Jetzt wird aufgetischt: Netzkunst am Fließband

20.10.1999

Die Netzkunstausstellung "net_condition" ist weniger Ausstellung als Duchampsche Operation.

Und plötzlich ist alles so normal. Es gibt ein Bistro, in dem Sandwiches und Capuccino verkauft wird. Es gibt Aufsichtspersonal in Uniformen, das gelangweilt zwischen den Exponaten herumsteht. Es gibt Schilder, die dem Besucher zeigen, wo die Ausstellung weitergeht. Es gibt Führungen für Schulklassen von Leuten mit Doktortiteln und M.A.'s. Und es gibt die Kunst, die man zum Teil anfassen darf (da "interaktiv"), zum Teil aber auch nicht ("da Kunst"), und Kassenschluss ist eine halbe Stunde vor Schließung des Museums.

Net_condition, die Ausstellung, mit der sich Peter Weibel am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) als neuer Chef und Kurator einführt, ist zunächst einmal das: eine ganz normale Ausstellung. Die künstlerischen Aktivitäten, die seit etwa vier Jahren eher klandestin und ohne große Aufmerksamkeit der Kunstszene im Internet stattfanden, scheinen nun doch relativ umstandslos und ohne größere Reibungsverluste im Museum angekommen zu sein. Das ist, wenn man es sich so überlegt, dann eigentlich doch ziemlich schnell gegangen.

Doch dieselbe Ausstellung zeigt auch, dass sich die Netzkunst nach wie vor ihrer gar zu einfachen Musealisierung entzieht: dass es sich bei den Arbeiten, die bei "net_condition" zu sehen sind, "um netzbasierte, performative Installationen, die sich nicht zweidimensional am Bildschirm abspielen", handelt, wie Peter Weibel in einem Interview gesagt hat, stimmt schlechterdings nicht: Arbeiten, die sinnvollerweise im Museum ausgestellt werden müssen, sind bei "net_condition" eindeutig in der Minderheit.

Die Mehrheit der "Exponate" besteht aus Computern mit Internetverbindung, auf denen pro Rechner ein Stück Webkunst zu sehen ist, wenn nicht ein Besucher gerade eine andere Internetadresse eingegeben hat. Um sicher zu gehen, dass man die - zum Teil historischen, mit viel Mühe zusammengesuchten - Computer auch als Kunst identifizieren kann, ist neben jedem Monitor ein Mousepad, auf dem Künstlername und Werktitel zusammen mit einem erklärenden Text zu finden ist. Diese Methode ist im Prinzip auch schon von der letzten documenta bekannt, bloß dass die Computer in Kassel nicht direkt online geschaltet waren und man daher nicht "weitersurfen" konnte.

Um sich Netzkunst auf dem Online-Rechner ansehen zu können, braucht man freilich kein ZKM und keine Ausstellung - auch wenn hier viel Mühe darauf verwendet wurde, dass die Arbeiten wirklich "funktionieren" und mit allen notwendigen Hardware-Voraussetzungen, Plug-Ins, Java-Versionen und was man sonst noch so braucht, gezeigt werden. Einige der in Karlsruhe zu betrachtenden Werke - wie zum Beispiel Marjei Wisniewskis "netomat" - stehen zwar im Internet zur Verfügung, sind aber mit normalen Home-Computern kaum zu "benutzen". Doch wer will, kann mit den gut ans Netz angebundenen Computern auch ganz etwas anderes machen: Surftouren nach eigenem Gusto veranstalten, den Browser schließen und sich mit der Hilfe-Funktion von Windows beschäftigen oder den Computer einfach ausschalten. Ganz so leicht macht es die Internetkunst ihren Kuratoren dann doch noch nicht.

Doch es geht bei "net_condition" weniger darum, Netzkunst unter optimalen Bedingungen zu zeigen, sondern eher um eine Duchampsche Operation: Arbeiten oder, technisch genauer gesagt: Dateien, die bisher ohne die Legitimierung als Kunst im Internet zu sehen waren, ins Museum zu transferieren und ihnen so die noch fehlende Legitimierung durch diese Institution zu verleihen. In der Diskussion über Netzkunst war es von Anfang an ein wichtiger Topos, dass Netzkunst dadurch, dass sie im Internet existiert, keine unmittelbare Markierung als Kunst hat. Dieses Label liefert "net_condition" nun nach.

Der russische Netzkünstler Alexei Shulgin hat auf der Mailingliste "7-11" einmal mit trockenem Humor bemerkt, dass Netzkunst die Fähigkeit ist, die eigenen Netzaktivitäten in die Kunstwelt einzuschleusen. "net_condition" nimmt diese Aufgabe ernst: die Ausstellung verfrachtet die Internetarbeiten einer Gruppe von Leuten, die sich als Künstler betrachten, vom Internet in ein richtiges Museum. Durch diesen Akt der Rekontextualisierung in einer Kunstinstitution bestätigt die Ausstellung den Anspruch der Netzkunst Kunst zu sein - ein Verfahren, dass Duchamp bekanntlich mit Flaschentrocknern, Pissoirs und Schreibmaschinen schon in den 10er und 20er Jahren dieses Jahrhunderts erfolgreich betrieben hat.

Diese Operation nützt beiden beteiligten Seiten: die Netzkunst wird zur High Art befördert. Und das ZKM hat nach langem Vor-sich-Hindümpeln wieder seine Existenzberechtigung und seine Zeitgemäßheit bewiesen. Immerhin ist es noch gar nicht so lange her, dass das ZKM noch nicht einmal über eine übermäßig brillante Website verfügte und das Internet ansonsten in dem Kanon der sauteuren, Hightech-abhängigen "interaktiven Medienkunst", an dem in Karlsruhe gestrickt wurde, schlechterdings nicht vorkam.

Doch jetzt wird aufgetischt: im Gegensatz zu der Ausstellung "connected cities", die im Sommer im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum zu sehen war, wird hier nicht auf eine überschaubare Auswahl von repräsentativen Arbeiten und Positionen gesetzt. Nein, am ZKM geht man in die Vollen: 60 Künstler und Kunstgruppen werden präsentieren, was freilich auch nicht so schwierig ist, wenn man vorwiegend die Websites "ausstellt".

Die vorhandenen finanziellen Mittel wurden in Masse investiert - und in die Entwicklung eines "Netzkunst-Browsers", mit dem man sich eine etwas zweifelhafte Auswahl von "historischen" Netzkunstprojekten ansehen kann (Auswahl: Benjamin Weill, auf dessen netzkunstgeschichtlichen Radar keine "Kontextsysteme" wie etwa die Internationale Stadt auftauchen, aber dafür auffallend viele Arbeiten, die von seiner eigenen, inzwischen eingestellten Netzkunstgalerie "adaweb" in Auftrag gegeben wurden.)

Dabei reizt man am ZKM die vorhandene, exzellente logistische und technische Infrastruktur aus, für die Schöpfer der gezeigten Arbeiten blieb wenig Mitspracherecht. Künstlern, deren Websites gezeigt werden und die zur Eröffnung eingeladen werden wollten, wurde zum Teil mitgeteilt, dass es ja gerade das Gute an Netzkunstausstellungen sei, dass man die Künstler nicht extra einfliegen muss. Entsprechend wissen einige von ihnen überhaupt nicht, was da nun in Karlsruhe von ihnen zu sehen ist und wie es präsentiert wird. Der Brite Heath Bunting hat diese seltsame Form der musealen Aneignung spontan mit einer "institutionskritischen" Arbeit kommentiert.

Ob diese Anhäufung von Netzkunst für Anfänger zugänglich ist, erscheint zweifelhaft. Alle, die sich ernsthaft für das Thema interessieren, sollten auf jeden Fall viel Zeit mitbringen, um sich mit der umfangreichen Präsentation zu beschäftigen, denn auch die Bemühungen um Vermittlung sind zwar vorhanden, aber nicht immer aufschlussreich. Für alle, die in Karlsruhe wohnen, gibt es außerdem ein umfangreiches Rahmenprogramm, zu dem Vorträge, Künstler- und Projektpräsentation gehören. Bloß: wer wohnt schon in Karlsruhe?

Interessanterweise betont Kurator Peter Weibel in einem Aufsatz zu der Ausstellung immer wieder, dass es hier nicht in erster Linie um Kunst geht:

"Diese Ausstellung heißt nicht net.art, sondern net_condition, weil sie die sozialen Bedingungen thematisiert, die das Netz erzwingen, und gleichzeitig die neuen Bedingungen erforscht, die das Netz selbst der Gesellschaft und der Kunst aufzwingt... Das Interesse dieser Ausstellung gilt der Untersuchung, welche neuen Bedingungen das Netz den historischen Medien und den historischen sozialen Kommunikations- und Wirtschaftsformen aufzwingt."

Mal abgesehen, dass hier etwas viel gezwungen wird - wenn das wirklich der Anspruch der Ausstellung sein sollte, hat sie ihr Ziel verfehlt.

Zwar kann man von den meisten Arbeiten tatsächlich sagen, dass sie die Veränderungen, die das Netz mit sich bringt, in der einen oder anderen Weise thematisieren. Aber sie tun das auf vermittelte, experimentelle Weise, so wie Kunst sich eben mit gesellschaftlichen und politischen Themen beschäftigt, nicht so systematisch und direkt, wie es das Kuratorenstatement nahe legt. Auch der Anspruch, dass die Konturen der "radikalen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen zu Beginn des nächsten Jahrhunderts... in der Ausstellung erstmals sichtbar werden", wie es weiter heißt, ist Hybris: wer darüber etwas erfahren will, ist mit der Lektüre des Wirtschaftsteils einer guten Tageszeitung besser bedient als mit dem Besuch dieser Ausstellung. Ähnliches gilt für den Anspruch, dass die Ausstellung mit anderen in Barcelona, Tokyo und Graz "vernetzt" ist. Außer einigen Installationen wie "LinX3D" von Jahrmann/Mooswitzer, bei dem man eine modifizierte Version des Spiels "Unreal" von verschiedenen Orten spielen kann, ist da nicht viel mit Vernetzung.

Dass soll nicht heißen, dass diese Ausstellung nicht wichtig wäre. Im Gegenteil: ein solcher resümierender Überblick über die Netzkunst war fällig, und sei es nur, um eine Bestandsaufnahme dessen, was in diesem Bereich in den letzten Jahren entstanden ist, zu leisten und so einen Ausgangspunkt für neue Netzkunst zu liefern. Denn zur Zeit ist dieses Feld so unübersichtlich und unerschlossen, dass es in letzter Zeit immer häufiger zu ähnlichen Projekten und künstlerischen Doubletten gekommen ist.

Dazu gehört lustigerweise auch die Installation "Woven presents" von Steven Greenwood, die am ZKM zu sehen ist: eine Suchmaschine sammelt Webseiten, die mit dem Thema "Krieg" zu tun haben. Die gefundenen Sätze werden von einer elektrischen Nähmaschine in eine Borde eingestickt. Das erinnert fatal an die Arbeiten, die die Deutsche Regina Frank Mitte der 90er Jahre als Performance gezeigt hat: auch sie "vernähte" Sätze aus dem Internet, in diesem Fall in ein Kleid. Gerade in den letzten Monaten mündete diese Arbeit in einer Nähmaschinen-Installation, die ebenfalls direkt ans Netz angeschlossen ist.

Zum Vergleich:
Regina Frank: Hermes Mistress und:
Regina Frank: The artist is present

Steven Greenwood: Woven

Was bleibt, sind daher einige gute Installationen, die als "Schnittstelle" zwischen dem immateriellen Raum des Netzes und dem physischen Raum des Museums funktionieren. Und verblüfft nimmt der Besucher zur Kenntnis, was man so alles ans Internet anschließen kann. In einem Zimmer, das Johannes Goebel, Torsten Belschner und Bernhard Sturm detailgetreu im Stil der 50er-Jahre eingerichtet haben, steht ein Dampfradio, mit dem man Netzradio-Stationen aus der ganzen Welt empfangen kann. Eine Installation von Alexandru Patatics projiziert im WorldWideWeb gefundene Bilder an die Wand als wären es großformatige Pop-Art-Gemälde. Besonders hervorgehoben werden muss aber Wolfgang Staehles simple, aber effektive Arbeit "Traffic": ein Webcam-Bild des Empire State Buildings, das ununterbrochen und in Echtzeit an die Wand projiziert wird - Warhol lässt grüßen. So einfach kann gelingende Netzkunst sein.

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Die unerträgliche Vernetzung von allem

Josephine Berry 18.10.1999

Net_Condition ist eine Ausstellung über Online-Kunstproduktion.

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