Computerwalzer
Die Konferenz Scope 1 in Wien handelte von der Zukunft des Wissens.
Von der Stadt Wien gingen viele innovative Impulse der kulturellen Moderne aus. In den letzten Jahrzehnten gab man sich aber vor allem damit zufrieden, mit Kaffeehaus, Walzer, Sachertorte und Wienerschnitzel die touristischen Klischees zu bedienen. Für den Bereich der Technologie wird jetzt massiv Nachholbedarf angemeldet; man will hier nicht bloss im Konzert der europäischen Städte, sondern gleich in der globalen IT-Debatte eine führende Rolle spielen und "neue Standards setzen".Um die strukturellen Maßnahmen, die hier mit dem Bau eines Wissenschafts- und Technologieparks(Tech-Gate Vienna) gesetzt werden, in der internationalen Szene entsprechend zu popularisieren, wurde eine Konferenzreihe ins Leben gerufen, die soeben mit Scope 1 ihren satt subventionierten Anfang nahm. Als Begriff trägt Scope die Bedeutung instrumenteller Anwendungen, aber auch die von Phantasie und Horizont. So stand eine Auslotung zur "Zukunft des Wissens" durch internationale Experten auf dem Programm: Verfügbarkeit und Zugriff auf Wissen und Informationen in digitalen Medien, Entwicklung intelligenter Umgebungen, Projekte und Szenarien zur medialen Interaktion und künstlichen Intelligenz. Ein wesentlicher Aspekt der ersten Veranstaltung war die Kontingenz der Computerwelt, wie durchschnittliche Anwender sie kennen - ein Blick hinter die Kulissen der Entwickler, jenseits der Scheingefechte um Windows oder Linux.
Zukunft (1) Jenseits des Microsoft-Interface
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| Logo von Ted Nelsons Projekt ZigZag. |
Es ist faszinierend, einer Figur wie dem Hypertext-Pionier Ted Nelson zuzuhören, der die Entwicklung der Computerwelt seit vier Jahrzehnten aktiv mitverfolgt, und der aufgrund seines in den achtziger Jahren gescheiterten Hypermedia-Projekts Xanadu laufend Spott einstecken musste. "Computer", sagt er, "waren immer schon Medienmaschienen", um dann sarkastisch die Fehlentscheidungen der Ingenieure zu kommentieren. Die Frage habe sich sosehr um Standards gedreht, um technische Kompatibilität zu gewährleisten, dass man in den Entwicklungslabors schlicht vergessen habe danach zu fragen, was denn die Leute tatsächlich anwenden. Da die Software-Entwickler als Techniker nicht in der Lage seien, den Charakter kreativer Arbeit zu verstehen, mangelt es an Grundsätzlichem wie etwa dem Versionsmanagement im Umgang mit elektronischen Dokumenten (allein am Windows-Clipboard gehen unzählige Informationen verloren), an bi-direktionalen Links (die in der Browser-Entwicklung ursprünglich vorgesehen waren - der neuzehnjährige Mark Andreesen habe jedoch nicht verstanden, wozu dies gut sein sollte), oder an der Stabilität von URLs.
"Lasst uns die Fehlentwicklungen der Microsoft-Welt endlich vergessen".
Während nun generell so getan wird, als wäre mit Mac und Windows die Natur der Computer schlechthin gegeben, werden für Nelson - etwa im Schritt von HTML zu XML - die ganz falschen Sachen zur absoluten Perfektion getrieben. Dass die bisherigen Interface-Modelle einer falschen Logik folgen, weil sie selbst mit der hierarchischen File-Struktur den Anwendern ein mentales Modell oktroyieren, unterstrich Nelson mit der Demonstration von ZigZag, einem von ihm entwickelten Hyperstructure-Konstruktions-Kit: unter Linux laufen hier keine applications, sondern miteinander n-dimensional verwebbare Zellen. Eine Struktur, die er vorschlägt, um das zweidimensionale Grafik-Board zugunsten eines direct mapping, das vor allem kreativer Arbeit mehr entgegenkommt, zu ersetzen. Lasst uns die Fehlentwicklungen der Microsoft-Welt endlich vergessen, fordert Nelson, um mit einer sauberen Struktur neu anzufangen. Seine (wie vom Publikum kritisiert wurde: an die just überwundene DOS-Hölle erinnernde) Demonstration zeigte schlagartig die kontingente Form vorherrschender Interfaces; auch durch solch alternativen Blick lässt sich ein Link in die Zukunft legen.
Zukunft (2) Jenseits der Desktop-Kiste
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Sah sich Nelson getrieben von der Frage, wie wir Windows vom Desktop wegbringen, so antwortete ihm der Forscher und Designer Bill Buxton - (Ich komme aus Toronto, und mein Büro war 30 Meter von dem McLuhans entfernt) - mit der noch radikaleren Frage, wie wir vom Desktop generell wegkommen würden. Kein konzeptioneller Fortschritt seit zwei Jahrzehnten im Desktop-Design, wie er kritisiert, und weiter: warum überhaupt ein Desktop? Das Verschwinden des Computers als der einen allmächtigen Workstation durch ihre Integration in die (Arbeits-)Umwelt ist für Entwickler keine blosse Phantasie mehr.
One size fits all?
Buxton vergleicht die multifunktionale Anwendungsmöglichkeit des PCs mit den berühmten Küchengeräten, die alles können, mit denen nur niemand kocht. Also ist vielleicht an der Frage, wie wir zu einem besseren Desktop kommen, selbst was falsch. Er glaubt an die Spezialisierung ganz im Sinne lokaler Anwendungen. Gute Geräte sind immer zweckgebunden, d.h. nutzlos für die meisten Dinge, ausser für jene, für die sie designt wurden. Das ist die Perspektive, aus der Buxton das Verschwinden des Computers als Multitasking-Maschine folgert: dieses Gerät mit seinem Input/Output Management ist kein Zufall, sondern ein Unfall der Technikgeschichte und daher ein Kandidat für den Wandels. One size fits all? Man bemerkt hier ein starkes Votum gegen die These von der medientechnologischen Konvergenz im Universalrechner zugunsten partikularer Zwecke.
Doch Buxton weiss, wovon er spricht, da er die Anwenderperspektive im Sinn hat - theoretisch könnte man ihm schon am Zeug flicken, wenn er sagt, dass das Medium ein blosser Verstärker menschlicher Ressourcen sei. Aber er arbeitet beispielsweise mit Anwendungen, die an Erfordernisse der Lebenswelt, an eine bestimmte Arbeitsqualifikationen angepasst sind: mit tape drawing im Karosseriedesign, oder mit einem Laser-Scanner, der jede Umgebung als jene Punktdatenmenge registriert, die später für Filmanimationen verwendet werden kann - mit gewaltigen Möglichkeiten im Real-Time-Morphing. Auch dies im Dienste der menschlichen Kreativität, denn solche Entwicklungen, gibt sich Buxton überzeugt, werden sich gemeinsam mit der Verfügbarkeit der Geräte produktionsseitig so auswirken, dass wieder mehr die Ideen und weniger das Budget im Vordergrund stehen.
Zukunft (3) Vorwärts zurück
Computer sollten und werden unsichtbar werden zugunsten der Inhalte, die sie zu repräsentieren vorgeben - das war der Tenor vieler weiterer Beiträge. Vor allem im Bereich der grafischen Repräsentation komplexer visueller Informationen, wie sie etwa in alphabetischen Texten gefasst sind, gab es faszinerende Präsentationen zu sehen - etwa von David Small, dessen grafische Experimente zur Aufsprengung der Gutenberg-Galaxis Stream Interactive Poetic Garden auch am Web zu sehen sind. Sie stehen für den Versuch, dem Textcode der Buchkultur eine entsprechende elektronische Form zur Seite zu stellen: die Verflüssigung und Restrukturierung des Textcodes, Text auf Wasser, im Wind, etc. - nette Experimente, die über gebrauchsübliche Designauflagen hinausweisen. Umgekehrt geht's natürlich auch, die Entwicklung von E-Books verspricht eine andere Zukunft des Lesens mit aktiven Lesemaschinen.
Ein vorrangiges Problem mit elektronischen Dokumenten ist einerseits das Interface, andererseits das Archiv. Digitale Daten sind bekanntlich flüchtig, fast alle Artefakte der Medienkultur sind instabil. Doch die Feier des Transitorischen weicht langsam einer klammen Angst vor dem drohenden Datenverlust. Niemand weiss genau, wie lange sich die digitalen Speicher unserer Kultur physisch erhalten. Nun entstehen die ersten digitalen Archive des kulturellen Erbes, und - da das Web gewissermassen selbst schon Archiv ist, Archive dieser Archive. Diese neue Storage-mania hat in Brewster Kahle zweifellos ihre Personifizierung gefunden. Der Initiator des Internet-Archivs und des Navigationsservice Alexa Internet widmet sich der Erhaltung von Daten und dem Zugang zu vernetzten digitalen Speichern - gegenwärtig 18 TB (Terrabyte) und bald schon 100 TB werden vom Web kopiert und auf speziellen Unix-Servern eingemottet. Während mit Alexa das Web auch charakterisiert und damit eine vermutlich zukunftstypische Institution für Meta-Informationen geschaffen wird, stellt sich die Vision eines umfassenden Datenarchivs in speziellen mit Hochleistungsrechnern gefüllten Räumen und Gebäuden eher konventionell dar.
Zukunft (4) Jenseits der Bits
Aber es gibt noch eine ganz andere Form, über die Zukunft des Computing nachzudenken. Warum sollte Information eigentlich nur in diesen grauen Kästen enthalten sein, welche die Industrie zwischen uns und die Welt schiebt? Neil Gershenfeld vom MIT meint, es wäre an der Zeit, den Dingen das Denken beizubringen und verbannt den Computer buchstäblich in die Schuhsohle. Smarte Gegenstände, andere Link-Protokolle, unser nächstes Interface - die ganze Welt! Die Bits des digitalen Universums könnten bald in ein ganz anderes Verhältnis zu den Atomen der Welt treten, an die wir gewöhnt sind. Das Geheimnis liegt im Quantum computing, einem neuen Forschungsfeld, das nach jahrzehntelanger Theorie nun ins experimentelle Stadium tritt: die Computer der Zukunft werden auf molekularer Basis gebaut. In der Luft liegt eine Versöhnung von Bits und Atomen in nonlinearen dissipativen Systemen mit nahezu unendlichen Freiheitsgraden. In die Praxis übersetzt heisst dies, dass die Arbeit mit Information über natürliche Materialien zu superschnellen Computern führen wird.
Die quantenphysikalische Ebene, die in der Computerentwicklung nun wohl betreten ist, stellt das traditionelle Weltbild auf den Kopf. Herkömmliche Erklärungen bleiben meist bei der Feststellung, dass dabei alles kleiner und schneller wird - und Echtzeit-Entschlüsselungen beispielsweise kein Problem mehr sein werden. Aber so einfach ist es nicht. Wird die molekulare Ebene betreten, um etwa neue Datenspeicherkapazitäten zu erschliessen, dann wird Information wieder zum physikalischen Phänomen - die medienphilosophischen Konzepte des 'Simulakrums' und der Immaterialitäten könnte dann in wohl ihren wohlverdienten Ruhestand geschickt werden.
Der österreichische Physikprofessor Anton Zeilinger war nicht nur ein Exot dieser Veranstaltung, weil seine Performance am Overhead-Projektor nach den amerikanischen Powerpoint-Orgien geradezu rührend nostalgisch wirkte. Sein Vortrag nämlich war Zündstoff nicht nur theoretischer Natur, weil Experimente, die sich früher nur in Gedanken durchspielen liessen, inzwischen im Labor durchführbar sind - hinlänglich bekannt wurde kürzlich das experimentelle Beamen eines Photons - die sogenannte Quantum Teleportation durch Zeilingers Team.
Was das mit der Zukunft von Computern zu tun hat? Nun, frei nach Heisenberg gibt es auf der mikrophysikalischen Ebene keine Interaktion mit einem Untersuchungsobjekt, ohne die Information zu beeinflussen. Im Teleportation-Experiment geht es aber darum, die Information eines Objekts (auf molekularer Ebene, Scottie!) zu übertragen, ohne sie einzulesen, also ohne mit dem Objekt zu interagieren. Das hat Implikationen beispielsweise im Bereich der Kryptographie, deren Prinzipien von der Ebene der Codes auf eine physikalische Ebene transponiert werden könnten - und tatsächlich gibst es dazu ein laufendes EU-Projekt.
Bei Quantencomputern ändert sich der Träger von Information - anstelle des Bits mit den Werten 0 oder 1 tritt das Qubit (two quantum bit), das durch ein physikalisches System repräsentiert wird, das sich in zwei Zuständen befinden kann - oder aber in der Überlagerung beider Möglichkeiten. Das Ende der Eindeutigkeit: Quantenphänomene deuten auf eine Vielzahl paralleler Universen. So zeigt sich in der Mikrophysik ein neues Weltbild. Während die klassische Sicht Information ("für uns") von einer unabhängigen Realität ("an sich") ableitet, zeichnet sich auf der quantenphysikalischen Ebene die radikale Möglichkeit einer Information aus "Nichts" ab. Der Philosoph Hegel hätte sich über diesen elementaren Akt der Kreation sicherlich sehr gefreut.
Wenn Information letztlich definiert, was Realität sein kann, erweist sich die pure Kontingenz dessen, was ist - und das jenseits konstruktivistischer Relativierungen in Bereichen der neuen Physik - it from bit, lautet Zeilingers lapidare Formel dafür. Der Quantencomputer wird nach seiner Überzeugung neue Maßstäbe setzen in der Verarbeitung und Übertragung von Information. Allerdings behindert unsere derzeitige Auffassung von Computation noch das Begreifen der Möglichkeiten, die hier zur Entwicklung anstehen. Der beschleunigte Abakus, den wir zum Schreiben und Surfen zweckentfremdet haben, könnte dann bald schon der Vergangenheit angehören.
http://www.heise.de/tp/artikel/3/3439/1.html- volltexte aller vorträge (8.11.1999 11:33)
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