Sex gegen Fleisch

Matthias Gräbner 08.04.2009

Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, planen für die Zukunft und berücksichtigen die Vergangenheit. Der Beweis: Weibchen geben sich öfter denjenigen Männchen hin, die sie regelmäßig mit Fleisch versorgen - und zwar auf langfristiger Basis

Eine schrecklich nette Familie: Unsere nächsten lebenden Verwandten, die Schimpansen, verraten uns auch einiges über uns selbst. Seit längerem bekannt ist zum Beispiel, dass frei lebende Vertreter dieser Art durchaus mit selbst hergestellten Waffen in den Krieg ziehen. Das passiert, wenn Schimpansengruppen ihr Territorium ablaufen und dabei auf klar unterlegene gegnerische Truppen treffen. Wer gewinnt, zieht dann schon mal ins Lager des Gegners und raubt eines der zurückgelassenen Weibchen, berichtete Schimpansenforscher Christophe Boesch im Herbst auf einem Vortrag in München.

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Der Schimpansenmann Utan hält ein Stück eines Roten Stummelaffen. Schimpansin Kinshasa, mit ihrem Jungen Kirikou auf dem Rücken, bettelt bei ihm. (Foto: Cristina M. Gomes)

Gefangene Schimpansen werden demnach oft misshandelt, zuweilen auch getötet - Verhaltensweisen, die auch dem Wesen nicht fremd sind, das mit dem Schimpansen 98,4 Prozent seiner Gene teilt. Unklar war bisher allerdings, wie Frauen ihre Sexualpartner wählen und warum Männer die Früchte ihrer Arbeit mit ihnen teilen - Ähnlichkeiten zwischen Schimpansen und Menschen scheint es auch hier zu geben.

Es lässt sich jedenfalls zeigen, dass in Jäger-Sammler-Gesellschaften erfolgreichere Jäger höhere Reproduktionschancen haben. Bessere Jäger haben dort auch die höhere Zahl an außerehelichen Episoden beziehungsweise die größere Zahl an Frauen. Das erklärt man daraus, dass gute Jäger eben einen höheren sozialen Status besitzen - doch ein höherer Status allein nutzt den Frauen evolutionsbiologisch nicht. Gibt es also eine direkte Beziehung zwischen der Versorgung mit Nahrung und der Wahl der Sexualpartner? Bisher gab es für diese Theorie keine direkte Bestätigung.

In dem offenen Wissenschaftsmagazin PloS One beschreiben Boesch (zugleich Direktor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie) und seine Kollegin Cristina Gomez nun, dass es zumindest bei den von ihnen beobachteten Schimpansen im Taï National Park in der Republik Elfenbeinküste eine solche Beziehung gibt.

Über vier Jahre analysierten die Forscher die freiwillige Weitergabe von Fleisch zwischen Schimpansen-Männchen und Weibchen - und die Sexfrequenz der Gruppenmitglieder untereinander. Dabei stellte sich heraus, dass Schimpansinnen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit einem Männchen kopulieren, von dem sie bereits ein Stück Fleisch erhalten hatten. Dass andere Interaktionsformen hier eine Rolle spielten, konnten die Forscher ausschließen.

Isha, eine erwachsene Schimpansin, hält ein Stück Fleisch (den Fuß eines Schwarz-weißen Stummelaffen), das sie von einem Schimpansen-Männchen erhalten hat (Foto: Cristina M. Gomes)

Weder Fellpflege noch die Unterstützung in Auseinandersetzungen oder gar der Rang des Männchens oder des Weibchens standen in einer Relation mit der Kopulationshäufigkeit - der Austausch Fleisch gegen Sex hingegen blieb eine signifikante Größe. Dabei zeigte sich das Verhalten der Schimpansen auf lange Sicht angelegt:

Die männlichen Gruppenmitglieder gaben den Schimpansinnen zwar öfter Fleisch, wenn diese in ihrer fruchtbaren Phase waren (nur dann kommt es überhaupt zu Sex), sie teilten aber auch mit gerade nicht fruchtbaren weiblichen Gruppenmitgliedern. Die beiden Forscher vermuten, dass sich ihre Erkenntnisse auch auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau beim Menschen erweitern lassen könnten - der höhere reproduktive Erfolg eines guten Jägers könnte letztlich aus der weiblichen Wahl und dem diese beeinflussenden direkten ökonomischen Vorteil resultieren.

Kinshasa im Besitz eines Fleischstücks, das sie einige Minuten zuvor von Utan erhalten hat (Foto: Cristina M. Gomes)
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30097/1.html
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