Höchste Eisenbahn für den Klimaschutz

30.04.2009

Potsdamer Forscher haben nachgerechnet, wie viel Öl und Kohle noch verbrannt werden dürfen

Bisher galt Wissenschaftlern und Politikern als Faustregel, dass weltweit die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 50 Prozent reduziert werden müssen, wenn die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll. Jetzt haben Klimatologen aus der Schweiz, Großbritannien und Deutschland einmal genauer nach gerechnet. Das Ergebnis: Zwischen 2000 und 2050 dürfen nur noch eine Billion Tonnen Kohlendioxid (CO2) in die Luft geblasen werden, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll.

Ein Drittel davon ist in den letzten Jahren bereits emittiert worden. "Wenn wir fossile Brennstoffe weiter so verbrauchen wie bisher, wird das Kohlenstoff-Budget in nur zwanzig Jahren aufgebraucht sein und die Erwärmung würde weit stärker ausfallen als zwei Grad", meint Malte Meinshausen, Leitautor der heute in Nature erschienenen Studie und Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Wenn das Risiko einer Erwärmung von mehr als zwei Grad auf 25 Prozent begrenzt werden solle, müssten die Treibhausgasemissionen bis 2050 um mehr als 50 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden.

Nur mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Brennstoffen haben wir gute Chancen, eine deutliche Erwärmung zu vermeiden. Dabei sollte man nicht vergessen, dass ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur um zwei Grad weit über die natürlichen Temperaturschwankungen hinausgehen würde, die das Leben auf der Erde erlebt hat, seit es uns Menschen gibt.

Malte Meinshausen

Würden hingegen alle heute bekannten, unter wirtschaftlich sinnvollen Bedingungen abbaubaren Lagerstätten der fossilen Energieträger Kohle, Erdgas und Erdöl abgebaut, dann würde die Erwärmung weit über das Zwei-Grad-Ziel hinausschießen. Die Emissionen entsprächen dem Vierfachen der gerade noch verträglichen Menge. Mit anderen Worten: Wir sollten mindestens 75 Prozent der fossilen Vorräte in der Erde lassen, wenn wir das globale Klima nicht gänzlich aus dem Lot bringen wollen.

Und da die Industriestaaten sowohl wegen ihrer historischen Emissionen, als auch wegen des noch immer extrem hohen Pro-Kopf-Ausstoßes an Treibhausgasen (USA 20 Tonnen pro Kopf und Jahr, Deutschland elf, China aktuell fünf bis sechs, Indien maximal zwei, viele andere Entwicklungsländer noch weit darunter) eine besondere Verantwortung haben, heißt das, dass hierzulande die Emissionen noch drastischer als bisher angenommen gesenkt werden müssen. Die Autoren gehen davon aus, dass eine globale Emissions-Verminderung um 70 Prozent gegenüber 1990 nötig ist. Für Deutschland hieße das, wenn die Emissionsrechte globale gleichmäßig verteilt werden, dass hierzulande die Emissionen um rund 95 Prozent reduziert werden müssen. Etwa 20 Prozentpunkte sind davon innerhalb der letzten 19 Jahre erreicht worden. Auch in Deutschland muss sich das Tempo der Maßnahmen also noch drastisch beschleunigen, und am besten hört man sofort auf, neue Kohlekraftwerke in die Landschaft zu setzen.

In der selben Nature-Ausgabe findet sich eine weitere Studie, die die Frage der Reduktionspfade beantworten sollte. Darunter werden die Zeitpläne für die Minderung der Emissionen verstanden. Heraus kam, dass der Zusammenhang zwischen der so genannten globalen Gleichgewichtstemperatur, die sich mit einigen Jahrzehnten Verzögerung einstellt, und den Zeitplänen relativ vage ist. Viel deutlicher ist dagagen die Korrelation mit der Gesamtmenge der Emissionen.

Im Prinzip ist es die Summe aller Emissionen, auf die es ankommt. Praktisch bedeutet das, dass die globalen Emissionen bald gesenkt werden müssen, noch vor 2020. Wenn wir länger warten, wird das Herunterfahren der Kohlenstoff-Emissionen immense wirtschaftliche Kosten und technologische Herausforderungen mit sich bringen, die weit über das hinausgehen, was heute möglich scheint. Je länger wir warten, umso wahrscheinlicher wird uns unser Weg auf gefährliches Terrain führen.

Malte Meinshausen
Bild: Meinshausen et al.

Mögliche Zukunftsaussichten: Globale Emissionen von CO2 (oben) und globale Erwärmung nach einem Szenario ohne klimapolitische Maßnahmen (rot) und einem Szenario mit ambitionierten Vermeidungsmaßnahmen, die den CO2-Ausstoß auf eine Billion Tonnen CO2 in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und anschließend fast Null begrenzen. Der Ausstoß von Treibhausgasen im Jahr 2050 liegt nach dem Vermeidungsszenario rund 70 Prozent unter dem Stand von 1990. Ohne klimapolitische Maßnahmen wird die globale Erwärmung in der Mitte des Jahrhunderts zwei Grad Celsius überschreiten. Vermeidungsmaßnahmen würden dieses Risiko auf 25 Prozent begrenzen. (Erläuterung vom PIK)

Auch das Zwei-Grad-Ziel wird übrigens nicht von allen Klimaforschern für sicher gehalten. Einige, wie etwa Jim Hansen von Goddard Institute for Space Studies der NASA, verweisen darauf, dass es auf der Erde zuletzt vor über einer Million Jahren im globalen Mittel um zwei Grad wärmer gewesen ist und dass in dieser Zeit die Gletscher auf Grönland und in der Antarktis deutlich kleiner und der Meeresspiegel entsprechend um mehrere Meter höher gewesen sind.

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