Spiritual-Spezial - einmal voll tanken, bitte!
Ein Kommentar zur Berliner Auseinandersetzung Ethik-Pro-Reli
Man würde nicht den Kondomherstellern den Aufklärungsunterricht an Schulen überlassen. Man würde die Ernährungs-Erziehung an Schulen nicht dem Verband der Deutschen Schweinezüchter übertragen. Nicht ihm und auch nicht seinen Pressesprechern. Ebensowenig würde man die Schüler wählen lassen, ob sie lieber Informationen vom Verband der Super-Veganer oder von McDonalds erhalten. Beim Schulfach Religion aber soll so etwas gehen. Hier wollen sich die von den Religionsgemeinschaften entsandten Sprecher in Berlin re-installieren. Hier dürfen, wenn es nach den Vorstellungen von Pro-Reli geht, Spezialanbieter religiöser Inhalte die Schüler alsbald wieder in Spezialclubs aufteilen. Ein jeder nach seinem Bekenntnis. Warum?
Seit 2006 hat Berlin das Fach Ethik als reguläres Schulfach eingeführt. In den Klassen 7 bis 10 wird in Berlin seither nicht mehr Religion, sondern - als Pflichtfacht - ausschließlich Ethik unterrichtet. Religion kann darüber hinaus als Wahlfach belegt werden, ist aber damit ein zusätzliches Fach im Stundenplan. In den Grundschulen, die in Berlin in der Regel bis zur 6. Klasse gehen, können die Eltern schon jetzt wählen, ob ihre Kinder das Fach Lebenkunde oder Religion besuchen. In den gymnasialen Oberstufen spielt das Fach Ethik durchweg keine Rolle, weil hier Philosophie erteilt wird.
Hintergrund der Berliner Entscheidung, das Fach Ethik in den Klassen 7 bis 10 der weiterführenden Schulen als Pflichtfach für alle einzuführen, war die Erkenntnis, dass in Berlin immer weniger Schüler den Religionsunterricht besuchen. Hinzu kam, dass auch Muslime und andere Glaubensgemeinschaften in Berliner Schulen Gleichberechtigung für ihre Religionsangebote forderten. Ein dritter Aspekt der Überlegungen, die dazu führten, dass Ethik für alle eingeführt wurde, war, dass man hoffte, der Multikulturalität der Stadt Berlin besser gerecht zu werden mit einer Werte-Debatte, an der alle Schüler drei Jahre lang - teilnehmen.
Gegen diese Praxis hat sich die Initiative Pro-Reli gewandt. Sie möchte durchsetzen, dass in Berlin auch in den Klassen 7 bis 10 wieder gewählt werden soll zwischen den Angeboten der Religionen und dem Fach Ethik. Am 26. 04. stimmen die Berliner über den Antrag der Initiative Pro Reli ab, dem Religionsunterricht auch in den Klassen 7 bis 10 wieder den Status eines vollen und eigenständigen Lehrfachs einzuräumen.
Ethik für alle, Religion mobil
Nehmen wir einmal an, der Ethik-Unterricht wäre ein Auto, dann würde dieser Wagen gemäß meinem Vorschlag auftanken beim jeweiligen Spiritual-Mobil, einer mobilen Tankstelle für fachreligiöse Fragen. Einmal voll tanken Konfuzianismus. Es gäbe christliche, muslimische und buddhistische und andere mobile Religionstankstellen: Papa-Mobil, Buddha-Mobil, Islamo-Mobil, Hindu-Mobil, Tao-Mobil...Treibstoff-Zulieferer Das Papa-Mobil beispielsweise liefert den Kraftstoff des Christentums. Wenn sich die Kirchen beim Namen nicht einigen könnten, kann der Zulieferer auch Ökumene-Mobil heißen. Was weiß ich? Solche Fragen und Kooperationen müssten die Religions-Anbieter untereinander ausmachen. Ich bin nur Journalistin und Ethik-Lehrerin und würde mich freuen über den religiösen Fach-Input.
Kultstätten und Religionsinhalte, so stelle ich mir vor, würden auf diese Weise im Unterricht fachkundig erläutert. Außerschulische Lernorte, Hindu-Tempel etwa, Kirchen, Moscheen und Synagogen könnten sinnvoll mit einbezogen werden. Ich würde das lieben, so mit den Spezialanbietern ins Gespräch zu kommen. Ich würde es lieben, die Schüler so mit dem Wesen und den Inhalten der Religionsgemeinschaften zu konfrontieren.
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Ich würde es aber nicht gern sehen, wenn die Spezialanbieter den gesamten Seelen-Unterricht übernehmen und die Seelenleiste (Spezialjargon Schule für die Seelenfächer) wieder in Spezialclubs aufgliedern würden. Ich würde es nicht gut heißen, wenn allgemein-gesellschaftliche Fragen wie Ist schwul ein Schimpfwort? nur von einer religiösen Perspektive aus betrachtet würden.
Ethik für alle. Im Spezialclub bekehren die Bekehrten die Bekehrten. Dieses Modell haben wir schon außerhalb der Schule. Ich meine, man sollte etwas, das nur grad so eben rund läuft mit viel Kraftanstrengung, nicht einfach so in die Schule implementieren. Je mehr die Spezial-Anbieter religiöser Inhalte übereinander wissen, desto besser kann es laufen. Für diese allseitige Verständigung ist aber nur der Ethik-Unterricht die richtige Plattform. Ethik für alle und Religion für alle lautet daher mein Votum. Religion im Rahmen des Ethik-Unterrichts. Dafür bin ich. Und fürs geistige Tanken etwa beim Papa-Mobil einmal Spiritual-Spezial volltanken und dann weiterfahren zur nächsten Tankstelle.
Übrigens haben die Religionen langfristig selbst dann verloren, wenn sie den Volksentscheid im April gewinnen. Weil sie nicht wahrhaftig sind, weil sie nicht an gesellschaftlicher Kommunikation, Austausch und Konsens interessiert sind, sondern an plumper Selbstbehauptung. Die christlichen Kirchen machen keinen schlanken Fuß, wenn sie von Freiheit reden, wo sie Bekenntnis meinen. Wieder einmal zeigt das Verhalten der Glaubensgemeinschaften, dass sie im Zweifel für den Glaubenskrieg eintreten, nicht für den Dialog. Keine gute Werbung.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30037/1.html- Re: Das war aber keine Geheimliste! (27.4.2009 14:15)
- Re: Das war aber keine Geheimliste! (27.4.2009 14:10)
- Huch, was war dat denn? Ein Witz? (18.4.2009 17:02)
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