Getrieben von Furcht und Eigennutz
Moderne Politik als klassisches Königsdrama: Paolo Sorrentinos Andreotti-Farce "Il Divo"
Er war das Vorbild für die Figur des Don Lucchesi in Coppolas "The Godfather: Part III", und sein eigener Lieblingsfilm ist "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Die berühmte italienische Journalistin Oriana Fallacci hat seine Wirkung folgendermaßen erklärt: "Die wahre Macht erdrosselt Dich mit Seidenbändern, Anmut und Intelligenz." Jetzt ist Giulio Andreotti, einer der wichtigsten europäischen Politiker der Nachkriegszeit, selbst zur Kinohauptfigur geworden: In Paolo Sorrentinos Polit-Farce "Il Divo". Ein bisschen sieht er im Film aus wie der Vampir in Murnaus "Nosferatu". Aber Vorsicht vor zuviel Selbstgewissheit. Denn "die Boshaftigkeit der Guten ist höchst gefährlich." (Giulio Andreotti)
I don't believe in chance, I believe in the will of God."
Er geht gern spazieren. Und so ist es ein harmloser Gang der Hauptfigur, mitten in der Nacht um den Block des römischen Regierungsviertels, der zu einem der eindrucksvollsten Momente dieses Films gerät. Denn da sieht man in den menschenleeren Straßen einen kleinen, buckeligen alten Mann langsamen Schrittes gehen und Ruhe suchen, während um ihn herum diverse Sicherheitsleute wachen und neben ihm im Schritttempo seine Limousine folgt - ein treffendes Bild für Absurdität und Doppeldeutigkeit der Macht, die für ihren Träger ebenso Einsamkeit bedeutet wie Autonomie, die ihn zum Symbol des Staates macht, wie zu dessen Gefangenem.
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| Alle Bilder: Delphi |
Zweifellos ist dieser Mensch im Zentrum von "Il Divo" einer, der die Macht genießt. Aber nie lässt Paolo Sorrentinos Film den Zuschauer im Zweifel darüber, dass er auch ein von ihr Getriebener ist, der Grund hat, vor seinen Feinden Angst zu haben und darum immerzu Sorge trägt, diese umgekehrt nicht weniger zu ängstigen. Es ist dieses Doppelgestirn "Furcht und Eigennutz", das schon für den britischen Philosophen Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert das Wesen des Politischen ausdrückte, das diesen Film prägt und zu den zwei Säulen des Handelns seiner Figuren wird.
Vorwürfe und Freisprüche
We learn from the Gospel that when they asked Jesus what truth was, he did not reply.
Menschlich, allzumenschlich ist der, der hier bereits im Titel als "Il Divo", nicht etwa (wie im deutschen Untertitel) der "Göttliche", sondern der Entrückte, die männliche Diva, vorgestellt wird: Wobei alle Tugenden und Laster, die Giulio Andreotti seit Jahren nachgesagt werden, nach wie vor und auch hier in erster Linie im Auge des Betrachters liegen. Zweifellos gehört Andreotti, im Januar 90 Jahre alt geworden, als siebenfacher italienischer Regierungschef und vielfacher christdemokratischer Minister seit den 50er Jahren zu den eindrucksvollsten Politikerfiguren im Europa der Nachkriegszeit.
He is the greatest concentration of contradictions and ambiguities of any person I have ever come across, and that makes him an ideal film character. … I feel ambivalent towards Andreotti. From a political point of view I am repelled by him. But from the human point of view there is something about him that I find very attractive.
Aber er ist auch einer der schillerndsten, am schwersten zu durchschauenden Politiker unseres Zeitalters. Bis heute ist Andreotti im italienischen Senat aktiv, als einer der wichtigsten Verbindungsleute zwischen den verfeindeten Flügeln der politischen Landschaft Italiens. Schon seit Jahren steht er immer wieder mal im Verdacht, Verbindungen zum organisierten Verbrechen zu unterhalten - aber bewiesen wurde ihm nichts, und aus allen Verfahren gegen ihn ging Andreotti mit einem Freispruch hervor.
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Im Zweifel für den Angeklagten
Apart from the punic wars, I have been blamed for everything that has happened in Italy. They have honoured me with several nicknames: the Divine Julius, The First Letter of the Alphabet, the Hunchback, the Fox, Moloch, the Salamander, the Black Pope, Eternity, Man of Darkness, Beelzebub. But I've never pressed charges. For a simple reason: I have a sense of humor. I have something else too: A vast archive in place of an imagination. Everytime I mention it, those who should shut up do so, as if by magic…
Der hehre Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" muss im Gegensatz zum Rechtsstaat im Kino nicht gelten, und so ist Paolo Sorrentinos neuer Film (nach "L'amico di famiglia"), im vergangenen Mai in Cannes mit dem Jurypreis prämiert, keineswegs eine unparteiische Untersuchung. Vielmehr stellt "Il Divo" diverse Dinge als Fakten hin, die keineswegs gesichert sind. Dies gilt insbesondere für den Verdacht der Mitgliedschaft in der Mafia. Allerdings beansprucht "Il Divo" auch in keiner Hinsicht dokumentarische Faktentreue und Glaubwürdigkeit.
Es geht Film und Regisseur um eine höhere, symbolische Wahrheit und insofern auch letztlich nicht um den realen Andreotti - vielmehr wird dieser zur Chiffre für das politische System seiner Heimat. Ohne zu moralisieren übt der Film scharfe politische Kritik an den Verhältnissen und knüpft hier auch an die gute italienische Tradition des universal gültigen Politthrillers an - etwa an Francesco Rosis "Der Fall Mattei" und "Hände über der Stadt". Diese Filme sparen nicht an Kritik, doch sind sie geprägt von einem tiefen anthropologischen Pessimismus. Der Eindruck der sich einstellt kann in das Gefühl der Vergeblichkeit münden, der Machtlosigkeit gegenüber Gewalt und Unrecht des Systems.
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Machtballett voller Humor
I know I am an average man but looking around I do not see any giant.
Was Sorrentino in "Il Divo" darüber hinaus meisterlich glückt, ist, moderne Politik als klassisches Königsdrama zu inszenieren - im Stil von "Richard III." oder "Julius Caesar". Auch an Chaplins "Der Große Diktator" muss man unweigerlich denken, denn der Ton ist selbst in bitteren Momenten oft heiter und auf merkwürdige Art gelassen. Dies ist - wie selbst Shakespeares bitterste Stücke - immer auch eine Komödie der Macht und der Machthabenden.
Während Sorrentinos Landsmann Nanni Moretti in seiner Berlusconi-Satire "Il Caimano" bis zum Ende nach dem richtigen Ton suchte und spürbar von so starker Antipathie getrieben war, dass es dem Film schadete, erkennt man bei Sorrentino eine weitaus interessantere Mischung aus Abneigung und Faszination.
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Indem er die allseits bekannten Machenschaften der italienischen Politik - Nepotismus, Korruption, Medienmanipulation, Lügen, gelegentliche Auftragsmorde und häufige Gefälligkeiten für ökonomische Gönner - schildert, präsentiert Sorrentino einerseits ein Panorama zeitgenössischer Politik, dessen Gültigkeit über Italien weit hinausgeht. Zugleich übt sein bewundernswert genau komponierter Film beim Betrachter einen ungewohnten Ton der Politikwahrnehmung ein: Politik als Musical-artige Farce, als mit hoher Eleganz choreografiertes Machtballett, voller Humor.
Die Dekadenz demokratischer Kultur
I don't like the beautiful things of Italy. I don't like to go to Capri. I don't like to go to Tuscany. I am attracted by the bad things.
Zwei weitere Aspekte wecken zudem allgemeines Interesse: Unter der Maske dieses Andreotti verbirgt sich auch Berlusconi und alles, wofür er - auch hier wieder grundsätzlich - steht: Die Vermischung von Politik und Ökonomie bis zur Ununterscheidbarkeit, Verfilzung und Manipulation der Wähler per abhängiger, die Öffentlichkeit dominierender Medien; kulturelle Ignoranz und das Fehlen demokratischer und rechtstaatlicher Mindeststandards; eine immer noch unglaubliche Dekadenz demokratischer Kultur, die Wiederkehr der Barbarei im Gewand des neuen Populismus und der Rhetorik der "Antipolitik" - Der Politologe Danilo Zolo hat all das schon früh in seinem Buch über "Die demokratische Fürstenherrschaft" beschrieben.
Ich glaube, es ist weder richtig, Berlusconi selig sprechen zu wollen, noch ist es richtig, ihn zu verteufeln. Berlusconis Lebenserfahrung hat viele seiner Initiativen geprägt, und sie sind ihm immer geglückt. Er glaubt, dass auch die Politik nach diesem Muster funktioniert. Dem ist aber nicht so. Es ist im Leben hilfreich, ein starkes Selbstbewusstsein zu haben. So bekommt man keine Depressionen. Zu viel Selbstbewusstsein kann einem jedoch auch fürchterliche Reinfälle bescheren.
All das, was von Italien aus längst nahezu die Demokratien des Westens infiziert hat - von Blair bis Schröder, Sarkozy bis Westerwelle, Haider bis Oettinger, Bush bis Obama -, begann in jener Epoche, die untrennbar mit dem Namen Andreottis verknüpft ist. Aber im Unterschied zu Andreotti gibt es über Berlusconis Verstrickungen und politische Laster keine Zweifel mehr. Andreottis Schuld ist nach wie vor ungeklärt. Aber selbst wenn sich alles, was man ihm vorwirft am Ende als wahr herausstellen sollte, so hat Andreotti immerhin Stil, Haltung und Klasse - Berlusconi nichts von alldem.
In Deutschland wäre der Film verboten
You always find the culprit in crime novels but not always in real life.
In Deutschland allerdings könnte man aufgrund eines übertrieben scharfen Persönlichkeitsrechts, das vor allem "Prominente" und damit die Mächtigen schützt, einen vergleichbaren Film nicht machen. Schon in Helmut Dietls Film Shtonk über die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher durfte der Stern nicht Stern heißen, obwohl jeder wusste, wer gemeint war.
Man denke an jüngere Fälle wie die Knüppel, die die (Verursacher-)Firma Grünenthal den Produzenten des WDR-Films über die Contergan-Affäre zwischen die Beine zu werfen versuchten. Aufklärerisches, kritisches, gesellschaftlich und politisch relevantes Kino wird damit leider verhindert - obwohl doch die Schuldfrage (im Fall Contergan: die Verursacherfrage) in diesen Fällen längst geklärt ist, bzw. nicht mehr öffentlich thematisiert wird, ein Schutzrecht, das vor allem den Schuldigen hilft, die Opfer hingegen oft noch ein weiteres Mal zu Opfern macht.
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Eine ähnlich leichtfüßige, dabei entlarvende Satire über - zum Beispiel - die Machenschaften der Treuhand und die diversen Geschäfte rund um die deutsche Einheit, über die Hintergründe der Morde an Rohwedder und Herrhausen, über die Elf Aquitaine/Leuna-Affäre unter der Kohl-Regierung oder den Filz zwischen Gazprom und Schröder ist daher einstweilen leider nicht zu erwarten.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30117/1.html- du hast sorgen (kwt) (21.4.2009 23:25)
- Warum sind die Zitate englisch? (16.4.2009 13:01)
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