Eine Menge Arbeit, um damit nichts zu sagen

Tilman Baumgärtel 08.02.2000

Interview mit Lisa Jevbrett

Schon lange hat keine Netzkunst-Arbeit die technische Struktur des Internets so radikal thematisiert und hinterfragt wie 1 von Lisa Jevbrett. "1:1" ist keine Webkunst, keine clevere Kunst-Homepage, keine Oberflächengestaltung. Die Arbeit ist zwar über eine Web-Oberfläche zugänglich, doch diese dient nur als Interface zu einer Arbeit, die sich mit der Infrastruktur des dezentralen Netzes, den IP-Nummern und den Servern beschäftigt. "1:1" ist eine Art praktizierte Netzkritik, um den etwas in Vergessenheit geratenen Begriff noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: sie begnügt sich nicht mit der kritischen Reflektion des Internets von außen, sondern begibt sich in das Netz hinein, um das Medium aus sich selbst heraus zu thematisieren und zu begreifen.

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Eine Arbeit, die die I.P. Adressen thematisiert - das klingt wie eine akademische, schwer zugängliche Fingerübung. Doch tatsächlich ist "1:1" eine recht nachvollziehbare Arbeit. Um sie zu verstehen, muss man lediglich wissen, dass IP-Nummern die "Adressen" von Webservern sind: Rechner im Internet müssen über eine eindeutige Adresse verfügen, damit die für sie bestimmten Datenpakete sie erreichen können. Die IP-Adresse besteht aus einer Zahlenfolge, einer Gruppe von vier Zahlenwerten zwischen 0 und 255, die durch Punkte voneinander getrennt sind. Da diese schwer zu merken ist, erhalten Rechner üblicherweise zusätzlich einen (oder mehrere) beliebige Klarnamen wie zum Beispiel www.heise.de, die vom Name-Server wieder in IP-Adressen aufgelöst werden. "1:1" macht diese Infrastruktur, die normalerweise unbemerkt von Websurfer unter der Blümchentapete des WorldWideWebs vor sich hin funktioniert, transparent.

"1:1" ist die nicht die erste Arbeit von Lisa Jevbrett, die sich nicht mit der Oberfläche des Internets, sondern mit dem, was darunter liegt, beschäftigt. Die gebürtige Schwedin, die am CADRE Institute an der San Jose State University unterreichtet und zu dem c5-Kollektiv um Joel Slayton gehört, hat sich in allen ihren Projekten weniger um Inhalte, sondern eher um Strukturen gekümmert: bei dem Stillman Projekt, das im Auftrag des Walker Institutes of the Arts in Minneapolis entstand, wurden die "Datenspuren", die die Surfer auf der Homepage des Museums hinterließen, sichtbar gemacht, ihre "Non-Site"-Gallerie wird durch die Fehlermeldungen auf dem Server des CADRE Instituts mit immer neuen "Ausstellungsstücken" beliefert.

In den Arbeiten von Lisa Jevbrett wird die Selbstreferentialität der Netzkunst auf die Spitze geschrieben und bekommt gerade dadurch paradoxerweise wieder eine Relevanz, die über die eines "reinen Kunstwerks" hinausgeht. "1:1" handelt zwar ausschließlich vom Medium der Netzkunst, dem Internet, doch es ist darum keine l'art pour l'art, sondern im Gegenteil gleichzeitig Kunstwerk und Rechercheinstrument in einem. Das gibt Hoffnung, dass sich die Entwicklung der Netzkunst nicht in der Gestaltung von HTML-Seiten erschöpft hat.

Lass uns damit anfangen, dass Du erklärst, wie Deine Arbeit "1:1" technisch funktioniert ...

Lisa Jevbrett: Das Projekt besteht aus einer Datenbank mit IP-Adressen und fünf Interfaces zu dieser Datenbank. Die IP-Adressen in der Datenbank sind die Adressen von Webservern. Das Projekt arbeitet mit einem Softbot, der herausfinden soll, ob eine bestimmte IP-Adresse zu einem Webserver gehört - was die meisten IP-Adressen nicht tun. Wenn doch, speichert es die Adresse zusammen mit der Information, ob der Server Zugang erlaubt oder nicht, in der Datenbank. Durch den Softbot werden alle möglichen IP-Adressen früher oder später generiert, und dadurch werden alle existierenden Webserver irgendwann in diese Datenbank aufgenommen. Die Interfaces erlauben es, mit fünf verschiedenen Methoden über diese Datenbank auf das Web zuzugreifen. Gleichzeitig dienen diese Interfaces als Visualisierung des Webs. Zwei der Interfaces fassen alle IP-Adressen in der Datenbank in einer Bildkarte zusammen, eins erlaubt einen zufälligen Zugriff auf die Datenbank beziehungsweise das Web, und zwei erlauben es dem User, den IP-Space als hierarchische Struktur zu erfahren.

Ein ziemlich idiosynkratisches Vorhaben. Wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Lisa Jevbrett: Bei C5 hatten wir ein Projekt mit dem Titel 16 Sessions für das Walker Art Center entwickelt, bei dem man auf die Websites mit einer numerischen Methode zugreifen sollte, weil wir Interaktionen im physischen Raum auf den Raum des Netzwerks übertragen wollten. Ich entwickelte in diesem Zusammenhang eine Datenbank von IP-Adressen; dabei begriff ich, dass etwas Komisches und Poetisches daran war, alle Server im Web mit einer einzigen Webpage zu verlinken. Das Witzige daran ist nicht nur die Hybris, sondern auch, dass man dabei vollkommen ignoriert, dass das Web eigentlich hypertextuell organisiert ist. Es ist ein ziemlich zeitintensives Projekt, das natürlich nie beendet sein wird, weil in jeder Sekunde neue Server zum Netz hinzugefügt werden.

Oberflächlich betrachtet hat es nicht das Geringste zu tun mit den Metaphern, der Betrachtung des Internets und den Themen, die im Zusammenhang mit dem Web diskutiert werden, wie zum Beispiel mit Informationsüberflutung, Kategorisierungen, Identität und so weiter. Eine Menge Arbeit, bloß um damit nichts zu sagen. Aber es ist auch poetisch - wie ein mittelalterlicher Kartenzeichner, der versucht, sich einen unerforschten Kontinent vorzustellen. Die riesige Menge an Informationen gibt dem Ganzen eine erhabene Qualität - in einem Kantschen Sinne.

Betrachtest Du "1:1" eher als ein technisches Forschungsprojekt oder als ein autonomes Kunstwerk?

Lisa Jevbrett: Es ist ein Kunstwerk, das die Auswirkungen von technischen Strukturen untersucht, und indem es das tut, ist es auch ein Stück weit ein Forschungsprojekt. Als Kunst ist es deswegen für mich interessant, weil es sowohl als Kunst wie als Forschung funktioniert.

Wieviel Zeit hast Du damit verbracht, diese Arbeit zu programmieren, was in diesem Fall ja wohl eine recht komplexe Arbeit gewesen sein dürfte. Hast Du mit einem professionellen Programmierer zusammengearbeitet?

Lisa Jevbrett: Ich habe sehr viel Zeit mit Programmieren verbracht. Wahrscheinlich wäre ich schneller, wenn ich das von Grund auf gelernt hätte. Ich habe im Januar 1999 damit angefangen, und ab dem Sommer habe ich mich nur noch damit beschäftigt. Ich programmiere sehr gerne, und meine Ideen entwickeln sich dabei. Darum war es sehr wertvoll für mich, es selbst zu tun.

Deine Arbeit scheint sich eher mit der technischen Infrastruktur des Internets zu beschäftigen, weniger mit der Gestaltung der Oberfläche. Warum?

Lisa Jevbrett: Als Künstlerin habe ich mich schon immer mehr für die Strukturen und Beziehungen, die einer Sache zugrunde liegen, interessiert als für Selbstausdruck oder -erfahrung. Das Internet ist eine Umgebung, die deutlich macht, dass es keinen Unterschied zwischen Inhalt und Strukturen gibt. Wie Pierre Levy glaube ich nicht, dass es möglich ist, in dieser Umgebung interessante Arbeiten zu machen, wenn man sich auf "Inhalte" konzentriert.

Allerdings glaube ich, dass "The Stillman Project" und "1:1" sich mit verschiedenen Strukturen auseinandersetzen. "Stillman" beschäftigt sich mit den konzeptuellen Spuren, die die Leute machen, wenn sie sich durch eine Website navigieren. Es handelt ganz klar von Metaphern und Themen, die wir im Zusammengang mit dem Web als gültig oder wichtig definiert haben. "1:1" ist nicht daran interessiert, wie man die Strukturen oder die Information betrachtet - mit Ausnahme des Interfaces "petri", das sich an eine Methode des "Stillman"-Projekts anlehnt.

Bei einer Arbeit wie "1:1" kann man wohl nicht voraussehen, wie sich entwickelt. Warst Du überrascht von den vielen Servern, die mit einem Passwort geschützt oder auf eine andere Art geschlossen und geheimnisvoll sind?

Lisa Jevbrett: Ja, das war eine große Überraschung. Das war einer der Gründe, warum ich daraus ein Projekt gemacht habe. Als ich für meine Arbeit "16 Sessions" zum ersten Mal IP-Adressen gesammelt habe, habe ich es als Problem betrachtet, dass die Datenbank vorwiegend aus unzugänglichen oder unentwickelten Sites bestehen würde und wollte die aus der Datenbank rausnehmen. Dann entschied ich, dass das ein neues Bild des Webs zeigt und darum sehr interessant sein könnte.

Ich habe gehört, dass die Arbeit in einer Ausstellung gezeigt wurde. Wie hast Du diese Arbeit im "wirklichen Raum" gezeigt?

Lisa Jevbrett: Es ist schwierig, Netzkunst in einer Galerie zu zeigen, weil das Publikum manchmal noch nicht mal weiß, wie man einen Webbrowser benutzt. Sie "finden" die Arbeit gar nicht erst, weil sie nur den "Computer" sehen. Es könnte zwar interessant sein, die Galerie dazu zu benutzen, das Projekt zu mehr zu machen als zu einer Netzkunst-Arbeit, aber wir von c5 haben uns entscheiden, den Raum nur dazu zu benutzen, um leichten und klaren Zugang zu der Arbeit zu schaffen.

Ich wollte einen Raum, in dem sich die Leute für eine längere Zeit zuhause fühlen können, um herumzuklicken. Wir hatten fünf SGIs in der Mitte eines runden Tisches stehen, der in einem freundlichen Babyblau gestrichen war. Rund um den Tisch standen fünf Monitore mit Keyboards, die alle eines der Interfaces zeigte. Indem wir einen Computer für jedes Interface benutzten, wollten wir das Projekt in punkto Navigation einfacher machen. Jeder Computer ließ eine bestimmte Art der Navigation zu, man konnte nicht zwischen den verschiedenen Interfaces hin und her wechseln.

Man kann die Arbeit auch anders ansehen als von den IP-Nummern her, nämlich indem man die Arbeit des Softbots als eine Art Zufallsoperation betrachtet, die Bilder generiert - entweder die Sites, auf denen man zufällig landet, oder auch die Interfaces, die die verschiedenen Server als eine Art Karte darstellen. Kannst Du ein bisschen über Deine "Designentscheidungen" bei den Interfaces sprechen?

Lisa Jevbrett: Design ist schwierig und für mich uninteressant, wenn es nicht eine konzeptuelle Basis hat. Ich bewundere Leute, die es schaffen, Sachen cool aussehen zu lassen. Ich weiß, dass man dafür eine bestimmte Sensibilität haben muss, die mir wahrscheinlich fehlt, aber ich finde nicht, dass "Design" eine interessante Kunststrategie ist.

Ich habe zwei wichtige Methoden, um den "Look" einer Arbeit zu bestimmen. Entweder ich mache Sachen, die die Ästhetik von etwas Bekannten annehmen, indem ich die Funktionalität und das Erscheinungsbild simuliere. Das Interface "Hierarchical" ist ein gutes Beispiel dafür, es soll so wie eine "pure" Directory-Navigation aussehen. Oder ich habe eine Idee für ein System, das ein visuelles Ergebnis erzielt, und ich lasse das zu, wenn das Resultat mich überrascht. So wurde das Interface "Every" gemacht.

Interessanterweise gab es zur selben Zeit, als Du Deine Arbeit vorgestellt hast, eine Reihe von Studien, die die "Größe" des Internets zu bestimmen versuchten, und einige von ihnen beschäftigten sich dabei mit der Zahl der Server. Es scheint als eine Bedürfnis zu geben, den "Cyberspace" zu kartographieren. Gleichzeitig beweisen alle diesen Karten, dass die "Karte nicht das Territorium" ist. Könnte man sagen, dass "1:1" auch davon handelt, wie nutzlos diese Art der "Cybergeography" ist?

Lisa Jevbrett: So wie ein Gemälde immer etwas über alle anderen Gemälde sagt, so sagt auch jede Internet-Kartographie etwas über jede andere Internet-Kartographie. "1:1" spielt sicherlich mit dem Versuch, das Internet zu erschließen. Der Unterschied zwischen "1:1" und den Kartographien, die Du ansprichst, ist, dass "1:1" andere Methoden erschließt, das Web zu erfahren, während diese anderen Experimente "nur" Visualisierungen des Webs sind.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3483/1.html
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