Vernichten und Heilen

Wie Krieg und Medizin zusammenhängen

An der Oberfläche haben die Tätigkeiten von Soldaten und Ärzten wenig miteinander zu tun, aber die Verbindungen sind stark und vielfältig, wie eine Ausstellung und andere aktuelle Beispiele belegen.

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Wann immer in der Presse von der aktuellen Ausstellung "Krieg und Medizin" im Dresdner Hygienemuseum die Rede ist, geht es zunächst um die Überraschung, dass beides so eng zusammengedacht werden kann. Insofern ist der Titel der Ausstellung noch eine Provokation, was in Deutschland ein wenig überrascht, schließlich hat die deutsche Medizin zur Genüge unter Beweis gestellt, wie eng sie in Kriegszeiten den Zusammenhang von Vernichten und Heilen zu sehen wusste. So eng, dass letzteres unmittelbar in ersteres umschlug (siehe dazu Die Archive der Hölle).

Ausladung Verwundeter aus dem Vereins-Lazarettzug L in Heidelberg, 1914-1918. Bild: Courtesy Universitäts- und Landesbibliothek Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf / Deutsches Hygiene-Museum, Dresden

Aber man braucht gar nicht die Extreme der Nazizeit, um die Unruhe zu begründen, die von einem einfachen Titel wie "Krieg und Medizin" ausgehen kann. Ist nicht schon bedeutsam, dass sowohl Krieg als auch Medizin grundsätzlich die (Wieder-)herstellung einer gewünschten Ordnung beabsichtigen, wenn nötig durch Blut? Ja, natürlich kommt diese grundsätzliche Gemeinsamkeit bei manchen Gebieten der Medizin deutlicher zum Tragen als bei anderen, Chirurgie und Seuchenmedizin kommen als erstes in den Sinn.

Aber sie ist immer da, diese tiefe strukturelle Ähnlichkeit, und sie ist es, die die Rede von "chirurgischen Luftschlägen" und "Feldzügen gegen die Schlafkrankheit" so nahe legt, ja unvermeidbar macht. Was Soldaten tun, lässt sich leichter in handhabbare Bilder packen, wenn die aus der Medizin stammen; die Maßnahmen der Medizin wirken robuster und entschlossener, wenn sie Krieg führt. Das eine erklärt das andere.

Zusätzlich sind es genau die Versuche zur Humanisierung des Krieges, die ihn der Medizin näher bringen. Wenn der Luftkrieg chirurgisch wird, dann werden die Kollateralschäden, die er hervorruft, als Nebenwirkungen medizinischer Eingriffe definierbar. So konvergieren Krieg und Medizin auf verschiedenen Ebenen. Burkhard Müller hat recht, wenn er in der Süddeutschen Zeitung schreibt, dass der Krieg dem Staat Mittel ist, und die Medizin Mittel zum Mittel, das eine also die Hilfswissenschaft des anderen.

Kriegsneurotiker, Filmstill aus "Reservelazarett Hornberg im Schwarzwald – Behandlung der Kriegsneurotiker", ca. 1918. Bild: Deutsches Hygiene-Museum, Dresden

Der Krieg braucht die Medizin, aber braucht nicht die Medizin auch den Krieg? Ist nicht der Krieg der Menschenversuch schlechthin? Die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, erbrachten - neben Tschernobyl - den größten radiologischen Datenpool der Geschichte. Die moderne Prothetik hat im ersten Weltkrieg ihren Ausgang genommen.

Diese Reihe an Beispielen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen, und auch sie macht deutlich, dass die Nähe von Medizin und Krieg kein Zufall ist, und nicht auf "Entartung" beruht. Wenn beides nicht so quälend verwandt wäre, wie wäre dann die Teilnahme von Ärzten an den Folterungen (vgl. dazu auch Ärzte und Psychologen als Folterknechte) in Guantanamo zu deuten?

In der Tätigkeit dieser Ärzte konvergieren Hilfe und Gnadenlosigkeit so sehr, dass sie nicht mehr zu unterscheiden sind. Den Gefangenen zu helfen, bedeutete hier, ihre Nützlichkeit und damit ihr Leiden zu verlängern. Der betreffende Bericht des Roten Kreuzes enthält Aussagen, die nahe legen, dass den Beteiligten dies vollkommen klar war:

Mr. Hambali allged that, after a period of the same form of prolonged stress standing, a health person intervened to prevent further use of the method, but told him that "I look after your body only because we need you for information".

Wer zwischendrin aufgepäppelt wird, kann länger gefoltert werden. Ein anderes, scheinbar unschuldigeres Beispiel: Technetium 99m, das wichtigste radiologische Medizinprodukt, wird bis heute unter Verwendung waffenfähigen Urans hergestellt.

Die Verstrahlung der Welt und die Vorteile der Strahlenmedizin in einem Aufwasch. Die Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit der modernen Medizin ist unbestreitbar, und die Utopie einer leistungsfähigen Medizin wäre, dass sie ohne den Krieg auskommt. Aber Ausstellungen wie "Medizin und Krieg" machen den Stand der Dinge deutlich: dass die Zivilisation auch ihr Gegenteil ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30168/1.html
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