Fernsehen nur für vierstellige Bestechungshonorare

28.04.2009

Interview mit Walter van Rossum über die Entwicklung von Politik und Medien in Deutschland.

In seinen Büchern Meine Sonntage mit Sabine Christiansen und Die Tagesshow setzte sich Walter van Rossum kritisch mit der Welt der Medien in Deutschland auseinander. Zusammen mit Gabrielle Gillen ist er Herausgeber des Schwarzbuch Deutschland, einem "Handbuch der vermissten Informationen", in dem über 30 Autoren Sachverhalte von A wie Alte Menschen bis W wie Wirtschaft zu Themen wie Bahnprivatisierung, Datenschutz, Finanzmärkte, Korruption und Rechtsstaat abhandeln, wobei sie Zusammenhänge sichtbar machen, von denen in der deutschen Medienöffentlichkeit ansonsten geflissentlich geschwiegen wird.

Herr van Rossum, - die Regierung Kohl hat seinerzeit die Privatisierung von Rundfunk und Fernsehen ein Medium durchgesetzt, das ein Grundpfeiler der neoliberale Hegemonie ist. Mit der Regierung Schröder/Fischer wurden dann diese Heilsbotschaften ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt. Als klar wurde, dass Schröder die Daumenschrauben nicht weiter anziehen konnte, trat dieser von der politischen Bühne ab und machte den Platz frei für die Große Koalition, die weiter sozialstaatliche Komponenten zum Wohle privatwirtschaftlicher Akteure zurückfuhr.

Mittlerweile ist klar geworden, dass Deutschland ohne die Reformen der Regierung Schröder/Fischer weit weniger dramatisch von der Weltwirtschaftskrise betroffen wäre, ohne dass an der generellen Ausrichtung dieser Politik etwas geändert wird. Im Zuge der gegenwärtigen Krise wird durch die "Verstaatlichung" maroder Banken die Enteignung durch den Markt verhindert, wovon genau jene weiter profitieren, welche die Krise herbeigeführt haben, während man auf Maßnahmen zugunsten der Bevölkerungsmehrheit verzichtet. Während man für Banken und Großaktionäre Rettungsschirme und Hängematten aufspannt, sollen sich ausgerechnet jene, die strukturell vom Arbeitsmarkt gedrängt werden, durch Eigenverantwortung bewähren. Hat sich ihrer Einschätzung nach diese Politik einfach so ergeben oder steckt darin ein längerfristiges Kalkül, das sich mit der Zeit und mit zunehmenden Trommelfeuer der Medien weitgehend als alternativlos darstellt und sich zunehmend radikalisiert hat?

Walter van Rossum: Ich glaube nicht, dass die Suche nach einem Zentralkonzept und nach ein paar Dutzend Zentralakteuren weiterhilft. Ich glaube vielmehr, dass viele Akteure des Neoliberalismus mehr oder weniger verblüfft waren, wie leicht es war, fast alle westlichen "aufgeklärten" Gesellschaften auf den Totalitarismus der Mitte zu verkürzen. Man sollte nicht den Fehler begehen, die beinharte und extrem erfolgreiche neoliberale Machtpolitik mit Intelligenz zu verwechseln. Man könnte sagen, die Logik des Kapitals hat ihre Akteure gefunden, aber dahinter steckt dann eine sehr viel schwierigere Frage: Wie ist es möglich, dass diese Logik sich fast das gesamte demokratische Spektrum Untertan gemacht hat? Wie ist es möglich, dass Gesellschaften mit dem höchsten Bildungsstandard aller Zeiten sich von ein paar Grundsätzen regieren lassen, die einer auch nur bescheidenen Überprüfung nicht Stand halten? - Aber schlimmer noch: Man überprüft sie erst gar nicht. Genau das ist der Totalitarismus der Mitte. Er kann - wenigstens einstweilen - auf den klassischen Repressionsapparat einer Diktatur verzichten.

Er funktioniert über Zustimmung oder wenigstens fehlenden Einspruch. Das ist billiger und effizienter. Aber um diese Frage zu beantworten, reicht es nicht, irgendwelche Gruppen als Büttel des Kapitals zu identifizieren. Dazu bräuchte man eine Soziologie, in der das Individuum sich wiedererkennt. Um zu begreifen, was in der Gesellschaft vorgeht, muss ich begreifen, was in mir vorgeht. Das leistet im Moment auch die Marxsche Soziologie nicht, und schon gar nicht die Systemtheorie, die im Grunde die Soziologie des Neoliberalismus ist. Ich empfehle dringend sich mal wieder mit Sartres Kritik der dialektischen Vernunft auseinanderzusetzen. Es gibt Menschen und es gibt Kollektive. Man kann nicht immer das eine auf das andere reduzieren. Davon handelt Sartres Versuch.

Im Übrigen muss man vor einem Missverständnis warnen: natürlich gibt es Programme des Neoliberalismus, angefangen vom berühmten Washington Konsens bis zur Agenda 2010, gewissermaßen Siebenjahrespläne der Deregulierung. Interessanterweise aber hat niemand je über diese Programme abstimmen dürfen. Und hier stellt sich wieder die Frage: Wie sind diese Grundsätze in die gesellschaftliche Praxis geschmuggelt worden? Und warum hat man nie darüber diskutiert?

Demokratie ist permanente Kritik

Sie haben mit Gabrielle Gillen das "Schwarzbuch Deutschland" herausgegeben, ein "Handbuch der vermissten Informationen". Jedes der behandelten Stichworte stellt einen Skandal dar, der eigentlich die Republik in ihren Grundfesten erschüttern müsste, aber so gut wie nie an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung dringt. Was sind ihrer Meinung nach die schlimmsten Vergehen, die im "Schwarzbuch Deutschland" abgehandelt werden?

Walter van Rossum: Der Skandal ist das Buch selbst. Genauer gesagt, dass das, was da verhandelt wird, in diesem Land sonst nicht verhandelt wird. Wir sagen ja nicht einmal: Wir wissen es besser, sondern wir sehen etwas anderes. Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich noch einmal aus der Nähe verstanden, dass Demokratie unter anderem auch ein funktionales Konzept ist: permanente Kritik. Die Aufklärung hat nie behauptet, sie wäre gleichbedeutend mit positivem Wissen - wie ihr von der Postmoderne gerne vorgeworfen wird. Die Aufklärung hat nur eine Methode: Kritik. Und Demokratie bedeutet, die Institutionalisierung von Kritik und programmatischer Differenz. Konkurrenz im besten Sinne.

Bei uns gibt es in der breiten Öffentlichkeit und für eine breite Öffentlichkeit keine Alternativen mehr. Das sehen Sie alleine daran, dass das Personal in Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft in einer beispiellos konzertierten Aktion den Karren gegen die Wand fährt, und es sind exakt die gleichen Figuren, die jetzt vorgeben neue Verkehrsregeln zu ersinnen.

Wie kommt es, dass über für die Gesellschaft essentiell wichtige Punkte wie z.B. Altervorsorge, Gesundheitswesen und Medien irreführende Falschinformationen im Umlauf sind, so dass es mit Hilfe der gängigen Medien nicht mehr möglich ist ein angemessenes Bild von der Welt zu machen?

Walter van Rossum: Darüber könnte ich jetzt zwei Stunden reden. In der Kurzfassung handelt es sich um einen komplexen Mix aus Charakterlosigkeit, Korruption, Desorientierung und Berechnung. Die Grundlage von allem ist der Konformismus. Und in unseren Zeiten ist es der leidenschaftliche und pedantische Konformismus der parlamentarischen Mitte, die bekanntlich 95 Prozent des Spektrums ausfüllt. Der Rest unterliegt bereits der Bebachtung des Verfassungsschutzes. Man sollte nicht - oder nur in wenigen Fällen - davon ausgehen, dass Journalisten eine eigene Weltwahrnehmung hätten. Medienkonzerne wollen die Mitte abschöpfen. Medien sind äußerst lukrative Unternehmen. Allerdings leben sie nur an zweiter Stelle vom redaktionellen Inhalt. Bei den Zeitungen sind es bis zu 70 Prozent des Umsatzes, der durch Werbung gemacht wird.

Sehen Sie sich die TAZ an. Weil die mal links war und heute gerne noch so tut als wäre sie links, haben die kaum Werbung. Beim Privatfernsehen wird alles über Werbung finanziert. Wer glaubt, dass hätte keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit, ist nicht von dieser Welt. Hier und da leistet man sich eine eigene Stimme. Das sieht dann nach eigenständigem Journalismus aus.

"Jeder Medienarbeiter scheint zuverlässig zu wissen, was er zu tun hat"

Können Sie uns ein besonders gravierendes Beispiele medialer Falschinformation nennen, das ihnen in letzter Zeit aufgefallen ist?

Walter van Rossum: Mich hat regelrecht erschüttert die Berichterstattung über Tibet im März letzten Jahres. Da hat man so getan, als hätten barbarische chinesische Kommunisten friedlich demonstrierende Mönche niederkartätscht. Das war flächendeckend krasse Fehlinformation. Denn in Wahrheit haben die Tibetaner nicht friedlich demonstriert, sondern hunderte Häuser in Lhasa angezündet. Mich hat vor allem die fast lückenlose Gleichschaltung entsetzt. Das ist ein schönes Beispiel, dass es keines "Führerbefehls" mehr bedarf: Jeder Medienarbeiter scheint zuverlässig zu wissen, was er zu tun hat. Und wenn man sich nur die Agenturmeldungen von den Ereignissen anschaut, dann weiß man, dass diese Medien wussten, was sie nicht senden wollten.

Gibt es ihrer Einschätzung nach überhaupt noch verlässliche Informationsquellen?

Walter van Rossum: Ich halte das für eine falsche Frage. Gab es je verlässliche Informationsquellen? Informationen hängen von den Fragen ab, die man stellt. Ich glaube, wir leben heute im Zeitalter der Informationsbastelei. Wir bauen uns unsere Informationen und sehen dann wie belastbar die sind. In gewisser Weise halte ich das sogar für einen Fortschritt. Jeder, der minimale Ahnung von Medien hat, weiß, dass alle Medien codieren und perspektivisch verkürzen müssen.

Das wahre Problem besteht darin, dass diese sogenannte Mediengesellschaft sich einen medialen Analphabetismus leistet, der seinesgleichen sucht. Man könnte fast sagen, je mehr wir bis ins intimste Detail mediatisiert sind, umso weniger verstehen wir Medien. Wir leben in einer Zeit, da die über hundert Jahre alte Technik der Fotoretusche die Menschen noch in Verwirrung bringt. Da brauchen wir von den elektronischen Medien gar nicht mehr zu sprechen. Ich habe kürzlich ein Buch über die Tagesschau geschrieben. Ich war mir sicher, damit wenigstens eine kleine Debatte über den Begriff "Nachrichten" im 21. Jahrhundert auszulösen. Nichts! Man hat den Autor, mich, kurzerhand zu einer Mischung aus Taliban und Bolschewist erklärt.

"Das ist Armageddon. Aber ich bin auch total fasziniert."

Wie schätzen Sie den Fortgang dieser Entwicklung in den Medien ein?

Walter van Rossum: Ich bin Marshall-McLuhan-Fan: Die Schriftkultur ist am Ende - und wie, das erleben wir gerade. Ich bedaure das nicht, obwohl ich durch und durch von der Schrift geprägt bin. Vielleicht deshalb spüre ich aber auch seit geraumer Zeit, dass die Schrift keine Definitionsmacht mehr hat. Die wahrscheinlich besten Texte sind zur Zeit die, die vom Ende der Schrift handeln. Der Übergang ist verwirrend und wird noch verwirrender. Jedenfalls finde ich es wesentlich erhellender, wenn man die Opposition Internet vs. klassische Medien aus einer an McLuhan geschulten Perspektive beobachtet. Für McLuhan sind Medien Ausweitungen menschlicher Fähigkeiten - und zwar sowohl physischer als auch psychischer.

Die Schrift hat uns in eine lineare sequentielle, rationale Welt versetzt. Mit den neuen elektronischen Medien verlängert sich unser Zentralnervensystem unmittelbar und gleichzeitig in die ganze Welt. Und McLuhan prophezeit eine Art Rückkehr in einen Hörraum, ein "Echoland", eine sehr komplex sinnliche Welt, die sich eher tribalistisch organisiert. Und ich glaube, man kann das jetzt schon sehr gut beobachten.

Herr van Rossum, Sie haben sich seinerzeit mit ihrem Buch Meine Sonntage mit Sabine Christiansen einem Selbstexperiment ausgesetzt, um das Sie wahrlich nicht zu beneiden sind. Sie haben sich nämlich alle Sendungen davon angesehen und ihre Strukturen und Merkmale analysiert. Gibt es heutzutage immer noch Sendungen, welche die von ihnen für Christiansen herausgearbeiteten Kriterien erfüllen?

Walter van Rossum: Ehrlich gesagt, schaue ich solche Sendung nur noch gegen vierstellige Bestechungshonorare an. Leider gibt es im Moment nicht so viele Angebote, so dass ich bei dieser Frage passen muss. Ich muss aber zugeben, wenn ich manchmal nachts durch die Kanäle zappe, dann denke ich: Das ist Armageddon. Aber ich bin auch total fasziniert. Ich glaube, wir haben noch lange nicht verstanden, was das eigentlich mit uns macht und was da passiert. Ich übrigens auch nicht.

Finden Sie nicht auch, dass Herr Plasberg eine Art Sabine Christiansen mit Abitur ist?

Walter van Rossum: Ich habe Herrn Plasberg nur ein Mal gesehen. Und so soll es bleiben.

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