre initiierte, international frequentierte Liste Oktober, die den Kunstdiskurs im Netz durch Pariser Charme berührt:

Urspünglich startete die Liste mit dem Topic "Diskussion über zeitgenössische Kunst", womit aber keine theoretischen Debatten gemeint waren. Vielmehr ist es so gedacht

Man geht zu einer Ausstellung und schreibt dann darüber, was man möchte. Das ist auch der Grund, warum das einzige verbotene Thema die Frage "Was ist Kunst?" ist. Dies ist nämlich die langweiligste Frage, die man stellen kann, wobei es gleichzeitig diejenige ist, die die Leute am meisten in Rage bringt. Früher einmal war ich auf einer Mailingliste namens "Photoart" eingeschrieben; dort wurde alle zwei Monate die Frage gestelt "Was ist Kunst?" In den anderen Monaten wurde gefragt "Was ist Photographie?"... Die Rolle des Administrators macht bei allem Spaß, weil man merkwürdige Dinge mitbekommt, und man irgendwie auch eine Machtposition zugeschrieben bekommt. Da gibt es Leute, die mich auffordern, andere Leute am Äußern bestimmter Meinungen zu hindern - aber genau das mache ich natürlich nicht. Schließlich geht es darum, daß man ja sagen kann, was man will - ausgenommen der Beantwortung der Frage, was Kunst ist, natürlich...

Interview mit Frédéric Madre

Daß es neben dem von Madre erwähnten Tabu, nicht nach der Definition von Kunst zu fragen, auf Oktober auch verboten ist, irgendetwas zu besprechen, das vor 1917 stattgefunden hat, weist darauf hin, daß die Internetrevolution in Frankreich endlich doch stattfindet...

Avancer vers le futur. Exit Loop.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3393/1.html
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Zwischen Heimarbeit und Live-Performance

Interview mit Lionel Fernandez, Sylvie Astié, Isabelle Piechaczyk und Erik Minkkinen von "büro."

Globaler Techno mit französischem Flair

Interview mit Jean-Yves Leloup, Chefredakteur von Radio FG

Ich liebe Zitate

Interview mit Marc Teissier du Cros, A&R Manager bei Source Records.

Das öffentliche Labor

Interview mit Lili Kim, Boris Achour, Benjamin LeBois, Sandra Carigliano und François Nougvies von "public".

Was ich gefunden habe, ist nicht in Paris

Interview mit Jens Gebhart, Organisator der "infozone".

Netzkunst französisch buchstabiert

Interview mit Frédéric Madre, Herausgeber des Net-zines Pleine-Peau

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Interview mit Gemma Shedden, Stefan Nikolaev, Sandie Tourle und Eric Frost Tabuchi von "Glassbox"

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