Der Körper der Zukunft revisited

04.07.2001

Eine Veranstaltung in Köln versucht die Debatte um Körper und neue Technologien wiederzubeleben

Die gegenwärtigen Körper sitzen im abgedunkelten und stickigen Vortragssaal, während draußen die Zeit vergeht. Die Sonne scheint über den Rhein und die Stadt Köln, Wolken ziehen auf, ein Gewitter bricht nieder und zieht wieder weiter. Davon war nur in den Pausen der Veranstaltung "Future Bodies. Morphologien; Künstlerische Inszenierungen; Techniken der Bilder in Science und Fiction" etwas zu merken. (Future Bodies)

In einer intensiven und konzentrierten Arbeitsatmosphäre trafen sich vergangenes Wochenende an der Kunsthochschule für Medien in Köln Kunstwissenschaftlerinnen, Wissenschaftshistorikerinnen und Medientheoretikerinnen, um ein Thema wieder aufzunehmen, dass einigen wahrscheinlich auch an diesem Ort als abgeschlossene Debatte und somit als langweilig und uninteressant erscheinen wird. Die Rede vom "Neuen Körper" hatte Anfang bis Mitte 90er Jahre in den Debatten um die "Neuen Medien" Konjunktur, als die utopischen Entwürfe universeller Vernetzung Freiheit von Diskriminierung, Zensur und Unterdrückung und Auflösung von Geschlechtergrenzen versprachen. Wieso dabei die dezentrale Struktur des Netzes auch automatisch demokratische und partizipatorische politische Formen in eine Welt bringen sollte, die auf globalisierten, postkapitalistischen Shareholder-Value-Prinzipien aufgebaut ist, bleibt von heute aus gesehen ein Geheimnis. Dieses Missverhältnis zwischen den damaligen Utopien und dem heutigen Status Quo zu untersuchen, war eine der Aufgaben des Symposiums. Dabei stellte als Motto der Veranstaltung "Der Körper, der ich gewesen sein werde ..." diese Utopien als eine Art vergangener Zukunft in Frage. Wie die beiden Organisatorinnen Marie-Luise Angerer von der KHM und Zoe Sofoulis, Marie-Jahoda-Gastprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum, meinten, ginge es ihnen weniger darum, zu sehen, wie neue Utopien ausschauen könnten, sondern vielmehr darum, wie sie von den sozialen und ökonomischen Machtbedingungen bedingt und konstruiert werden.

"Exoskeleton" des Performance-Künstlers Stelarc, ein mittlerweile alter "Neuer Körper"?

Die Zelle im Mikro-Kino

Ein anderer Schwerpunkt waren selbstverständlich die aktuellen Debatten um Gentechnik und Stammzellenforschung, die einen wesentlichen Einfluss auf unser Bild vom Menschen haben, in denen jedoch der ganzheitliche menschliche Körper merkwürdig abwesend erscheint. Darin zeigen sich ganz aktuell Veränderungen im Denken und Sprechen über den Menschen, die unter Umständen viel weitreichender als die spektakulären Körpererweiterungen des australischen Performancekünstlers Stelarc oder die gnostischen Entkörperlichungsversuche von Extropianern und ihresgleichen sind, und die möglicherweise die Prophezeiung von Michel Foucault in seinem Buch "Die Ordnung der Dinge" wahrmachen, als dessen Schlusspunkt er das Ende des Menschen als Zentrum des Wissens evoziert. Konkret bewegten sich die Präsentationen Untersuchungen medizinischer Bildlichkeiten im Visible Human Project, zu kunstgeschichtlichen Analysen moderner Bildproduktionen einer Cindy Sherman oder der Chapman-Brüder.

Christopher Kelty & Hannah Landecker, Wissenschaftshistoriker in Berlin und der Rice University in Houston/Texas, lieferten in ihrem videogestützten Vortrag unter dem Titel "Experimental Microcinematography, or how not to see what is there" eine interessante Analyse der Bilder von der Zelle, die in Lehrfilmen und Populärkultur verbreitet werden. Da werden Zellen geboren, kämpfen, sterben. Nicht nur inhaltlich erinnert das an einen Hollywoodfilm, auch in der Herstellung dieser Visualisierungen werden alle Register der (Trick-)Filmkunst gezogen: Animation und Stop-Motion, Zeitlupe und Zeitraffer, Einfärbungen und Belichtungen. Dabei verschwindet zusehends die Grenze zwischen "Natürlichem" und "Künstlich-fiktionalem". In ihrer Nachzeichnung der Herstellung unserer Vorstellung von der Zelle als dem Ort, in dem die gegenwärtigen wissenschaftlichen Fortschritte passieren, zeigen Kelty und Landecker am Beispiel von der Anfangssequenz des Filmes "Fight Club", die die mikrocinematographische Fahrt aus einer Gehirnzelle des Helden bis zu der an seinen Kopf gehaltene Pistole benutzt, wie sich diese Vorstellungen vom wissenschaftlichen Bereich in die Populärkultur bewegen.

Komplexitätsreduktion

Ulrike Bergermanns Vortrag über das Klonschaf Dolly und dem Alien-Klon Ripley aus dem Film "Alien - Die Wiedergeburt" analysiert im Gegensatz zu den naturalisierten Bildern der Zelle bei Kelty/Landecker die reduzierten Diagramme und Bilder, mit denen in den Medien Gentechnologie illustriert und propagiert wird. In Diagrammen wird die Komplexität und Fehleranfälligkeit des Prozesses der Klonierung soweit vereinfacht, dass Klonen machbar und sinnvoll erscheint. Zusätzlich wird eine heterosexuelle Matrix darüber projeziert, wenn zum Beispiel in einem Diagramm in der Zeitschrift "Der Spiegel", die zwei beteiligten Personen als Mann und Ehefrau bezeichnet werden. Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Frauen geklont werden könnten, wäre es denn so einfach möglich, sind für die Prozedur, die in Schottland bei der Erzeugung von Dolly und ihren Geschwistern vorgenommen wurde, vier Gruppen von Schafen notwendig, die alle weiblich sind (die zu klonende Zelle musste aus dem Euter eines schwangeren Schafes stammen, da diese andere Eigenschaften besitzen als normale Körperzellen). Reduzierung von Information muss nicht per se schlecht sein, in diesem Falle nimmt sie jedoch Formen an, die einen an Manipulation der Wahrheit denken lässt.

Blick zurück

Ein sehr erhellender Schwerpunkt der Tagung behandelte wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen, die erstaunliche Parallelen zwischen heutigen und vergangenen Diskursformationen aufzeigte. Jane Goodall erzählte in "The Future Body and the Fin de Siècle" von den Fantasien, die das neue Medium Elektrizität Ende des 19. Jahrhunderts hervorbrachte und die erstaunlich an gegenwärtige Ängste und Hoffnungen in Bezug auf Neue Technologien erinnerte. Goodall stellte dies zum Teil in einen Zusammenhang mit der Endzeitstimmung zum Ende des Jahrhunderts bzw. Jahrtausends, aber auch mit dem Körper als Medium, über den neue Technologien greifbar und verständlich gemacht werden können. Dies geschah im 19. Jahrhundern in den Demonstrationen der Macht des Wechselstroms des Erfinders Nikola Tesla genauso wie in den Performances der Tänzerin Loïe Fuller, die die damönische und romantische Seite der Elektrizität einem erstaunten Publikum vorführten.

Metaphern des Weiblichen

Zurück in der Gegenwart hatte die Kuratorin und Medienwissenschaftlerin Yvonne Volkart eine Zusammenfassung der Debatte Mitte der 90er Jahre im Kunstbereich gegeben. Dabei legte sie in ihrer Arbeit, die auf ihrem Dissertationsprojekt beruhte, Gewicht auf die verschiedenen Metaphern des Weiblichen, die im Reden über das Posthumane in der Medienkunst auffällig häufig verwendet werden. Sie geht davon aus, dass es nicht "die Technologien selbst sind, [...] die Körper, Geschlechter, Identitäten und Subjektivitäten" verändern, sondern "vielmehr die Fantasien und Fiktionen darüber" (siehe Abstract). Dabei sind Fiktionen und Fantasien einerseits viel fließender und veränderbarer als sogenannte "hard facts", andererseits konkret schwer zu fassen. Der "ironische Mythos" des Cyborg von Donna Haraway geisterte natürlich auch durch diese Veranstaltung. Trotz seines Alters von immerhin 17 Jahren, was im Zeitalter der Beschleunigung des Sehens schon eine ganze Menge ist, entzündet er immer noch neue Perspektiven und Figurationen des Widerstands. (Reverse Transcript - Hyperlink to Donna Haraway)

Zuletzt noch ein Wort zum Vortrag von Zoe Sofoulis, die normalerweise an der University of Western Sydney im Bereich Cultural Studies mit Schwerpunkt auf Technologie und Gender lehrt. Sie denkt Bruno Latours Actor-Network-Theorie mit einer Entwicklungspsychologie zusammen, die von einer vorsprachlichen Konstruktion des Individuums ausgeht und Raum lässt für nonverbale und emotionale Zustände, was nach Sofoulis gerade in Hinblick auf Technologie und unserem Umgang mit ihr wichig ist. Sie entwirft nicht nur ein Modell des Zusammenspiels von menschlichen und nicht-menschlichen Agenten, sondern versucht auch über diese Dichotomie hinauszugehen, indem sie ihren Fokus auf die sozio-technischen Funktionalitäten dieser Agenten richtet. Besonders interessant war ihre Betonung des Nonverbalen als einem wesentlichen Bereich, in dem unser Selbst sich konstruiert und mit anderen interagiert.

"Future Bodies" eröffnete in der Kombination von Kunst- und Medienwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte neue Perspektiven, wie sich Körper denken lassen. Es wäre sehr notwendig, dass in der Debatte um Stammzellenforschung auch in den Mainstream-Medien Kulturwissenschaftler zu Wort kämen, die das "Neue" in den Neuen Technologien relativieren und in Beziehung setzen könnten, zu der Art und Weise wie es gedacht werden kann und in der Vergangenheit gedacht wurde. Das scheint mir in der Aufgeregtheit um Ethik, Wirtschaftlichkeit, utopistischer Angst und Hoffnung sehr notwendig und sinnvoll zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass solche Veranstaltungen mit ihrem interdisziplinären Blickwinkel wiederholt werden und wieder mehr ins Zentrum des Interesses rücken, damit "Future Bodies" nicht ein später, sondern ein früher Beitrag zu einer neuen Körperdebatte werden kann.

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