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Matthias Gräbner 30.04.2009

Warum können wir Wörter auch noch problemlos entziffern, wenn ihre Buchstaben falsch aufeinander folgen?

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Diese (bis auf die Tatsache, dass keine solche Studie existiert) von jedem Leser leicht nachprüfbare Behauptung, die im Internet seit ein paar Jahren die Runde macht, wird gern als ein Beispiel für die Subjektivität des menschlichen Wahrnehmungsprozesses genutzt. Wie ein in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Neuron veröffentlichter Beitrag zeigt, lässt sich der Satz mit den vertauschten Buchstaben aber ebensogut als Anwendungsbeispiel für Statistik und Integralrechnung verwenden.

Ein Team der Georgetown University um den Neurowissenschaftler Maximilian Riesenhuber (übrigens der Sohn des früheren deutschen Wissenschaftsministers Heinz Riesenhuber) hat in einem geschickten Experiment im Wortsinn beobachtet, wie das menschliche Gehirn mit echten und mit Pseudowörtern umgeht - Wörtern also, deren Buchstabenkombination keine Bedeutung ergibt. Die etablierte Theorie des Lesens geht davon aus, dass der Mensch mit der Zeit ein orthografisches Lexikon aufbaut - nur deshalb können wir spätestens nach Abschluss der ersten Schulklasse damit aufhören, Wörter zu buchstabieren. Treffen wir beim Lesen auf ein Wort, genügt es, das komplette Wortbild abzurufen, um die Bedeutung zu erschließen. Sind ein paar Buchstaben vertauscht, dauert dieser Suchprozess etwas länger - das Lesen ebenfalls.

Unser Lexikon muss sich, das haben bereits mehrere Studien ergeben, im linken occipito-temporalen Kortex befinden, ein Gebiet, das deshalb auch den Namen "Visual Word Form Area" bekommen hat (der nunmehr auch im Gehirn des Lesers dieses Artikels abgespeichert sein dürfte). In welcher Form das dort passiert, das war bisher nicht ganz klar. Diese offenen Stellen konnten nun Riesenhuber und Kollegen zumindest zum Teil füllen. Dazu untersuchten die Forscher zunächst, wie ihre Probanden auf echte Wörter reagierten, die einen einzigen Buchstaben gemeinsam hatten, etwa "hart" und "Bart". Diese Reaktion verglichen sie mit derjenigen auf zwei völlig unterschiedliche Wörter - es war kein Unterschied auszumachen. Es gibt also offenbar im Gehirn keine Überlappung zwischen zwei fast identischen Wörtern.

Anders sieht es jedoch bei Pseudowörtern aus. Wenn die Wissenschaftler den Versuchspersonen unter dem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) sinnlose, aber ähnliche Wörter vorlegten, ähnelten sich die Reaktionen umso mehr, je stärker sich die Wörter ähnelten. Bei Pseudowörtern erfolgt im Gehirn also anscheinend eine überlappende Reaktion. Allerdings sind die einzelnen Reaktionen viel schwächer als die Reaktion bei einem Treffer auf ein richtiges Wort. Die Forscher rekonstruieren daraus, dass sich Lesen offenbar so abspielt: Treffen wir dabei auf ein echtes Wort, das in unserem Lexikon gespeichert ist, gibt es eine starke Reaktion. Finden wir hingegen ein Pseudowort vor, erfolgen mehrere schwache Reaktionen, die sich in einem Gebiet um das ähnlichste echte Wort gruppieren. Das Gehirn muss also zunächst die Reaktionen summieren und ihr Schwerezentrum ermitteln - ein Prozess, der natürlich länger dauert als das Registrieren einer starken neuronalen Reaktion.

Das Ergebnis ist mehr als akademischer Natur: Die Visual Word Form Area ist auch bei Lesestörungen wie der Dyslexie betroffen. Wenn es den Neuronen hier nun niemals gelingt, sich wirklich gut auf ein einzelnes Wort einzustellen, dann kann der Betroffene ebensowenig auf das Funktionieren seines orthografischen Wörterbuchs zurückgreifen und muss immer den umständlicheren Weg wählen, als hätte er es mit lauter Pseudowörtern zu tun. Die Forscher hoffen, dass sich darauf aufbauend Lesestörungen besser erkennen und in Zukunft vielleicht auch behandeln lassen.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30227/1.html
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