Die unerträgliche Vernetzung von allem

Josephine Berry 18.10.1999

Net_Condition ist eine Ausstellung über Online-Kunstproduktion.

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Immer der Reihe nach: Net_Condition ist keine Austellung über Netzkunst, sondern behandelt die Produktion von Kunst in einem Online-Universum. Diese Ausstellung thematisiert den Widerspruch zwischen dem Wunsch, Netzkunst auszustellen, und dem Fehen der dazu nötigen Sensibilität.

Ein tiefes Gefühl von institutionellem Unbehagen wird in dieser Ausstellung spürbar, begleitet von einem rebellischen Aufschrei nach Existenzberechtigung. Netzkunst stürzt ihr Gegenüber in eine schizophrene Identitätskrise, trotz des Schleiers aus schuldbewusster Peinlichkeit, der viele der ausgestellten Kunstwerke umgibt, und erreicht offenbar ihre Ziele erst in dem Moment, wenn sie zerstört wird. Net_Condition versieht das Genre mit einer Tod-oder-Wiedergeburt Scherzfrage, die geradewegs aus einem Cronenberg-Film adaptiert worden sein könnte.

David Blair

Doch das Einprügeln auf Netzkunst und ihre utopische Erwartungshaltung ist bereits zwingend geworden, und darauf zu beharren würde bedeuten, die interessanteren Seiten von Net_Condition und deren Möglichkeiten und Spektakel ausser acht zu lassen. Obwohl es den Anschein hat, dass die Ausstellung wie ein Franchiseunternehmen Konzessionen und Beteiligungen an AVL ART GATE / Steirischer Herbst in Graz, InterCommunication Centre in Tokyo und Media d'Art i Dissney in Barcelona abgegeben hat, umfasst die Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zumindest was die Namensliste der Künstler betrifft, den bedeutendsten Teil. Schon das Ausmass des Veranstaltungsortes stellt ein materielles Faktum dar, das einem die immense kulturelle Macht, die die Medienkunst erlangt hat, vor Augen führt. Blickt man in der weiten Eingangshalle zum Himmel auf, wird einem bewusst, wie wenig die Begriffe "Medienkunst" und "Marginalität" noch miteinander zu tun haben. Dieser Innenbereich bietet den Hintergrund für eine weitere wichtige Demonstration: eine Auflistung der beeindruckenen Anzahl von Netzkunst- und Netzkulturprojekten aus den letzten fünf Jahren...

Wenn uns das ZKM etwas über die Netz_Bedingung vermittelt, dann ist es die sonderbare Verzerrung, welche die Fülle der Projekte wie die verschiedenen Ebenen eines Fächers in die täuschende Gleichförmigkeit des Browsers zusammenfallen lässt. In Net_Condition sieht man die Ergebnisse der einzelnen Projekte jeweils auf einem eigenen Computer. Das mag eine Sünde in Bezug auf das Netzwerk-Prinzip sein, andererseits wird diese Ausstellungsform der langen Produktionszeit der Werke gerecht. Darüberhinaus wird durch die klassische Darstellung der n-Dimensionalität der Daten eine interessante topographische Verbindung zwischen den einzelnen Ausstellungsstücken kreiert. Wo man normalerweise verschiedene Netzkunstwerke durch Hyperlinks, Suchmaschienen oder über ein URL in Augenschein nimmt, muss man sich hier tatsächlich selbst bewegen. Diese Übersetzung von virtuellem in physischen Raum hat den interessanten Effekt, die Verbindungen gegensätzlicher erscheinen zu lassen. Einzelne Arbeiten treten durch ihre Eigenständigkeit und Andersheit hervor, welche ansonsten durch die totalisierende Umgebung des Netzes verschleiert bliebe. Der Rückzug des Netzes bewirkt also, dass neue Charakteristika der Arbeiten deutlich werden können.

Minato Chihiro

Um für einen weiteren Moment bei diesem Motiv zu bleiben: Die Übersetzung der nicht räumlichen Daten in physische Distanz korelliert mit der Historisierung der Netzkunst. (Man sollte kurz festhalten, dass nur Netzkunst selbst und nicht Kunst, die sich mit Netzwerken beschäftigt, ausgewählt wurde - ein weiterer Hinweis auf den nicht sehr sorgfältig versteckten Kern der Ausstellung). In einem Medium, das aus seiner eigenen Veranlagung heraus nur widerwillig seine eigene Geschichte offenlegt und ungehalten seinen kollektiven Körper dem Skalpell des Theoretikers ausliefert, ist die Geschichte der Netzkunst normalerweise dadurch verborgen, dass man auf der zeitlich undifferenzierten Oberfläche des Netzes bleibt. Obwohl gewisse Merkmale - wie der frühere Einsatz von 'plain.html' im Gegensatz zu späteren Anwendungen wie Flash - ein Netzkunstwerk datieren, erscheinen alle Jahrgänge erneut, sobald man sie auf dem Browser lädt.

Jodi

Die Geschichte des Genres zu schreiben ist wahrlich keine Heldentat. Versucht man es, wird man allerdings schnell zum Spielverderber des fröhlichen Prankstertums der Netzkunst. Der gefragte Historiker müsste jemand sein, der bereits gegen diese Sorte Täuschung geimpft ist, und gleichzeitig dem Prozess der Historisierung einen schelmischen Elan verleihen kann. Benjamin Weil, der Gründer des kuratierten Online Netzes ada-web wäre der Richtige für die Aufgabe. Natürlich kann man nur hoffen, dass der Net.Art Browser, den er in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jeffrey Shaw erstellte, als Scherz gemeint war: Der Browser ist ein überdimensionaler Flachbildschirm, der auf Schienen rollt und von einer kabellosen, sperrigen Tastatur gesteuert wird. Er stoppt und lädt Files, sobald er auf URLs trifft, welche in Letraset an die Wand geschrieben stehen. Diese Denaturalisierung des Browsing-Vorgangs in eine öffentliche und unpassende Vorführung - im Gegensatz zu einer privaten und gewöhnlichen Handlung - ironisiert die grobschlächtigen Verzerrungen des historischen Prozesses. Wieder gewinnt die Einführung des physischen Raums in die virtuelle Räumlichkeit des Genres ­ der Bildschirm auf Schienen ­ durch gezügelte physische Ausdehnung an kritischem Gewicht. Könnte dies vielleicht ein Argument für das Selbstverständnis der Institution in Bezug auf die Ausstellung von Onlinekunst sein?

Genau hier stolpern wir über das zentrale Problem der Ausstellung: Um etwas erklären und erforschen zu können, braucht es den widersprüchlichen Prozess einer Dekontextualisierung des Online-Universums oder der vernetzten Realität. Die Prämisse der Ausstellung Net_Condition ist, wie Chefkurator Peter Weibel ausführt (die anderen Kuratoren sind Walter van der Cruijsen, Golo Föllmer, Johannes Goebel, Matthias Osterwold, Jeffrey Shaw und Hans-Peter Schwarz), die "Verschiebung der Abhängigkeit von Materialität zu Temporalität."

Die Broschüre informiert uns beispielsweise: "Eine neue globale Ökonomie entsteht, die nicht mehr auf Produkten basiert, sondern auf Zeit." Erstaunlich eigentlich, dass die Ausstellung so massgeblich auf dem Füllen einer physischen Weite mit einzelnen Objekten beruht, die alle in ihr eigenes Zeitmaß gesperrt sind. Aber der eigentliche Punkt hier ist, wie der Referent "Online-Universum" durch eine einfache, doch in ihrem Ausmass beeindruckende Breite von 100 Kunstwerken repräsentiert werden kann. Der Begriff Netzwerk ist beinahe eine Chiffre für "Alles" geworden, mit dem Zusatz, dass dieses "Alles" von Technologie eingebunden ist.

Net_condition versuchte diese holistische Vernetzung lieber durch eine sehr inklusive Auswahl von Werken zu reflektieren, als durch ein System, das die Prämisse der Ausstellung besser widergespiegelt hätte. Dabei geben die Kuratoren offen zu: Wenn man die Fäden namens Kunst herauszerrt, zieht man gleichzeitig an einem verschlungenen Knäuel von sozialen, kulturellen, technischen und politischen Verknüpfungen mit. Die Idee der Vernetzheit erinnert allmählich an den Lauryn Hill-Track "Everything is Everything" und wird so unbeweglich wie ihr pantheistisches Korrelativ "Alles ist politisch". Oftmals wirkt das wie der Versuch, eine Borgesianische Landkarte für ein unfassbar grosses Gebiet zu erstellen, die am Ende wie ein am Fusse des Himalayas fallengelassenes Papiertaschentuch aussieht.

Zu dieser Kritik kommt ergänzend dazu, dass zu viele Arbeiten buchstäblich beschädigt wurden, indem sie vom Netz abgekoppelt wurden. Ein gutes Beispiel dafür war die Offline-Präsentation der Mikro e.V.-Website, die ein Audioarchiv ist, aber mit keinem RealAudio-Player ausgestattet war. Der Offline-Status verwehrte da dem Betrachter die Möglichkeit, einen Player aus dem Web herunterzuladen. Diese Einschränkung des Betrachters, dessen Rolle bei der Rekonzeptualisierung von Kunst als offenes und immer unvollständiges System eine zentrale ist, sollte in einer Ausstellung dieser Art nicht so krass übersehen werden. Ein weiteres Beispiel für die Behinderung des Betrachters war eine Bank, auf der alte Computer mit alten Betriebssystemen und Spielsoftware liefen, die man nicht anfassen durfte. In dieser Hinsicht schien die Ausstellung, oftmals die Ausstellungsstücke selbst, sich vom vernetzten und interaktiven Charakter der Dinge gelöst zu haben, nur um uns zu zeigen, dass dieses verrückte Netzwerk-Ding wirklich ausser Kontrolle ist.

Diese Ironie muss erwähnt werden, mehr aber nicht. Natürlich erwartet keiner, dass die Kunst oder die Ausstellung mit ihrer vernetzten Referenz eins ist. All diese mutwilligen Verzerrungen sind grundlegend, um Tendenzen aufzudecken, die sich hinter der technologischen Neutralität verstecken. Die Kunstwerke in Net_Condition verwendeten meist eingeschränkte Systeme um die Einschränkung durch Systeme an sich zu analysieren.

Konsum.Art Server

Bernd Driemers brilliante, weitläufige Installation Escape to begin zog den Betrachter in eine täuschend harmlose Interaktion, bei der man die Computer und Telefone eines banal aussehenden Büroraums benutzte. Indem man das benutzerfreundliche Interface von vernetzten Computerspielen, Monitore für das Ablesen von elektrischer Aktivität und grundlegende KI-Dialogprogramme benutzte, konnte man das Verhalten der anderen Besucher verfolgen.

Mongrel's Natural-Selection-Suchmaschine durchwühlt die dunkle Seite der direkten Demokratie, indem sie den Benutzer einlädt, rassistische Suchtermini einzugeben, um das Ausmass der diskriminierenden Websites im Netz aufzuzeigen. Eine andere Form der sozialen Kontrolle also, deren gutartigen Ziele die Bedeutung des Kunstwerks zu rechtfertigen scheinen. Knowbotic Research's 10_dencies/lavoro imateriale und das kollaborative Project H|U|M|B|O|T von Daniel Burckhardt, Roberto Cabot, gruppo A12, Jürgen Enge, Udo Noll, Philip Pocock, Wolfgang Staehle, Florian Wenz und Birgit Wiens benutzten beide elektronische Netzwerke (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne als Metasprache) um zeitlich, kulturell und räumlich getrennte Phänomene zu verknüpfen. Jordan Crandalls Fahrt, Track #3, übertrug die reduzierte grün-schwarze Video-Footage , an die wir uns während des Golf- und des Kosovokrieges gewöhnt haben, auf eine computergenerierte Zeichnung des ZKMs selbst. Auf verschiedene Arten, zu viele um sie aufzuzählen, wurde die Bedeutung einer vernetzten Welt von den ausgestellten Arbeiten getrennt, um so die Debatte vom gewichtigen Händeringen über die Unmöglichkeit einer künstlerischen Intervention zu verlagern (loszulösen).

Genauso wiedersprüchlich und unvorhersehbar wie Netzwerke selbst haben gerade die Kunstwerke, die emphatisch in ihrer Materialität wurzelten, die klarste Perspektive auf die "Bedingung" geworfen. Die "Redundant Technology Initiative's"-Installation, die zugegebenermassen nicht von ihrer etablierten Formel abgewichen sind, haben alte Computer auseinandergenommen und in rein ästhetischer Formation angeordnet. Die Technologie, einmal ihrer Funktionalität beraubt, war bizarrerweise tangibler und aus diesem Grund auch kraftvoller als die Mystifikationen so vieler anderer Arbeiten.

Das verweist auf die andere Seite, zur ewigen (gotischen) Spekulation über die Komplexität und Globalität unserer Welt; und auf die Tatsache, dass eine solche Rhetorik den Einzelnen oft überwältigt und kraftlos zurücklässt. Eine Schwächung des Einzelnen muss wohl dem Interesse von irgendjemandem dienen...

Die andere, offensichtlich materielle, Arbeit war Natalie Bookchins, Alexej Shulgins und Blank & Jerons Einführung in "Net.Art", eine Reihe von Steintafeln, in die die mehr als 10 Gebote der Netzkunst graviert waren. Neben ihrer satirischen Haltung gegenüber ihrer eigenen zynischen Manipulation von Avantgarde-Labeln und ihrer schnellen Ausführung von grundlegenden Glaubenssätzen und Techniken von Netzkunst, verweisen die Tafeln auf den zügellosen Dogmatismus von Cyberkultur.

Beide Arbeiten nehmen die Bedeutung von Netzwerk-Kulturen als unvorhersehbare, flexible und reaktive Strukturen zurück, indem ihre monolithischen Charakteristika in einer oberflächlich dummen Art und Weise dargestellt werden. Zusammenfassend zeigen sie, dass alles nicht einfach alles ist, sondern alles auch einfach irgendetwas sein kann, und dass irgendetwas viel älter ist, als es das Milleniumsgequatsche über das "Online-Universum" zulassen wird. Aber vielleicht braucht man auch nicht weiter als bis ins ZKM-Atrium zu gehen, um eine solche Erkenntnis zu erlangen...

Übersetzung: Felix Denk, Mercedes Bunz, Christine Zmölnig

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3442/1.html
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