Mark Amerika

Amerika Online #15

Mark Amerika 08.02.2000

Schreiben als Hacktivismus: Eine intervenierende Satire

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"Meine Aussöhnung mit der Yahoogattung im Allgemeinen wäre vielleicht nicht so schwierig, wenn sie sich nur mit jenen Lastern und Torheiten begnügen wollten, zu denen sie von Natur aus berechtigt sind." Jonathan Swift, Gullivers Reisen

Während ich an dieser Kolumne schreibe, läuft mein Fernseher, und auf dem Bildschirm ist eine Liveaufnahme eines klaren blauen Himmels mit einem Objekt darin zu sehen, ein großes vielfärbiges Flugobjekt mit dem Schriftzug MONSTER.COM. Es handelt sich um Werbung während eines Footballspiels, zu dem der Fernseher jetzt hinüberblendet. Aus einem bestimmten Grund erinnert dies unmittelbar an den Beginn von Thomas Pynchons Die Enden der Parabel, wo es heißt:

Ein Heulen kommt über den Himmel. Das ist früher schon geschehen, mit diesem aber lässt sich nichts vergleichen.

Ich beabsichtige, Pynchons Vokabular und Syntax zu sampeln und zu manipulieren und ihre rhetorische Aura auf die Ökonomie der Neuen Medien anzuwenden. Um nämlich die Auswirkungen einer MONSTER.COM am Himmel zu übertrreiben (ein zusätzliches r obendrein). Um auf irgendeine Weise den als-selbstverständlich-gesetzten Kontext dessen zu verfremden, was ich zu sehen bekomme, was ich jetzt über den Internet-Kapitalismus und die Dot.com-Manie weiß, die das Potenzial des E-Commerce über alle Maßen hypt: "Das ist früher schon geschehen, mit diesem aber läßt sich nichts vergleichen."

Diese Absicht, eine hyperbolische Version der von mir beobachteten Ereignisse meiner Zeit zu kreieren, ist keineswegs ungewöhnlich. Das Bedürfnis, etwas zu verspotten, das bereits eine Selbstparodie ist, lässt sich leicht in die meta-ironischen Revolutionen des Alltags überführen, die wir ins neue Jahrtausend tragen. Der Dichter Ezra Pound, dessen eigene Hyperbel verdreht wurde, um dem faschistischen Regime in Italien während des Zweiten Weltkriegs zu entsprechen, war im 20. Jahrhundert bekannt für seinen simplen und doch direkten Aufruf an alle aufstrebenden Schriftsteller der neuen Weltordnung: "Mach es neu!" war seine Parole, was sie dann auch unaufhörlich getan haben, so wie die Werbegurus von der Madison Avenue, und wie noch nie zuvor scheinen wir ihnen das abzukaufen.

Wie wäre es aber mit einer gesampelten Manipulation jenes Diktums von Pound in etwas Beunruhigenderes? Wagen wir den unsicheren Schritt der Russischen Formalisten und ihrer Praxis der ostranenie, dann sehen wir uns vielleicht etwas anderem gegenüber, in etwa: "Mach es fremd!"

Es fremd machen, ist dieser Tage eine Herausforderung, vor allem angesichts der hochauflösenden Fremdheit, die von den Kapitänen des kommerziellen Bewusstseins in Umlauf gebracht wird, deren Flugobjekte am 1. Januar 2000 hoch über dem Footballstadium schwebten. Diese fremdartigen Bilder von Flugobjekten am Himmel werden zur Jahrtausendwende in Millionen von Haushalten übertragen. Das Problem für den zeitgenössischen Schriftsteller, der darum weiß, dass das Konzept des "Literarischen" heute mehr denn je in Gefahr ist, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Wie kann man MONSTER.COM noch fremder machen, als es bereits ist? Auf der Homepage von MONSTER.COM finden sich zahlreiche Wahloptionen, inklusive des üblichen Angebots von Chats, Umfragen, Suchmaschinen, etc. Aber das interessanteste Teil Rhetorik auf der Homepage dieser Site sagt mir:

Erkunden Sie die Möglichkeiten des weltweit ersten Auktions-Marktplatzes für Freiberufler.

Der Ausdruck "Erkunden Sie die Möglichkeiten" ist hervorgehoben, und ein Klick bringt dich zu so etwas wie einem anmaßenden Sklavenmarkt, wo Arbeitgeber Toptalente in Echtzeit anwerben können. Man könnte meinen, dass diese Art Quellenmaterial reif wäre für einen satirischen Überfall, vor allem auf Grund der Beschaffenheit des Domainnamens der Site. Ich meine, wer SIND denn die Monster des neuen Jahrtausends? Die Realität aber auf Grund ihrer eigenen Bedingungen zu verspotten, heißt sich im selben Umfeld zu bewegen, in dem es operiert. Ein witziger Roman wird nicht mehr genügen, vor allem weil der Großteil deiner Leser immer mehr ihrer Zeit online mit dem Surfen im Netz verbringt. Operiert man aber im Yahooumfeld, so besteht die Gefahr, dass der Schriftsteller selbst zu einem Yahoo wird. Was also soll ein Schriftsteller tun?

Ein Schriftsteller der Neuen Medien, der aus der rivalisierenden literarischen Tradition kommt, müsste sich zu einer Art Netzwerk-Provokateur rekonfigurieren, der die Satire unter anderem als politische Waffe einsetzt. Weder als Schriftsteller, der beißende Kulturkritiken der Neuen Medien für sein nächstes Buch verfasst, noch als gepriesener HTML-Held eines hippen Hypertext-Online-Zines, muss sich der Schriftsteller der Neuen Medien, der in die Y2K-Dämmerungszone eintritt, gänzlich vom "Literarischen" befreien und die rhetorisch aufgeladene Sprache sowie die Syntax (das Protokoll?) der Netzwerk-Umgebung einsetzen, um eine interventionistische Kunstpraxis zu schaffen, die die allzu-entmenschlichenden Status-Quo-Effekte des Monsters verfremdet.

Ein Thema, das sich dem Schriftsteller der Neuen Medien ständig neu aufdrängt, ist die Kommerzialisierung von Menschen und ihres Geldes. Das Spektakel einer MONSTER.COM am Himmel bietet dafür nur ein Beispiel. Der jüngste Rummel um das ETOYS-kontra-ETOY-Debakel ist ein anderes. Wie viele Leser bereits wissen, hat der E-Commerce-Riese ETOYS vor kurzem die europäische Kunstsite ETOY geklagt und die Künstler damit gezwungen, ihre Website zu schließen. Das führte weiters dazu, dass die totalitären Network Solutions die Weiterleitung von Email sperrte, von der das küstlerische Überleben ETOYs abhängt. Diesen letzten Schritt setzte Network Solutions, nachdem sich ETOY geweigert hatte, die kolportierte Summe von einer halben Million Dollar in bar und Aktienbezugsrechte von ETOYS als Entgelt für ihren Domainnamen anzunehmen, der ja letztendlich ihre Identität ausmacht.

Man könnte die Künstlergruppe ETOY als Hacktivisten bezeichnen, als aktivistische Kunsthacker also, die das Netz und andere Ressourcen nutzen, um eine Art interventionistisches Cybertheater (ähnlich dem politischen Straßentheater) zu schaffen, das seine Wurzeln in den alternativen Schreibkapriolen von Artaud, Lautréamont, des Living Theaters und des Situationismus hat sowie einer Kulturästhetik des Avant-Pop frönt, die von Rockbands wie Devo getragen wird. Andere Sites produzieren ein ähnliches Onlinetheater. ETOYS brachte beispielsweise auch ein Unterlassungsurteil gegen das Electronic Disturbance Theatre ein und schnitt es damit vom Netz ab, während es seine eigene Site umgestaltete, um gegen Attacken des zivilen Ungehorsams gerüstet zu sein, die das EDT zu bewirken vermag.

Und dann gibt es noch die Site von RTMARK, die ihre clever gestaltete Netzsatire erfolgreich als politische Waffe zur Intervention in der Mainstream-Firmenwelt eingesetzt hat. Ihre Sites gwbush.com und gatt.org verweisen auf eine Schreibpraxis der Neuen Medien, die viele jener Prinzipien anwendet, die ich in dieser Kolumne ausführlich behandelt habe, vor allem die Praxis des Surfens -Sampelns-Manipulierens

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3484/1.html
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