Anatomie des Verschwindens

Krystian Woznicki 15.09.2000

Paul Verhovens "Hollow Man"- Unsichtbare Gefahr

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Science Fiction war für Verhoven der Schlüssel zum Einstieg ins dollarschwere Hollywood-Geschäft. Alles andere hätte den holländischen Regiesseur, der 1973 mit dem Erotikfilm "Turks" zum ersten Mal von sich reden machte, auf Glatteis geführt. Zu fern und unverständlich war ihm das Alltagsuniversum des US-Amerikanischen Bürgers erschienen. Unversehens spiegelte dieses jedoch das militante Gewaltszenario von "RoboCop" (1987) auf eindrucksvolle Weise in einer nicht allzu fernen Zukunft. Ein weiterer Meilenstein war dann sicherlich "Starship Troopers" (1997). In diesem abendfüllenden, CD-Rom-artig strukturierten Werbeclip für eine neofaschistische Gesellschaft, hatte der blanke Zynismus einer wahrhaft neuen Weltordnung der "Betonköpfe, Infojunkies und Barbiepuppenmenschen" in blutig grellen Farben auf der Leinwand Gestalt angenommen. Es war zum Schreien, geradezu revolutionär, für einige aber auch der Grund das Kino verfrüht zu verlassen.

Szenenbild "unsichtbare Gefahr"

"Hollow Man", sein neuer Film, der das auch schon von H.G. Wells bearbeitete Thema der menschlichen Unsichtbarkeit aufgreift, wird wahrscheinlich nicht dermaßen polarisieren. Trotzdem ist er wegen seiner ausgefeilten Optik und Spezialeffekte ein Muss für alle Verhoven-Fans. Ein wenig enttäuschen dürfte dennoch das Set-Design. Allzu stark erinnert es an die Architektur- und Maschinen-Ästhetik seiner 80er-Jahre-Filme. Das Filmset selbst - eines der größten, das je gebaut wurde - ist ein unterirdisches, unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit von der Regierung betriebenes High-Tech-Labor. Darin nehmen die Geschicke eines Wissenschaftlerteams ihren Lauf, welches ein Serum entwickeln will, das Menschen erlauben soll, in die Dimensionen der Unsichtbarkeit vorzustoßen. Kurz nach dem Durchbruch geraten die Dinge außer Kontrolle: die Forscher stehen vor einer Gefahr, die sie mit ihren Augen nicht erfassen können.

Bedenkt man, dass das Filmset ursprünglich ein Bunker aus den Tagen des Kalten Krieges war, der seit 30 Jahren ungenutzt ist und leer steht, scheint der Eindruck um so begründeter, dass Verhoven mit seinem Film eigentlich um Jahre zu spät ist. Dass das Feindbild seit dem Fall der Mauer unkonkret und abstrakt geworden ist, kann niemanden mehr überraschen.

Szenenbild "unsichtbare Gefahr"

Doch sucht der Film Anschluss an einen anderen Diskurs, der ihm Zeitgenossenschaft versichert: wie in den 90ern plötzlich in den unterschiedlichsten Genre-Produktionen Computer auftauchten, und überall mal kurz online gesurft oder Email abgerufen wurde, so scheint Anfang dieser Dekade alles im Zeichen von Biotechnologien zu stehen. Bereits im Vorspann von "Hollow Man" werden die Credits als genetischer Code-Reigen inszeniert.

Die DNS-Thematik wird dann aber doch nicht vollends ausgeschöpft, auch wenn die Macher versichern, dass sie die Frage inspiriert habe, was sich alles im Zustand der Unsichtbarkeit anstellen lässt: Vergewaltigungsphantasien, Voyerismus und Gewaltexzesse? Wer "Hollow Man" vorwirft eine aufgeblasene, ins Psychopathische gewendete Beziehungskiste zu sein, liegt nicht ganz falsch. Doch hat der Film auch Stärken.

Kopfschüttelnd registriert man, dass Kevin Bacon, hier wohl in einer seiner wichtigsten und größten Rollen als Chefwissenschaftler Sebastian Caine, nur knapp ein Drittel des Films auch wirklich in der Form und Gestalt wie wir ihn kennen, zu sehen ist. Was für ein Job! Wenn "Terminator 2" (1990) ein Film war, der die Verflüssigung des Stars zelebrierte, so zeichnet "Hollow Man" mit Sicherheit den Prozess seines endgültigen Verschwindens nach. SFX ist eben der neue Star, sagen die Krokers.

Und haben Recht damit, wenn man in Betracht zieht, dass die großen, teuren Filme heutzutage mit computergenerierten Naturgewalten und Fantasiearchitekturen Schauspielern die Schau stehlen, sie gewissermaßen deklassieren. Was derzeit mit den unterschiedlichsten Formaten durchexerziert wird, und den Weg für ein weltweites Internet-Kino ebnen soll, ist in "Hollow Man" zunächst die aufwendig simulierte Anatomie des menschlichen Körpers. Verhoven über die quasi mythische Universalität der Entstehungsgeschichte:

"Meine Tochter studiert Kunst. Mit ihrer Hilfe fand ich ein Museum in Florenz, das wirklich unglaublich ist. Darin gibt es anatomische Wachsskulpturen mit scheinbar abgezogenen Hautpartien, so dass man Adern, Muskeln und teilweise sogar die Knochen zu sehen bekommt. Man sieht Sehnen, das Skelett, Fettpartien. All das wurde von einer Frau im 16. oder 17. Jahrhundert angefertigt - die Anatomie ist perfekt! Wir studierten ihre Arbeit. Man könnte also sagen, dass einer unserer Berater drei- oder vierhundert Jahre alt war."

Szenenbild "unsichtbare Gefahr"

In einem "Volume Rendering" genannten Verfahren konnten Muskelkontraktionen, Knochen, Gelenke und komplizierte Bewegungen im Inneren des Körpers visualisiert werden. Adern unter der Haut geraten mit der neuen Software derart realistisch in Bewegung, dass die Macher gar meinen, einen Beitrag zur Zukunft des Anatomieunterichts geleistet zu haben. Bahnbrechend ist die Technik in "Hollow Man" allerdings insofern, als dass herkömmliche digitale 3D-Objekte - in der Mitte auseinander geschnitten - ein Vakuum sichtbar machen würden, während hier ein anatomisch korrektes Bild die Kinobesucher in Staunen versetzten soll. Man möchte meinen, die ganze Entkörperlichungsproblematik wurde deshalb gewählt, um in reversiblen Prozessen die neue Software zu feiern. Ein heimlicher Höhepunkt der SFX-Orgie: Sogar das menschliche Herz wird auf der Leinwand von Innen und Außen zum Leben erweckt.

Szenenbild "unsichtbare Gefahr"

Vielleicht unbeabsichtigt, reflektiert der Film das Verschwinden des Stars jedoch auch auf kritische Weise. Die Ironie freilich ist, dass Kevin Bacon hier nicht von der Computertechnik arbeitslos gemacht wurde. Im Gegenteil. Alle Szenen, in denen er unsichtbar ist, wurden mit ihm eingespielt, um - bezogen auf das Handeln seiner Gegenüber - einen hohen Grad an Dynamik und Realismus zu erzielen. Deshalb verbrachte Bacon die meiste Zeit des angeblich härtesten Drehs seines Lebens bedeckt mit grüner, schwarzer oder blauer Farbe und entsprechenden Kontaktlinsen, Latexmasken, Perücken und falschen Zähnen, sowie einem hautengen Bodysuit. Dank dieser Kostümierungstortur konnten Berührungen mit Elementen der materiellen Welt, etwa Rauchschwaden, Wasser, Nebel, Dampf oder Feuer eine gespenstisch leibhaftige Silhouette zum Vorschein kommen lassen. Auch wenn das Feindbild gerade in solchen Momenten an Gesehenes erinnert, zählen sie doch zu den dramatischsten des zeitgenössischen Kinos: Der Schauspieler ist von der Bildfläche verschwunden, trotzdem schwitzt er und schuftet, damit luxuriöse Spezialeffekte, die ihm längst den Rang abgelaufen haben, besser zur Geltung kommen. Somit steht "Hollow Man" für einen weitreichenden Strukturwandel in Hollywood: während sich die Hierarchien auf dem Arbeitsmarkt erneuern, entsteht eine neue Arbeiterklasse. Ihr erster Protagonist heißt Kevin Bacon.

Kinostart 12. Oktober 2000

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3571/1.html
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