Tödliche Wut auf die Gesellschaft

Florian Rötzer 05.04.2009

Ein Einwanderer, der arbeitslos wurde, im Besitz von Schusswaffen war und vom "amerikanischen Traum" enttäuscht war, "explodierte" in den USA

Ärgerlich, wütend war er wohl, der 41-jährige Jiverley Wong, der in dem kleinen Städtchen Binghamton im Bundesstaat New York mit zwei Schusswaffen, für die er einen Waffenschein hatte, und einem Messer in ein Zentrum für Einwanderer eingedrungen ist und dort 13 Menschen getötet hat – Killerspiele haben bei dem Erwachsenen vermutlich keine Rolle gespielt, ansonsten ist viel nach dem üblichen Drehbuch geschehen.

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Der chinesische Einwanderer aus Vietnam hatte sich nach Medienberichten neben den Schusswaffen mit einer Schutzweste ausgerüstet, offenbar, um länger kämpfen zu können, auch wenn der Überfall im Stil eines Amoklaufs mit dem eigenen Tod geplant gewesen zu sein scheint. Geplant hatte der Selbstmordattentäter im eigenen Auftrag wohl wieder einmal ein möglichst großes Massaker. Seinen Wagen hatte er an der Rückseite des Gebäudes der American Civic Association geparkt, um den Rückausgang zu versperren.

Beim Eintritt in den Haupteingang tötete er gleich einmal eine Mitarbeiterin am Empfang und verletzte eine andere, dann ging er in einen Raum, in dem gerade ein Englischkurs für Einwanderer stattfand, die damit den Test zur Erlangung der US-Staatsbürgerschaft bestreiten wollten. Hier tötete er 12 Menschen, die dem "amerikanischen Traum" folgen und US-Bürger werden wollten. Er selbst, in den 90er Jahren in die USA gekommen, war offenbar vom Versprechen des "amerikanischen Traums" enttäuscht worden. Er hatte seinen Job verloren, konnte keine andere Arbeit finden und soll sich darüber beklagt haben, dass er gerade einmal 200 US-Dollar Arbeitslosengeld erhielt.

Der 41-Jährige hatte zuletzt wieder mit Mutter, Vater und Schwester zusammen gelebt und trotz der langen Zeit in den USA offenbar nur schlecht Englisch gesprochen. Angeblich habe er selbst Kurse in dem Zentrum belegt gehabt und keine Fortschritte erzielt. Anfang März soll er aus einem Kurs ausgestiegen sein.

Der zunehmende Trend, seinen Frust an der Gesellschaft durch ein suizidales Massaker abzureagieren, hat in den USA und in anderen westlichen Ländern – sieht man vom 11.9. ab – bereits mehr Todesopfer gefordert als der politisch oder religiös motivierte Terrorismus. Es könnte gut sein, dass dieses Drehbuch, sich durch leicht verfügbare Schusswaffen mit möglichst vielen anderen Menschen aus der Welt zu verabschieden, mit der Wirtschaftskrise noch attraktiver werden könnte. Allerdings können offenbar die Mächtigen und Reichen beruhigt sein, die Gewalt richtet sich meist gegen die Schwächeren, gegen Seinesgleichen, gegen Mitschüler und Lehrer, gegen die eigene Familie, gegen Arbeitskollegen oder eben gegen Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Das sind die "soft targets" der Alltags- und Aufmerksamkeitsterrorismus; die Planung von Selbstmordanschlägen gegen die Mächtigen würde weitaus mehr Logistik erfordern und übersteigt das Vermögen der suizidalen Einzelkämpfer.

Dennoch sollte beunruhigen, dass die Selbstmörder, die sich bislang weitgehend autonom und isoliert verabschiedet haben, nun ein neues Skript entdeckt haben. Mit einem Massaker kann das eigene Ableben wenigstens noch mit Bedeutung und Nachruhm versehen werden – und man reißt noch andere Menschen mit, die irgendwie allein durch ihre Existenz mitschuldig am Zustand der Welt sind. Sehr viel gefährlicher würde es, wenn die westlichen Amokläufer und Selbstmordattentäter wie die islamistischen Todeskandidaten von Schusswaffen auf Sprengstoff umsatteln und politisch wichtigere Ziele ins Visier nehmen würden. Das könnte schnell geschehen, wenn die westlichen Gesellschaften nicht wieder Gerechtigkeit kultivieren und vor allem aus der Wirtschaftskrise auftauchen.

Pervers ist allerdings, wenn nun Taliban-Gruppen die Verzweiflungs- oder Enttäuschungststat in einen Anschlag umdeuten wollen. So soll einer der Talibanchefs, Baituallah Mehsud, die Verantwortung für das Massaker in den USA übernommen haben. Der Anschlag sei in Reaktion auf die US-Drohnen-Angriffe in Pakistan ausgeführt worden. Das ist durchsichtig, weil er damit glauben machen will, dass seine Hand bis in die USA reicht. Immerhin, was wohl auch ein Effekt der Post-Bush-Ära ist, weist das FBI jede Verbindung mit dem islamistischen Terrorismus zurück.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30077/1.html
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