MP3: Gratis, legal und qualitativ wertvoll

Eine Auswahl interessanter Server, Sites, Netzlabels und Verzeichnisse.

Wer hatte nicht schon die frustrierende Erfahrung, MP3 als Suchbegriff bei einer beliebigen Suchmaschine einzugeben, nur um sich dann eine schwerwiegende Netzdepression einzufangen: Laufend tote Sites, die irgendwann für kurze Zeit existiert zu haben scheinen, oder Server mit Musikstücken fragwürdiger Qualität und Herkunft, die einen mit immer neuen Pop-up-Windows nerven, oder Sites, die nur einige Stücke gratis als Teaser anzubieten haben, um dann doch die unvermeidliche Kreditkartensperre aufzufahren. Die Musikindustrie trägt das ihrige bei, um MP3 schlechte Presse zu verschaffen. Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass die großen Musikverlage das Format am liebsten ganz verbieten würden. Im Kontext diverser Copyright-Gerichtsverfahren entsteht eine seltsam verzerrte Sicht auf das Internet in Schwarz und Weiß, sozusagen Netz noir: Hier die guten Labels, welche unaufhörlich junge Talente nähren und keine Kosten scheuen, um die Kreativität zu fördern, da die zwielichtigen Raubkopierer, die mit ihrem Tun genau das unterlaufen (siehe Copy-Kills-Music).

Was die jungen Talente möglicherweise anders sehen: Da die Glaspaläste der Major-Labels, bei denen es eigene Abteilungen zur sofortigen Vernichtung von Demo-Tapes unbekannter Künstler gibt, während die noch unentdeckten Genies Hunger leiden und ihre Musik nicht unters Volk bringen können. Woraus resultiert, dass die zahlreichen Server und Sites, die MP3 gratis anbieten, angeblich allesamt nur Stücke von bedenklicher Qualität namenloser Möchtegern-Künstler aufzuweisen haben und wer Qualität haben möchte, muss nach wie vor seine CD's bei EMI-Warner-Sony-BMG-usw. kaufen - was uns letztere gerne weismachen möchten. Doch gibt es Graustufen in dieser Schwarzweißzeichnung? Gute Musik im Netz, die nichts kostet, außer ein paar Minuten Downloadzeit, und das auch noch legal, mit Einverständnis von Künstler und Label?

Telepolis hat sich auf die Suche nach solchen Juwelen im Technikdschungel gemacht und dafür Verstärkung herangezogen. Sascha Kösch, Mit-Herausgeber und Co-Chefredakteur von de:bug, und Janko Röttgers, MP3-Kritiker von de:bug, haben ihre Bookmarks nach den besten Servern und Sites durchforstet und eine kleine Selektion zusammengestellt. Diese konzentriert sich auf diverse elektronische Styles, von House und Techno, über Drum & Bass bis hin zu Electro und Experimental-Electronica. Wobei es kein Zufall ist, dass Künstler und Labels dieser Szenen ein sozusagen natürliches Nahverhältnis zum Internet haben, eine Aussage, die sich auch auf die Fans erweitern lässt. Daraus lässt sich für die Plattenfirmen ein möglicherweise verheerender Trend ablesen. Im technologisch bedingten, großen Sprung nach vorn könnte die Compact Disc das Nachsehen haben. Denn die wahren Fans bevorzugen einerseits die Unmittelbarkeit und Schnelligkeit von MP3 und halten andererseits die Vinyl-Platte in Ehren. 1999 wurden in England erstmal mehr professionelle DJ-Laufwerke als elektrische Gitarren verkauft. Und das im Land der Beatles! Da ist es kein Wunder, dass sich EMI schnell von Warner Music schlucken lassen musste. Doch genug der Kommentare und ab ins MP3-Wunderland.

MP3.com

MP3.com - Man mag zur Politik von MP3.com stehen, wie man will, unbestreitbar ist es der größte, der bekannteste Server mit etwa 300 000 Songs online. Hier genau das zu finden, was man immer schon haben wollte, ist in etwa so umständlich wie der Versuch, auf einem Globus den nächsten Hägen-Dasz-Provider ausfindig zu machen. Obwohl es natürlich Spass macht, das MP3-Klangprofil einer Stadt wie z.B. Donauwörth zu checken, oder die endlos auseinander gehenden Vorstellungen von Genres, die man sich manchmal nur noch als Tippfehler erklären kann. Trotzdem wird es einem schnell klar, dass der Mensch mal wieder als Filter herhalten muss, was er ja bekanntlich besser kann als vieles andere.

Hat man keine Freunde, die einem ihre Playlist mit Passwort und Login zur Verfügung stellen, beginnt man seine Suche auf MP3.com am besten bei verlässlichen Grössen wie Detroits ewigem Techno-Held Carl Craig, Heidelbergs Elektronik Label Nr.1, Source Records, von Move D und Jonas Grossmann, die ihre Station wöchentlich updaten, oder Tübingens bestem Drum-and-Bass-Act Simon V und kämpft sich von dort aus relativ stilsicher durch. Schnell wird einem klar, dass man in einigen alten Bekannten von CD und Vinyl richtige MP3-Maniacs entdecken kann, die MP3.com usw. für mehr als nur CD-Promo benutzen, sondern sich dort warmlaufen für kommende Tage der digitalen Distribution. Sinnvollerweise teilt man das Ganze vielleicht in Genres ein.

Techno

An minimalen Technotracks gibt es neben dem umtriebigen Stewart Walker (Tektile/Force Inc/Mosquito usw.) aus Cambridge eine Riesenmenge von gut pumpenden Stücken des Dänen-Trios Christian Bloch, (Tresor/Simple Muzik), Bjorn Svin (April) und Bo V (Tresor/Aaalborg.dk.records), Loopstyletechno ohne Ende vom Schweizer Pan Am (Phont/Kanzleramt), Thomas Schreiber, und der Schwedin Birgitte Maria Vider (man könnte das endlos fortführen...), experimentellere, schrägere aber dennoch harte Tracks des Brightoner Harddiscwizzards Justin Berkovi (Nightracks, Predicaments, Serial Killers Haircut) . Die gesamte Garde der Detroit Klassiker wie Derrick May, Stacey Pullen, Kenny Larkin usw. hat sich als Promogag von MP3 eine Tourseite zusammenstellen lassen, auf der es von jedem der Acts einen Exclusivtrack gibt. Die zuvor genannten sitzen aber sonst wohl zu sicher im Sattel der Musikindustrie, als dass sie MP3 für sich entdecken wollten. Juan Atkins, ehemaliger Mitstreiter, Mitgründer und Vietnamveteran bei einer der ersten "Technobands" Cybotron sorgt hingegen für einiges an Verwirrung.

Drum and Bass

Mit Drum-and-Bass-Acts verhält es sich ähnlich. Hier bleibt trotz Vorzeigelegende A Guy Called Gerald der Fokus auf Leuten außerhalb des inneren Zirkels, was MP3.com zu einem Forum für Newcomer und dezentralisierte Szenen macht. Neben oben genanntem Simon V, der sich zum Liebling aller MP3 Server mausert, weil er einfach überall seine Tracks veröffentlicht, sind nennenswert: Cycom, Barth, Doppelgänger, Kodeine, Twisted Pair.

Electronica

Das Lieblingsgenre im Netz, Electronica (merke: sogenannte IDM-Hörer, alles Leute die sogar Schuhriemen nach Faserstärke sortieren) liebt Plattformen wie diese verständlicherweise, je weiter sie von der Euro/Amiszene weg sind, um so mehr. Die St. Petersburger Fizzarum (City Centre Offices), Taiga und EU haben fast ihren gesamten Back-Katalog an herzerweichend kryptischem Geplinker dort archiviert, die Moscower Ambidextrous und J Toonz warten auf Verträge. Aber auch gestandene Labelowner wie Move D lassen hier ihre Tracks fast programmatisch zirkulieren (auch unveröffentlichte), die Japaner von Form@Records schicken gleich zwei ihrer sehr deepen Acts auf diesem Weg durchs Netz, Tensor und Virgo, teilweise unter anderen Namen, da viele Acts aus den verschiedensten Gründen für das Netz extra ihre Namen verheimlichen (die Berliner Electronische Wohlfahrt zB. firmieren als Rawell. An Motivation für MP3-Veröffentlichungen ist sehr beliebt die "ich habe keine Lust mehr auf Label"-Variante, die Leute wie TV 99 AD verfolgen, die schon auf eine lange Karriere von Releases zurückblicken, dann auch die "mein Label allein reicht mir nicht"-Variante von Hyperproduktiven Adrien 75, oder die "ich will nicht mehr warten bis mein Album endlich releast ist"-Variante von Acts wie Ultradyne (Warp, Submerge, Sabotage). Nennenswerte weitere Electronica-Acts: Artefact, Dalezy, Twine, Kettel, Jet Jaguar, Mactra, Phluidbox, Staticboy.

Electro

Electro-Acts finden sich allein schon wegen ihrem Hacker-Ethos und ihrer unbeugsamen Back-to-the-Basics-Haltung gegenüber ihrem Equipment ein, denn für sie sind Lötkolben und C++ eh nur zwei verschiedene Seiten der Medaille. Beste Acts neben Ultradyne: die Amsterdamer DeFl.EKTRO, Voco Derman, und Zero DB, und Usertronix.

Zu verrückt, um eingeordnet zu werden

Und zum Schluss noch kurz Menschen, die so seltsame Musik machen, dass man für sie das Netz hätte erfinden sollen, denn so wie man nie das findet, was man grade sucht, machen sie Musik, die nie so ist, wie man sich vor ihnen Musik vorstellen konnte, denn sie lassen sich so gar nicht genrefizieren: Hrvatski, ASCII, mdk, Electric Company, The Liver Sadness, Metalbox.

Weitere Server

Audiogalaxy.com - Interessante Alternative zu MP3.COM. Der Server wurde soeben kräftigst relaunched und macht nicht nur optisch was her: Audiogalaxy.com bewertet jeden Song, beschreibt jeden Musiker und gibt den Usern Gelegenheit zum Feedback. Der Server kooperiert mit Labels wie 4AD, Ninja Tune oder Smile Communications.

Epitonic.com - Sehr interessanter Server mit vielen guten Tracks von Breakbeat Era bis Wu Tang Clan. Epitonic setzt auf enge Kooperation mit ausgesuchten Labels, das zahlt sich aus.

Besonic.com - Relativ neuer Server. Ist in Hamburg beheimatet, spricht aber fließend sechs verschiedene Sprachen. Könnte damit zur europäischen MP3.COM-Alternative werden, bisher machen sich allerdings die Inhalte etwas rar.

Loopnet.de - Hier wird MP3 nicht aus dem Venturecapital-Umfeld heraus angegangen, sondern aus dem der Musikliebhaber und -Produzenten aus dem Underground, und so sind die Acts die dort veröffentlichen (gerade in den Kernbereichen Drum and Bass, Electronica, Downtempo) eigentlich zu 50% spannend. Übersichtlich ist es obendrein, weil bislang die Menge der Tracks noch recht überschaubar ist. Bester Ort um, vorrausgesetzt man produziert selber Tracks, seine MP3`s trafficschonend und im sympathischen Umfeld zu veröffentlichen.

Vitaminic.de - Noch ein neuer deutscher MP3-Server. Hier fehlen teilweise die eigenen Inhalte, weshalb kurzerhand MP3s auf anderen Servern als eigene ausgegeben werden. Etwas merkwürdig.

Tunes.com - Steht in Kooperation mit dem Rolling Stone Magazine, weshalb auch rollingstone.tunes.com hiphop.tunes.com und downbeatjazz.com mit zur Familie gehören. Das verspricht jede Menge MP3s und einige große Namen, für die man sich jedoch erst registrieren muss.

Der MP3 Plattenladen

Eine der besten Verwendungsmöglichkeiten von MP3 ist als Plattenladenersatz. Das wird sich so ungefähr jeder denken und dabei auf OnlineDistribution schielen, aber um Längen besser funktioniert es eigentlich zur Zeit in der Kombination Vinyl und MP3. Vinyl-DJ`s sind bekanntlich CD-Hasser, und es interessiert sie überhaupt nicht, Musik in einer anderen Form als dem gewohnten Interface aus schwarzem Plastik zu bekommen, also gibt es bei Netzvertrieben wie Juno auch keinerlei zu erwartende Rechtsstreits wegen der Vorhör-Snippets, die sie jede Woche tapfer in 30-Sekunden-Auszügen von über 200 Stück DJ-Vinyl rippen. Für die User hingegen gibt es nirgendwo einen besseren Überblick über die wöchentlichen Releases weltweit (auch wenn der Service aus England kommt, überschneiden sich doch die Releasedates meist). Browser-Mimetypes für Mpeg-audio auf Plug-In stellen, Genres durchskippen und in Realtimestreaming in völlig ausreichender Klangqualität jedes neue Stück Vinyl durchscannen. Wo man es dann kauft, scheint sogar den Leuten von Juno egal zu sein, denn sie haben nicht mal den globalen Einkaufskorb, geschweige denn eine Datenbank im Rücken.

MP3s kommerziell

Cductive.com - Hier werden MP3s verkauft, ein Song kostet einen knappen Dollar. Immer mal wieder gibt's auch einige nette Songs als Teaser umsonst.

Mudhut.co.uk/ Noch ein MP3-Verkäufer, unter anderem in Kooperation mit dem Drum 'n Bass-Label Tech Itch Recordings. Kostenpunkt: 1 Pfund pro Track, Teaser gibt's auch hier umsonst.

Directories / Review-Sites

Listen.com - Sehr umfangreiche Site mit Künstler-Infos, MP3-Besprechungen und Links auf die entsprechenden Server. Wer nach bekannteren Namen sucht, sollte hier anfangen. Einziger Nachteil: Listen.com verweist auch auf kommerzielle Angebote wie cductive.com, was das Suchen nach kostenlosen MP3s etwas mühsamer macht.

Raw42.com - Gute und umfangreiche Review-Site für elektronische Musik. Von der Auswahl der Künstler ein wenig MP3.COM-lastig. Dafür gibt's viele Links zu interessanten Musikern, von denen man garantiert noch nie etwas gehört hat.

Tonspion.de - Deutsche Review-Site. Steckt noch etwas in den Kinderschuhen, beschränkt sich bisher hauptsächlich auf bekanntere Künstler. Aber die Redaktion wird gerade ausgebaut, man darf gespannt sein.

Labels Online

Matador.recs.com/ - Das Indie-Label Matador hat keine Angst vor MP3s. Hier gibts teilweise sogar exklusives Material von Pavement, Yo La Tengo und Co.

Netzlabels

Kosmic.org/ - 1991 gegründet, ist die Kosmic Free Music Foundation sicher eines der ältesten Online-Labels überhaupt. Wie bei den meisten Underground-Netzlabels gibt's hier immer mal wieder Musik in unbekannteren Formaten (Modules). Software wie Winamp und Co. sollte damit aber problemlos fertig werden.

Noisemusic.org - Ganz interessante Site mit ambienten und experimentellen MP3s.

Tdr.scene.org - Das ziemlich aktive Netzlabel Tokyo Dawn Records kommt eigentlich gar nicht aus Tokyo sondern aus Süddeutschland. Musikalisch geht's hier in Richtung Drum 'n Bass und Trip Hop.

D-zign.com/bmp/ - Blacktron Media Productions hosten gleich mehrere Netzlabel: Scientific, Houseworks, Raw Shit und Rohformat liefern Drum 'n Bass, House und Techno en masse.

Ssmedion.de/fridge/ - Nette LoFi-Elektronik mit wirklich hübscher Website. Im wahrsten Sinne des Wortes cool.

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