Email-Fälscher spielt Ars Electronica bösen Streich

06.09.1999

War dies der letzte Internet-Hoax, dem noch jemand geglaubt hat?

Pünktlich zum Höhepunkt des diesjährigen Ars-Electronica-Festivals in Linz landete eine Email in der Inbox der kunstinteressierten Netzbevölkerung. "Ars Electronica als Spielwiese für Unternehmens-Strategien", brüllte die Überschrift in Grossbuchstaben. Danach folgte Aufklärung darüber, warum sich vier der fünf Juroren der diesjährigen Entscheidung über den Prix Ars Electronica in der Kategorie .net (so schreibt man heute Netzkunst) nachträglich distanzierten.

Die Juroren hätten erfahren, dass das Festivalthema für das nächste Jahr "Open Source" sei. Zugleich sei bekannt, dass wichtige Sponsoren des Festivals (Siemens, Microsoft, Oracle, HP u.a.) ein Gemeinschaftsunternehmen für eine Linux-Distribution planten, welche ernsthafte Konkurrenz zu Red Hat und SuSe werden solle. Diese Fakten (deren tatsächliche Faktizität fraglich ist), verbunden mit Details über den Verlauf der Jury-Entscheidung würden vermuten lassen, dass zumindest ein Jury-Mitglied im Auftrag der Sponsoren argumentiert hatte. Danach folgten noch einige sympathische Formulierungen über böse Oligopole und warum man nun zu handeln verpflichtet sei. Verschickt wurde die Email vom/über den Account von Marleen Stikker, Leiterin der "Society for Old and New Media", De Waag, Amsterdam, und als Organisatoren der "Next 5 Minutes" eine weithin angesehene Netzpersönlichkeit. Der Keim des bösen Verdachts, dass Grossunternehmen ihre Sponsorenrolle für ihre strategischen Firmeninteressen nutzen - und das nicht nur immeteriell via "Öffentlichkeitsarbeit" sondern ganz konkret, war damit in Umlauf gebracht worden.

Hoax als Kunstform

Hatten schon der Ton der Email und einige Rechtschreib- und Syntaxfehler zumindest leises Misstrauen erweckt, so genügten zwei Telefonate, um herauszufinden, dass wieder einmal ein böser Internet-Hoaxer zugeschlagen hat. "Hoax" ist ein Streich, der meist damit einhergeht, dass der Übeltäter eine falsche Identität annimmt oder einen Vorgang suggeriert, der eigentlich gar nicht stattfindet. Dieses Spiel mit Identitäten hat im Internet grosse Tradition, da Email-Header leicht zu fälschen sind (was allerdings auch leicht herauszufinden ist), und da es auch relativ einfach ist, einen Mail-Server so zu mißbrauchen, so dass die gefälschte Email tatsächlich über den Account einer nichtsahnenden Person verschickt wird (Spam-Software, welche diese Arbeit erledigt, gibt es massenweise).

Nicht erst seit Netzkunsttagen hat diese Form der Verstellung auch eine grosse Tradition in der Kunst. Zumindest seitdem es eine freie Presse gibt, benutzen Künstler derartige Maskeraden, um sich gegenseitig anonym zu beflegeln oder unter falscher Identität einem Verleger oder Galleristen eins auszuwischen. Spätestens seit Dada und Marcel Duchamp und wiederaufgewärmt zu Zeiten von Konzeptkunst und Mail-Art wurde daraus eine regelrechte Kunstform. Nichts ist nahliegender, als diese Strategien künstlerischer und technologischer Maskerade im Internet zusammenzuführen.

Der Niedergang der Hoax-Kultur

Anfang 1998 verschickte ein anonymer Hoaxer Emails unter den Identitäten von Timothy Druckrey und Mark Amerika. Allerdings gelang der Streich nicht so gut, da sowohl Druckrey als auch Amerika einen ganz spezifischen Schreibstil pflegen, der nur von einem Genie glaubhaft zu fäschen wäre. Dennoch war die Aufregung in Kunst- und Theoriekreisen relativ gross und Gegenstellungnahmen erfolgten. (siehe dazu "Schnell, billig und außer Kontrolle", sowie das letzte Drittel von Mark Amerikas Kolumne AOL#8)

In jüngster Vergangenheit wurden Empfänger der Liste "Syndicate" von einem "üblen Streit" zwischen den Nettime-Moderatoren Ted Byfield und Geert Lovink "schockiert". In Einzeilern beschimpften sich diese als "assholes". Kaum jemand fiel noch darauf hinein. Denn erstens sind Lovink und Byfield wohl zu intelligent und diplomatisch versiert, um sich in so primitiver Form öffentlich zu streiten und zweitens waren die Mail-Header nicht gut getarnt - schnell war klar, dass die Mails über einenen Web-Remailer auf einem schwedischen Server verschickt worden waren, Ausgangspunkt vermutlich eine Kunsthochschule in Trondheim, Norwegen.

Nicht nur die technische Ausführung ist entscheidend für einen gelungenen Hoax, sondern vor allem auch die inhaltliche Zuspitzung der Unterstellungen. Diesbezüglich hatte der Ars-Electronica-Hoaxer gar nicht so schlechte Karten. Querverbindungen zwischen Sponsoren und inhaltlicher Gestaltung werden in bestimmten Kreisen der europäischen Netzszene sowieso vermutet. Die Preisverleihung eines Kunstpreises für ein Betriebssystem hatte wirklich einen seltsamen Beigeschmack. Die Vermutung, dass Industriegiganten sich zusammentun, um die Linux-Distribution in die Hand zu nehmen, ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, ebensowenig wie die Strategie, eine derartige Strategie via Kunst als sogenanntes "Viral Marketing" zuerst zu lancieren. Nicht wenige Empfänger der Mail werden diese als Bestätigung rumorender Vermutungen gelesen und dies - zumindest einige Minuten lang - auch geglaubt haben.

Doch zugleich haben uns die zahlreichen Hoaxes, denen wir bereits aufgesessen sind, alle misstrauisch gemacht. Wer glaubt noch einer Email, auch wenn sie gut getarnt ist? Es scheint, dass auf lange Sicht die Leichtigkeit, mit der ein Hoax im Internet anzustellen ist, den Hoaxern eigentlich das Wasser abgräbt. Checken und nochmal checken, ist die Devise geworden, wenn nötig auch mit konventionellen Kommunikationsmitteln wie Telefon, die den Vorteil haben, eine unmittelbare Reaktion zu verlangen. Fazit: Die Zeit der kunstvollen Internet-Hoaxes ist wohl bereits vorüber.

Business as usual

Inzwischen geht die zwanzigste Ars Electronica ihren gewohnten Gang. Heute findet der zweite Symposiumstag über Life Sciences statt. Das Symposium sei gut besucht, ebenso wie Ausstellung und Abendprogramm, ließ Frau Dr.Christine Schöpf vom ORF wissen. Leider kann Telepolis nicht dabei sein, da sich angesichts der repetitiven Themenstellung (dreimal gab es in den neunziger Jahren bereits Themen, die mit dem diesjährigem Thema eng verwandt sind, Artificial Life, etc.) eine gewisse Ermüdung des Interesses an Berichterstattung eingeschlichen hat. Wer wollte schließlich den Veteranen unter den Medienkunstfestivals für die immer gleichen Fehler/Verfehlungen geißeln, ohne selbst dabei langsam alt auszusehen? Ein knackig frecher Hoax beizeiten - nächstesmal aber etwas besser ausgeführt bitte - macht das Netzleben wieder spannend.

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