Gott stimmt für Wowereit

Rüdiger Suchsland 26.04.2009

Sonne statt Reli: Berlin bleibt in Sachen Religionsunterricht ein Vorreiter des modernen Staats

Religion ist doch Privatsache. Zumindest im aufgeklärten Staat. Meinen jedenfalls die Berliner. Der Berliner Volksentscheid über Religion als gleichberechtigtes Schulfach endete am Sonntag mit einer Niederlage für die "Pro Reli"-Vertreter, die nur 48,5 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielten. Mit Nein stimmten 51,3 Prozent. Die Beteiligung lag bei 28,2 Prozent.

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Damit endet der von Christdemokraten und anderen konservativen Christen angeregte Volksentscheid mit einem klaren Sieg des Universalismus, der Differenzen integrierend aufheben will, über ein Pluralismusverständnis, das die "Pro Reli"-Fraktion mit den Neonazis verbindet: Die Konzentration auf das eigene, auf ein homogenes Identitätskonzept in der Wertevermittlung. Und dies verbunden mit dem misstrauischen Verdacht, ein Ethikunterricht, in dem nicht einseitig eine bestimmte Weltanschauung vertreten wird, sondern der das staatliche Neutralitätsgebot beachtet, mache die Schule zu einem normfreien Raum, in dem Werteverfall und moralischer Relativismus gepredigt würden. Diese Argumentation stellt den Bildungsauftrag des Staates in Frage – als könnten nur Religionsgemeinschaften Werte vermitteln. Jetzt ist die Schlammschlacht geschlagen. Man könnte wieder vernünftig werden.

Zwangs-Atheismus durch rot-rote Diktatoren

Am Ende war sogar Gott offenkundig gegen "Pro Reli" und für die Haltung des Berliner Senats. Er schickte strahlenden Sonnenschein, damit seine Berliner Schäflein auf grünen Auen weiden, ihre Seele erquicken und den Sabbat heiligen konnten, anstatt in staubigen, durch Ethikunterricht und rot-roten Werteverlust kontaminierten Schulzimmern darüber abzustimmen, ob der verbindliche Ethikunterricht für die Klassen 7-10 in Berlin nun per Volksentscheid abgeschafft und durch ein Wahlpflichtfach Religion/Ethik von der ersten Grundschulklasse an ersetzt werden solle.

"Pro Reli oder Zwangsethik" hatte das Springer-Straßenblatt "B.Z." noch am Morgen suggestiv getrommelt, ausgerechnet jene Zeitung, die sonst nichts dagegen hat, wenn es mehr Zwangsgeschichte und Zwangsmathe für Schüler gibt, und die auch gern Zwangsarbeit für Arbeitslose oder Zwangsdeutsch und Zwangsverfassungstreue für Einbürgerungswillige fordert - als ob ein bisschen Zwangsethik die Seelen verderben würde.

Aber nun ist das Gottesurteil gefallen. Aus Sicht der "Pro Reli"-Verfechter wird in Berlin nun weiterhin durch die rot-roten Diktatoren Zwangs-Atheismus gepredigt. Die Entscheidung vom Sonntag ist auch eine Niederlage für Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin hatte sich kurz vor dem Berliner Volksentscheid noch in die Debatte eingeschaltet, und für Pro Reli geworben.

"Du sollst nicht lügen!"

Ethik ist den konservativen Kirchenanhängern, die, gegen anderslautende christliche Stimmen die Initiative "Pro Reli" bis zur heutigen Abstimmung durchgepeitscht hatten, ein Dorn im Fleische (Mit Günter Jauch in den Gottesstaat).

Dabei verletzten sie freilich gleich mindestens drei christliche Gebote: Das achte Gebot: "Du sollst nicht lügen!" Sie haben suggeriert, dass Glauben und Ethik Gegensätze seien, zwischen denen man sich zwanghaft entscheiden müsse. Nur ein Entweder-Oder sei legitim, die derzeit existierende "Und"-Lösung eines Nebeneinanders aber verwerflich. So arbeitete die Kirche statt an Versöhnung an Freund-Feind-Bildern, die viele an den verächtlichen CDU-Wahlkampfslogan "Freiheit statt Sozialismus" aus den 70er-Jahren erinnerten und suggerierte wider besseres Wissen (?) essentiellen Gegensatz zwischen Ethik und Religion.

Sie haben auch gelogen, in Berlin würden Kinder ihrer Grundrechte beraubt: "Religionsunterricht zu besuchen ist in den meisten Bundesländern ein Grundrecht. In Berlin nicht." So der Theologe und Präsident der Humboldt-Universität Christoph Markschies in seinem "Spiegel"-Essay "Schule braucht Religion", Montag, 20. April 2009. Aber jedes Schulkind hat in Berlin weiterhin erstens von der ersten bis zur sechsten Klasse Religion als verbindliches Schulfach, dessen Besuch allerdings, wie überall, auf Wunsch der Eltern verweigert werden kann, zweitens kann auch danach ab der 7. Klasse Religion auf der Wahlfachbasis gewählt werden. Wo wird hier ein Grundrecht verweigert?

Auch sonst bestand die Werbekampagne für den Volksentscheid vor allem aus Desinformation. Von Freiheit war da die Rede, wo eigentlich die Freiheit zum Religionsunterrichts eingeschränkt werden sollte.

"Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!"

Auch das erste Gebot: "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!" wird von den "Pro Reli"-Anhängern verletzt. In zweierlei Hinsicht. Zum einen stand hinter der "Pro Reli"-Kampagne weniger der liebe Gott als der alttestamentarische Götze Mammon: Weil die beiden großen christlichen Kirchen sparen müssen, besonders die Evangelische, zum Beispiel um teure McKinsey-Studien und Werbekampagnen zu finanzieren, fürchtet man, dass immer weniger Geld für die Einstellung von Katechetinnen zur Verfügung steht. Deshalb, so die Argumente, könne die "Tradierung christlicher Bildung" keine rein kirchliche Angelegenheit bleiben.

Mit anderen Worten: Man will Staatsknete. Dafür braucht man staatlich finanzierten Religionsunterricht. Zudem diente die Initiative auch mehr einseitigen Parteiinteressen als einem Herrgott, der qua definitionem für alle da ist, auch für Sozialdemokraten und Atheisten. So verletzte man auch das wweite Gebot: "Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen!"

Französische Abiturienten wissen über religiöse Fragen mehr als deutsche

Nun ist die Entscheidung gefallen. In die richtige Richtung: Das gegenseitige Verständnis in einer pluralen Gesellschaft wird besser, wenn alle Teile der Klasse zu einem gemeinsamen Ethikunterricht gehen. Denn die religiös sozialisierten oder interessierten Schüler werden nicht von außen bekehrt, sondern durch ihre Eltern. Im Ethikunterricht können sie im Dialog mit anderen Religionen und mit Konfessionslosen ihre Ansichten festigen. Sie gewinnen ein vertieftes Verständnis ihrer eigenen Religion und anderer Religionen dazu. Sie erkennen, dass Toleranz ein Wert ist, der in der aufgeklärten Welt nicht mehr von Religionen abhängig ist, sondern oft gegen die Religionen durchgesetzt werden musste.

Französische Abiturienten wissen über religiöse Fragen übrigens mehr als deutsche. Weil sie einen vorbildlichen Philosophie-Unterricht genossen haben Der weltanschaulich neutrale Staat muss also auch außerhalb von Berlin ein Interesse daran haben, dass an allen Schulen auf höchstem Niveau ausgebildete Ethiklehrer tätig werden, dass überall die verschiedenen Formen von Religionsunterricht auf freiwilliger Basis gewählt werden können. Und er muss ein Interesse daran haben, dass sich die Religionslehrer aus oberflächlich aufgeklärten Pfaffen rekrutieren, die ihren kämpferischen Glauben immer noch so propagieren, als ob Staat und Kirche nie getrennt worden wären. Religionsunterricht sollte in einem aufgeklärten und säkularen Staat als freiwilliger Zusatz angeboten werden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30198/1.html
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