Als ob es möglich wäre. Make dreams come true.

31.07.2000

"Widerspenstige Praktiken im Zeitalter von Informations- und Biotechnologien" in der Shedhalle, Zürich

Beinahe zwangsläufig denke ich bei diesem Titel ans Gegenteil, an die Zähmung der Widerspenstigen, an Shakespeare. Widerspenstig ist das, was sich nicht fügt, was sich nicht glätten läßt. Eine dumme Haarsträhne oder eine Falte, die sich unerwünscht aufgeworfen hat und nur mit besonderen Mitteln, mit technischem Aufwand oder mit Desinteresse zu bewältigen ist. Oder aber mit Humor. Widerspenstig ist etwas. Widerspenstiges hat eine körperliche, eine erotische Dimension. Und im Begriff klingt - erwünscht-unerwünscht - etwas an, das lange Jahrhunderte Weibliches markieren wollte: ein Unwissen, eine Unbewußtheit - und Trotz. Ein kindlicher, fast rührender Ungehorsam gegen das, was sich als unverrückbar und fest behaupten kann. Aber auch ein Ungehorsam ohne erklärtes Ziel, gedankenlos, planlos, anarchisch, der vom Bestehenden auf Dauer nicht geduldet werden kann. Hier setzt die Legitimierung aller Maßnahmen gegen das Widerspenstige an. Das Widerspenstige ist bedroht von gewaltsamer Beugung oder Desinteresse. Noch das Lachen kann es vernichten, wenn es seine ernsten Motive verkennt.

Installationsansicht "Ru" von Basicray, Foto

Aber kann man sich, kann man etwas widerspenstig machen, sozusagen widerspenstigen? Schließlich geht es in der Zürcher Ausstellung um widerspenstige Praktiken, also um Verfahrens- und Handlungsweisen, die widerspenstig sind oder sein sollen. Gibt es eine Methode der Widerspenstigkeit? Kann oder sollte es sie geben? Das Aktive, die Initiative und die Zielrichtung scheinen doch aus dem Begriff eigentlich ausgeblendet. Sie können nicht willkürlich angehängt werden, müssen vielmehr aus ihm herausgelesen oder in ihn zurück gelesen werden. Widerstrebend. Dazu mag ein Blick auf den Begriff des Widerstands, des Widerstehens nachhelfen. Wenn Widerstand vordergründig oft mit Aktionismus verkoppelt wird, so sind in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr seine passiven Anteile dargestellt worden, das Ineinander von Leidenschaft und Handlung, von Passivität und Aktivität betont worden. Und seine Unvorhersehbarkeit.

In den Datenströmen der Medien und Netze, in fungiblen Informationstechnolgien und der Menge glatter und noch glatterer Oberflächen widersteht weniger das, was sich aktiv widersetzt. Widerständig sind eher (reale oder virtuelle) Orte, an denen sich Informationen verschlingen, Strukturen verdichten oder unlösbar verknoten. Solcher Widerstand lässt sich unmöglich strategisch formieren. Er entsteht in Anwendung, im Spiel, durch nicht zielgerichteten Zuspruch. Dies scheint die Kuratorin Yvonne Volkart einzufangen, wenn sie auf den immer wieder notwendigen Verkörperungen von Wissen und Kritik insistiert und den Begriff des Widerspenstigen gegen den des Widerstands ins Spiel bringt.

Paradoxer Weise erscheinen gerade Begehren und Leidenschaften vom gleichförmigen Technostrom stärker überlagert und bedroht als von materiellen Grenzen und von fixen Regeln. Gefährdetes Widerspenstiges sucht Zonen, in denen es widerstehen kann. Und so ist für Volkart "die Kunst ein privilegierter Ort von realem und symbolpolitischem Widerstand [...], den es vielfältig und offen zu erproben gilt."768 Nicht von ungefähr ist der privilegierte Ort der Kunstort, "die Kunst", der Kunstbetrieb, um sich Entziehendes und Widerstehendes sicht- und greifbar werden zu lassen.

Die Ausstellung in der Shedhalle ist bereits die zweite Version des ambitionierten Projekts. Die erste Station war im Frühjahr unter dem Titel "tenacity" im Swiss Institute New York in etwas anderer Anordnung und Kulisse zu sehen. Einen kursorischen Überblick mit diversen Einstiegsmöglichkeiten bietet die Homepage des Projekts

Videoarbeiten von Ricardo Dominguez/Diane Ludin, Ursula Biemann und Linda Wallace. Visual und Innenarchitektur

"Du solltest nicht vor neun Uhr hingehen", meint Monika am Frühstückstisch. "Sonst wirkt es nicht. Sonst sieht man zu viel." Prompt komme ich - ungewollt - doch früher in die Shedhalle und schaue entsprechend irritiert auf die knautschige, weißliche Plastikfolie, die mit Klebestreifen zwischen Säulen, Decke und Boden befestigt ist. Etwa mittig, etwas nachlässig eingeschnitten findet sich eine Art Durchschlupf. Ventilatoren summen. Wenn man sich durch die Öffnung schlängelt, wölben sich rechts und links zwei riesige Blasen in die Halle. Ein wabernder Korridor, ein, ich schlucke, das Wort kommt mir kaum über die Tastatur: ein Geburtskanal. Ebenso wunderschön wie unerhört billig, so verheißungsvoll wie abgeschmackt, abgegriffen.

Violette Lampen leuchten auf und schimmern mir Ferne vor. Die Wunderwelt wird angestellt. Die beleuchtete Bibliothek der Shedhalle holt mich kurz zurück, dann gehe ich weiter durch die meterhohen Blasen, die der Schweizer Künstler Lehti Kuwa hier hat entstehen lassen. In die Plastikwolken hineingeschoben sind drei Ausstellungsinseln: Unterschiedlich große Monitoren, sie zeigen Videos oder Websites, wenige Infotische sind kreisförmig um jeweils ein schwarzes rundes Sitzkissen angeordnet. Einige der im Rund präsentierten Arbeiten werden auf den Blasenwänden im Hintergrund via Projektion gedoppelt. Geht man in die Blasen hinein, verschwimmen die Arrangements zu Lichtfeldern. Zwischen den flatternden transparenten Wänden wird alles greifbar ungreifbar: auratisch. Wären da nicht die vielen Kabel, die locker über den Boden laufen, die unzähligen Klebestreifen, die übrig gebliebenen Aufbaumaterialien und aufgetürmte Stühle, die Backstage-Atmosphäre vermitteln.

Konfrontationen. Übersetzungen.

Welcome to the wired world. Emphatisch wurde man 1995 auf der Ars Electronica zu einer frühen Ausstellung von "Netzprojekten" begrüßt.769 Im Brucknerhaus waren die Monitore dann enttäuschend beiläufig auf langen Tischen neben einer Treppe aufgereiht. Wie könnte man es auch anders machen, ohne etwas ganz anderes daraus zu machen? Von heute aus gesehen, scheint es mehr als bloße Hilflosigkeit gewesen zu sein: Das Gegenüber von Hier und Dort, real and virtuell, Materie und Netz war noch recht fest gefügt. Weltkritik und technoutopische Hoffnungen entzweiten sich an dieser Trennlinie. Die Annahme galt: Der Computer war nolens volens das materielle Werkzeug, mit dem man in eine andere, bessere, grenzenlose Welt gelangt. Deshalb konnte damals Saskia Sassens Vortrag so wirksam zünden. Sie pointierte die Übergänge zwischen realer Welt und Netz, die Materialisierungen der Netzknoten parallel zur Hegemonie der ersten gegenüber der zweiten, dritten, vierten Welt.

Die Dichotomien, die Hoffnungen ebenso wie die apokalyptischen Ängste sind inzwischen komplexen Reflexionen und Analysen der Bedingtheiten und Übergänge gewichen. Auch in Netz(kunst)projekten selbst. Aber die Darstellung in Kunst und als Kunst im Kunstbetrieb bleibt weiterhin problematisch. 1999 versuchte abermals Peter Weibel die nächste Übertragung mit dem Rundumschlag net_condition. Das Ambiente war angenehm. Wenn aber auf den kreisrunden Stehtischen die Monitore mit sanften Spotlights wie klassische Skulpturen beleuchtet wurden, war die Grenze zwischen Materie und Cyberspace deutlicher gezogen als 1995. Was Linz noch als Werkzeug behauptete, wurde in Karlsruhe durch serielle Wiederholung hochgradig ästhetisiert. Die transparenten Mac-Monitore waren schönes Außen um ein verheißungsvolles Innen. Durch ihre Oberfläche sollte man ins Bild, ins Imaginäre dringen können, ins Unbewußte tauchen. So lese zumindest ich das Versprechen dieser Präsentation. Es hat sich - notwendig - nicht erfüllt.

Auch Yvonne Volkart geht es um diese Grenze. Aber sie sucht nach Einbrüchen, Interventionen, Störungen - auf beiden Seiten, in beide Richtungen. Das ist das Motiv für die Auswahl der Projekte und das Motiv für die Raumgestaltungen. In der New Yorker Vorgängerversion der Zürcher Ausstellung simulierte sie mit milchigen Fiberglasstreifen zwei übergroße Screens, die den länglichen Raum in drei Teile zerschnitten. Die Besucher/innen gingen von einer Ausstellungsinsel, einem "Ausstellungsknoten" zum nächsten durch diese Bildschirme, auf denen nebenbei sogenannte Visuals liefen. Sie zerteilten den Screen und standen vor neuen Bildschirmen. Der Wunsch, körperlich in die Bilder einzutauchen, wird erfüllt, um sofort an eine nächste Grenze zu stoßen, auf den nächsten Widerstand zu treffen.

In Zürich schließlich dringt die Vorstellungswelt exzessiv in den Realraum ein. Make dreams come true. Eine falsche, fast wörtliche Übersetzung kommt der Zeitlosigkeit gegenwärtiger Wunschmaschinen nahe: Mach (dass) Träume wahr kommen. Schon beim Träumen sind sie wahr. Es geht ums Hier und Jetzt, der Lustaufschub wird scheinbar überwunden, das (vergebliche) Warten auf Erfüllung abgeschafft. Schon ist der nächste Traum glatt und reibungslos da, wahr. Auch in der Shedhalle erfüllt sich der Traum. Er ist sichtbar gemacht. Die unmittelbare Wunscherfüllung wird im selben Moment bedient wie ausgesetzt. Wer genau hinsieht, dem entgeht es nicht: Peinlich, dürftig und roh ist die plötzliche Realität des Traums.

Einzelprogramme. Knoten.

Installationsansicht, Ricardo Dominguez/Diane Ludin

Inke Arns resümiert für die Netz.Kunst/Net.Art der ersten Stunden:

"Gegen die glatten Oberflächen wird der rohe Quellcode und die mediale Störung gesetzt, gegen die in den glatten Oberflächen mitschwingenden technoutopischen Hoffnungen fährt man die Strategie der Enttäuschung. Die im besten Fall eine Ent-Täuschung über die eigenen Hoffnungen auf die utopischen Potentiale der Technologie ist."770

Mit Interventionen wird versucht, die expandierende Maschinerie des Netzes sichtbar zu machen oder zu unterbrechen. Es geht um Kontrollverlust, darum, wie etwas aus der Kontrolle gerät. Die Sorge um die wachsende Privatisierung des Netzraums durch dot.coms und den zunehmenden Traffic durch E-commerce ist berechtigt.

Ähnlich widmet sich der erste Ausstellungsknoten sog. Netactivism und interventionistischen Praktiken im Netz, mittels Netz. Bei den gezeigten Arbeiten geht es aber weniger um medienreflexive, verstörende Interventionen, als vielmehr um strategische Demonstrationen, die auf politische Einflußnahme setzen oder - vergeblich - hoffen. Besonders Hacktivism scheint Künstler/innen zur Zeit eine geeignete politische "Gegenmaßnahme" zu sein. Gegen was? Ein paar Projekte verharren in nostalgischer Reverenz an klassisch linke Gegnerschaft und rekapitulieren bekannte Formen politischen Widerstands. Dies entspricht der Tradition der Shedhalle, ist aber weniger "widerspenstig" als eine Widerstandsbekundung oder Darstellung von Widerstand. Immerhin: Auch solche Ansätze können im Kunstraum Schutz finden, wenn sie andernorts von Desinteresse bedroht sind.

Die Projekte, die um das zweite Sitzkissen gruppiert sind, arbeiten stärker mit Appropriationen und Abwandlungen von bekannten Strategien und Bildern. Fast alle agieren an der Grenze zwischen Fakten und Fiktionen und versuchen, unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche und Realitätslevels zu durchqueren und zu verbinden. Hiermit feiert rtmark wohl die unbestreitbar größten Erfolge, ihre Aktionen werden in Fernsehen und Tagespresse diskutiert. Die (eigentlich) anonyme Gruppe operiert als kommerzielles Kunst-Unternehmen und kopiert die Strategien und Philosophien erfolgreicher Konzerne, um Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für Probleme im Netz und politische Ziele zu erzeugen. Wirklich verstörend ist, dass die rtmark-Strategie so nahtlos aufgeht, dass am Ende keine Fragen offen bleiben.

Mehr Reibung entsteht bei der Ansicht von involutionary.org. Verwirrt und amüsiert höre ich Kristin Lucas' sonderbaren Berichten zu. Stimme und Gesicht sind sphärisch verzerrt, wenn sie von Spionage und machtvollen Eingriffen in allerlei Szenen berichtet. Erst die Teletechnologien und ihre Strahlungen haben sie zu dem gemacht, was sie ist: ein unfaßbarer und unberechenbarer Netzgeist. Sie vermag alle Fakten zu verdrehen. Die Arbeit übergibt mich an den nächsten Ausstellungsknoten. Die Netzarbeit von Francesca da Rimini / Michael Grimm, die Videos von Ursula Biemann und Diane Ludin/Ricardo Dominguez drehen sich um Wunsch, Begehren und ihr Scheitern. Alle weisen Simplifizierungen zurück. Sie verkomplizieren. Auf da Riminis Site verliert man sich dann in den Abgründen einer Leidenschaft nach dem körperlichen Tod. Doll Yoko hat ihre Ermordung in der realen Welt nicht hingenommen und lebt nun als Cyberwesen unerwartet frei widersprüchliche Begierden aus.

Die letzte Station des Parcours ist ein abgeschlossener Raum, in dem ein Spiel der New Yorker Gruppe Basicray groß projiziert wird. Eckig, spitzwinklig und flächig wiederholen die Computerbilder die Schichtungen, Überschneidungen, Übergänge der Ausstellungsarchitektur. Auch dieses Spiel entzieht sich hartnäckig der Kontrolle: Regeln und Verlauf sind unbekannt. Wie lange ein/e Spieler/in teilnehmen darf, ist nicht vorhersehbar. Es wird vom Spiel bestimmt.

Unauflösliches

In einem Text "Widerstände", der die Widerstände gegen die (Psycho)Analyse aufwirft, kreist Derrida eine Metapher von Freud ein: den Nabel des Traums.771 Gemeint sind die unangenehmen Reste eines Traums, die sich der Analyse, der deutenden Lösung entziehen. Freud hat verschiedene Versuche unternommen, diese unbeugsamen Reste einzufangen und die Widerstände seiner Patienten/innen zu klassifizieren, Widerstandsgruppen anzulegen. Sie gehen nicht auf. Für Derrida suspendiert dies keineswegs die Analyse, sondern markiert den double bind des - unausgesetzt notwendigen - Analysierens selbst: In der Analyse muss ihre eigene Unmöglichkeit und die Unmöglichkeit einer restlosen Auflösung, einer Lösung ausgehalten werden.

Der (analytische) Vergleich der Begriffe Widerstand und Widerspenstigkeit könnte sich lohnen. Die Ausstellung in Zürich mag dazu anstiften, da Widerspenstigkeit gegenüber Widerstand um eine unmögliche weibliche, um eine erotische, um eine unbewusste Dimension reicher ist. In diesem Begriff liegt ein uneinlösbares Versprechen und eine andauernde Verpflichtung für Künstler/innen und Kunstvermittler/innen, wieder und wieder andere Visionen von Freiheit und Zwang sichtbar und greifbar werden zu lassen.

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