Sklaverei in Berlin-Mitte

29.04.2009

Neuer Fall von Leibeigenschaft: Köchin wurde über eineinhalb Jahre festgehalten. Gericht bestätigt Vorwürfe des Menschenhandels

Herr Y. ist in der afrikanischen Gemeinde in Berlin äußerst beliebt. Seit einigen Jahren betreibt der gebürtige Äthiopier im touristischen Zentrum der Hauptstadt ein Spezialitätenrestaurant. In der Gaststätte bekomme man "keine für Europäer aufbereitete afrikanische Erlebnisküche", bestätigte ihm das Berliner Stadtmagazin Zitty. Y. biete authentische Speisen, bekoche regelmäßig afrikanische Botschafter und gebe gerne Auskunft über die Küche seiner Heimat.

Geht es um die Küche seines Etablissements, hielt sich der Eigner über lange Zeit hinweg eher bedeckt. Der Grund ist inzwischen klar: Der Gastronom soll über fast eineinhalb Jahre hinweg, von Juni 2004 bis Dezember 2005, eine äthiopische Köchin unter sklavenähnlichen Bedingungen festgehalten haben. Am Dienstag ging die inzwischen 45-Jährige an die Öffentlichkeit.

Sie nennt sich Lakech Demise. Es ist ein Pseudonym, das die Äthiopierin benutzt, weil sie nach wie vor Repressionen befürchtet. In den Räumen der Menschenrechtsorganisation Ban Ying, die Opfer von Menschenhandel berät, stellte sie am Dienstag ihre Geschichte vor.

Im August 2003 sei sie von dem Bruder des Restaurantbesitzers angeworben worden. 200 US-Dollar könne sie in Berlin als Köchin pro Monat verdienen, so sein Versprechen. Für die verwitwete Mutter dreier Kinder klang das wie ein Lotteriegewinn. Sie willigte in den Kontrakt ein, obgleich sie ihn kaum verstand. Wie mehr als die Hälfte ihrer Landsleute ist Lakech Demise Analphabetin. Sie akzeptierte auch die Verpflichtung, ihrem Kontaktmann monatlich 50 Euro für das Flugticket zurückzuzahlen. Der in Addis Adeba ausgehandelte Deal markierte den Beginn eines Martyriums, dem sie erst durch die Flucht Anfang Dezember 2005 ein Ende bereitete. In den eineinhalb Jahren hatte sie persönlich 100 Euro erhalten. Wie sie sich aus den Fängen ihres Peinigers befreite, darüber will sie bis heute nicht sprechen.

"Hilflosigkeit der Geschädigten ausgenutzt"

Vieles hat das Amtsgericht in Berlin-Tiergarten in einem langwierigen Verfahren rekonstruiert. In dem Arbeitsvertrag seien Demise neben den 200 US-Dollar eine Wohnung, Verpflegung und ärztliche Versorgung zugesichert worden. Doch die Vereinbarung half ihr später nur noch wenig. Nach Darstellung des Gerichts nahmen Y. und seine Frau der Köchin ihren Ausweis ab. Um sie gefügig zu machen, drohten sie Lakech Demise an, sie jederzeit nach Hause schicken zu können. Auch eine Flucht werde ihr nicht helfen. Die deutschen Behörden seien rassistisch. Wenn sie sich an die Polizei wende, erwarteten sie Schlägen, Folter oder gar der Tod.

Demise musste ihren Peinigern zunächst glauben. Sie sprach kein Wort Deutsch. "Durch diese Handlungsweise nutzen sie die Hilflosigkeit der Geschädigten, die aus deren völliger Unkenntnis der deutschen Sprache und des deutschen Rechtssystems resultierte gezielt aus, um sie zum Weiterarbeiten zu bewegen", heißt es in dem Strafbefehl gegen Y. Erst am 5. Dezember 2005 habe sich die Äthiopierin den "Arbeitsverhältnis durch Flucht entzogen.

Lakech Demise fand in einem Frauenhaus Zuflucht und erstattete Anzeige. Im März 2008 wurde der Restaurantbesitzer wegen Menschenhandels zum Zwecke der Ausbeutung der Arbeitskraft zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

Von den 72.000 Euro, die Demise zugestanden hätten, erhielt sie nach einem gesonderten arbeitsrechtlichen Verfahren nur einen Bruchteil. "Es ist ungemein schwer, die tatsächlich geleistete Arbeit im Nachhinein nachzuweisen", sagt eine ihrer Anwältinnen, Michaela Weiss.

Als Lakech Demise im Dezember 2005, unmittelbar nach ihrer Flucht, ins Büro der Organisation Ban Ying kam, sei sie von den Strapazen gezeichnet gewesen, erinnert sich Geschäftsführerin Nivedita Prashad. Wenige Monate zuvor hatte sich die Äthiopierin bereits acht Tage lang wegen Erschöpfungszuständen und Nierenproblemen in stationärer Behandlung begeben müssen. "Manchmal hatte ich nicht einmal mehr die Kraft, alleine eine Treppe hochzusteigen", erinnert sich Demise. Inzwischen hat die 45-jährige die Folgen ihres Martyriums dank professioneller Hilfe überwunden. Zu dem Restaurant ist sie nie wieder gegangen. Ob sie in der Zeit ihrer Gefangenschaft jemals Mitgefühl bekommen hat? Die zierliche Frau schaut auf den Boden und schüttelt dann den Kopf. "So etwas habe ich nie erfahren", sagt sie leise

Verurteilter Restaurantbesitzer wehrt sich

Dass ein nochmaliges Zusammentreffen mit dem Restaurantbesitzer wohl auch keinen Sinn machen würde, bestätigt Y. Die ganze Sache sei nichts als eine Attacke gegen ihn und sein Restaurant, sagte der Gastronom am Dienstag im Gespräch mit Telepolis. Demise mache den Fall nun, ein Jahr nach dem Urteil, nur publik, weil sie nicht zurück nach Hause wolle. Dass die 45-Jährige inzwischen in einem anderen Restaurant angestellt ist und eine Aufenthaltsgenehmigung hat, weiß er nicht.

Die im Strafverfahren festgestellte Lohnforderung von 72.000 Euro hält er für "lächerlich". So viel verdiene nicht einmal er als Geschäftsführer. Dabei hatte das Amtsgericht die Forderung akribisch aufgelistet – für eine Wochenarbeitszeit von gut 100 Stunden. 85,5 Stunden im Restaurant und 24 als Haushaltshilfe. Dem Urteil zum Trotz behauptet Y. nach wie vor, Demise 1500 Euro pro Monat bezahlt zu haben. Dies hatte er den deutschen Behörden gegenüber angegeben, als er die Aufenthaltserlaubnis für die Köchin beantragt hat. Den entsprechenden Vertrag hat die Geschädigte jedoch nie gesehen. Wer ihn unterschrieben hat, ist bis heute unklar.

Das selbstsichere Auftreten des Gastronoms hatte die Äthiopierin schließlich auch dazu gebracht, ihren Fall publik zu machen. Y. mache sie in der kleinen äthiopischen Gemeinde in Berlin schlecht, sagt sie. Und dies, obwohl er ein verurteilter Menschenhändler ist.

Er hätte es bei dem Urteil und den Lohnnachforderungen belassen sollen. Durch die Pressekonferenz haben auch die Vermieter des kleinen Gewerbehofes in Berlin, der ausgerechnet von einer Frauenkooperative verwaltet wird, von dem Fall Kenntnis bekommen. Man sei "erschüttert", sagte Vorstandsmitglied Katja von der Bey am Dienstag gegenüber Telepolis: "Das wird sicher Konsequenzen haben."

Fünf bis zehn Sklavereifälle pro Jahr in Berlin entdeckt

Eine öffentliche Debatte über moderne Sklaverei ist auch das Ziel von Ban Ying. Immerhin fünf bis zehn Fälle von Leibeigenschaft würden von ihrer Organisation pro Jahr in Berlin betreut, sagt Geschäftsführerin Prashad. In den meisten Fällen handele es sich um Angestellte von Diplomaten.

In der israelischen Botschaft hatte es einen solchen Fall gegeben, sagt Prashad, ebenso in der Botschaft der USA. Anfang vergangenen Jahres hatte Ban Ying das Schicksal der Indonesierin Hasniati – auch dieser Name war ein Pseudonym – vorgestellt. Sie war sieben Jahre lang von dem Kulturattaché der jemenitischen Botschaft in Berlin als Haussklavin festgehalten worden. Hasniati entkam den Fängen ihres Peinigers erst, als ihre Tuberkulose ausbrach. Völlig entkräftet und abgemagert wurde sie in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert. Die behandelnden Ärzte schöpften Verdacht und alarmierten Sozialarbeiter, die Hasniati in Sicherheit brachten. Der verantwortliche Diplomat wurde bis heute nicht strafrechtlich belangt.

"Vertragssklaverei" nennt dieses Phänomen der Experte und Buchautor Kevin Bales. Dabei würden den Opfern zunächst Kontrakte angeboten, um der Ausbeutung einen legalen Anschein zu geben. Erst vor Ort müssten die Betroffenen feststellen, dass sie in ein Sklavereiverhältnis geraten sind. Das schriftlich abgesicherte "Arbeitsverhältnis" schützt die Sklavenhalter auch nach außen. "Werden lästige Fragen gestellt", schreibt Bales in seinem Buch "Die neue Sklaverei", "kann man den Vertrag vorweisen, doch in Wirklichkeit ist der `Vertragsarbeiter´ ein Sklave, dem Gewalt angedroht wird, der keinerlei Bewegungsfreiheit hat und keinen Lohn erhält."

Allein in der britischen Hauptstadt London wird die Zahl solcher moderner Haussklaven auf 1000 geschätzt. Für Berlin gibt es keine seriösen Angaben.

Wie schwierig die Fälle solcher moderner Sklaverei zu entdecken sind, beweist vor allem der Fall von Lakech Demise. Das Restaurant, in dem sie eineinhalb Jahre lang ausgebeutet wurde, befindet sich im Innenhof der Frauengenossenschaft WeiberWirtschaft. Deren Ziel ist es laut Selbstdarstellung, "einen neuen Weg in der Frauenförderung zu beschreiten". Und im ersten Stock des Vorderhauses hat die Organisation Ban Ying ihren Sitz.

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