Die Goldman-Verschwörung

28.04.2009

Die ehemalige Investmentbank Goldman Sachs, so wird gemunkelt, hat die Finanzkrise für das eigene Interesse gesteuert

Die Verschwörungstheorie findet neuerdings auch schon in den Mainstream-Medien einigen Widerhall: Das Wall Street Finanzhaus Goldman Sachs habe in den USA die Macht an sich gerissen und bestimme die Politik zu eigenen Gunsten. Die Finanzkrise und die öffentlichen Rettungsaktionen fördern vor allem die Interessen der ehemaligen Investmentbank. Neben maximalem Profit liegen diese darin, unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu räumen und das US-amerikanische und in der Folge auch das globale Finanzsystem unter eigener Führung zu konsolidieren.

In den USA gibt es eine starke Tradition, von einzelnen Exponenten der Hochfinanz dominiert zu werden. Bezeugt wird dies unter anderem von Franklin Delano Roosevelt, der 1933 anmerkte, dass "ein finanzielles Element in den großen Zentren die Regierung mindestens seit den Tagen von Andrew Jackson" beherrsche. 1936 bezifferte Joseph Kennedy, JFKs Vater, die Zahl derer, die über das Schicksal der USA entscheiden, mit weniger als 50, während Automagnat Henry Ford verlauten ließ, wie gut es sei, dass die breite Masse keine Ahnung vom Finanzsystem habe, da andernfalls noch vor dem nächsten Morgen eine Revolution ausbrechen würde. Das Ziel des Finanzsystems sei, so Ford, "die Welt durch unbezahlbare Schulden zu kontrollieren." Zwanzig Jahre später ließ Felix Frankfurter, Richter am Supreme Court, offen verlauten, dass "die wahren Machthaber in Washington unsichtbar sind und hinter den Kulissen agieren".

Berichte über derartige Machtstrukturen galten, während diese noch wirkten, zwar zumeist als Verschwörungstheorien, inzwischen ist unter Fachhistorikern aber kaum noch umstritten, dass etwa das "House of Morgan", die Gruppe um den Finanzier JP. Morgan, die Außen- und die Finanzpolitik der USA von der Jahrhundertwende bis 1933 maßgeblich beherrscht hat, stärker jedenfalls als jeder Präsident. Erst durch den Amtsantritt Roosevelts wurde Morgan von einer Gruppe um den Ölmagnaten und Banker John Rockefeller aus dieser extremen Machtposition verdrängt.

Eine fast so große Tradition hat in den USA auch die öffentliche Demontage derartiger Machthaber, die dann in der Regel durch andere Strippenzieher ersetzt werden. So war das damals allzu übermächtige Rockefeller Imperium mehr als 30 Jahre – angeblich auf Veranlassung Morgans - zuvor von der US-Regierung zerschlagen worden, die zu jener Zeit übrigens von Teddy Roosevelt geführt wurde.

Bevor es zu einer derartigen Demontage kommen kann, muss freilich zuerst der geheime Machthaber identifiziert werden, und es besteht wenig Zweifel daran, dass es sich dabei derzeit nur um Goldman Sachs und dessen Freunde handeln kann. Immerhin beginnen selbst die eher absurden Aktionen der amerikanischen Geld- und Wirtschaftspolitik Sinn zu machen, wenn man deren Sinn in der Förderung der Interessen von Goldman Sachs zu suchen beginnt.

Macht am Markt und an den politischen Schalthebeln

Und da eine solche konspirative Machtübernahme grundsätzlich durch das Platzieren von mit dem Machtzentrum verbundenem Personal in wichtigen politischen Positionen erfolgt, ist Goldman Sachs ohnehin der logische Kandidat. So kam Bushs Finanzminister Hank Paulson ebenso wie Clintons Finanzminister Robert Rubin aus dem Board von Goldman Sachs; Obamas Finanzminister Timothy Geithner konnte sich ebenso zeitlebens der Unterstützung von Goldman sicher sein, während in der EZB der Italiener Mario Dragi, der Chef der Italienischen Notenbank, Goldmans Interessen vertritt, und auch der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick, war einst Direktor bei Goldman, die zudem zu den wichtigsten Spendern von Obama zählt. Weiter war John Thain, der aktuelle CEO von Merrill Lynch, einst Goldmans Co-President, ebenso Wachovia-Chef Robert Steel oder Ed Liddy, der neue CEO von AIG. Nicht zu vergessen Neel Kashkari, der im zarten Alter von 35 Jahren den 700 Milliarden Dollar schweren TARP-Fonds managt, der faule Wertpapiere aufkaufen soll, und ebenfalls schon einmal als Vizepräsident bei Goldman Sachs fungiert hatte.

Seitens Goldman Sachs werden derartige Unterstellungen als schlichtweg absurd bezeichnet, vielmehr sei es für Goldman sogar eine Belastung, dass so viele ihrer Mitarbeiter in Regierungsfunktionen wirken. Denn diese müssten eher gegen Goldman agieren, damit ihnen nicht eine Bevorzugung Goldmans vorgeworfen werde.

An Marktmacht ist Goldman, die vor 140 Jahren von einem aus Deutschland ausgewanderten Juden gegründet wurde, derzeit jedenfalls kaum zu überbieten. So entfällt an der New Yorker Börse rund ein Drittel der Umsätze im Programmhandel auf Goldman. Im Derivativgeschäft ist sie mit einem offenen Kontraktvolumen von 30,2 Billionen Dollar hinter JP Morgan (87 Billionen), Bank of America (38 Billionen) und Citi Group (31,8 Billionen) in den USA die Nummer vier, hat aber kaum ein Zehntel der Bilanzsumme dieser großen Geschäftsbanken. Dieser bislang unregulierte und äußerst undurchsichtige Markt, an dessen Entwicklung Goldman maßgeblich beteiligt war, gilt auch als logischer Hebel für die Goldman unterstellten Markt-Manipulationen.

Unterstellt wird Goldman gemeinhin nicht weniger, als dass es zuerst die Deregulierungen durchgesetzt habe und danach diverse Derivativ-Märkte entwickelt und bis zum Ende ausgereizt habe. Den absehbaren Zusammenbruch vor Augen habe sich Goldman dann für den Crash positioniert und aktiv dessen Timing gemanagt. Am Ende waren wesentliche Konkurrenten ruiniert, stark geschwächt oder mit Goldman verbündet und das beste Personal der Finanzmärkte bei Goldman gelandet, die nun mehr oder weniger autonom über Finanzmärkte und Regierungspolitik verfügen könne. Das stößt natürlich nicht überall auf Zustimmung, so existiert z.B. eine Website, die ausschließlich Goldman-kritische Informationen bringt und von Goldman wegen Verletzung der Markenrechte angeklagt werden soll.

Eine Liste der Goldman-Verschwörungen

Zuletzt hat das "Portfolio Magazin" eine Liste mit sieben Beispielen für eine Goldman-Verschwörungen zusammengestellt, die die angeblichen Hintergründe einiger Finanzmarkt-Ereignisse des letzten Jahres erhellen sollen.

Bear Stearns: Demnach hätten Goldmans Londoner Trader die Bear Sterns Aktie bewusst crashen lassen, um sich von der Konkurrenz lukrative Kunden zu holen und außerdem Rache dafür zu üben, dass sich Bear Sterns 1998 als einzige große Investmentbank nicht an der Rettung des Hedge Fonds LTCM beteiligt hatte.

Verkauf von Merrill Lynch: Am selben Wochenende, als Lehman Brothers von der Regierung in die Pleite geschickt wurde, verkaufte sich die von Ex-Goldman Co-Chairman John Thain geführte Merrill Lynch an Bank of America. Thain war ein regelmäßiger Berater von Geithner, der zusammen mit Paulson BoA zu dieser Übernahme gedrängt hätte, um Thains und Goldmans Reputation nicht durch eine Pleite Merrills zu beschädigen. Laut einer Zeugenaussage von Bank of America CEO Kenneth Lewis hätten ihn Paulson und Ben Bernanke, der Chef der Federal Reserve Bank, massiv unter Druck gesetzt, diesen Deal zu machen und zudem die Verluste von Merrill zu verschweigen. Das dürfte ein glatter Gesetzesbruch gewesen sein, was nun der New York Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo untersuchen will, wie er in einem letzte Woche bekannt gewordenen Schreiben an die SEC und an mehrere Senatoren angekündigt hat.

Die Rettung von AIG: Der einzige Wall Street CEO, der bei der Sitzung zugegen war, als das 85 Mrd. USD Darlehen an AIG (inzwischen 123 Mrd. $) beschlossen wurde, war Goldmans Lloyd Blankfein. In der Folge installierte Paulson Goldmans früheren Vice Chairman Ed Liddy als neuen AIG CEO. Wäre AIG gestrauchelt, hätte das Goldman über darauf geschriebene Kredit-Ausfallversicherungen rund 20 Mrd. USD kosten können, was dann wohl auch Paulsons 700 Mio. Dollarvermögen schwer in Mitleidenschaft gezogen hätte. Anderseits hatte ein Downgrade durch die Ratingagentur Moody’s AIG erst insolvent gemacht, wobei Verschwörungstheoretiker wissen wollen, dass Goldman sich das Timing des Zusammenbruchs habe aussuchen können. Denn an Moody’s ist wiederum der Multimilliardär Warren Buffet zu 20 Prozent beteiligt, der erst im Sommer mit fünf Milliarden Dollar bei Goldman eingestiegen war. Nach der Finanzsite SeekingAlpha wären zudem fünf Milliarden von Goldmans TARP-Geldern indirekt an Buffett gegangen.

Das Banken-Rettungspaket: Bevor die Regierung Lehman hatte sterben lassen, hatte die Bank vergeblich versucht, sechs Mrd. Dollar an Eigenkapital aufzubringen. Nur wenige Wochen später stellte die Regierung den Banken 250 Mrd. USD an Eigenkapital zur Verfügung, was ohne Lehman-Pleite vielleicht nicht notwendig geworden wäre. Darunter waren auch zehn Milliarden für Goldman, obwohl diese nur vergleichsweise geringfügige Abschreibungen verzeichnet hatte, dadurch aber ihre Vorteile gegenüber der Konkurrenz bewahren konnte. Lehman sei einer der stärksten Konkurrenten gewesen, der mit Hilfe der Regierung aus dem Weg geräumt worden sei.

Bank Holding Companies: Den ganzen Sommer über hatte Lehman CEO Dick Fuld versucht, die Investmentbank in eine Bank Holding umzuwandeln, um Zugang zu Fed-Finanzierungen und zu staatlichen bzw. von der FDIC, der staatlichen Einlagensicherung, garantierten Depositen zu erhalten. Die Fed hatte abgelehnt. Im September war ein Ansuchen Goldmans (und auch von Morgan Stanley) hingegen innerhalb weniger Tage angenommen und realisiert worden. Inzwischen hat Goldman 29 Mrd. USD an von der FDIC garantierte, niedrig verzinsten Bonds emittiert, Goldman hätte zuletzt vermutlich keinen Gewinn ausweisen können, hätte sie die 29 Mrd. USD zu privatwirtschaftlichen Bedingungen refinanzieren müssen..

Verbot des Short-Selling: Am 19. September hatte die US-Börsenaufsicht SEC ein Verbot von Leerverkäufen von 799 Finanztiteln verhängt. Während Bear Sterns und Lehmann von Leerverkäufen in den Abgrund getrieben worden waren, hatte die SEC gelassen zugesehen. Aber kaum war Goldmanns eigener Aktienkurs unter derartigen Druck geraten und in drei Tagen um 20 Prozent abgerutscht, wurde das Verbot von SEC-Chef Cristopher Cox, ausgesprochen. Dieser übrigens ein ehemaliger Goldman-Angestellter.

Die Rettung der Citigroup: Nachdem die Citigrop Aktie innerhalb einer Woche um 60 Prozent abgestürzt war, hatte die Regierung zusätzlich zu den schon zuvor geflossenen 25 Mrd. im November 20 Mrd. USD in die Firma investiert und alle Verluste übernommen, die über 29 Mrd. USD liegen sollten. Damit seien Paulson und Geithner ihrem alten Freund und Goldman-Mann Robert Rubin zu Hilfe geeilt, der als Goldmans Trojanisches Pferd im Citigroup Board das Sagen hatte.

Wer will, könnte noch weitere Eigentümlichkeiten anmerken. Bereits mehr als ein Jahr, bevor Finanzminister Paulson dem Kongress erzählte, er habe die Katastrophe nicht kommen sehen, hatte der Goldman-Vorstand (übrigens vorbei an den eigenen Tradern) massive Short-Positionen auf den ABX (subprime) Index eingegangen und Milliarden damit verdient. Im Juli 2008, am Höhepunkt des Rohstoffbooms hatten Goldmans Trader die Bonitätsanforderungen an ihre Handelspartner massiv angehoben und viele dadurch aus dem Markt geworfen, was für den Kurseinbruch an den Rohstoffmärkten stärker verantwortlich gewesen sein soll, als der sich damals abzeichnende Einbruch der weltweiten Konjunktur, wie einige Händler meinen. Während Goldmans Trader Rohöl längst leer verkauften, veröffentlichten Goldmans Analysten übrigens Prognosen, die den Ölpreis bei 200 Dollar sahen.

Alles in allem hat Goldman die Krise offenbar so gut überstanden, dass sie die Regierung nun dazu drängt, die erhaltenen staatlichen Gelder vorzeitig zurückzahlen zu dürfen, die sich offiziell aber noch ziert. Denn mit den TARP-Geldern sind Gehaltslimits und weitere Beschränkungen verbunden, die das Goldman-Management gerne loswerden würde. Gelingt dies – Voraussetzung sind laut Geithner ein positiver Stresstest und eine ausreichende Stabilität des Finanzsystems insgesamt -, würden die besten Mitarbeiter ihrer weiterhin Boni-beschränkten Konkurrenten wohl rasch bei Goldman Schlange stehen, um ihre fetten Prämien zu kassieren. Für das Vorjahr hatten laut Wall Street Journal immerhin 953 Goldman-Mitarbeiter mehr als eine Million Dollar an Bonus kassiert, also jeder 30. Angestellte.

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