Die gestörte Elektro-EU

27.04.2009

Was EU-Kommission, EU-Räte und das EU-Parlament unter verbraucherfreundlich und nachhaltig oder neuerdings unter "Ecodesign" verstehen, mutet immer öfter sehr sonderbar an

An die Energiekennzeichnung bei Haushaltsgeräten (A als bestes Gerät, G als schlechtestes Gerät) haben sich die europäischen Verbraucher gut gewöhnt, sie wird – übrigens europaweit - verstanden und auch genutzt. Sie gilt für Kühl- und Gefriergeräte, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Waschtrockner, Geschirrspülmaschinen, Elektrobacköfen, Raumklimageräte, Lampen und künftig auch für Fernsehgeräte; weitere sollen folgen.

Herausgekommen ist zum Missfallen der Verbraucherverbände (Stellungnahme BEUC: Well-known Energy Label loses ist "power") nun eine Regelung, die A durch A-20%, A-40%, A-60% ergänzt. Zusätzlich wird es Verkaufsbeschränkungen für energiefressende Geräte geben. Für Personalcomputer, Bildschirme und andere "bildgebende Geräte bleibt es bei einer freiwilligen Energy Star-Kennzeichnung in Kooperation mit den USA.

"Energiesparlampe" statt Glühlampe

Obgleich praktisch Alles gegen die Energiesparlampen spricht (Elektrosmog, un-ergonomisches Licht, viel giftiges Quecksilber landet in der Umwelt, lange Anfahrzeiten bis es wirklich hell wird, sehr geringe Lebensdauer bei häufigem Einschalten, zehnfache Energiekosten bei der Herstellung, mitunter auch kein Kostenvorteil für brave Verbraucher, die die Lampe lange leuchten lassen usw.), wird die konventionelle Glühlampe ab 1. September 2009 schrittweise aus dem Verkauf genommen. Nur als Innenbeleuchtung bei Kühlgeräten darf sie bleiben. Widerstand gab es weder von den 27 EU-Ländern noch von den EU-Abgeordneten, Philips und Osram werden sich gefreut haben.

Das ärgert natürlich viele Bürger, denn Energiesparlampen sind teuer und lichtmäßig nicht so zufriedenstellend, und: in einer Reihe von Anwendungen sind zusätzliche Kosten für Umbauten (etwa Lampen in einem Schrank bspw.) fällig, oder es geht gar nichts. Viele beginnen, hört man sich im Bekanntenkreis um, nun Glühlampen zu horten. Das ist eine Lösung, wenn der Aufbewahrungsort trocken und erschütterungsfrei ist. Dann halten sie Jahre. Eine Alternative wäre, sich eine Bezugsquelle außerhalb der EU zu organisieren, sofern nicht die Zollfahndung wie bei Haschisch oder anderen Drogen auf Glühlampen angesetzt wird.

"Smarte" Stromzähler

Seit vielen Jahrzehnten tun klassische elektromechanische Induktionszähler (schwarz mit einer Aluscheibe und einem Zählwerk) brav und zuverlässig ihren Dienst. In einigen EU-Ländern gibt es Vorschriften, Neubauten mit elektronischen Zählern auszustatten. Das mag für elektronikverliebte Politiker und Nutzer noch durchaus in Ordnung sein – sinnvoll nicht unbedingt, wir ersetzen ja das Rad beim Auto auch nicht mutwillig durch elektronisch-hydraulische Füßchen.

Was aber jetzt als EU-Zwangsmaßnahme auf alle Haushalte zukommt, sind elektronische Zähler mit Fernauslesung. Das heißt rund 200 Millionen elektromechanische Zähler die problemlos und zuverlässig ihren Dienst tun, werden weggeschmissen und durch fernauslesbare Elektronische ersetzt. Ein ökologischer Schwachsinn ohnegleichen, dafür eine feine Sache für die Elektroindustrie. Ökologisch ist es nämlich meistens das Vernünftigste, ein Gerät bis zum Ende seiner technischen Lebensdauer zu nutzen, da damit der "ökologische Rucksack", den es verursacht hat (ein Notebook beispielsweise etliche Tonnen) am sinnvollsten verbraucht wird.

Was bei den neuen smarten Zählen dazukommt: eine zwangsweise Datenleitungsanbindung und ein gläserner Haushalt für die Energieversorger. Sicherlich damit dann auch die Behördeneinsicht in Stromkonsumgewohnheiten – eine feine Sache für die "Großen Brüder". Kosten sollen für die Verbraucher übrigens keine anfallen, meint die EU-Kommission. Offenbar spendiert das der Onkel aus Amerika.

Europa-Stecker

Ein ähnlich teurer Schwachsinn konnte vor vielen Jahren und mit viel Mühe noch aufgehalten werden, als sich die EU-Kommission plötzlich einbildete, die herkömmlichen Elektrostecker und Steckdosen – es gibt drei verschiedene Schutzkontakttypen in der EU (deutsche, französische und britische) - durch eine neue vierte europäische zu ersetzen. Circa 12 Milliarden Steckdosen und Stecker wären im heutigen EU-Gebiet bei den privaten Haushalten, den Unternehmen und öffentlichen Stellen letztlich weggeschmissen und neu produziert worden.

De-Standardisierung

Es ist schon paradox: einerseits gibt es Zwangsmaßnahmen oder einfach nur dumme Pseudo-Innovationen, andererseits wird entstandardisiert, was das Zeug hält. Auch in anderen Bereichen, etwa bei Fertigpackungen. Seit 11. April gibt es – vom Wein abgesehen (warum eigentlich?) – keine Standardreihen für Fertigpackungen mehr. Also jeder kann Füllmengen anbieten, wie er will. Eine Großtat des Herrn EU-Kommissars Verheugen übrigens, bei der wieder alle in der EU, und dann in den Nationalstaaten die Fachminister, mitgespielt haben. Für die Verbraucher wird das über kurz oder lang ein Chaos bedeuten. Standardisierung, Normung ist bei Gütern volkswirtschaftlich sinnvoll, nicht nur Verbraucher, sondern auch Hersteller und die Umwelt profitieren davon.

Anstatt z. B. die Bedienung von Geräten zu vereinheitlichen, Produktstandards festzulegen und damit für Entlastung der Bürger oder für sozial verantwortliche Produktion und saubere Herkunftsbezeichnungen zu sorgen, wird Wildwuchs geschaffen.

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