Para-S(e)iten und Host-Verbindungen: Eine bedingungslose Liebe
In der aktuellen Ausgabe seiner Kolumne reflektiert Mark Amerika über die Beziehung zwischen Host und Parasit(e) anlässlich der Netzkunstausstellung net_condition des ZKM. In der für ihn typischen, sich selbst überholenden Ausdrucksweise schimmert dabei neben schalkhaftem Humor auch ein sarkastisches Stück Institutionskritik durch.Beim Besuch auf der Website von Net_condition, die vom ZKM betreut wird, war meine erste Frage:
Wer hat die Site gehackt?
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"Warten auf Antwort", meldete mein freundlicher Netscape-Browser. Ich hasse es, wenn das geschieht.
Also öffne ich stattdessen einen neuen Browser und surfe zu einer meiner Lieblings-Websites, bei der es sich, äh, um Telepolis handelt, um eine Kritik der Ausstellung am ZKM von Josephine Berry zu lesen, die es tatsächlich geschafft hatte, auf die physische Site in Karlsruhe zu gelangen, um herauszufinden, worum es da geht.
Ihre Kritik beinhaltet einige treffende Anmerkungen, im Besonderen jene:
"Ein tiefes Gefühl von institutionellem Unbehagen wird in dieser Ausstellung spürbar, begleitet von einem rebellischen Aufschrei nach Existenzberechtigung. Netzkunst stürzt ihr Gegenüber in eine schizophrene Identitätskrise, trotz des Schleiers aus schuldbewusster Peinlichkeit, der viele der ausgestellten Kunstwerke umgibt, und erreicht offenbar ihre Ziele erst in dem Moment, wenn sie zerstört wird."
Unterdessen rückte schließlich mein anderes Browser-Fenster, immer noch "auf Antwort wartend", mit einem weiteren Hinweis heraus:
"Proxy Error
Der Proxy-Server konnte diesen Auftrag nicht ausführen.
Begründung: Host konnte nicht gefunden werden"
Und dann kam es mir, wie in einer himmlischen Offenbarung, in der sich die Himmel auftun und der Lebendige Gott sagt, was Sache ist:
"Host konnte nicht gefunden werden."
Wenn es um Netzkunst-Ausstellungen geht, ist "Host" ein Gattungsmerkmal, das sich ein jeder spielerisch aneignen kann, und oft schon habe ich selbst, als Alt-X- oder Grammatron-Host verkleidet, eine ähnliche Botschaft an einen meiner Besucher aus Übersee weitergegeben, der versucht hatte, sich an meinem digitalen Blut zu laben.
Wenn es aber um unsere zeitgenössische Netz_Bedingung geht, so sind die Methoden, Kunst in einer Welt auszustellen, die heutzutage zunehmend von vernetzten Formen sofortiger Telekommunikation bestimmt wird, völlig offen für Interpretation. Man könnte sagen, dass wir alle für unsere Rolle als "Hosts" verantwortlich sind, und dass immer da, wo es "Hosts" gibt, sicherlich die Parasiten folgen werden.
Wer aber sind nun in der sich rasch entwickelnden Netzkunstszene die Parasiten und wer die Wirte? Ein Parasit lässt sich streng genommen als ein Organismus definieren, der in oder an einem anderen lebenden Organismus lebt und seine Nahrung teilweise oder gänzlich von diesem bezieht, wobei er für gewöhnlich eine bestimmte Anpassung an den Tag legt und oftmals den Tod seines Wirts verursacht, oder diesem beträchtlichen Schaden zufügt.
Hört sich das an wie irgendwelche Netzkünstler, die Sie kennen? Oder klingt das eher nach einigen der größeren, von Regierung und Firmen gesponserten Kunstorganisationen, die an einem "extremen institutionellen Unbehagen" leiden?
Ich denke mal, das hängt davon ab, in welchem Zustand sich Ihr Zustand befindet.
Die Netzkunst hat wieder einmal bewiesen, dass die Kunstwelt - eine aufgeblasene Hure, die nach jener Art von Prestige süchtig ist, die man nur für gute Saatchi-Pfunde kaufen kann - sich allein aus dem Zweck zu "sensationalisieren" bereit ist, um ihren unvermeidlichen Untergang hinauszuzögern. Die einzige Frage, die sich mir dabei stellt: "Warum die Eile?"
Da ich selbst eine Art Netzkunst-Dinosaurier bin, gebe ich zu, dass ich gerne den Großteil meiner Zeit dieser Tage mit dem Ausfindigmachen von sich ständig wandelnden archäologischen Ausgrabungsstätten verbringe, durch die ich mich navigiere, wenn ich meine virtuelle Subjektivität durch die Wüste des Realen steuere, die wir Cyberspace nennen.
Denn, wie ja jedem bereits klar sein sollte: Das Netz -Surfen selbst ist die einzig wahre Form von Netzkunst, und zwar jene Netzkunst, in der man anonym die Rolle des hungrigen Parasiten mimt (wobei para"darüber hinaus" und site einen "Standort" oder "den Schauplatz eines bestimmten Ereignisses" bedeutet), der in oder an einem anderen Organismus lebt, in diesem Falle: im Netz. Ich würde gerne sehen, wie Mr. Saatchi versucht, mir das abzukaufen.
Aber ich schweife ab. Kommen wir auf unsere gegenwärtige Netz_Bedingung zurück. Zuerst die Rolle der Kurator-Praxis in der Netzkunst. 1997, als Alex Galloway von Rhizome und ich gemeinsam eine der ersten größeren Online-Ausstellungen namens Digital Studies: Being in Cyberspace kuratierten, hatten wir zweierlei Absichten: 1) die enorme Aufmerksamkeit, die unsere Host-Site Alt-X auf sich zog, zu nutzen, um Webkunst-Projekte, die weltweit im Entstehen waren, sichtbarer zu machen, und 2) unverzüglich jenes Bedürfnis von Künstlern, die eine zeitgenössische Netzkunst-Praxis entwickeln, in Frage zu stellen, sich von institutionellen Sites abhängig zu wähnen, um eine größere Sichtbarkeit und Akzeptanz im Establishment der Kunstwelt zu erreichen.
Im Wesentlichen mimten Alex und ich für eine große Netzkunst-Verbindungsparty den Host. Gemeinsam verfassten wir für unsere Gäste sogar einige theoretisch irrwitzige Essays - Schriften, die, so hofften wir, den gegenwärtigen Zeitpunkt zu kontextualisieren halfen, den wir mit Phrasen wie "kreativer Exhibitionismus", "digitales Objekt" und "virtuelle Neuveröffentlichung" begrüßten. Den Host zu mimen machte Spaß, und kein einziges Mal spielte ich mit der Vorstellung, wie es wohl gewesen wäre, hätte ich Zugang zum gesamten Innenraum des Centre Pompidou gehabt, um dort unsere Party zu feiern.
Wenn bedeutende Kunstinstitutionen wie das ZKM eine Momentaufnahme unserer aktuellen Netz_Bedingung ausstellen, ist das so, als würde Alan Greenspan, der Präsident der Zentralbank, die Börse davon unterrichten, dass er eine bedingungslose Zurschaustellung von "irrationaler Ausgelassenheit" empfindet, und die Börse darauf entsprechend reagieren (d.h., in einer panischen Erregung paranoiden Psychodramas zu verkaufen). Hier ist, was die Momentaufnahme des ZKM zu unserer gegenwärtigen Netz_Bedingung zu sagen hat:
"Das ZKM wird nun eine Momentaufnahme unserer gegenwärtigen Netz_Bedingung machen. Sie werden entsprechend antworten."
Was sagt es außerdem?
"Wo ist das Museum of Modern Art?"
Was sagt es außerdem?
"Was tun, wenn heute die Parasiten zu Hosts werden?"
Ein anderer Host, Randall Packer, tanzt wie so viele von uns heute entlang jener Grenze, die den institutionellen Host vom parasitären Künstler trennt. Packers Projekt für net_condition besteht im Wesentlichen aus einer speziell kuratierten Mailing-Liste, für die er, als Künstler, den Host mimt, indem er verschiedene Künstler, Kuratoren, Theoretiker, etc. zu seiner Online-Party einlädt. Was somit die Frage aufwirft: Wie kann der Künstler/die Künstlerin bei seiner oder ihrer eigenen Party den/die Gastgeber/in spielen, wenn er/sie sich doch nach den Uhren der Institution richtet?
Packers Antwort besteht in der Schaffung eines, wie er es nennt, telematischen Manifests oder eines Hypertextuellen, Kollektiv Generierten Netzdokuments. In diesem bei weitem interessantesten Beitrag zur Net_condition-Ausstellung begibt sich Packer auf die Suche nach dem Gesamttelewerk des 21. Jahrhunderts, ein formelle Konvergenz aller Medien, die es uns ermöglicht, als utopische Träumer im Netzwerk zu leben, als ob es sich dabei um die soziale surrealistische Erzählung unser aller Leben handeln würde.
Die Manifest-Website zitiert Baudelaire, Wagner, Roy Ascott (der vor all den Jahren auch den Leitgedanken für Digital Studies lieferte), Moholy-Nagy, John Cage, Dick Higgins ("... die sozialen Probleme, die für unsere Zeit charakteristisch sind, erlauben im Gegensatz zu den politischen Problemen keinen Ansatz mehr, der sich strikter Unterteilungen bedient ..."), Billy Kluver und Kandinsky.
Packer stellt seinen Partygästen einige sehr bedeutende Fragen und hofft, dass sie sich diese durch den Kopf gehen lassen, wenn sie bei seiner Online-Soiree herumhängen. Er fragt:
Werden Netzkünstler die Hoffnungen der vergangenen Avantgarde in jenem Vermögen wieder beleben, ihre Botschaft sofort und global zu verteilen?
Suggeriert die Vorstellung eines Gesamttelewerks Möglichkeiten zur sozialen Transformation, die aus Formen kollektiver Kunst resultieren, die Publika vermittels Betroffensein, Einbeziehung und Teilnahme gewinnen?
Kann das Gesamttelewerk zur Defragmentierung des kulturellen Separatismus, der Spezialisierung und der isolationistischen Tendenzen in unseren Institutionen dienen und vielmehr eine im Wechselspiel der Disziplinen verankerte Interaktion von Individuen in allen Lebensbereichen fördern?
Er hofft, dass sich die Antwort darin finden lässt, was er als Telematische Kunst bezeichnet, obwohl wiederum andere, die zur Party eingeladen sind, dazu ermutigt werden, den Diskurs in ihre eigenen Visionen und Terminologien zu verwandeln, was auch geschieht.
Ein Partygast namens Marc Lafia bemerkt:
"Ich glaube nicht, dass die Vorstellung eines verteilten Selbst irgend etwas Neues an sich hat. Das Selbst ist das Selbst in der Welt. Leibnitz hat den Gedanken geäußert, dass das Selbst, als Monade, die Welt enthält. Alles, was zur Welt gehört, befindet sich im Individuum. Und doch ist das Selbst immer und in jeder Hinsicht im Werden. Wir sind autopoetisch, auf der Suche, im Fluss, zwischen den Bedeutungen, werden verstanden, vereinigen uns, sind Wunschmaschinen, unwissend, unwerdend. Das Verständnis dieser Begriffe steht nun im Kontext einer Verteilung von Bedeutung, im Raum des Verstehens und Missverstehens in der Einzigartigkeit eines Augenblicks in einem riesigen galaktischen Metabolismus enthalten, im sich ständig entwickelnden sozialen Technoraum der Sprache."
Joel Slayton, der das Motiv von Lafia übernimmt, geht näher auf den Begriff der Autopoiesis ein:
"Die Autopoiesis, ein Begriff, der von den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelt wurde, ist eine Form der systemischen Organisation, wobei das System als Ganzes seine eigenen Komponenten produziert und ersetzt, und sich kontinuierlich von seiner Umwelt differenziert. Prinzipien dieser grundsätzlichen Systemorganisation treten in komplexeren Systemen auf, was als Verbindungen oder Systeme dritter Ordnung bekannt ist, die aus sozialen Interaktionen stammen, wie zum Beispiel die Versprachlichung."
Würde ich diese Stichwörter in jenem "Meta-Tag", das ich in dieses hypertextuelle, kollektiv generierte Netzdokument eingefügt habe, anführen, so hätte ich wohl eine Liste, die in etwa folgendermaßen begänne: "sozialer Technoraum der Sprache, Versprachlichung, Autopoiesis, verteiltes Selbst, hypervermitteltes kollektives Bewusstsein, narrative Erweiterung, unscharfe Distinktion, konsensuelle Domänen, vernetzte Subjektivität, telepistemologisch ermöglichte Verwandtschaft", etc.
Hat hier jemand net_condition gesagt?
Ich persönlich würde diese Art Schreiben - Denken - Spielen - Vernetzen Neuromantische Kunst nennen. "Neuro" wie den Nerv betreffend oder wie im amerikanischen Ausdruck "it takes a lot of nerve". "Mantisch" wie die Wahrsagerei betreffend oder das Vermögen der Prophezeiung besitzend. Man weiß, dass man Neuromantisch ist, wenn das Intranet überlastet ist und man sein Werden nicht stoppen kann. Sein "Versprachlichung"-Werden. Oder ein sich ständig entwickelndes Modell der Autopoiesis, das in einer sozialen Umwelt verborgen liegt und nach einer schnellen Momentaufnahme einer bestimmten Szene Ausschau hält, die für Organisation offen ist. Wie zum Beispiel die Netzwerk-Kunstszene, jenes komplexe System von Geldwechsel, das über den im Entstehen begriffenen sozialen Technoraum der Sprache übertragen wird. Kapiert?
Wenn das neurologische Netzwerk, das in Ihrem fantasievollen Diskurs zirkuliert, sich Ihrer auf eine Weise zu bemächtigen beginnt, die alle anderen Facetten Ihres vermeintlichen "Selbst" zur Aufgabe anstiftet, dann nicht. Manifestieren Sie lieber. Manifestes Schicksal. Darin liegt die Zukunft und vielleicht auch die wichtigste Reaktion, die man der kritischen Bedingung, in der sich die Netzwerkkunst befindet, entgegenstellen kann.
Wie es Moholy-Nagy auf der Telematic-Manifesto-Site ausdrückt:
"Wir benötigen kein Gesamtkunstwerk, an dem und von dem getrennt das Leben vorbeifließt, sondern eine Synthese sämtlicher wesentlicher Impulse, die sich spontan zum allumfassenden Gesamtwerk (Leben) formiert, das jegliche Isolation abschafft und in dem alle individuellen Leistungen aus einer biologischen Notwendigkeit hervorgehen und in einer universellen Notwendigkeit ihren Höhepunkt finden."
Lang leben die Paras(e)iten! Möge die Party nie zu Ende gehen!
Übersetzung: Thomas Hartl
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