Das Zwitschern der Tontaube
Wie ein neuer Kommunikationsraum im Internet für Furore sorgt
Das Zwitschern der Tontaube war medienmächtig, auch wenn das Bild schief ist: Tauben zwitschern nicht, sie gurren. Aber Tontaube ist ja auch gar keine Tontaube, sondern eine junge Frau aus Baden-Württemberg, die für ein paar mediale Sekunden im Licht der Öffentlichkeit stand, weil sie in dem "Microblognetzwerk" mit dem Namen Twitter – also "Zwitschern" – vom Amoklauf in Winnenden schrieb: "Achtung. In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf – besser nicht in die Stadt kommen!!!"
Sie hatte zwar nichts gesehen, nur über ein paar Ecken gehört, aber dies reichte, um bei Fernsehsendern und Tageszeitungen für Aufgeregtheit zu sorgen. Und plötzlich wusste auch der Rest der Republik von einem neuen Kommunikationsraum und schon huben Gesänge an, auf dass der Journalismus wieder revoltiert werden müsse und auch Tontaube sinnierte über den Wettbewerb zwischen "alten" und "neuen" Medien nach.
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Ein bisschen was hat Tontaube mit der Amerikanerin Jennifer Kaye Ringley zu tun. Diese installierte 1996 eine Webcam in ihrem Zimmer und die Bilder gelangten über ihre Website ins Internet. Mit 21 Jahren zog Jennifer nach Washington D.C., vernetzte ihre neue Wohnung nun mit vier Kameras und lieferte so der Welt täglich Bilder aus ihrem Privatleben, inklusive der Sexszenen. Das war neu, bis dahin gab es per Webcam nur Kaffeeautomaten zusehen und so berichteten die alten Medien ausführlichst über Jennifer und ihre Website, für die man inzwischen zahlen musste (Unplugged: JenniCam.org ist offline). Tontaube hat nun mit Jennifer gemeinsam, dass sie ihr Privatleben in das Netz stellt, dass dies über einen neuen Kommunikationsraum, das Internet-Portal "Twitter" geschieht und dass die Medien darüber berichten.
Dieser Kommunikationsraum Twitter ist so was ähnliches wie der Blog zwischendurch. Oder wie der Tratsch in der Raucherecke. Jeder, der sich einloggt, kann 140 Zeichen-Meldungen absetzen, die wiederum jeder einsehen kann. So erfährt man, dass draußen Sauwetter ist, dass es bei Tante Hilde heute Schweinswürstel gab, dass jemand müde vom Arbeiten ist und der andere gerade Blähungen hat. Soziales Netzwerk nennt sich das, und dies meint, dass sich Internetnutzer über verschiedene Kommunikationsplattformen vernetzen können und so virtuelle Gemeinschaften entstehen. Dies geschieht bei Computerspielen wie "Warcraft", in denen ganze Horden gegeneinander antreten, dies geschieht bei Portalen wie SchuelerVZ, bei dem fünf Millionen Schüler vernetzt sein sollen und dies geschieht eben auch über das relativ neue "Twitter".
"Kontinuum der erlebten Zeit"?
Man kann sich das Internet wie einen neuen Kontinent vorstellen, der gerade dabei ist, nach einem Vulkanausbruch aus den Fluten des Ozeans aufzutauchen. Die Konturen des neuen Kontinents sind erst undeutlich zu erkennen und auf seiner Oberfläche läuft im Zeitraffertempo eine elektronische Artenentwicklung und Artenauslese ab. So sind derzeit Webcams im Klo und im Schlafzimmer ziemlich out, Twittern ist gerade in.
Auf diesem neuen Kontinent versammelt sich nun von Zeit zu Zeit die (verkabelte) Menschheit und - kommuniziert. Damit das aber auch nur ansatzweise funktioniert, braucht es Kommunikations-Räume. Denn man stelle sich vor, auf der Oktoberfestwiese in München stehen 400.000 Leute und jeder fängt zu quatschen an. Das ist ungefähr die Situation, wenn man auf die Homepage von Twitter geht: Da zwitschert der Mountain-Bike Fan Moooris aus Okazaki, Japan, irgendwas auf japanisch und "Chelseahandler" aus San Francisco lässt wissen, dass sie heute Abend irgendeinen einen rosa Yoghurt in irgendeiner Show hatten. So global funktioniert es natürlich nicht, da braucht es kleinerer Kommunikationsräume. So wie die mittelalterliche Piazza mit ihren menschlichen Abmessungen. Virtuell wird ein derartiger Kommunikations-Raum bei Twitter durch "Follower" gebildet, also Interessierten, die mehr oder regelmäßig verfolgen, was man so tagsüber in 140 Zeichen von sich gibt. Erst diese Bildung von Gruppen strukturiert und ermöglicht eine Kommunikation in der Flut an Meldungen.
Und kaum gibt es auf dem neuen Kontinent etwas Neues, neigen sich in den Feuilletons die Häupte der Denker zur Seite und schon wird reflektiert, was ein neuer Kommunikationsraum wie "Twitter" bedeute. Zum Beispiel dass sich bei den Twitter-140-Zeichen-Texte um eine "ums Jetzt sich schlängelnde Schrift" handelt, die sich "um das Kontinuum der erlebten Zeit" windet, wie die "Süddeutsche" uns Mitte März wissen lies. Um ein "Textgewebe" also, dass sich "in Stränge gleichzeitig gesponnener Zeitfäden auflöst".
Es ist allerdings erst ein paar Wochen her, dass Natalie Haug, denn so heißt Tontaube mit bürgerlichen Namen, damit begonnen hat, ihre "Zeitfäden" auf Twitter zu spinnen. Ihr Freund hat sie darauf gebracht, er hat beruflich mit dem Internet zu tun. Mittlerweile hat sie an die 600 "Follower" und das sind einfach zu viel, um mit allen Kontakt zu halten. Ursprünglich wollte sie nur ein paar Leute "in und um Stuttgart herum" kennenlernen, seit Winnenden aber ist sie bekannt, an die 17 Interviews hat sie verschiedenen Medien bisher gegeben. Inzwischen aber frägt sie sich, was für einen Zweck das ganze Twittern eigentlich haben soll. "Ich glaube, das ist eine vorrübergehende Erscheinung", meint Natalie Haug im Interview, sie selbst werde in Zukunft nicht mehr so viel in Twitter schreiben. Auch die "aktuellen Grabenkämpfe" zwischen den traditionellen und den neuen Medien hält sie für eine Übergangserscheinung. Einer ihrer "Follower" nennt sich übrigens Angela Merkel. Natürlich ist der Name nur geborgt: Hat doch die wirkliche Bundeskanzlerin angekündigt, dass sie im anstehenden Wahlkampf zur Bundestagswahl nicht "twittern" werde.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30039/1.html- Was hat Twitter mit einer Eiswürfelform gemeinsam? (31.3.2009 20:43)
- Das Netz sucht sich seinen eigenen Weg (31.3.2009 2:21)
- 682 followers (30.3.2009 22:58)
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