Im Namen der Technologie
"OandE": Unerfüllte Seufzer der Datenkörper im digitalen Abyss
Orpheus ist Webdesiger in London. In seiner Freizeit macht er Musik und digitale Videoclips und hat plötzlich Erfolg damit. Seiner Freundin Eurydike wird das alles too much und sie geht nach Amsterdam in den digitalen Untergrund, Verzeihung, Unterwelt. Sie hängt mit zweifelhaften Leuten ab, nimmt Drogen, geht auf illegale Raves, oder so ähnlich. Ihre Freunde in Amsterdam rätseln, ob sie da jemals wieder rausfindet, einige haben sie schon abgeschrieben. Nicht so Orpheus, der Kürze halber nur mehr O genannt. Er folgt E nach A und schlurft traurig durch Warmoestraat auf der Suche nach ihr.![]() |
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| Still aus "OandE" |
Aber vielleicht hab ich das alles auch falsch verstanden, die Übertragung des alten Mythos von O und E in die vernetzte Digitalkultur etwas zu wörtlich genommen. Als Entschuldigung kann ich nur angeben, dass es einem die gestrige Telekommunikations-Performance zwischen London (Audiorom) und Amsterdam (De Waag) wirklich nicht leicht gemacht hat. Denn die Fäden im Hintergrund zog nicht ein menschlicher Regisseur, der die Linien der Narrationen sorgfältig so anzuordnen wusste, dass alles zusammen eine Art Sinn ergab, sondern ein scheinbar recht unberechenbares Stück Software namens Keystroke übernahm diese Aufgabe. Dieser "Cross-Media Synthesizer" verarbeitet verschiedene Inputs, Live-Audio- und Video-Quellen, Textfiles und live getippten Text, die sich gegenseitig nach verschiedenen Parametern beeinflussen und zu einem audiovisuellen Mix rendern. Was in der Theorie gut klingt, ziemlich gut sogar, führte in der Praxis zu einer Situation nahe dem totalen Black-Out. Doch der Reihe nach.
Eine kleine Zahl geladener Gäste wurde zu einem renovierten Lagerhaus nahe dem Bahnhof Kings Cross geladen. Ein nicht unbeachtliches Arsenal von High-Tech-Geräten, Videoprojektoren, Servern, Mixern, Kameras, surrte erwartungsschaffend vor sich hin. Mitarbeiter saßen wie gebannt und weitgehend wortlos vor den Screens, checkten Mix-Patches oder chatteten im IRC: "Hallo Amsterdam, seit ihr da?" Ein großer Tisch war U-förmig arrangiert, darauf Notizblöcke und Stifte, Gläser, Mineralwasserflaschen, wie bei einer Pressekonferenz. Das alles war so eindrucksvoll, dass auch kaum jemand von den Gästen laut zu reden wagte, während die Zeit vor dem Beginn der Performance quälend langsam verstrich.
Dann klärte ein Mitarbeiter von Audiorom kurz über die zu erwartende Aktion auf. Die von De Waag, Amsterdam, entwickelte Software Keystroke war in einem zehntägigem Workshop zwischen London und Amsterdam ausgetestet worden. Dabei hatte man sich darauf geeinigt, die Geschichte von Orpheus und Eurydike als erzählerischen Leitfaden aufzugreifen. London kam dabei die Rolle der realen Welt zu, während Amsterdam die Unterwelt sein würde. Nach dieser kurzen Einführung wieder Schweigen, untermalt von spärlichen Tönen eines Pianisten, der geschmackvoll vor sich hinklimperte und damit eine Art Bar-Lounge-Atmosphäre erzeugte.
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Punkt 8:40 gingen die Saallichter aus, ein Disco-Scheinwerfer warf farbige Kreisel auf die Projektionswand und eine DJane legte elektronische Ambience-Stücke auf, unterstützt vom nun etwas beherzter in die Tasten greifenden Pianisten; dazwischen einige elektronische Störgeräusche von einem Laptop-Musiker am anderen Ende des langen Tisches. Dann begannen Audiorom-Leute Texte zu lesen. Relativ poetische Texte mit relativ bedeutungsschwangerer Stimme vorgetragen. Sie sagten Dinge wie "am Rand der Stadt, wo die Postleitzahlen auslaufen", oder "wir denken, wir messen, wir schaffen, wir coden". Klar: Wir sind in der realen Londoner Arbeitswelt hier. Das ging ungefähr 20 Minuten so. In dieser Zeit kam kein erkennbares Signal aus Amsterdam, weder auf den Projektionsflächen noch - was allerdings schwerer zu verifizieren ist - aus den Lautsprechern. Zweimal verließ ich meinen Sitz, um der Frau am Keystroke-Interface über die Schulter zu schauen. Beim ersten Mal hieß es, es kommt kein Stream aus Amsterdam. Beim zweiten Mal sagte sie, der Stream wäre zwar jetzt da, aber man könne ihn gerade nicht hören. Ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit überkam mich. Ich kann mich täuschen, aber es schien mir, die meisten Gäste tauschten fragende Blicke aus: "Ist es das jetzt? Was ist mit Amsterdam?"
Schließlich versuchte ich mich damit abzufinden, hier einer Neuauflage der Multimedia-Performance der achtziger Jahre beizuwohnen. Die Musik war gut, die Texte erträglich, die Visuals sogar sehr gut. Wozu also jammern? Das Fehlen einer erkennbaren Interaktion mit Amsterdam könnte man sogar als dramaturgischen Schachzug gut finden. Schließlich ist es uns Bewohnern der Realwelt ja gar nicht möglich in die Unterwelt hinabzuschauen. Das muss O alleine machen. Also ist die Unverbundenheit der beiden Veranstaltungsorte gerechtfertigt.
Doch in der zweiten Hälfte der Performance wendete sich das Blatt. Wir durften O tatsächlich in die Unterwelt begleiten. Einige Videoframes huschten über die zentrale Projektionswand, nur um ganz schnell wieder einzufrieren. Live getippte Texte in Grün wurden über das erfrorene Videobild gekeyed. Ein Mix aus heulenden Stimmen und übersteuerten digitalen Soundsignalen flutete aus den Boxen. Eine Harfe klimperte und war auch im Bild zu sehen. Dann spielten die Buchstaben auf der Leinwand verrückt, überlagerten sich, verdeckten das gesamte Videobild, während einzelne Textzeilen kurz in Großbuchstaben aufflackerten. "Where are you?" "Where I ...." "I am ..." Die Texte wurden immer unlesbarer, das Heulen aus den Boxen immer infernalischer. Das ging eine ganze Weile so. Irgendwann ertappte ich mich dabei, völlig vom Geschehen abzudriften und über die Einführung von Studiogebühren in Österreich nachzudenken, worüber ich kürzlich im Web gelesen hatte...
Das soll nun nicht übertrieben abwertend gegenüber der gesamten Darbietung klingen, sondern ist nur ein faktisches Detail, so absurd es auch erscheinen mag. Gerechterweise muß auch gesagt sein, dass es sich um eine Art Betaversion handelte, mit dem Ziel, das Produkt reifen zu lassen und später auf Tour zu schicken. Im Anschluss an die Performance forderten Audiorom zu Kritik und Kommentaren auf. Diese liefen alle auf einen zentralen Punkt hinaus. Diese Art von Telekommunikations-Performance ist nicht neu. Seit gut zwanzig Jahren wird nun versucht, geografisch getrennte Räume durch Telekommunikation in künstlerischen Aktionen zusammenzubringen, um einen dritten Raum zu schaffen, einen Partizipations- und Interaktionsraum, in dem die örtlich getrennten Teilnehmer eine gemeinsame Gegwenwart erleben. Genau dieses Erlebnis scheint aber routinemäßig auszubleiben. Mal ist es das Link-up-Problem, das die Suppe versalzt ("Kein Stream aus Amsterdam"), mal liegt es daran, dass außer denen, die selbst die Knöpfchen drehen, niemand weiß, was woher kommt. Trotz technischer Fortschritte scheint IRC-Chat immer noch das beste Mittel zu sein, diesen dritten gemeinsamen Kommunikationsraum zu erzeugen, obwohl IRC doch so ganz unräumlich ist. Daneben starren wir in die unvermeidlichen Webcams und winken einander zu.
Die Bandbreite kann diesmal nicht das Problem gewesen sein. Amsterdam verfügte angeblich über eine T3-Leitung, London hatte ADSL. Auch das Konzept von Keystroke erscheint ausbaufähig, auch wenn die Software selbst möglicherweise noch einiges Debugging nötig hat. (Eine genaue Beschreibung der Funktionen findet sich auf der Website unter "Dokumentation"). Auch die Idee, mit "OandE" eine bekannte Narration zugrunde zu legen, erscheint nicht schlecht. Umsomehr verwundert, dass wir trotz einer zwanzigjährigen Geschichte von Telekommunikationskunst über das "Hallo-Hallo-Stadium" noch kaum hinausgekommen sind. Im Mittelpunkt steht immer noch die Technologie und die grundlegende Möglichkeit der Herstellbarkeit von Verbindungen. Wenn sich die Datenpakete dann aber irgendwo stauen oder gar völlig stecken bleiben, heulen wieder einmal die Furien und die Datenkörper stoßen unerfüllbare Sehnsuchtsseufzer im digitalen Abyss aus.
"OandE" wurde im Rahmen der Konferenz Net.Congestion aufgeführt und wird am Sonntag dem 8.Oktober 2000 um 21:30 Uhr wiederholt. (www.keyworx.org, www.waag.org/keyevent)
http://www.heise.de/tp/artikel/3/3574/1.html- alles was geht (9.10.2000 11:44)
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