Ein Hacker im deutschen Wald?

Krystian Woznicki 10.08.2000

Kraftwerk als Cha-Cha-Cha: Interview mit dem "Programmierer" Uwe Schmidt über sein Projekt "Senor Coconut"

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Seit März '97 weilt Uwe Schmidt, besser bekannt als Atom Heart, in Chile. Die Hauptstadt Santiago, etwa auf gleicher Höhe mit Montevideo und Buenos Aires gelegen, ist für den Frankfurter Wahlheimat und Arbeitsort zugleich. Dort betreibt er die Dachorganisation "Del haze entertainment", die Musik, Design und Kommunikation seiner vielschichtigen Arbeit steuert, dort liegen auch seine Inspirationsquellen. Unter diversen Pseudonymen hat er sich über die Jahre lateinamerikanische Musikstile angeeignet und u.a. in Future Lounge übersetzt, nebenbei Zeit für Kollaborationen mitunter mit Tokioter Elektronica-Legenden gefunden und seine Schwäche für Coverversionen in eine rare Tugend verwandelt: James Browns "Superbad" als funkensprühende 2.0-Delikatesse wird zu Recht als der definitive Millenium-Klassiker im weiten Feld der elektronischen Musik gehandelt. Allerdings hat dieser Sockel auch eine aktivistische Dimension: Schmidt ist ein Gründer und Knotenpunkt von MACOS, ein weltweites Netzwerk von mittlerweile 501 Mitgliedern, das gegen das Copyrighting von Samples kämpft.

Promotion-Foto für "Senor Coconut"

Sommer 2000 münden diese bisweilen miteinander verzahnten Projekte in einen Überraschungscoup. Alle Kritiker, von der Fachpresse bis zum Feuilleton, sind sich einig: Deutschlands digitaler Wald wurde gehackt! Unser Lieblingschamäleon hat es tatsächlich geschafft als Senor Coconut Kraftwerk-Tracks in beseeltes Cha-Cha-Cha, Baklan, und Cubia-Silizium zu überführen. Das Album "El Baile Aleman" (über Multicolor beziehbar) ist der Geheimtip dieser Saison. Zwischenzeitlich erkletterte die Singleauskopplung "Tour de France" sogar die zehnte Position der deutschen Dance-Charts. Doch ist das für Schmidt kein Grund zur Aufregung. Normalerweise eh nur einmal pro Jahr in Deutschland, bastelt er mit der Seelenruhe eines Workaholics bereits am nächsten Level und kündigt aus weiter Ferne eine weitere Single-Auskopplung an: "Showroom Dummies" soll gegen Ende August auf den Markt gebracht werden. Zeit derweil ein paar Fragen an ihn zu richten.

Uwe Schmidt alias Senor Coconut alias Atom Heart

Auf "El Baile Aleman" greifst Du das Thema der Silizium-Band auf. Wie bist Du darauf gekommen ihr nun endlich ein Gesicht zu geben, und dazu noch ein derart ulkiges?

Uwe Schmidt: Das Ganze fing damit an, dass sich so langsam das Konzept zu den Kraftwerk-Covern zusammenbraute. Alles hatte anfangs noch keine richtige Form. Eigentlich aus einem Witz geboren ("Kraftwerk als Cha-Cha-Cha..."), bemerkte ich so langsam, dass selbiger Witz ein wirklich guter Einfall war. Anfangs hatte ich vor, mir eine Latin-Kombo zu suchen, denen die Kraftwerk-Stücke vorzuspielen, und deren Interpretationen aufzunehmen. Je länger ich darüber nachdachte, um so konkreter wurden die Versionen in meinem Kopf, so dass ich irgendwann das Ganze nicht mehr in fremde Hände geben und die Umsetzung 100% selber machen wollte. Nun stellte sich das Problem des wie, und da blieben nur *Emulation* und *Simulation* übrig. Anfangs war das eher eine Notlösung. Bald stellte ich jedoch fest, dass das genau der Punkt, der Witz im Witz sozusagen war: Ein Deutscher, der in Chile wohnt, programmiert Kraftwerk auf Latino. Beim Erstellen einer Simulation ist die Kohärenz natürlich ein wichtiger Punkt, d.h. man kann nicht einfach drauf los programmieren, sondern muss sich an echten Arrangements orientieren, d.h. wie werden Noten verteilt, angeordnet und geschichtet, usw. Zwangsläufig muss man sich ab da die Band wirklich vorstellen: wieviele Trompeten, Percussion, etc. gibt es da eigentlich, und wie würde ein Arrangeur selbige einsetzen? So kann man z.B. nicht plötzlich bei Minute 4 eines fünfminütigen Stückes ein Cello einsetzen, sozusagen aus dem Nichts, das wäre völlig unrealistisch. Denn was hätte der Cellist die ganze Zeit vorher gemacht? Rumgesessen? So würde kein Komponist mit seinen Ressourcen umgehen. Also spätestens nach dem ersten programmierten Titel hatte die Kombo eine feste Konsistenz: ein Vibraphon, eine Marimba, etc. Das wollte ich dann, wenn natürlich nicht in 1:1 auch auf dem Cover wiederfinden, hier allerdings in der kraftwerk-typischen Vierer-Konstellation.

Es fällt auf, dass Du in puncto künstlerische Kontrolle alle Stränge in der Hand behältst und sogar die Cover-Gestaltung selbst übernimmst. Dabei verstärkt sich der Eindruck, dass Musik hier ein "multimediales" Produkt ist, und eben nicht nur Sound, Töne. In diesem Sinne sind Deine Produkte auch stets an gängigen Codes von Produktoptik und -fetischismus orientiert. Zu Deinen Tugenden zählen Verfremdungen von Logos und Marken. Diese Art von - nennen wir es mal - "Brand Activism" scheint auch ein Anspruch Deiner gegenwärtigen Produktion zu sein. Musiktitel (wie auf dem Erfolgsalbum "Pop Artficielle" gecovert) und Gruppen wie Kraftwerk werden zu Marken. Mit anderen Worten: eine Verschiebung von Approriation auf visuellem Level hin zum musikalischem Level lässt sich konstatieren.

Cover der neo-teutonischen Tanzmusik von Senor Coconut

Uwe Schmidt: Ob bei Musik oder Design/Artwork - mir geht es hauptsächlich um Codes und Diskurse: "Latino" oder "Kraftwerk", "Jesus" oder "Porno" - Logos, Styles und damit verbundene Wahrnehmungen sind die Bauklötze des Ganzen. Codes lernen, benutzen, sich gegenüberstellen, hinterfragen, oder noch genereller: Fragen. Ich beantworte ungern Fragen mittels Musik, sondern bevorzuge ein Setup/Netz aus Codes anzufertigen, welches, und das wäre dann der kommunikative Aspekt des Ganzen, beim "Konsumenten" erstmal Fragen aufwerfen soll. Mal ganz davon abgesehen lassen mich selbige Konstellationen von Codes manchmal auch mit mehreren Fragen zurück. Diese Fragen stellen und vielleicht auch beantworten (dieses Interview z.B.) und dadurch weiter schreiten ist, glaube ich, der Punkt. Mir geht es nicht darum Code- oder Logo "X" zu nehmen, abzuändern und auf meine Platte zu packen. Vielmehr stehen verwendete Codes miteinander in Verbindung. Man kann somit Erwartungen brechen oder bestätigen, und interessanterweise glaubt sich der Manipulierte immer im Recht.

Enstehen die Cover-Entwürfe eigentlich am Computer?

Uwe Schmidt: Ja. D.h. das "Senor Coconut"-Cover besteht aus echten Fotografien. Die Kombo, bis auf die Köpfe, bin jeweils ich. Die Köpfe habe ich gesamplet. Für andere Releases wird wiederum komplett gesamplet, oder komplett selber gebaut, alles jedoch im Computer.

Da scheint der Begriff des Musikers längst überholt. Man sagt Deinem Label Rather Interesting ohnehin schon nach, im Stile eines Monatsmagazins an techno-ästhetischen Fragen zu arbeiten: rein ideel gibt es monatlich jeweils immer das Aktuelleste. Das wäre Journalismus als Modell. Wenn Du auf ästhetischer Ebene die Codes so fließend wechseln kannst, frage ich mich, ob diese Virtuosität auch auf das Berufsbild zutrifft. Könntest Du Dir zum Beispiel vorstellen, mal in so was wie Werbung mitzumischen?

In Santiago e Chile hat Uwe Schmidt seinen derzeitigen Hauptwohnsitz

Uwe Schmidt: Ich sehe mich eigentlich schon hauptsächlich als Musiker, einfach weil ich glaube, die Musik wirklich als einzige Kunstform ausreichend zu beherrschen. Was Design, Video, etc. angeht, so denke ich, dass ich da eine sehr eigene Art des Arbeitens und Umsetzens gefunden habe, welche ich als recht unkompatibel mit gängigen Arbeitsformen, -methoden und Erwartungen empfinde. Soll heissen, dass mich das klassische Berufsbild des Designers oder Regisseurs z.B. nicht wirklich interessiert. Zumindest bedauere ich Designer oder Regisseure sehr häufig für ihre Tätigkeit, einfach weil so viele Kompromisse eingegangen werden müssen. So lange sich alles in Verbindung mit meinen Konzepten befindet, bin ich als "Designer" sehr glücklich, möchte aber genau diese Freiheit nicht gegen die Versklavung der Werbung eintauschen oder aufgeben. Die Erfahrungen, die ich mit der Werbung, Fernsehen, Printmedien (Design), etc. gemacht habe, waren nicht unbedingt die Positivsten. Hingegen empfinde ich meine Arbeit als Musiker innerhalb der exakt selben Versklavung (Werbung) als weniger schmerzvoll. Ich könnte mir vorstellen dort zu funktionieren (ohne, dass ich es mir wünsche...). Was mir dazu noch einfällt: Wenn man mich normalerweise nach meinem Beruf fragt, sage ich immer ich sei Programmierer, was ja eigentlich auch stimmt...würde dann für Musik und Design gleichzeitig zutreffen.

Das Programm auf dem "Senor Coconut"-Album ist - im Gegensatz zum "Fonosandwich"-Projekt nicht das lateinamerikanische Klangarchiv, sondern - unser eurozentrisches Gedächtnis. Kraftwerk, die vielleicht kanonischste aller Techno-Gruppen, scheint hier plötzlich ein neues Leben voller prickelnder Exotik beschieden. Andererseits könnte diese Musik auch in lateinamerikanischen Mc Donalds-Filialen gespielt werden. Mit dieser Gradwanderung zwischen "High - und Low-Culture" werden auch die Begriffe von ethnischer Musik - so wie wir sie kennen - erweitert. Schliesslich geht es bei ethnischer Musik auch immer darum wo etwas herkommt.

Uwe Schmidt: Ganz genau. Je "größer" das Konzept wurde, um so mehr merkte ich, wie viele Ansätze es eigentlich bot. Anfangs ging es mir ja wirklich "nur" um den rein musikalischen Ansatz, d.h. Kraftwerk in deren musiklalisches "Gegenteil" zu verwandeln. Plötzlich ergab sich jedoch dieser Simulationsansatz, der natürlich endlos Fragen generiert: Relativierung von Begriffen wie "Authentizität" und "Echtheit". "Erste Welt/dritte Welt" wäre vielleicht ein weiterer. Gleichzeitig, und das ist mir sehr wichtig, kann man das Ganze auch völlig unbedarft konsumieren, halt eben auf rein musikalischer Ebene genießen, ohne sich über irgendwas größer Gedanken machen zu müssen, denn das kann man beim sich auf die Schenkel klopfen eh nur schwerlich. Meine liebste Beschreibung des neuen "Senor Coconut"-Album ist: "es ist ein absurdes Fragezeichen".

Was ein Zeichen für Deinen Sinn für Humor ist. Towa Tei soll sich ja auch für das Projekt interessiert haben. Ich halte ihn ebenfalls für sehr "sophisticated", oft auch am Rande des Unkonsumierbaren. Seine Abstraktionen rutschen bisweilen ins Unzumutbare ab (Beispiel: Geisha Girls), während man bei Dir dann doch das Gefühl hat, dass Deine Musik, so verwegen sie auch sein mag, stets an ästhetischen und vorallem auch sinnlichen Prinzipien orientiert bleibt. Stellst Du Ästhetik über Parodie?

Das Musikzimmer, noch ohne Sofa

Uwe Schmidt: Auf jeden Fall. Man muss sich im ersten Moment ja schon so was wie sein eigener Konsument sein, d.h. das auch wirklich gut finden. Daher könnte ich z.B. niemals wirklich parodieren, einfach weil es bei jeder Parodie einen Punkt geben muss, wo ES abstößt. Das kann dann witzig sein, ist aber nur ganz selten auch schön. Übrigens werde ich demnächst mit Towa Tei, respektive für Towa Tei, einen Titel produzieren.

Kannst Du noch Näheres dazu sagen?

Uwe Schmidt: Es wird eine Cover-Version (was sonst) eines Bossa-Jazz Songs (was sonst) und ich übernehme die Programmierung des selbigen. Damit werde ich so gegen September anfangen. Bis dahin bin ich erstmal mit Touren und den Vorbereitungen dazu beschäftigt, d.h. ich komme erstmal gar nicht dazu neues Material aufzunehmen, obgleich es für Rather Interesting schon wieder einen Haufen Ideen gibt. Die freie Zeit werde ich ferner dazu nutzen, mein Musikzimmer etwas effizienter einzurichten, d.h. Maschinen raus, Rokoko-Sofa rein :)

Senor Coconut Tour Deutschland

19.08. Köln, Stadtgarten (Popkomm)

02.09. Berlin, Maria am Ostbahnhof (Berlin Beta)

03.09. Hamburg, Hafenklang

05.09. München, Atomic Cafe

06.09. Frankfurt, King Kamehameha Club

07.09. Zürich, Rote Fabrik

08.09. Mannheim, HD 800

09.09. Bielefeld, Kamp

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3561/1.html
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