Netz.Verstopfung: IP-Pakete am Rande des Nervenzusammenbruchs

Armin Medosch 04.10.2000

Das "International Festival of Streaming Media" vom 6. bis 8. Oktober in Amsterdam versammelt eine interessante und geballte Ladung Streaming-Kultur, leidet aber unter "taktischem" Ideologie-anachronismus

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Wieder brodelt die Internet-Revolution in Amsterdam, der angeblichen und geheimen Netzkultur-Hauptstadt Europas. Nachdem mit drei "Next Five Minutes"-Konferenzen (N5M) in den neunziger Jahren die "taktischen Medien" gefeiert wurden, verschiebt sich nun der Schwerpunkt noch etwas mehr hin zur technischen Seite der radikalen Umstürze. "Net.Congestion", das "International Festival of Streaming Media" beschäftigt sich vom 6.-8.Oktober mit allen technischen Formaten, die das Strömen von Audio- und Videopaketen im Netz ermöglichen, vor allem aber den gesellschaftlichen, politischen und anderen Content-orientierten Fragen, die damit aufgeworfen werden.

Net.congestion ist zwar keine Fortsetzung der N5M-Konferenzen, doch die Hauptveranstalter und Personen hinter denselben sind mehr oder weniger dieselben geblieben. De Balie, Paradiso, Melkweg, De Waag und Montevideo/TBA laden vom 6. bis 8. Oktober dazu ein, bei zahlreichen Panels und Workshops der endgültigen Konvergenz der Alten und Neuen Medien beizuwohnen. Wer in einem gut verdrahtetem Büro oder Studio sitzt, einen ADSL-Heimanschluss oder zumindest ISDN hat, kann das entsprechend der Programmatik alles auch aus den eigenen vier Wänden verfolgen. Modem-Benutzer können das natürlich auch, aber hier warnt schon der Titel "Net.Congestion" vor der unvermeidlichen Verstopfung sich gegenseitig ausbremsender IP-Pakete am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die selbstironische Titelwahl - im Bewusstsein, dass für die meisten von uns die strömende Revolution immer noch eher Zukunftsmusik ist - hebt sich wohltuend von den (zu)viel versprechenden Titeln rein technologisch-kommerzieller Streaming-Konferenzen ab.

Doch damit hat es sich dann auch schon mit diesem rarem Anflug von Humor in der "taktischen" Medienküche. Denn wie nicht anders zu erwarten, hat die Amsterdamer Veranstaltung eine Agenda. Damit wir nicht vergessen, was in der Welt des kommerziell überformten Internet wirklich läuft, wartet die Ankündigung auf der Website mit einem programmatischem Text auf. Locker paraphrasierend könnte man sagen, dass sich laut den Veranstaltern die Dinge ungefähr so verhalten: Am Anfang war das Netz schön bunt und demokratisch. Die multimedialen Innovatoren aus der Kultur und Politikszene haben eifrig experimentiert. Das war frei, idealistisch, partizipatorisch und damit sozusagen automatisch weltverändernd. Dann kam die kommerzielle Welle und damit "die Gefahr der Marginalisierung der frühen Innovatoren". Doch Net.Congestion eröffnet nun die Möglichkeit für "diese künstlerischen und taktischen Initiativen sich zu repositionieren, ihre exzellenten Arbeiten zu zeigen und zu teilen und mit Leuten zusammentreffen, die die Zukunft der strömenden Medien schaffen, sowohl im Mainstream als auch am Rand".

Es ist zwar einerseits verständlich, dass sich Net.Congestion positionieren will. Der kulturelle und politische Background der Veranstaltung soll und muss sich von rein technologischen und kommerziellen Internet-Upstart-Konferenzen inhaltlich differenzieren. Schade aber, dass dies mit dem nun bald zehn Jahre altem "taktischem" Verbalgerassel erfolgen muss. Denn die imponierend lange Liste der Teilnehmer, Partner, Co-Veranstalter und Sponsoren hat diese ideologische Einengung absolut nicht nötig.

Angefangen von Apple Computers, Digitale Stad, Moniteurs, Press Now bis hin zu XS4ALL sind, um nur willkürlich einige herauszugreifen, zahlreiche potente Organisationen involviert. Die Liste der individuellen Teilnehmer ist mehr als nur vielversprechend. Online-Radiomacher und Künstler, Theoretiker, Dokumerntarfilmer aus Europa, USA, Mexiko, Argentinien, Indien und Australien sind vertreten. Einige der persönlichen Präferenzen aus der langen Liste, die im Netz wiedergegeben ist: Indymedia, die erfolgreich die verschiedenen Proteste gegen WHO und andere politische Großveranstaltungen begleiten; Xchange-Network, das von Riga aus koordiniert seit Jahren kollaborative Netzradioprojekte betreibt und diese mit theoretischer und diskursiver Arbeit verbindet; AmbientTV, eine kleine Firma aus London, die einen der ersten Versuche überhaupt darstellt, Dokumentarfilm mit dem Netz sinnvoll in Zusammenhang zu bringen.

Neben der bloßen Übertragung von Präsentationen und Diskussionen im Netz gibt es auch netzspezifische Live-Events. Am 6.Oktober ab 20.00 Uhr mit einem Höhepunkt um Mitternacht gibt es eine globale Netz-Jamsession in Audio und Video. In einer speziellen Performance-Nacht am Samstag dem 7. Oktober finden verschieden translokale Performances statt, mit Teilnehmern u.a. zwischen Hong Kong, New York, Mexico City. Möglicherweise ein Highlight wird der Special Event "O + E" sein, auch am Samstag, mit einer neu entwickelten Software namens "Keystroke", die den Teilnehmern zwischen Amsterdam und London gemeinsames Musizieren im Netz ermöglicht, entwickelt in Zusammenarbeit zwischen Audiorom (London) und DeWaag (Amsterdam).

Die Veranstaltung ist, glücklicherweise möchte man sagen, eher praktisch als theoretisch organisiert. Denn sonst müsste man eine Menge ideologischen Unsinns befürchten. So heißt es z.B. in der Ankündigung, "dass die Werkzeuge, die von kulturellen und kommerziellen Produzenten benutzt werden, dieselben sind." Der Inhalt und die Art wie er differenziert wird, sei der wichtigste differenzierende Faktor. Das sei ein neues Phänomen. Aha. Also war die Tinte, mit der Politiker ihre Verträge unterschrieben haben und die, mit der Literaten dichteten, eine andere? Das Vinyl, auf das Roy Blacks Lieder gepresst wurden, ein anderes als das, auf dem The Velvet Underground erschien? Doch die Amsterdamer Programmatiker gehen noch weiter:

"Das Internet als ein Raum für neue Formen von Freiheit, eine Zone, in der radikale kulturelle Formen aus neuen sozialen Prozessen erwachsen können, könnte von der Produktion und Konsumption von Spektakeln überwältigt werden."

Sind "neue Formen von Freiheit" bereits suspekt, da Freiheit doch eigentlich ein abstrakter und unteilbarer Begriff ist, so verweist Teil zwei des Satzes auf die Lieblingsdüsterprognose der Amsterdamer Netzkulturistas. Die Auslöschung der Netzkulturistas durch den übermächtigen Kommerz. Als Beispiel darf dann wieder einmal der AOL/Time-Warner-Merger herhalten. Dafür wird dann auch noch müde bei Debords "Gesellschaft des Spektakels" Anleihe genommen. Es überrascht, dass das Internet gerade von dieser Seite immer noch als Quelle radikaler gesellschaftlicher Veränderungen angesehen wird. Ich dachte, man hätte das doch schon ausdiskutiert, dass Technologie selbst KEIN automatisches soziales Utopia erzeugt. Und dann kommen die bösen Mediengiganten und versalzen einem die Suppe. Echt gemein.

Es ist zu hoffen, dass sich die Kulturschaffenden aus diesem ideologischem Würgegriff befreien können und sich das taktische Verbalgerassel zum Hintergrundrauschen verdünnt. Im Vordergrund sollte die Vielzahl der kreativen und meist nonverbalen Aussagen in Audio, Video und Code stehen, mit denen die Teilnehmer sicherlich aufzuwarten haben. Es ist ihnen zu wünschen, dass ihre Arbeit eine theoretisch klarere und zugleich komplexere Rezeption findet, welche die Welt nicht so simplifizierend in gut und böse, kommerziell und nicht-kommerziell, kulturell oder politisch zurechtstutzt. Trotz oder wegen diesem "taktischem" Ideologieballast vergangener Tage sollte es also heißen: "Tune in and turn up the volume!"

net.congestion
International Festival of Streaming Media
De Balie, Paradiso, Melkweg, De Waag, Montevideo/TBA
Amsterdam, October 6 - 8, 2000

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3573/1.html
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