Sanctum Praeputium

06.04.2009

Die hochheilige Vorhaut Jesu und die Geschichte ihrer Verehrung

Im Mittelalter holte der Papst der Ordo VII des Cencius Cameraius noch an jedem Karfreitag zwei goldene, mit kostbare Gemmen geschmückte Kreuze aus dem Lateranschatz und verehrte sie zusammen mit seinen Kardinälen. Das eine davon enthielt der Vorstellung der Gläubigen nach einen Splitter jener Balkenkonstruktion, an der Jesus gekreuzigt wurde. Das andere bewahrte eine heute weniger bekannte Reliquie: seine Vorhaut, das Sanctum Praeputium.[1]

Reliquien brachten im Mittelalter Macht, Ansehen, Pilger und Spenden. Das schuf eine gewisse Nachfrage nach ihnen. Und diese Nachfrage schuf wiederum ein Angebot. Teils wurde der Bedarf mit Knochen von relativ frisch Heiliggesprochenen gedeckt, die wahrscheinlich echt waren - zu einem sehr großen weiteren Teil aber mit allen nur erdenklichen Requisiten aus dem Neuen und dem Alten Testament: Alleine im Vatikan lagerten damals neben zahllosen anderen Gegenständen die Treppe, auf der Jesus zu Pontius Pilatus geführt wurde, Reste von wundersam vermehrten Broten und Fischen sowie die aus dem ersten Indiana-Jones-Film bekannte Bundeslade. Brustmilch von der Muttergottes war eine so beliebte und verbreitete Reliquie, dass der Reformator Calvin zu Beginn der Neuzeit mutmaßte, sie müsse den zurückgelassenen Mengen nach wohl eine Kuh gewesen sein.

Guido Reni: Die Beschneidung des Jesuskindes (um 1635–1640)

Die Echtheit der Reliquien, die meist zu einem auffällig günstigen Zeitpunkt entdeckt wurden, belegte man zum einen mit Wundern, zum anderen mit gefälschten Urkunden, was ausgesprochen einfach war, wenn man ein paar ebenso gehorsame wie schweigsame Mönche zur Verfügung hatte. Wer Reliquien fälschte, der hatte nach Ansicht des englischen Kirchenhistorikers John Jortin viel zu gewinnen und wenig zu fürchten. Lügen war nicht nur deshalb leicht, weil kaum jemand Behauptungen über die Vergangenheit vernünftig überprüfen konnte: Personen, die Reliquien und Wunder anzweifelten, setzten sich potentiell weitaus größeren Gefahren aus, als die Fälscher. Dabei spielten nicht zuletzt die Position und die Interessen jener eine Rolle, welche die Herstellung von Reliquien förderten oder in Auftrag gaben. Ein Skeptiker namens Aldrete, der hinsichtlich der in Kastilisch gehaltenen Beschriftungen von Wunder wirkenden Tuchteilen aus dem Besitz der Jungfrau Maria, lediglich bemerkte, dass diese Sprache im 1. Jahrhundert noch nicht existierte, wäre dafür fast verbrannt worden. Fälschung war deshalb ein Tabuthema, über das man besser schwieg.

Auch vor Körperteilen des nach katholischer Doktrin fleischgewordenen Gottes schreckte man bei der Herstellung von Reliquien nicht zurück, hatte aber das Problem, dass die Bibel ja eine Himmelfahrt beschrieb. Aus diesem Grunde war man auf die Verehrung von Körperteilen beschränkt, die er auf Erden zurückgelassen haben könnte. Neben Haaren, Fußnägeln und Teilen der Nabelschnur tauchten im 11. Jahrhundert auch Beschreibungen jener Reliquie auf, für die eine Erwähnung der Beschneidung Jesu im Lukasevangelium Anlass gab: Das Praeputium.

Friedrich Herlin: Beschneidung Jesu (1488)

Damals beschäftigte die Theologen weniger die Frage, wie wohl ein Stück Haut vom Pflegekind eines Zimmermanns (oder besser übersetzt: Arbeiters) so lange konserviert werden konnte, sondern vielmehr Probleme hinsichtlich der Integrität des Körpers, mit der Jesus zum Himmel auffuhr. Da es (wie bereits ausgeführt) wenig ratsam war, die Echtheit einer Reliquie anzuzweifeln, versuchten sich die Religionsgelehrten vorwiegend an Denkmodellen, die einem Verbleib des Häutchens auf Erden nicht widersprachen.

Eines dieser Modelle ging davon aus, dass Christus im Himmel nur das haben musste, was zum "essere" und "bene essere" notwenig war. Da Juden aber die Vorhaut nicht als Teil ihrer Integrität ansahen, gehörte sie auch nicht zur Integrität Christi und konnte so auf Erden verblieben sein. Und selbst wenn sie dazu gehören würde, so manche Theologen, hätte er sich wohl bei der Himmelfahrt eine neue erschaffen müssen, da die bereits im Kindesalter entfernte alte wohl zu klein gewesen wäre, um zu passen. Der Bischof Rocca griff für seine Erklärung einfach auf die göttliche Allmacht zurück, die schließlich dafür sorgen könne, dass ein und dieselbe Vorhaut zur selben Zeit an verschiedenen Orten ist. Allerdings ergab sich daraus ein weiteres Problem, nämlich die Frage, ob die Vorhaut aktueller Bestandteil des Körpers Jesu war, und als solcher angebetet werden musste, oder bloß als Reliquie verehrt.[2]

Für eine Erklärung des Weges, auf dem die Reliquie in die Lateranbasilika gelangt sein soll, bemühte man Karl den Großen, auf den sich ein so großer Teil der erwiesenen mittelalterlichen Fälschungen bezieht, dass sogar die Theorie aufkam, es hätte ihn nie gegeben. Karl soll die Vorhaut Papst Leo II. mitgebracht haben, als er am Weihnachtstage des Jahres 800 zum Kaiser gekrönt wurde. In seinen Besitz gelangt sein sollte sie entweder über die byzantinische Kaiserin Irene, eine Jerusalemreise oder einen Engel.

Es dauerte nicht lange, da machten auch andere Klöster und Kirchen geltend, zumindest ein Stück von der Vorhaut Jesu in ihrem Besitz zu haben. Die wichtigsten davon lagen im französischen Charroux, im flämischen Antwerpen und im italienischen Calcata. In Charroux berief man sich, ebenso wie in Rom, auf Karl den Großen, in Antwerpen sprach man diplomatisch von der Möglichkeit einer Teilung der Vorhaut und in Calcata nutzte man die Gelegenheit, dass deutsche Söldner beim Sacco di Roma ausgiebig plünderten und dabei auch vor Blasphemien nicht zurückschreckten. So entstand die Geschichte eines Soldaten, der auf dem Rückweg festgesetzt wurde und seinen Schatz im Gefängnis von Calcata vergrub, wo er 30 Jahre später wieder entdeckt wurde.

Bei den Wundern, welche die heiligen Vorhäute wirkten, spielte bemerkenswert oft latent oder offen Sexuelles eine Rolle. Die im französischen Charroux aufgetauchte Reliquie sollte beispielsweise Schwangeren helfen. Und eine adlige Dame aus Calcata, die das frisch entdeckte Säckchen mit der Vorhaut öffnen wollte, bekam sofort ganz steife Finger, ob derer sie ihr Vorhaben aufgeben musste. Erst der "zarten Jungfrau" Clara gelang dann die Enthüllung[3]. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht die von ihrem Beichtvater aufgezeichneten Visionen der Agnes Blannbekin aus dem 14. Jahrhundert, der das Häutchen bei der heiligen Kommunion auf der Zunge erschien und ihr beim Herunterschlucken vorher ungekannte Wonnen und Freuden "in allen Gliedern und in allen Muskeln der Glieder" bescherte.[4]

Die Reformation löste zwar kein plötzliches Platzen der Reliquienblase aus, aber mit der Zeit verging deren Wert und viele Objekte gerieten in Vergessenheit. Unter den heiligen Vorhäuten hielt sich jene aus Calcata am längsten. Sie verschwand erst 1983 unter mysteriösen Umständen, die viel Material für Verschwörungstheorien lieferten. Einer zufolge war dem Vatikan nicht nur die Reliquienverehrung in dem Dorf peinlich, an der sich angeblich auch Gammler beteiligten. Ein noch wichtigerer Anlass für die Vortäuschung eines Diebstahls aus Gründen der Kirchenraison war ihr zufolge die Anfang der 1980er in greifbare Nähe gerückte Möglichkeit des Klonens.

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