Böswilliger Code
Das Netzkunstduo Jodi wurde von seinem amerikanischen Provider vor die Tür gesetzt.
Wer in den letzten Tagen auf die Website des holländisch-belgischen Netzkunst-Duos Jodi (www.jodi.org) geguckt hat, dürfte ettäuscht sein: statt des üblichen, bunten Jodi-Chaos findet sich nur eine kurze Email auf grauem Grund auf der Site. Das übrige "Werk" der prominenten Netzkünstler, die unter anderem an der documenta X teilgenommen haben, ist seit einige Tagen komplett verschwunden. Der Grund: der amerikanische Provider der Website hat die beiden Künstler vor die Tür gesetzt.Die Internetfirma "ValueWeb", die ihre gesamte Website "hostet" (also auf ihren Internetservern zum Abruf bereit hält), hatte an Joan Hemskerk und Dirk Paesmans, den Künstlern hinter der notorischen Site, vor zwei Wochen eine Email geschrieben. In der hieß es:
"Wie sie wissen, enthält eine ihrer WWW-Seiten bösartiges Javascript, das den Browser abstürzen läßt... Bitte entfernen Sie diese Seite, oder wir sehen uns gezwungen, ihren Account bei uns zu löschen."
Seither sind Jodi Netzkünstler ohne Netz: sie mussten ihre gesamte künstlerische Arbeit aus den vergangenen vier Jahren aus dem Internet nehmen.
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Stein des Anstosses ist die Arbeit "OSS". Wer in seinen Browser die WWW-Adresse oss.jodi.org eingibt, erlebt nach wie vor sein blaues Internet-Wunder. "OSS" ist die einzige Jodi-Arbeit, die noch online ist, und die stellt seltsame Sachen mit dem Browser an: Die Surf-Software scheint plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln und öffnet von selbst immer neue Fensterchen, die wild auf dem Monitor herumtanzen und kaum wieder zu schließen sind. Wie man bei "ValueWeb" richtig erkannt hatte, löst eine Zeile Code in der Programmiersprache "Javascript" das Computerchaos aus. Zum Absturz bringt sie den Browser freilich nicht, nur zur überraschenden Vervielfältigung. Die Subdomain oss.jodi.org liegt allerdings gar nicht auf dem Server von "ValueWeb", sondern auf einem Computer des Amsterdamer Netzkunst-Providers desk.nl.
Obwohl die beiden Künstler in Barcelona leben, haben sie einen großen Teil ihrer Website bei dem amerikanischen Provider "ValueWeb" eingerichtet, da bei ihm die Internet-Präsenz billiger zu haben ist als bei der europäischen Konkurrenz. Dass die Firma aus Florida Jodi nun aus technischen Gründen den Dienst verweigert, ist ein gänzlich neues Phänomen. Bisher waren Websites geschlossen worden, weil sie Pornographie oder politisch anstössige Botschaften enthielten - und nicht, weil sie "bösartiges" Javascript enthielten.
Im Gästebuch, das Jodi auf ihrer Website angelegt haben, solidarisieren sich inzwischen Internet-User aus der ganzen Welt mit den Künstlern. "Die ganze Seite hat nie meinen Browser abstürzen lassen. Sie hat mich lediglich zum Lachen gebracht", schreibt ein empörter Netizen. Eine Internetfirma aus Israel hat dem Künstlerpaar sogar schon angeboten, ihre gesamte Site umsonst zu hosten - aus Begeisterung für die Arbeit von Jodi. Die aber wollen ihre Site bei einer neuen Internetfirma nur Stück für Stück wieder ins Netz bringen. Und fragen sich, wieso Museen und Medienkunstinstititutionen zwar gerne mal eine Netzkunstausstellung machen, aber nicht in die Infrastruktur investieren wollen.
http://www.heise.de/tp/artikel/3/3432/1.html- nö (22.9.1999 22:01)
- eNtrPc mNdZ (21.9.1999 23:16)
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