Blairs Bestes: Die Inhalte des Millennium Dome
"Großbritannien hat nichts zu verlieren und alles zu verkaufen".
Lange bevor der erste Trägerpfosten der Hängedachkonstruktion für den Millennium Dome in die kontaminierte Erde von North Greenwich gerammt wurde, begann die Medien-Diskussion um das kontroversielle Projekt (siehe Didaktik als Spektakel). Doch "kontroversiell" ist hier ein Euphemismus. Mit Ausnahme einiger auf Linie geschalteter Blätter fiel die britische Presse mit Galle und Geifer über das Projekt her, so dass die Mitarbeiter der PR-Abteilung und die höheren Verantwortlichen der Dome-Betreibergesellschaft wohl nur mehr in voller Rüstung und mit minimalen Sehschlitzen zur Arbeit gehen. Seien es die missglückte Eröffnungsnacht am 31.12.1999, als Tausende an VIP-Gästen ihre Tickets zu spät erhielten und an einer zugigen U-Bahnstation in Ost-London stundenlang anstehen mussten, oder die Horrorberichte über lange Schlangen vor den Eingängen zu den beliebtesten "Zonen", oder die Berichte über rapide sinkende Besucherzahlen kurz nach den ersten gutbesuchten Januartagen - kaum ein Malheur blieb den Betreibern erspart und jedes Versagen wurde massenmedial seziert und ausgeschlachtet.Doch man kann es der britischen Presse nicht verübeln, schließlich hat New Labour den Mund sehr voll genommen. Ein Tag im Dome würde ein "Erlebnis für das ganze Leben" sein, verkündete Tony Blair, ein "Symbol für die Modernisierung Großbritanniens" echoten die Spin doctors die Worte des PM. Der Dome würde das Beste an britischem Design, Kunst, Wissenschaft, Forschung und Entertainment zur Schau stellen und einen Ausblick auf die Veränderungen der Lebenswelt zur Jahrtausendwende geben. Kritiker des Projekts wurden unterschiedslos als "Zyniker und notorische Nörgler" abgeurteilt, deren "elitäre Werte und snobistischen Vorurteile" sie davon abhalten würden, diese für "die ganze Nation" gemachte Schau willkommen zu heissen (siehe Jahrtausendwende-Spektakel soll die Nation vereinen helfen). Solche Pauschalverurteilungen aller Kritiker, auch derjenigen, die inhaltlich und nicht rein polemisch argumentieren, zieht natürlich nur noch mehr Kritik auf sich. Somit wurde der Millennium Dome, der ja eigentlich nur eine recht teure Großausstellung mit begleitendem Show-Spektakel ist, zum Fokus einer höchst politischen Debatte um die kulturellen und politischen Inhalte, für die New Labour steht. Der folgende Bericht nahm sich zum Ausgangspunkt, diese symbolischen Schlachtfelder soweit wie möglich zu vermeiden und den Dome daran zu messen, was tatsächlich zu sehen ist, welche Inhalte und Attraktionen geboten werden. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn wie sich zeigen sollte, sind nicht nur die Diskussionen um den Dome höchst politischer Natur, sondern auch das, was in ihm drin ist.
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| Millennium Dome von einem Seiteneingang aus gesehen. Photo |
An einem Freitag Mittag im Januar 2000 trafen sich zwei Berichterstatter am Ausgang der neuen U-Bahn-Station der Jubilee-Line. Diese "North Greenwich" genannte Station war eigens für den Dome gebaut worden und ist von imponierender Größe und Modernität. Sie wurde so konzipiert, dass sie dem erwarteten durchschnittlichen Besucheransturm von mehr als 30.000 Menschen täglich standhalten würde. Blinzelnd gegen die schräg stehende Mitwinterssonne überquerten wir den gigantischen Vorplatz zwischen U-Bahnstation und Eingang. Orange Säulen, die straff gespannte, trapezförmige Sonnensegel tragen, ließen Erinnerungen an einen Besuch im Münchner Olympiapark in den siebziger Jahren aufkommen. Man kann sich vorstellen, dass dieser Platz an einem schönen Frühlingstag voller Eis schleckender Kinder und anstehender oder Merchandising-Artikel kaufender Touristen seine Dimensionen rechtfertigt. An diesem Tag aber war von den 50 Drehkreuzen zur Ticketabfertigung nur eines besetzt und der Platz wirkte in seiner menschenleeren CAD-Ästhetik reichlich surreal. Kaum hatten wir den Dome betreten, wurden wir von Besucherbetreuern freundlich angelächelt, sie waren offensichtlich hungrig nach menschlichem Kontakt. 2000 - 3000 von ihnen sollen täglich im Einsatz sein, wobei an schwachen Tagen die Mehrzahl von ihnen wieder nach Hause geschickt wird.
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| Seitlich vor dem Haupteingang des Millennium Dome. Eine surreale Stimmung umgibt den Dome, "der vom Weltraum aus wie ein gigantisches Spiegelei aussehen wurde, wäre er gelb, nicht weiss." (Zitat |
Die 12 Ausstellungszonen des Millennium Dome
Von den 12 Ausstellungs-Zonen, in die der Dome aufgeteilt ist, lockte uns die unwiderstehliche Macht des Geldes zunächst am stärksten und wir begannen unseren Rundgang mit der Money-Zone. Wie die meisten anderen Zonen auch hat sie einen exklusiven Hauptsponsor, in diesem Fall die "City of London". Die "City", der Londoner Finanzdistrikt, besitzt ein eigenes Statut, einen eigenen Bürgermeister und eine eigene Verwaltung - eben die hier als Sponsor auftretende "Corporation -" oder "City of London". Den Eingang bildet eine Art Schleuse, wobei Boden, Wände und Decke mit 50-Pfundnoten (hinter Sicherheitsglas) gepflastert sind. Diese sind eine Leihgabe der Bank of England und gehen nach der Ausstellung wieder an sie zurück. Hat man die Geldschleuse durchquert, wird man zu einer Art Computer-Spiel eingeladen, das darin besteht, dass man versuchen soll, in einer Minute soviel Geld wie möglich auszugeben. Im nächsten Raum erwarteten uns Horror-Nachrichten auf Video und Plakaten, die uns klarmachen sollten, wozu solch ungezügelte Spendiersucht führt: Überhitzte Finanzmärkte, Währungschaos, Straßendemos, hemmungslose Gewalttäter, die mit bloßen Händen gegen schwerbewaffnete Polizei-Spezialeinheiten in voller Kampfuniform vorgehen (wobei die Bilder dazu entweder von der "Stop the City"-Demo am 18.Juni 1999 oder von den Poll Tax Riots aus den achtziger Jahren zu stammen schienen). Doch ein Schild am Ausgang gibt Entwarnung - das sei nur ein Szenario für den schlimmsten aller möglichen Fälle, gleich kommt die Auflösung. Wir überschreiten eine Brücke über einen (metaphorischen?) Abgrund und gelangen in eine Art Spiegelkabinett, in dem alle Perspektiven endlos sind und unsere eigenen Spiegelbilder von Videoprojektionen überlagert werden. Wir befinden uns in einer 3D-Illustration des internationalen Finanzsystems. Dieses, sagen der Soundtrack und Videoschriften unisono, beschützt uns vor dem zuvor durchschrittenem Horrorszenario, garantiert finanzielle Stabilität, garantiert Pensionen, garantiert Wohlstand für alle, ohne sich auf Erklärungen im Detail einzulassen, warum das denn der Fall sein soll.
Wir wollen unserem Credo der Vorurteilslosigkeit treu bleiben und enthalten uns jeder Kritik, aber wir können nicht umhin, ein wenig stutzig und verwirrt zu sein, so als hätte man uns mit einem Goldbarren der Bank of England auf den Kopf gehauen, als Beweis dafür, dass unregulierte freie Marktiwirtschaft die einzig richtige Religion ist. Um möglicherweise mehr darüber zu erfahren, als die bloße Behauptung "dass...", betreten wir die gleich gegenüber liegende "Work and Learning"-Zone.
In der von Manpower, der größten britischen Zeitarbeitsfirma, gesponserten Work-Zone erhalten wir eine Lektion über den Unterschied zwischen alter und neuer Arbeitswelt. Zunächst in der alten Welt, sind die Wände mit umständlich und abschreckend aussehenden, gedruckten Formularen beklebt, hoffnungslos veraltete Büromaschinen prozessieren irgendwelche nutzlose Information, davor zieht sich eine zehn Meter lange Installation übereinander geschichteter Hamsterkäfige hin, voller unglücklicher, toter Plastik-Hamster in ihren Hamster-unwürdigen Laufrädern. Im nächsten Raum ist es sogleich wesentlich heller. Wieder eine Installation mit Hamsterkäfigen, diesmal leer, dafür hat jeder Käfig eine elektrische Glühbirne. Erneut kleben Memos an der Wand, handgeschrieben, die neue Lässigkeit: "Du hast in zehn Minuten eine Videokonferenz mit San Francisco und Bombay, machs gut, Alison". An der Wand gegenüber sehen wir, dass die breiten Papierbänder, die im anderen Raum durch primitive Büromaschinen liefen, direkt in den Schredder gehen. Einen Raum weiter betreten wir eine Art Mekka der flexiblen Arbeitsbedingungen. Ein Dutzend an weissen, überdimensionalen (3m hohen), palmtopähnlichen Computern (3com ist zufällig offizieller Technologielieferant für den Dome) mit jeweils einem großem rotem Druckknopf (Interaktion!) erzählen auf Knopfdruck von den Vorteilen einer flexibilisierten Arbeitswelt: Mütter können wieder in die Arbeitswelt einsteigen, Jobs können auf zwei Personen aufgeteilt werden, man kann mobil arbeiten, man kann mehrere Jobs zugleich haben, jeder, der will, kann immer und überall arbeiten, arbeiten, arbeiten...
Die Vorteile genmodifizierten Lernens
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Wir sind ein wenig gestresst, doch da es nahtlos in die Learning Zone weitergeht, bleibt den Zynikern in uns (wobei die Zyniker ja, historisch gesehen, faule Nichtstuer waren) keine Zeit, sich laut zu machen. Die Learning-Zone wird von Tesco gesponsert, der größten britischen Supermarktkette. Nach einem Vorraum, in dem "Informationstechnologie" durch einen Sack voller Playstations symbolisiert wird, hat man die Wahl zwischen zwei Türen. "Skills" steht auf der einen, "No Skills" auf der anderen. In angeborener Bescheidenheit wählen wir "No Skills", doch siehe da, diese Tür ist vernagelt, ohne Fähigkeiten gibt es also kein Weiterkommen in der Wissensgesellschaft. In der darauffolgenden Halle erwartet uns eine Vielzahl an alle unsere Fähigkeiten herausfordernden Tests, wie z.B. Kopfrechnen (nur Addition, Subtraktion ist wahrscheinlich negativ vorbelastet), Telefonieren und Tischfussballspielen ("fördert Interaktion und Teamgeist", kommentiert die Pressemappe). Danach gelangt man in einen Raum, der einen leicht überdimensionalen Schulkorridor darstellt. Depressive Erinnerungen quälen uns während einer kurzen Wartezeit. Im "Klassenzimmer" wird ein Film aufgeführt. Dieses musikalisch untermalte Werk, das völlig auf Sprache verzichtet und allein der Kraft visueller Metaphern vertraut, zeigt die Erlebnisse einer Art "Alice im Lernwunderland". Nachdem sie erst zu spät kommt und im Unterricht unaufmerksam ist, überreicht ihr die Lehrerin eine Lindenblüte. Zu einem an Koanisquatsi erinnerndem Soundtrack wird die Blüte zum Schlüssel in ein digitales Wunderland überraschender Morphings und anderer Spezialeffekte. Die Blüte morpht in ein Rotorblatt eines Kampfhubschraubers (eine von vielen erstaunlichen Überlagerungen zwischen natürlichen und technischen Formen, welche ihre Berichterstatter in der Geschwindigkeit der Ereignisse nicht mitzuschreiben vermochten), der Baum des Wissens beginnt in Alices Kinderzimmer zu sprießen und am nächsten Morgen geht Alice glücklich zur Schule, die nun erkennbar eine 3D-Animation ist, über die der in den Himmel wachsende Wissensbaum gütig seine Äste streckt - was möglicherweise ein Hinweis auf das enorme Potential genetisch modifizierten Lernens ist.
Nach so viel Aussage brauchen wir einen Kaffee und haben die Wahl zwischen McDonalds und mehreren Capuccino-Schnellsiederketten, die als Lohn für ihr selbstloses Sponsoring-Engagement exklusive Catering-Verträge erhielten. Die ultramodernen Kaffeezubereitungsanlagen und effizienten Kassensysteme machen die Pause zu einem stressfreiem Erlebnis ganz ohne Anstehen. Das gibt uns Gelegenheit, die erfrischende Zusammenstellung der Farben und Materialien der gesamten Dome-Innenarchitektur - nicht nur der Zonen - zu bewundern. Orange für die metallenen Trägerkonstruktionen, verschiedene Pastelltöne für Wände und Decken der zwischen die Zonen gepressten Buden, dazwischen die aufmunternden Farben der ihren eigenen Gestaltungsgesetzen folgenden Zonen - vom erfrischenden Lila des McDonalds-OurTown-Zeltes zu der popfarbenen und gepixelten Oberfläche der Body-Zone-Doppelstatue und über allem das ehemals weisse und von der Londoner Luft nun leicht angegraute Dach des Domes...
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| Der eigentliche Star der Ausstellung, die Hängedachkonstruktion von Richard Rogers und Partner. Photo |
Gestärkt stellen wir uns der Herausforderung, uns für das Betreten der Body-Zone anzustellen, was von der Presse als Horror sondergleichen geschildert wurde. Doch es dauert kaum 10 Minuten, in der sich schnell fortbewegenden Schlange zum Eingang vorzustoßen. Das Innere erinnert ein wenig an Geisterbahn und jenen siebziger Jahre Film, in dem Wissenschaftler sich miniaturisieren lassen und in einem U-Boot eine Reise durch einen Köper antreten. Im ersten Raum wird demonstriert, dass auch der sauberste Mensch Tiere auf seiner Haut hat (eklige kleine Milben). Im Gehirn erwarten uns Modellgehirne auf beweglichen Hälsern in einer Art Uni-Vortragssaal, die im Spitting-Image-Stil Blödsinn vor sich hin brabbeln. Danach sehen wir eine von martialischer Musik untermalte Animation mutiger Spermatozyten, deren tapferstes schließlich als erstes die Haut des weiblichen Ovums durchbohrt (was zwar ein verbreiteter Mythos aber wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist). Ach ja, Sponsor der Body-Zone ist die Drogerie-Kette Boots.
Jegliche Kommentare unterdrückend betreten wir die Play-Zone. Diese ist augenscheinlich von niemandem gesponsert. Vielleicht ist das der Grund dafür, wenn diese Vermutung ganz unzynisch ausgesprochen werden darf, dass sie mit Abstand die beste Zone ist. Nach den vorherigen Erlebnissen erwarteten wir tobenden Schlachtenlärm, Gruft-Abenteuer, Autorennjagden und anderes, was auf den gängigen Spielekonsolen so angeboten wird. Stattdessen betraten wir eine Ausstellung elektronisch digitaler Kunst, die ganz so aussah, als wäre sie von Peter Weibel Mitte der neunziger Jahre kuratiert worden. Da war, neben anderen, "Beyond Pages" von Masaki Fujihata, ein interaktives Buch, "Sofavision" von Paul Sermon, "Music Table" und "Piano as Image Medium" von Toshio Iwai, "Fly by Light" von Sommerer/Mignanneau, wobei man mit einer Taschenlampe digitale Insekten anlocken kann und eine Arbeit, die verdächtig an Jeffrey Shaws "Legible City" erinnert aber deutlich modernisiert und hier Gerfried Stocker und Joachim Smetschke zugeschrieben wurde. Es tat gut zu sehen, wie diese ursprünglich als "Kunst" vermarkteten Werke in einem Entertainment-Kontext offensichtlich funktionierten und vor allem von Teenagern begeistert benutzt wurden. Den Spieß umdrehend könnte man sagen, dass die erfolgreiche Präsenz dieser Werke in der Play-Zone letztlich der Beweis ist, dass diese Form digitaler interaktiver Medienkunst, die ihre Blüte zwischen den späten Achtzigern und der Mitte der Neunziger hatte, mit Kunst nie etwas zu tun hatte, sondern immer schon eine Art digitaler High-Tech-Showcase für Künstler mit Bastelambitionen war, deren inhaltliche Qualitäten sich auf Themenparkniveau bewegen.
Doch diese Diskussion steht auf einem anderen Blatt und wir nähern uns gespannt der vom Büro der berühmten Architektin Zaha Hadid gestalteten Mind-Zone, gesponsert von GEC-Marconi und British Aerospace, den Marktführern der britischen Waffenindustrie. Die kühle Architektur unterstreicht, dass die Interpretation von "Mind" hier vor allem eine kybernetische ist. Dabei setzt man wie schon bei "Play" stark auf Kunst, allerdings in einer eklektischeren Zugangsweise. Neben einer hölzernen Skulptur von Richard Deacon gibt es eine unsichtbare, d.h. nur mit Infrarotbetrachtungsgerät sichtbare Skulptur von YBA Gavin Turk. Der Web Stalker von I/O/D zeichnet hier seine Landkarten des Internet, neuronale Netze lassen Fische auf Besucheraktionen reagieren, "Morphing Machines" ermöglichen es Besuchern, digital ihre Rasse oder ihr Geschlecht zu verändern oder 25 Jahre zu altern und Ryoji Ikeda, einer der angesagtesten japanischen Musik-Avantgardisten, hat eine "Sonic Dislocation Chamber" eingerichtet, einen neutralen Raum, in dem die Beschallung eine Desorientierung des Raumgefühls verursacht (zu Ryoji Ikeda siehe diesen Artikel über die Theatergruppe Dumb Type).
"Thank you for choosing British Spaceways for your journey".
Nachdem unsere elitären, snobistischen Digital-Avantgarde-Bedürfnisse mit Play und Mind auf ihre Kosten gekommen waren, sank unsere Aufnahmebereitschaft merklich ab. In dieser Verfassung ließen wir uns noch durch "Space" treiben, gesponsert von British Airways. Hier wurde uns die Schönheit des Planeten Erde vorgeführt und wie gut es ist, dass man alle diese Orte per Flugzeug heute mühelos erreichen kann ("Thank you for choosing British Spaceways for your journey".). In der "Faith-Zone" wird der ökomenische Gedanke vermittelt, dass alle Religionen irgendwie ähnlich und jedenfalls gut für den Menschen sind. In der von British Telecom gesponserten Talk-Zone vermittelte uns BT-Maskottchen E.T., dass es gut ist, zu reden ("It's good to talk", hauptamtlicher BT-Slogan in allen Kampagnen). Auch wurden einige "futuristische Kommunikationsapparate" aus den BT-Forschungslabors ausgestellt, die allesamt wie leicht verstaubte Design-Prototypen aussahen, die es nie auf den Markt schaffen würden. Hat niemand bei BT bemerkt, dass andere Unternehmen solche Dinge inzwischen tatsächlich herstellen und verkaufen - wie z.B. die Uhr, die zugleich MP3-Walkman ist oder die Uhr, die Bilder und sogar Videos aufzeichnen kann oder das Handy mit GPS und Weltkarte von Benefon? In der "Travel-Zone" von Ford ging es in der selben Tonart weiter. Es ist schön, wenn man Reisen kann und bald werden wir noch schneller, leichter, weiter und umweltfreundlicher reisen, dank...
Die große Show
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| Ein gigantisches, farbenprächtiges, multikulturelles Live-Spektakel...? Photo |
Die Ausstellung der schönsten Diamanten von De Beer überspringend ebenso wie die OurTown-Bühne von McDonalds blieb nichts mehr übrig, als die vier Mal täglich aufgeführte große Live-Show anzusehen. Bühne und Tribüne der Live-Show nehmen einen Großteil der gesamten Grundfläche des Domes ein, was vielleicht der Grund ist, dass die Mischung aus "Zones" und Catering-Betrieben, die den äußeren Kreis bilden, etwas an den Rand gedrückt und "räumlich nicht wohl organisiert" wirken. Die Show ist, wie sollte es anders sein, ein gigantisches, farbenprächtiges, multikulturelles Spektakel, das alle Sinne anspricht, der Lebensfreude einen neuen Schub verspricht und uns die Kraft verlieh, so schnell wie möglich den Weg zur schönsten und größten aller U-Bahnstationen in ganz Südost-London ("in ganz Europa", Zitat Pressemappe) anzutreten.
Die Bedeutung des Domes für die Vermarktung Großbritanniens
In der nachfolgenden Auseinandersetzung mit dem Ausstellungserlebnis fiel es uns schwer zu glauben, was wir gesehen hatten. Wir hätten kein Problem mit einem didaktischem Zugang gehabt. Eine Art Volkshochschule als Ausstellung, die sich mit den Veränderungen beschäftigt, die von Technologie und Globalisierung ausgelöst werden, wie auch immer simplifizierend dargestellt, hätten wir gerne in Kauf genommen. Doch hier handelte es sich um etwas anderes: Informationskrieg und Gehirnwäsche am Rande der Lächerlichkeit, mit interaktiven Medien als Krücke für die Leere der Botschaft. Die Money-Zone brachte es auf den Punkt. Nichteinmal der überzeugteste Monetarist würde die surreale Behauptung aufstellen, dass ausgerechnet das internationale Finanzsystem die kleinen Leute vor seinen eigenen Krisen beschützt. Doch auch die meisten anderen Zonen stehen der Money-Zone an blankem Propagandismus kaum nach. Sie präsentieren sich wie begehbare Fernsehwerbespots für den Hauptsponsor und lassen kein Klischee einer fröhlich globalisierten Menschheit aus: Harmonie, wissenschaftliche und technische Faszination, glücklicher, kreativer Multikulturalismus und ein ungebrochener Zugang zu überbrachten Sozialstrukturen - ein Großbritannien, das nichts zu verlieren und alles zu verkaufen hat, das von unkontrollierten Allianzen zwischen politischen und kommerziellen Interessen regiert wird und in dem die inländischen Multinationals als Anlass für nationalen Bürgerstolz dargestellt werden.
Dabei verwundert es weniger, dass dies die Botschaft ist, als vielmehr, wie schamlos primitiv sie übermittelt wird. Sowohl im öffentlich rechtlichen als auch im privaten Fernsehen gibt es strikte Richtlinien für die Trennung zwischen Werbung, Sponsoring und redaktionellem Inhalt. In dieser Hinsicht besitzt der Dome nichteinmal den Anschein an Integrität. Die Inhalte der Zonen sind, mit wenigen Ausnahmen, völlig ident mit dem Mitteilungsbedürfnis des jeweiligen Hauptsponsors. Doch der Dome funktioniert nichteinmal als eine Art populärer Futurologie - sosehr darauf bedacht, alles zu vermeiden, was bei irgendeinem Vorstands- oder Kabinettsmitglied Anstoß erregen könnte, ist das Gesamterlebnis essentiell spaßfrei und depressiv. Der Kinderspielplatz draußen vor dem Dome signalisiert den einzigen Freiraum. Innen drin wird die Bevölkerung als willige und kooperationsbereite Masse behandelt. Da ist es kein Wunder, dass die Besucher wegbleiben. Die Bevölkerung stimmt mit den Füßen ab, der Markt sagt die Wahrheit...
Eintrittspreis: 20.- Pfund (ca. DM 60.-) für Erwachsene, Reduktionen für Gruppen und Kinder
Öffnungszeiten: Täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr, noch bis zum 31.12.2000
Weitere Informationen: Millennium Dome Website
- Just a note (28.1.2000 1:31)
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