Bündnis der Medien mit der Gewalt

31.03.2009

Bei großen Protesten ist die mediale Berichterstattung meist weitgehend auf gewalttätige Proteste fixiert

Man kennt das von vielen Großereignissen sozialer Bewegungen: Die mediale Berichterstattung ist getrieben von Sensationslust, dramatisiert Gewalttaten und reduziert die gesamten Proteste gerne auf solche. Über die Inhalte der Protestierenden wird in verschwindend geringem Ausmaß berichtet. Auch bei der Berichterstattung über die Proteste gegen den G20-Gipfel und den Nato-Gipfel wird das wieder genau so sein, soviel steht fest. Denn das ist kein Zufall, sondern hat System.

Medien brüsten sich gerne mit ihrer Unabhängigkeit und Objektivität. Doch diese Annahme ist falsch: Völlige Objektivität ist unmöglich. Bereits die Entscheidung, welches Ereignis thematisiert wird und welches nicht, unterliegt Mechanismen der Nachrichtenauswahl und ist daher mitnichten objektiv. Medien sind keine passiven Spiegel des realen Geschehens, sondern aktiver Faktor desselben. Neben der Themenselektion spielen Wortwahl und explizite Wertungen eine wichtige Rolle bei der Konstruktion medialer Realitäten.

Ob ein Ereignis zur Nachricht wird, hängt von den so genannten Nachrichtenfaktoren ab, sagen Medienwissenschaftler. Dies sind bestimmte Ereignismerkmale, an denen sich die Selektion der Journalisten orientiert und die somit die Publikationswürdigkeit, also den Nachrichtenwert eines Ereignisses, bestimmen. Eine ganze Reihe solcher Faktoren hat die Wissenschaft entwickelt. Der Schwellenfaktor besagt beispielsweise, dass ein Ereignis eine bestimmte Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten muss, um zur Nachricht zu werden. Dem Faktor der Personalisierung entsprechend besitzen Ereignisse, die als Folge des Handelns konkreter Menschen dargestellt werden können, einen höheren Nachrichtenwert als abstrakte Ereignisse. Dieser Logik folgt auch die Berichterstattung über Protestereignisse.

Unabhängig von seiner Form ist Protest grundsätzlich ein Ereignis, das das Interesse der Medien weckt (und ja auch darauf zugeschnitten ist, es zu erwecken). Er ist außergewöhnlich und im Vergleich zum alltäglichen Geschehen unnormal. Allein dadurch besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für soziale Bewegungen, mediale Beachtung zu finden. Insbesondere gewaltsamer Protest beinhaltet verschiedene Komponenten von Negativismus und Sensationalismus, die zu den Nachrichtenfaktoren gehören, anhand derer Medienschaffende Ereignisse selektieren. Es sind Elemente der Normverletzung, der Überraschung und des Schadens, die ihn interessant machen und deswegen so häufig in den Vordergrund rücken.

Je mehr dieser Komponenten ein bestimmtes Geschehen hat, desto stärker wird es in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt, was zu einer verzerrten Darstellung der Realität führt. Nicht selten werden überwiegend friedliche Proteste, an deren Rand es zu gewalttätigen Aktionen kommt, dieser Logik folgend als gewalttätig dargestellt. Genau deswegen überschrieb etwa die Berliner Morgenpost am vergangenen Wochenende ihren Artikel zu der Anti-Krisendemo in Berlin mit Krawalle überschatten Berliner G-20-Demonstration. Man mag das Sensationismus nennen, letztlich folgt es der Logik des Mediensystems. Und wird deswegen von sehr vielen Menschen gelesen.

Diese Strukturen des Mediensystems beeinflussen auf unterschiedliche Weise die tatsächliche Realität, wie die Medienwissenschaft herausgearbeitet hat. Der Recipropal Effect bewirkt, dass allein die Präsenz von Journalisten, z.B. bei Demonstrationen, bereits Einfluss auf das Geschehen haben kann und dieses mediengerecht in Szene gesetzt wird. Der Landslide Effect beschreibt hingegen das Phänomen, dass von den Medien vermittelte, womöglich verzerrte oder manipulierte Bild eines Ereignisses eine falsche Vorstellung der Realität verursachen und diese Vorstellung dann über die Einstellung und das Verhalten der Medienkonsumenten auf die Realität zurück wirkt.

Berichterstattung über die Inhalte der Proteste fand beim G8-Gipfel in Heiligendamm praktisch nicht statt

Beim letzten vergleichbaren Großereignis dieser Art in Deutschland, den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, haben all diese Mechanismen beinahe wie aus dem Lehrbuch funktioniert. Dies belegen mittlerweile auch wissenschaftliche Untersuchungen. Die Medienwissenschaftler Dieter Rucht und Simon Teune1 untersuchten mit einer quantitativen Inhaltsanalyse insgesamt 1240 Artikel in elf deutschen Tageszeitungen, die sich mit dem G8-Gipfel in Heiligendamm auseinandersetzten. Ihr Ergebnis: nur in 1,7% der Artikel mit Bezug auf den Gipfel wurden die Inhalte der Protestierenden erwähnt.

Ähnliche Ergebnisse liefern die Untersuchungen der Fernsehberichterstattung von Sabrina Herrmann2: Demnach würden Inhalte von gewalttätigen Akteuren überhaupt nicht thematisiert. "Der Schwarze Block wird zur Chiffre unerklärlicher Gewalt und allen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, wird ein ernsthaftes politisches Anliegen abgesprochen", schreibt Herrmann. Aber auch die Inhalte des bunten Protests wurden nicht vermittelt: Diese Protestgruppen wurden im Fernsehen vor Allem als positiver Gegensatz zum gewalttätigen Auftreten anderer Protestteilnehmer dargestellt. Damit bestätigte sich auch in Heiligendamm der Befund, dass die Berichterstattung deskriptiv bleibt und mehr auf die Formen und den Ablauf des Protests eingeht als auf die Protestmotive. Der Fixpunkt der medialen Berichterstattung ist der gewalttätige Protest.

Der Kampf um mediale Deutungsmacht trieb in Heiligendamm Blüten, die den Boden des demokratischen Miteinanders verließen. So ist mittlerweile bekannt, dass von der Polizei Fehlinformationen über die Pressestelle verbreitet wurden, wohl nicht zuletzt um polizeiliche Maßnahmen und Grundrechtsbeschneidungen zu rechtfertigen. "Die Öffentlichkeit fühlte sich von mir oft falsch informiert - und zwar zu Recht", gestand der zuständige Polizeisprecher später in einem Interview. Als Sprecher musste er Dinge abstreiten, die die Polizeiführung wenig später zugab. "Es war eine Peinlichkeit hoch drei, so vorgeführt zu werden." In Heiligendamm führte diese Politik so weit, dass sogar das Bundesverfassungsgericht in einer Urteilsbegründung eine von der Polizei verbreitete Fehlinformation aufnahm. Die Rechnung ging auf.

Besonders fatal ist eine solche Fehlinformationstaktik, wenn die Medien der Polizei bevorzugt Vertrauen schenken, den Protestgruppen aber eher zweifelnd gegenüber stehen. Dass dies in Heiligendamm der Fall war, hat Christian Selz in seiner Diplomarbeit festgestellt (Stein im Schwarzen Brett). Der Student der Medienwissenschaften untersuchte die Meldungen von Presseagenturen im Zeitraum des G8-Gipfels. Dabei stellte er fest, "dass das über die Nachrichtenagenturen vermittelte Bild der Demonstranten überwiegend negativ war".

Selz merkt außerdem an, dass durch Verwendung entsprechenden Vokabulars bei den Protesten aufgetretene Gewalttätigkeiten dramatisiert worden seien. Den Grund dafür sieht er in dem "hohen Stellenwert des Nachrichtenwertes Gewalt für die Berichterstattung der Agenturen", die die von ihnen versorgten Medien mit möglichst dramatischen Schlagzeilen versorgen wollen. Zudem äußerten sich die Agenturen gegenüber den Protestgruppen durch Wortwahl deutlich stärker distanzierend als gegenüber der Polizei. "Warum griff die eigentlich selbstverständliche journalistische Gleichbehandlung von in einen Konflikt involvierten Parteien hier nicht?" fragt sich Selz. Eben weil Medien keine neutralen und objektiven Berichterstatter sind, ist die Antwort darauf.

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