Funky Mobiles

Janko Röttgers 07.03.2000

Selbstkomponierte Klingeltöne auf dem Handy - MP3, Klingeltöne und die GEMA.

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Personalisierte MP3-Player sind schon länger die heimliche Hoffnung der Musikindustrie. Wenn das Gerät die Raubkopie verhindert, muss man sich um CD-Ripper und Schulhof-Schwarzmarkt keine Gedanken mehr machen. Allerdings konnten sich Hardware-Player bisher noch nicht so recht durchsetzen. Zu teuer, zu unpraktisch, und zu allem Überfluss haben Rio & Co. nicht einmal einen Kopierschutz.

Doch jetzt rückt ein Device ins Blickfeld, das eigentlich das Zeug zum idealen Player hat: das gute alte Handy. An die 25 Millionen Mobiltelefonierer gibt's hierzulande bereits - alles potentielle Kunden für digitale Musikdistribution. Und der Trend geht bekanntlich zum Zweit-Handy. Beziehungsweise zum mobilen Internet-WAP-Organizer-MP3-Player, mit dem man nebenbei auch noch telefonieren kann. Ausserdem sind Handys sozusagen von Haus aus durch ihre Telefonnummer personalisiert. Die Musik läßt sich damit ohne Umwege aus dem Netz laden, entsprechende Übertragungsraten mal vorausgesetzt. Bezahlt wird dann logischerweise über die Telefonrechnung.

Moment, ich hab grad Madonna auf der anderen Leitung."

Passenderweise waren auf der Cebit die ersten Geräte mit integriertem MP3-Player zu bestaunen. Samsungs Anycall MP zum Beispiel. Das funktioniert zwar erstmal nur in Südkorea, aber was solls: Bis wir hierzulande die nötige Breitband-Power im Mobilfunk haben, vergeht eh noch ein Weilchen. Wer es gar nicht abwarten kann, kauft sich eben ein buntes Motorola-Handy mit eingebautem UKW-Radio.

Music to your mobile"

In Japan ist man selbstverständlich mal wieder schneller: Dort arbeiten Sanyo, Hitachi und Fujitsu bereits an einem eigenen Standard unter dem Namen Music to your mobile". Noch in diesem Jahr soll es dort möglich sein, sich mit bis zu 2MBit/s Musik aufs Handy zu laden.

Gründe das toll zu finden gibt es genug. Endlich kann man unliebsame Anrufer mit Sprüchen abfertigen wie: Moment, ich hab grad Madonna auf der anderen Leitung." Auch vor der Insellösungs-Strategie der Phonoindustrie muss man keine Angst haben. Die verspricht zwar scheinbar Sicherheit gegen Raubkopien, indem sie den Computer aus der Distributionskette rausnimmt. Aber es wird auch für MP3-Handys garantiert wieder kreative Bastlerlösungen geben. Wie schnell die Vertriebskontrolle ins Leere läuft, zeigt jetzt schon die Geschichte mit den Klingeltönen.

Der Klingelton-Schwindel

Klingeltöne sind sozusagen der Testlauf für Handy-Musik. Das weiß Siemens, weshalb das C25 mal eben als Gerät mit heißen DJ-Klingelsounds" angepriesen wird (was das wohl sein mag? De La Souls Ring Ring?). Das wissen auch die zahlreichen Sites im Netz, die Klingeltöne zum Download anbieten (z.B. www.ruftoene.de/?. Und das weiß mittlerweile auch die GEMA, die die Zahl dieser Sites mit den üblichen Abmahnungen bereits wieder erheblich reduzierte.

Denn auch auf Klingeltöne entfallen GEMA-Gebüren. 5 Pfennig pro Dudeln, um genau zu sein. Das macht bei 20 verschiedenen Klingeltönen pro Gerät eine Mark GEMA-Gebühr. Ausnahmen bilden die Werke von Komponisten, die bereits mehr als 70 Jahre unter der Erde liegen. So richtig lukrativ wird das Ganze erst dadurch, dass niemand mehr mit den Handy-Presets zu Frieden ist. Also werden neue Sounds aus dem Netz geladen, und die GEMA kassiert ebenfalls. Bei den Rechteverwertern denkt man nun schon mal darüber nach, dass 5 Pfennig ja eigentlich nicht genug sind. Nur Pay per klingeln" wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben.

Dabei gibt es längst genug Wege, auch ohne GEMA an hübsche neue Klingeltöne zu kommen. Diese unterscheiden sich je nach Handy-Modell, so dass im Zweifelsfall ein bisschen persönliche Recherche gefragt ist. Außerdem kommen wie immer die coolsten Lösungen nicht von den Handy-Herstellern, sondern eigenwilligen Bastlern. Die definitiv abgefahrenste Lösung hört auf den Namen Eringson. Diese kleine Palm-Pilot-Applikation erlaubt nicht nur das Übertagen von Sounds zum Handy via Infrarot, sondern auch das Programmieren eigener Klingeltöne.

Handy-Hipness selbstgemacht

Damit zeichnet sich schon ein neuer Trend am Horizont ab: Kreativ sein mit dem Mobile Phone. Echte Handy-Hipness darf demnächst nur noch für sich verbuchen, wer die aktuellen Clubtunes noch vor ihrer 12"-Veröffentlichung als Klingelton nachprogrammiert hat. Das geht natürlich auch mit Nokia-Geräten. Das betreffende Tool heißt in diesem Fall Nokring. Neben einer Art Mini-Sequencer bietet das Programm RTTTL-Export an. Was das ist? Na, Ringing Tones Text Transfer Language. Damit lassen sich Klingeltöne auch per Email austauschen.

Noch einfacher macht es der Nokia PC Composer, der sogar vom Hersteller selbst stammt. Der PC Composer erlaubt neben Eigenkompositionen auch den Import von MIDI-Files. Für Siemens-Geräte gibt es mit MIDI2C25 ebenfalls ein Tool zum MIDI-Konvertieren. MIDI-Files gibt es bekanntlich Tausende im Web, auf Lizenzierungen schaut da keiner ernstlich. Tja, liebe GEMA: Pech gehabt.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3495/1.html
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