Mark Amerika

Amerika Online #12

Mark Amerika 14.07.1999

Verschleierungspraktiken: Das Kunstwerk als öffentliches Angebot

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1. Als jemand, der sich stark am Internet beteiligt, prüfe ich stets die "Wirtschaftlichkeit" meines Alltags, indem ich den Computer einschalte und ihn mit interaktiver Performance, ökonomischem Tausch, emotionalem Dialog, individuellem Suchen, was auch immer beschäftige. Wie geht es ihm heute, frage ich mich, als ich das Wort verbinden anklicke, um zu sehen, ob die Welt (der Markt) immer noch von ihrer (seiner) eigenen metafiktionalen Energie erfüllt ist. Wenn dem so ist, wenn mir das Netz zur Verfügung steht, dann stehe auch ich ihm zur Verfügung, und ich kann mich wieder wie ein Mensch fühlen. Das ist eine wirtschaftliche Zweckheirat. Bis zum Tode scheide ich mich.

2. Ich liebe das Betiteln. Manchmal hat ein Kunstwerk einen Titel, der den hohen Preis wert ist, den jemand dafür zahlen will. Hat ein Kunstwerk - sei es materiell oder digital - einen schlechten Titel, so interessiert es mich nicht. Der vorläufige Titel für diese Cyborg-Performance, diese theoretische These, diese psycho-akustische Übertragung (tun Sie so, als könnten Sie mich sprechen hören), diese hyperrhetorische Serie von Gesten lautet:

Verschleierungspraktiken: Das Kunstwerk als öffentliches Angebot

3. Nun ja, das ist der Default-Titel. Der Titel könnte ebenso lauten:

Die ursächliche Übereinstimmung von Wörtern und digitalen Objekten: Auf der Suche nach der perfekten Sprache

oder

Der Kampf gegen die Zeit: Bit für Bit in der Ökologie der Neuen Medien zugrunde gehen

oder

wie wäre es mit:

Der rekonfigurierte Autor: Medienlandschaft mit Markennamen-Identität

4. Die Liste ist noch nicht zu Ende. Ich bemerke nur eben, daß es sich bei meinen Sprachuntersuchungen, besonders wenn sie sich auf das Netz beziehen, um Werke der Conceptual Art handelt (Werfen Sie doch einen Blick auf diese wunderbaren Titel in Punkt 3!). Joseph Kosuth, Zeit zum Trübsal-Blasen!

Übrigens, Joseph: Du warst vielleicht 30 Jahre zu früh dran, und ich bin froh, daß ich keine Ahnung von der sogenannten Conceptual Art hatte, bis ich Dich letztes Jahr beim Telstra Adelaide Arts Festival traf, zu dem wir beide eingeladen waren. Nicht, daß es völlig irrelevant war, daß Du die in einem Wörterbuch aufgelisteten Definitionen für Stuhl neben einem echten Stuhl und einer Fotografie eines Stuhls in einer Galerie postiert hattest. Natürlich nicht, denn wir müssen stets den historischen Kontext mitdenken. Und die KUNST (in Großbuchstaben) sollte sich definitiv für einen Gedankenprozeß einsetzen, der gegen den Konsum gerichtet ist, für einen Gedankenprozeß, der Fragen der "Repräsentation" gründlich angeht und sich auch mit dem auseinandersetzt, was es für Künstler/innen bedeutet, Kunst (ohne Großbuchstaben) zu schaffen. Und ja, ich stehe wirklich auf diese Werbeanzeigen für Kunst in Magazinen und Zeitungen, die Du mit Leuten wie Dan Graham bereits vor Jahrzehnten geschaltet hast, noch bevor das Internet die globalen Kapitalmärkte mit einer so ungeheuren Kraft verändert hat, daß selbst die von Soros finanzierten Osteuropäer einen unmittelbaren Einfluß auf eine ansonsten tote Kunstszene haben konnten. Ganz abgesehen von den überintellektualisierten Texten auf Reklametafeln, die Du in Europa vor all diesen Jahren hast aufstellen lassen, noch bevor wir wußten, was GUI ist, oder ein Webbrowser. Denn wie die New York Times - egal ob uns das gefällt oder nicht - vor kurzem bemerkt hat, hat die Conceptual Art der Zeit vor dem WWW einen größeren Einfluß auf den Kunstmarkt als je zuvor.

Aber schließlich, mein Freund, ist Deine puristische Sorte einer "Kunst nach der Philosophie und darüber hinaus" für ihren eigenen Vorteil zu elitär. Und dies ist dieselbe Falle, in die ich auch sogenannte Netz- oder Webkünstler gehen sehe. Sie hat die Tendenz, sich immer mehr von der wirklichen Welt abzukapseln, so wie sie im Netz selbst existiert, der Welt von Amazon.com und E*TRADE, von eBay und YAHOO. Vergessen Sie die kalifornische Ideologie und/oder den Nettime-Newspeak. Machen wir uns doch nichts vor: Die Nächsten Fünf Minuten Infokriege und Revolution und Entwöhnung und Marktupdates werden auf CNN.com passieren, und das wissen wir auch. Hören wir also rein und finden raus, was wir wert sind.

5. Auf cnn.com erfuhren wir vor einigen Wochen, daß die Kosovo-Krise auf Platz 2 der Berichterstattung abgerutscht und an der Spitze von den tragischen Todesfällen bei den Schießereien in einer High-School in Colorado ersetzt worden ist. Die Schießereien ereigneten sich 30 Minuten von meinem Wohnort entfernt und jetzt sind sie nicht nur hier in Amerika sondern auch auf allen von uns kolonisierten Medienmärkten weltweit die Hauptstory in den Nachrichten.

Man hat uns vorübergehend von den Schrecken Jugoslawiens abgelenkt, da die Zahl der in der Schule in Colorado getöteten Kinder höher ist als die Gesamtverluste der NATO.

Und jetzt, da ich gerade von einem Gig in Australien zurückgekehrt bin und das Jetlag beinahe überwunden habe, will ich mich wieder schlafen legen ("...in mir war Schlaf, sofortiger und finsterer Schlaf, ein betäubendes Narkotikum, das bereits zu wirken begann, bevor noch meine weichen Wangen die warmen Hinterbacken meines sanften Polsters küßten, und mich in einen sofortigen Traum versetzte, in dem es nur um den Schlaf selbst ging..."). Aber der Schlaf läßt sich nicht als Abwehrmechanismus einsetzen. Außer man beabsichtigt, ewig zu schlafen. Nein, man muß sich all dem stellen: Überproduzierte Infokriege, Online-Handel im Internet, Albanien, High-School-Massaker, Penisse von Präsidenten, Conceptual Art. Das alles ist ein EINZIGER DICHTER SCHLEIER.

6. Diese Verschleierung läßt sich zum Teil auf das zurückführen, was Stan Davis und Christopher Meyer in ihrem Buch BLUR die "Geschwindigkeit des Wandels in der vernetzten Ökonomie" nennen. Indem sie sich hauptsächlich auf die großen Brüche konzentrieren, die sich im globalen Kapitalismus ereignen, legen sie dar, wie drei zeitgenössische Kräfte - Geschwindigkeit, Vernetztheit und Immaterialien - konvergieren, was uns in der Folge nötigt, die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen, zu rekonfigurieren.

In ihrem Buch beobachten sie eine Verschmelzung von grundlegenden Unterscheidungen: Käufer/Verkäufer, Produkt/Dienstleistung, Angestellter/Unternehmer. Das klingt ganz nach all der Hyperrhetorik, die sich um das hypertextuelle Erzählen dreht - Sie wissen schon, was ich meine: jener Interface-Raum, in dem der Leser zum Schreibenden wird, oder, wenn Sie so wollen, zum "LeserSchreiber" (wreader). Zum Interaktiven Teilnehmer. Was Julio Cortázar in seinem 1963 veröffentlichten, prototypischen postmodernen Text, ein Roman mit dem Titel Rayuela. Himmel und Hölle, als "Leser-Komplize" bezeichnet hat.

7. Tatsächlich lassen sich große Teile des Hypes um die digitale Kunst und manche der eher experimentellen postmodernen Metafiktionen der Nachkriegszeit, insbesondere jener Hype, der hypertextuelles Erzählen als "revolutionären Publikationsmodus" proklamiert, der Leser zu "LeserSchreibern" macht, mit weiten Teilen des New-Age-Corpo-Speak vereinbaren, den man in BLUR zu lesen bekommt, außer daß wir in BLUR mehr über revolutionäre Handelsmodelle, über Angebote, Wünsche und Finanznetze erfahren. Nehmen Sie zum Beispiel folgende Passage:

"Der Unterschied zwischen Käufern und Verkäufern verwischt sich so sehr, daß beide Teil eines Netzes des ökonomischen und emotionalen Tausches sowie des Informationsaustausches sind . . . Wirklich neu an der BLUR-Ökonomie ist, daß andere Dinge - insbesondere Information und emotionales Engagement - einen wachsenden Anteil an jenem Wert haben, der in beide Richtungen getauscht wird. Wir haben einen Punkt in unserer Geschichte (story) erreicht, an dem die Immaterialien bedeutsam werden."

In diesem Sinne würde ich vorschlagen, daß Netzkünstler in die Fußstapfen ihrer unternehmerischen Alter ego treten und damit beginnen sollten, sich eine entsprechende Beratungspraxis zu überlegen, die sich problemlos in ihre laufende Netzwerkpraxis integrieren läßt. Das soll heißen, daß für Netzkünstler die Zeit gekommen ist, in die vernetzte Ökonomie als strategische "Leser-Komplizen" einzutreten. Vergessen Sie die langweilige Szene der Konferenzen und Festivals, die aus Ihrem Namen und Ihrem Marktwert für ihren eigenen albernen Gebrauch Kapital schlagen will. Zumeist sind sie reine Zeitverschwendung und ihr Hauptinteresse besteht darin, ihre Verwaltungsbudgets zu rechtfertigen. Und außerdem KAUFEN sie ja nichts.

Gehen Sie lieber dorthin, wo Ihre Fertigkeiten, Talente und Einsichten einen größeren Wert als emergente Künstler haben als je zuvor: Gehen Sie auf den Markt.

8. Tatsächlich wären Netzkünstler, vor allem jene in Europa, die verzweifelt versuchen, das Interesse der Kunstwelt auf die Möglichkeit zu lenken, netzspezifische Kunst zu wettbewerbsfähigen Preisen zu erstehen, gut beraten, BLUR und andere Zusatztexte über die "vernetzte Ökonomie" zu lesen. Das Internet hat als ökonomisches Netz von Aktivitäten einen alles verschlingenden Effekt auf die Art und Weise, wie Finanzmärkte ihre Sicherheits- und Warenvorräte tauschen, und dies wird auch bald ihre Kunstvorräte betreffen, ihre Kunstvorräte im Netz.

Aber Webkünstler, die ernsthaft überlegen, ihre Arbeit öffentlich anzubieten, um einen Spekulationsmarkt für Kunst im Netz zu initiieren, sollten sich zuerst mit der Internetökonomie vertraut machen, von der sie sich Unterstützung erhoffen. Wenn es ihnen ernst darum ist, eine neue Art von Spekulationsmarkt für ihre Online-Arbeit zu eröffnen (und ihnen ist es nur allzu ernst darum, soviel ist klar), dann müssen sie ihre Aufmerksamkeit auf das Faktum richten, daß sich die Internetökonomie wie ein chaotischer und doch selbstregulierender Finanzmarkt benimmt.

Da die Börse selbst die Tendenz hat, sich gänzlich zu dezentralisieren, und sich vom Börsensaal zur Online-Tür bewegt, wäre jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um zu untersuchen, in welcher Weise sich die Netzkunst-Ökonomie ebenso beinahe mit der Geschwindigkeit und Flüssigkeit eines Finanzmarktes verhält, so wie sich die altmodischen Märkte für Güter und Dienstleistungen ebenso Den Neuen Bedingungen anpassen müssen. Internetkunst ist Teil des Terminmarkts, und "Vaporware-Kapitalisten", die in den Terminmarkt investieren, suchen bereits nach neuen Gebieten für spekulatives Wachstum, dazu bereit, sich auf einen permanenten Tausch von Produktwissen einzulassen, oder auf das, was ich verführerisches Wissen nennen möchte. In diesem Sinne müssen Netzkünstler gelassen sein, und immer dazu bereit, an der hohen Kunst der Verführung teilzunehmen.

Damit das verführerische Wissen um Ihre Arbeit seinen erwünschten Effekt in der Internetökonomie hat (um Investoren anzulocken und Reichtum zu schaffen), müssen Sie zuerst das Geschäft durchschauen, wie man sich Klienten, Sammlern, Klägern und Freiern anbietet (letzteres in der Annahme, Sie betrachten die Notwendigkeit, Ihre Arbeit zu verkaufen, als eine offenkundige Form von Prostitution).

Jene Künstler im Netz, denen es schwerfällt zu verstehen, warum ihre Online-Arbeit Einkünfte abwirft, sollten sich folgendes überlegen:

Der Ursache dafür, warum niemand Ihre net.art kauft, ist in der Tatsache zu suchen, daß in Netzwerkökonomien der clevere Investor entweder über genügend Wissen verfügt, um sicher zu sein, daß sich eine Investition in Ihre Arbeit nicht lohnt, oder aber, was schlimmer ist, Sie als Netzwerkkünstler müssen die Fertigkeiten und Werkzeuge, die Ihnen zur Verfügung stehen, erst zum Einsatz bringen, um genügend eigenes verführerisches Wissen anzubieten, damit der Käufer überzeugt ist, daß Ihre Arbeit seine Investition lohnt.

Es ist das verführerische Wissen, egal ob es von den Kinos Moskaus oder von den Wanderwegen Colorados ausgeht, das die Kunstökonomie der Neuen Medien antreibt, so wie alle anderen Sektoren der Netzökonomie, einer Ökonomie, die stets bereit ist, die Immaterialien in Betracht zu ziehen, die zum Menschsein gehören. Diese Immaterialien, oft unter dem Deckmantel von Information, die über den emotionalen Tausch mit aktiv Handelnden übertragen wird, die durch die vernetzte Ökonomie jagen, lassen sich als Digicash-Parawährungen beschreiben, die sich über herkömmliche Dollarwerte hinwegsetzen und statt dessen alle Arten von Spekulationswerten mit Investmentpotential auf den Markt bringen.

In dieser Hinsicht wäre es für praktizierende Internetkünstler eine kluge Strategie, ihre Arbeit auf die Straße zu tragen und sich die wachsenden Wissensnetzwerke anzueignen, die das Faktum, Online-Künstler zu sein, nicht nur zu einem Job machen, sondern zu einem kooperativen Abenteuer/Unternehmen.

Es ist Zeit zu zeigen, was Du drauf hast.

9. Jene Künstler, die sich eine Erhöhung des Werts ihrer Online-Arbeit erhoffen, müssen ebenso wie angehende Unternehmer, die das IPO-Fieber gepackt hat, weitere Teile ihrer Praxis auf die Mehrwert-Immaterialien konzentrieren, die ihre Präsenz in der Netzwerkökonomie erhöhen und ihnen damit ermöglichen wird, Markennamen-Identitäten zu schaffen, die ihr eigenes ökonomisches Wachstum fördern werden. Nochmals: Am besten erreichen Sie dies, wenn Sie Ihre Arbeit auf die Straße tragen und verführerisches Wissen anbieten, das bei Investoren Interesse auslösen wird, Ihrem laufenden Unternehmen spekulativen Wert zuzumessen, einem Unternehmen, das notwendigerweise eine "Exitstrategie" aufweisen muß, einen Plan, an die Öffentlichkeit zu treten, um Ihre überholte Künstlerseele auf den Markt zu tragen, damit Sie Ihr Leben mit der Aussicht auf eine komfortable Zukunft bereichern können.

Ein IPO, oder "Initial Public Offering" (Neuemission), beschreibt für gewöhnlich den Börsengang eines Unternehmens und damit den Verkauf einer bestimmten Zahl von Anteilen am Unternehmen nicht nur als Kaufoption für Investoren sondern auch aus Gründen der Kapitalbeschaffung für den Emittenden, damit das Unternehmen wachsen kann. Das ist relativ einfach. Wie aber ist das bei Webkünstlern? Haben sie je mit dem Gedanken gespielt, selbst öffentlich anzubieten, damit auch sie ihre Karriere in Richtung eines maximalen und doch leicht überschaubaren Wachstums vorantreiben können? IPO ist nur ein neuer Ausdruck, den Künstler in ein "An-die-Öffentlichkeit-Gehen" mit ihrer eigenen Arbeit übersetzen können, so wie wir das früher als "Ausstellung" oder "Publikation" bezeichnet haben.

Heute liegt der Unterschied darin, daß wir uns nicht mehr den Launen institutioneller Bürokraten aussetzen müssen, denen als Vermittler stets ihre eigenen ökonomischen Interessen am Herzen liegen. Vielmehr können Sie nun das tun, was Wolfgang Staehle vor kurzem mit seinem neuartigen Netzprojekt The Thing gemacht hat, nämlich eine Online-Versteigerung bei eBay zu veranstalten. Scheiß auf Sotheby's oder Christies. Die haben ja keine Ahnung. Aber eBay hat's kapiert. Für weniger als fünf Dollar können Sie Ihr Netzkunstwerk auf den Markt bringen, und zwar in fettgedruckten Buchstaben, und sich ansehen, wie sein derzeitiger Wert steht. (Wenn Sie dem niedrigsten für Sie akzeptablen Gebot ein Limit setzen wollen, können Sie das ebenfalls tun.)

Warum auch nicht? Haben Sie Angst, daß es sich für zuwenig Geld verkauft? Na ja, dann sagt das eine Menge darüber aus, warum niemand für Ihre Arbeit zahlen will. Der Markt lügt hier nicht. Er spekuliert. Er bemißt Ihren Wert nach den Tatsachen (oder nach seinem Potential). Wenn der Wert Ihres Netzgedichts $10 ausmacht und jemand über eBay gewillt ist, dafür Geld auszugeben, dann sollten Sie ein Gedicht pro Tag verkaufen und mit ihren Netzeinkünften frische Teigwaren erstehen. Kochen Sie die Teigwaren für sich und Ihre Liebhaberin/Ihren Liebhaber und schreiben Sie dann auch für Ihre Liebhaberin/Ihren Liebhaber ein Netzgedicht, und zwar kostenlos.

Willkommen in der Elite, Mr. Netzkunst.

10. Mein Freund, ein ehemaliger Conceptual Artist, der sich zum Neuen-Medien-Unternehmer gewandelt und eben erst seine Firma für mehr als 20 Millionen Dollar verkauft hat, schrieb mir neulich in einem Email, "daß wir nur durch die Umwandlung des spekulativen Wissensmarktes in ein fiktionales Unternehmen annähernd damit beginnen können, die Serie der neuesten öffentlichen Angebote zu verarbeiten, von der YAHOO-Fiktion über die AMAZON-Fiktion bis hin zur BROADCAST.COM-Fiktion. Ein jeder, der nicht darüber informiert ist, wie dieser Markt narrativisiert wird, hat den Kontakt zu jener Welt verloren, die gerade im Cyberspace Gestalt annimmt. Als wohlbekannter Online-Künstler ist die Tatsache, daß Du mit Deiner Arbeit an die Öffentlichkeit gehst, die richtigen Angebote unterbreitest, die richtigen emotionalen Environments für alle Arten von Tausch quer durch die Kulturen schaffst, Teil Deines ökonomischen Imperativs. Das schuldest Du Dir nicht nur als Person sondern auch als Ware."

Das brachte mich zu der Überlegung, daß ich, nicht nur in meiner Funktion als Netzkünstler sondern auch als Verleger von Druck- und Onlinewerken, neu bewerten muß, was es heißt, "an die Öffentlichkeit zu gehen" - auf welche Weise nämlich die IPO-Mode in Verbindung mit Internet-Aktien die Ökonomie der Neuen Medien vorantreibt und damit auch die Künste der Neuen Medien. Wenn einmal deine Aktien steigen, dann mußt du, nicht nur als Person sondern auch als Ware, den Rest der Bande übertreffen, damit deine zukünftigen Einnahmen anhaltende Investitionen in das garantieren, wer du bist und was aus deiner Arbeit wird. Tatsächlich ist meine eigene Lebenspraxis völlig von endlosen Angeboten verschleiert, und diese zu managen verlangt einen ständigen Verwaltungsaufwand, so daß ich nicht mehr weiß, wo der Geschäftsmann aufhört und wo der Künstler beginnt. Willkommen in der Elite, Mr. Netzkunst.

In bestimmter Hinsicht ist diese Kolumne ebenso Teil eines Angebots. Sie ist eine emotionale Investition, die ich in meine Leser mache, von denen einige eines Tages vielleicht nicht nur den ökonomischen Wert meiner kulturellen Dienstleistung sehen werden, sondern auch den emotionalen Wert, und die sich folglich teilweise selbst in meine Netzwerk-Lebenspraxis investieren. Aber deshalb schreibe ich nicht diese Kolumnen. Ich schreibe diese Kolumnen, um mir meine VERSCHWOMMENEN VORSTELLUNGEN (blur) von der Seele zu schreiben.

Übersetzung: Thomas Hartl

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3403/1.html
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